Kinder wollen das reale Leben kennenlernen

von Ursula Felber

Die Glocke klingelt. Viele Kinder rennen ins Schulhaus. Sie lachen, schreien, reden. Die meisten Kinder sind lebendig, aufgeweckt, neugierig, teilen sich gerne mit. In der Schule wollen sie mittun, dabei sein, lernen, und sie sind darauf angewiesen, dass sich ihnen jemand zuwendet und ihnen etwas beibringt. Im Denken oft blitzschnell, lassen sie sich jedoch auch schnell ablenken und hüpfen von einem Gedanken zum andern. Oft tragen sie unverarbeitete Eindrücke vom täglichen Leben und den Medien mit sich und haben dazu unbeantwortete Fragen.
So kommen die Schüler voller Leben ins Klassenzimmer, schwatzen miteinander, packen ihre Sachen aus, rennen noch schnell zum Kind in der hinteren Reihe und merken oft nicht, dass es geläutet hat und der Unterricht beginnt. Aufgabe der Pädagogen ist es, die Kinder heranzuholen und sie schrittweise anzuleiten, die täglich gestellten Aufgaben zu lösen. Sie merken es den Kindern an, wenn sie innerlich nicht wirklich in der Schule angekommen sind. Kinder werden heute mit viel Unsinn belastet. In ihrem Umfeld werden sie mitgenommen auf Fantasiereisen, an sie werden Geister- oder Monstergeschichten herangetragen, sie sind mit den Ereignissen in den Nachrichten konfrontiert, am Computer werden sie animiert, Kriegsspiele zu spielen – alles weit entfernt von der realen Welt.

Alex, ein Beispiel

Der heute neunjährige Alex ist ein Beispiel dafür, mit was Kinder innerlich beschäftigt sind. Eine Abklärung vor Schuleintritt ergab, dass Alex eine Person brauche, die ihm beim Organisieren seiner Sachen im Unterricht hilft, zum Beispiel die Bücher aufschlagen, Hefte hervornehmen, die Jacke anziehen und Schuhe versorgen usw. Ihm wurde attestiert, begabt zu sein, aber Schwierigkeiten bei der Orientierung zu haben. Es fand sich keine geeignete Lehrperson für diese Aufgabe. (Im nachhinein stellte sich auch heraus, dass die Diagnose falsch war.) Schon in den ersten Schulwochen fiel auf, dass Alex während dem Unterricht schnell in Fantasien versank und sich im Klassengeschehen nicht einbrachte. Hingegen versuchte er, mit Geräuschen, Fratzen und hektischen Bewegungen auf sich aufmerksam zu machen. In der Pause wollte er nicht nach draussen gehen. Wenn er alleine arbeiten musste, konnte er die Arbeitsanweisungen nicht umsetzen, da er sich innerlich zu sehr mit anderem beschäftigte. Immer wieder erzählte er von Eindrücken, die er im Internet oder beim Spielen an der Playstation erlebte. Alles deutete darauf hin, dass sich dieser Bub täglich mehrere Stunden mit neuen Medien (das heisst Computer, Internet, Gameboy, Handy, Playstation, Smartphone) beschäftigte.

Die Eltern einbeziehen und nach vorne schauen

In Gesprächen erläuterte die Lehrerin den Eltern, dass übermässiger Computerkonsum negative Auswirkungen auf die kognitive und sprachliche Entwicklung sowie auf die motorische Bewegung der Kinder habe. Die Eltern wurden darauf hingewiesen, auch zu kontrollieren, welche Internetseiten ihr Sohn benutze. Gleichzeitig sollte Alex mehr ins reale Leben eingeführt werden. Die Mutter erhielt die Anregung, Alex bei den Hausarbeiten mehr einzubeziehen. Abfallsack runter tragen, Wäsche aufhängen, Geschirrwaschmaschine ein- und ausräumen, Tisch decken, mithelfen beim Einkaufen und Auto putzen. Seine Feinmotorik war wenig entwickelt. Er lernte, seine Jacke mit dem Reiss­verschluss zu schliessen. Die Lehrerin übte mit ihm an einer Kartonschablone mit Bändeln, die Schuhe zu binden. Im Unterricht achtete sie speziell darauf, dass sie ihn kurzschrittig eng anleitete und er nicht in seinen Phantasien versank. Sie holte ihn zurück, indem sie ihm Fragen stellte oder auf etwas aufmerksam machte. Sie interessierte sich, wie es ihm geht. Vor allem über seine kleinere Schwester, die ihn immer ärgerte, beklagte er sich. Alex beschäftigte sich mit Fragen, die für Kinder in seinem Alter unüblich sind. Im Internet hatte er etwas über die Schallmauer, den Absturz der Concorde gelesen. Diese Informationen brachte er im Unterricht unvermittelt ein und wollte die anderen Kinder damit verblüffen. Ihr fiel auch auf, dass er nicht mit den anderen Kindern von gleich zu gleich mittun konnte. Sie konzentrierte sich darauf, sich von seinen Störungen nicht ablenken zu lassen, sondern vorwärts zu schauen und mit den Kindern das vorgegebene Ziel anzustreben. Mit der Zeit genügten ein Augenzwinkern ihm gegenüber, eine Gestik, eine Aufforderung, seine Meinung zu sagen, und die Nachfrage, wie er den Mitschüler verstanden habe, damit er im Unterricht dabei war. Sie zeigte ihm, was er Positives für die Gemeinschaft beitragen konnte, zum Beispiel Stühle auf die Bänke stellen, die Blumen giessen, etwas an die Wandtafel schreiben, vorlesen oder Hefte verteilen usw.
Im Turnen ermutigte ihn die Lehrerin, an der Kletterstange hochzuklettern oder über ein Seil zu springen. Er träumte zwar davon, ein guter Fussballer zu sein, die einzelnen Übungsschritte hingegen wollte er auslassen und stand deshalb oft abseits. Er war wie in sich selbst gefangen.

Gefahren des Internets

Einmal erzählte Alex, dass sein Vater Horrorfilme schaue und er selbst Angst bekomme und nicht mehr schlafen könne. Es brauchte einige Gespräche auch zusammen mit der Schulsozialarbeiterin, um die Eltern darauf aufmerksam zu machen, wie solche Filme auf das Gemüt ihres Sohnes wirken, was er braucht, wie er seine Freizeit ohne Medien gestalten könnte. Es bringt nichts, die Medien zu verbieten. Die Kinder und die Eltern müssen etwas an die Hand bekommen, um ihre Zeit sinnvoll zu gestalten. Mittlerweile bieten einige Lehrer Kurse an, in denen die Eltern lernen, wie sie mit den Kindern die Hausaufgaben machen können, sie lernen Gesellschaftsspiele kennen und welche Freizeitangebote für ihre Kinder angeboten werden. Die Kinder erstellen im Unterricht jeweils vor den Ferien eine Liste mit Aktivitäten, welche als Anregung für die Ferien gedacht sind.
Allmählich hörten Alex’ Geräusche und Gemurmel im Klassenzimmer auf. Er wurde mehr zum Mitspieler in der Klasse. Das Lernen, die Auseinandersetzung mit dem Stoff und den Themen und nicht zuletzt auch die Hausaufgaben beruhigten und befriedigten ihn. Dass Alex kein Einzelfall war, wurde im Laufe der Unterstufe immer deutlicher. Durch die Auseinandersetzung mit dem Buch «Digitale Demenz» von Manfred Spitzer realisierte die Lehrerin, wie stark einige ihrer Schülerinnen und Schüler in den Gebrauch von Internet involviert sind. In den letzten drei Jahren ist die Verbreitung des Internets und der Smartphones enorm vorangetrieben worden. Bei genauerem Nachfragen erfuhr sie, dass ein Drittel der Drittklässler ein eigenes Facebook-Profil haben, obwohl diese erst ab 12 Jahren vorgesehen sind. Mehr als die Hälfte besitzt ein Handy und bei vielen steht der eigene Fernseher im Zimmer. Nur ein Kind hat keinen Zugang zum Internet. Kinder sind sehr gewieft und geübt im Umgang mit den Medien. Oft verblüffen sie die ältere Generation. Viele Eltern denken auch, dass sie ihren Kindern das Beste bieten wollen. Ihnen wird vorgemacht, dass sie mit den neuen Medien besser lernen können. Kürzlich kamen die Schüler aufgeregt ins Klassenzimmer und erzählten, dass ein Mitschüler auf YouTube zu sehen sei. Die Lehrerin fragte genauer nach und schaute sich diese selbstgedrehten Filmchen auf dem Computer an. Ein Junge posierte mit nacktem Oberkörper in Unterwäsche und wollte auf diesem Weg eine Freundin finden. In einem anderen Beitrag auf YouTube gaben Alex und sein Kollege Anweisungen, wie man den Unterricht stört. Fassungslos stand die Lehrerin da. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Die Schüler kommen am Mittwochnachmittag nach Hause, setzen sich vor den Computer, produzieren sich und schauen sich nachher auf YouTube an. Kinder mit dieser Gemütslage im Klassenzimmer sind so absorbiert, dass sie dem Unterricht nicht folgen können. Die Schulleiterin wurde informiert. Erst als die Eltern im Beisein der Schulleiterin die fast pornographischen Filmchen ihrer Kinder ansehen mussten, waren sie sehr betroffen. Jetzt veranlassten sie, dass diese Beiträge sofort gelöscht wurden. Leider war es nicht mehr bei allen möglich, und so kann weiterhin die ganze Welt diese Selbstdarstellungen anschauen. Alex hat seither keinen unbeobachteten Zugang mehr zum Internet. Und sofort ist dies im Unterricht spürbar, wie er da sitzt, wie er einen anschaut, wie er mitmacht. Das ist frappant.

Das reale Leben als Leitlinie für die Schule

In der Regel sind sich die Eltern der Gefahren des Internets für ihre Kinder bewusst. Sie wissen, wie man gewisse Internetseiten sperrt. Im Alltag jedoch kontrollieren sie den Medienkonsum ihrer Kinder nicht und sind inkonsequent bei der Einhaltung von Abmachungen bezüglich der Medien. Die Schulpflege erkennt, dass ein Aufklärungsabend durch einen Medien-Fachmann in der Mittelstufe zu spät ist, und ordnet deshalb an, mit dieser Aufklärung schon in der 2. Klasse zu beginnen. Pädagogen, Eltern, Behörden und ­Polizei müssen eng zusammenarbeiten und an einem Strick ziehen. Dem übermässigen Medienkonsum kann entgegengewirkt werden, indem wir das reale Leben als Leitlinie für unsere Kinder nehmen und sie mitnehmen in unserem Anliegen, die Welt zu gestalten.
Alex ist mittlerweile in der dritten Klasse. Er liegt zu Hause weniger oft auf dem Sofa vor der Spielkonsole. Er ist ein guter Schüler und hat heute mehr Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Das Thema Bienen faszinierte ihn. Alle Kinder lernten viel, und sie konnten ihre Kenntnisse anderen Kindern weitergeben. Mit Bildern, Gegenständen (Imkerhut mit Schleier, Waben, verschiedenen Honigsorten, Bienen) und auswendig gelernten Texten hielten sie Vorträge in verschiedenen Klassen. Alex ging in die Bibliothek und holte sich noch mehr Sachbücher über diese Tiere. Voller Stolz erzählte er vom Aufbau des Bienenstocks. Auch bei der gemeinsamen Lektüre des Buches «Der starke Bär» war er gefesselt und wollte das Buch zu Hause nochmals lesen.
In der Schule können wir den Kindern andere Lebensinhalte vermitteln, indem wir reale Themen auswählen, sachliche Informationen vermitteln, den Kindern die Gelegenheit geben, etwas beizutragen für die Gemeinschaft. Wenden sich Schülerinnen und Schüler im Unterricht gemeinsam einer Sache oder einem Thema zu, entsteht eine ernsthafte Stimmung. Sie denken mit, stellen Fragen, bringen ihre Erfahrungen ein und lernen mit- und voneinander. Die Realität im Berufsalltag zum Beispiel interessierte sie besonders. Die Zweitklässler besuchten den Kunstschmied im Quartier. Der riesige Amboss, das Feuer und die grosse Zange faszinierten die Kinder sehr. Sie erhielten Einblick in eine Welt unmittelbar vor ihrer Haustür, die sie noch nie gesehen hatten. Als der Kaminfeger mit seinem Lehrling im Klassenzimmer stand, konnten sie den Mund vor lauter Staunen nicht mehr schliessen. Der Kaminfeger erzählte etwas über seine speziellen Kleider, welche den Schmutz unsichtbar machen und kein Feuer fangen, über die Borsten seines Besens, die aus Gänsefedern gefertigt sind. Auch Geschichtliches erklärte er ihnen. Der Kaminfeger als Symbol des Glücks hat seinen Ursprung in den Jahren, als die Menschen entdeckten, dass man den Kamin putzen musste, um einen Brand zu verhindern.
Auch der Besuch bei der Feuerwehr war für Buben und Mädchen interessant. Was ist schon ein Spiel am Computer, verglichen mit dem Erlebnis, einmal in einem richtigen Feuerwehrauto zu sitzen und auf die Leiter zu klettern?
Auffallend beim Besuch der Handwerker war, wie natürlich sie den Kindern ihren Beruf und ihr Handwerk erklärten. Der Kaminfeger lud die Kinder ein, in sechs Jahren anzufragen, ob sie bei ihm eine Schnupperlehre machen könnten. Berufsfindung beginnt eben nicht erst an der Oberstufe. Und als der blinde Mann mit dem Blindenführhund in der Klasse war, sassen die Kinder still da und hörten dem 80jährigen Mann aufmerksam zu.
Auch dies ein Erlebnis, welches sie mitnehmen und nicht mehr vergessen werden.
Wie unsere Jugend vorbereitet wird auf die Zukunft, welche Sachinformationen, welche Werte wir ihnen mitgeben, wird ihr späteres Wirken in der Demokratie prägen und sich auf unser Zusammenleben auswirken.    •