«Im Anbindestall haben die Tiere ihren eigenen Platz»

Interview mit dem Präsidenten der IG Anbindestall Schweiz, Hansruedi Scheuner, Oberlangenegg

Seit langem sorgt die Landwirtschaftspolitik mit ihren laufend neuen Vorschriften und Verordnungen aus dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) für Unmut in der Bauernschaft und hier insbesondere bei den Basisbauern. Sie werden nicht ernst genommen und ihre Anliegen werden übergangen. Sie haben es satt, sich von praxisfernen Akademikern aus der Verwaltung bevormunden und diktieren zu lassen. So auch in der Frage, ob sie für ihr Rindvieh einen Anbinde- oder einen Laufstall bevorzugen. Entgegen dem Willen der Mehrheit der Bauern macht das BLW Druck Richtung Freilaufstall. Das ist der Grund, warum am 21. Juni 2014 in Steffisburg, Kanton Bern, die IG Anbindestall Schweiz gegründet worden ist.

Zeit-Fragen: Wenn man in der Stadt oder in der Agglomeration wohnt, kennt man sich in Landwirtschaftsfragen wenig aus. Daher die Frage, was ist ein Anbindestall und was ist ein Laufstall?

Im Anbindestall haben die Tiere ihren eigenen Platz, wo sie angebunden sind. Im Laufstall können sich die Tiere frei bewegen, haben aber keinen eigenen Platz.

Was sind die Vorteile und die Nachteile im Anbindestall und im Laufstall?

Anbindestall Vorteile: Die Tiere können gut beobachtet werden. Sie haben viel Menschenkontakt und werden dadurch sehr umgänglich. Die Klauen sind immer trocken, daher haben sie weniger Klauenleiden. Schwächere, kranke und hochträchtige Tiere haben ihre Ruhe und können von anderen Tieren nicht verfolgt werden. Für Tiere mit Hörnern ist dieses Stallsystem ideal. Eine tägliche Pflege ist möglich.
Nachteile: Anbinden und loslassen für die Weide gibt mehr Arbeit. Es ist kein Melk­roboter möglich.
Vorteile Laufstall: Es gibt keine Arbeit, um die Tiere anzubinden.
Nachteile: Die Tiere laufen im eigenen Mist, das kann Klauenleiden ergeben. Durch wenig Menschenkontakt hat man einen weniger «gäbigen» Umgang mit den Tieren. Die Pflege mit Putzzeug ist schlecht möglich. Die Beobachtung von Kot, Versäubern bei Kalberkühen und Abbluten nach Besamung sind nicht möglich. Ältere und schwächere Tiere können durch andere Tiere verfolgt und daher verletzt werden.

Wie gross sind die Anteile von Anbindeställen und Laufställen in der Schweiz?

In der Schweiz haben wir etwa 60 % Anbindeställe und 40 % Laufställe.
Wie wurde das Rindvieh in der Schweiz traditionell gehalten?
Seit es Haustierhaltung gibt, war das Rindvieh immer angebunden.

Woher kommt eigentlich die Idee des Laufstalles?

Wahrscheinlich von den Tierschützern. Die Tiere müssen frei sein wie in der freien Natur. Es wird vergessen, dass es Haustiere sind. Die Idee des Laufstalles ist etwas Neues. Aber nicht alles Gute ist neu. Nicht alles Neue ist gut.

Wie steht das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) zu den Anbindeställen und zu den Laufställen?

Das Bundesamt für Landwirtschaft steht hinter dem Laufstall. Es werden Beiträge für besonders tierfreundliche Haltung bezahlt. Stallbausubventionen werden zum Teil nur noch für Laufstallneubauten bezahlt.

Was steckt eigentlich dahinter, dass man die Anbindeställe in der Schweiz abschaffen will?

Viele kleinere Betriebe haben einen Anbindestall. Wenn man die Vorschriften für den Anbindestall verschärft, wird man diese Bauern am schnellsten los.

Am 21. Juni wurde in Steffisburg, Kanton Bern, die IG Anbindestall Schweiz gegründet. Was waren die Gründe dafür?

Die IG Anbindestall-Gründung ist nötig, weil der Tierschutz verlangte, dass keine Subventionen und öffentliche Gelder mehr an Um- und Neubauten bezahlt werden. Es ist eine Salamitaktik bis zum Verbot der Anbindehaltung von Rindvieh, siehe Pferde und Ziegen.

Was sind die Ziele der IG Anbindestall?

Sie möchte möglichst alle Anbindestall-Besitzer als Mitglieder begrüssen. Sie will die Fehler in der Tierschutzverordnung korrigieren. Wir wollen die Mitsprache von praktischen Bauern bei den künftigen Verordnungen. Ein weiteres Ziel ist es, die schweizerische Bevölkerung über das Tierwohl im Anbindestall zu orientieren.

Wie kann man Mitglied werden in der IG Anbindestall?

Mitglied kann jedermann werden, der Sympathie für den Anbindestall hat. Die Mitgliedschaft erlangt man durch Einbezahlen des Jahresbeitrags von Fr. 20.– bei der IG Anbindestall, Raiffeisenbank Steffisburg,
30-22804-5 CH 2880817000004883197.

Herr Scheuner, herzlichen Dank für das Interview.    •
(Interview Ariet Güttinger)