Erweiterung des Gas-Krieges in der Levante

von Thierry Meyssan

Nach drei Jahren des Krieges gegen Syrien hat der «Westen» seine Offensive absichtlich auf den Irak und dann auf Palästina ausgeweitet. Hinter den scheinbaren politischen Widersprüchen zwischen religiösen und säkularen Parteien stehen starke wirtschaftliche Interessen, welche diese Strategie erklären. In der Levante haben viele Gruppen mehrmals ihr Lager gewechselt, aber die Erdgasvorkommen sind unverrückbar.

Da jeder Krieg von einer Koalition geführt wird, ist es natürlich, dass er mehrere Ziele hat, um die spezifischen Interessen jedes Mitglieds der Koalition zu erfüllen.
Aus dieser Sicht haben die derzeit in Palästina, Syrien und im Irak tobenden Gefechte miteinander gemein, dass sie von einem von den Vereinigten Staaten gebildeten Block gegen die Völker geführt werden, die sich der Weiterführung ihres Plans zur Umgestaltung des «Nahen und Mittleren Osten» (Greater Middle East) und der Veränderung des Weltmarkts der Energie widersetzen.
Bezüglich des letzten Punktes können sich zwei Dinge ändern: die Route der Pipelines und die Nutzung neuer Vorkommen.1

Der Krieg um die Kontrolle der Pipelines im Irak

Seit Beginn des Krieges gegen Syrien versucht die Nato, die Pipeline Teheran-Damaskus (National Iranian Oil Refining & Distribution Company NIORDC) abzuschneiden zugunsten der Versorgungskorridore, die den Transport des Gases aus Katar (Exxon-Mobil) und auch von Saudi-Arabien (Aramco) an die syrische Küste ermöglichen.2
Ein entscheidender Schritt wurde mit der Offensive von Isis [«Islamischer Staat im Irak und in Syrien»] im Irak vollzogen, welcher das Land der Länge nach geteilt und dadurch auf der einen Seite Iran und auf der anderen Seite Syrien, Libanon und Palästina getrennt hat.3
Dieses sichtbare Ziel bestimmt, wer Gas in Europa verkaufen wird und, als Folge des Versorgungsvolumens, zu welchem Preis er es verkaufen kann. Das genügt, um zu erklären, warum die drei grössten Gas-Exportländer (Russland, Katar und Iran) in diesen Krieg involviert sind.

Der Krieg zur Eroberung des syrischen Gases

Die Nato hat ein zweites Ziel gesetzt: die Kontrolle der Gas-Reserven in der Levante und dann ihre Ausbeutung. Wenn auch jedermann schon seit Jahrzehnten weiss, dass der südliche Teil des Mittelmeers grosse Gas-Felder in den Hoheitsgewässern von Ägypten, Israel, Palästina, Libanon, Syrien, der Türkei und Zypern enthält, so wusste nur der «Westen» seit 2003, wie diese Felder verteilt waren und wie sie unter dem Kontinent weiterverliefen.
Wie Professor Imad Fawzi Shueibi aufgedeckt hat,4 führte damals ein norwegisches Unternehmen, Ansis, in Zusammenarbeit mit der nationalen Ölgesellschaft in Syrien eine rechtmässige Vermessung des Landes durch. Ansis arbeitete auch mit einer anderen norwegischen Gesellschaft, Sagex, zusammen. Beide haben einen Geheimdienstoffizier bestochen, haben heimlich dreidimensionale Forschung betrieben und das unglaubliche Ausmass der syrischen Reserven entdeckt. Sie sind grösser als die Katars.
Anschliessend wurde Ansis durch Veritas SSGT aufgekauft, eine französisch-US-amerikanische Firma mit Sitz in London. Die Daten wurden sofort den französischen, amerikanischen, britischen und israelischen Regierungen mitgeteilt, die bald darauf ihr Bündnis schlossen, um Syrien zu zerstören und sein Gas zu stehlen.
Nachdem die Vereinigten Staaten im Jahr 2010 Frankreich und dem Vereinigten Königreich die Aufgabe anvertraut hatten, Syrien wieder zu kolonisieren, haben letztere eine Koalition unter dem Namen «Freunde Syriens» gebildet. Diese hat eine «Arbeitsgruppe für den wirtschaftlichen Wiederaufbau und Entwicklung» einberufen, die sich dann im Mai 2012 in den Vereinigten Arabischen Emiraten unter deutscher Präsidentschaft5 traf. Rund 60 Länder teilten sich dann gemeinsam den Kuchen, den sie noch nicht erobert hatten. Natürlich wussten die meisten Teilnehmer nicht um die Entdeckungen von Ansis und Sagex. Der syrische Nationalrat war in dieser Arbeitsgruppe durch Osama al-Kadi vertreten, dem ehemaligen Verantwortlichen bei British Gas für die Anwendung militärischer Strategien auf dem Energiemarkt.
Erst im Sommer 2013 wurde die syrische Regierung über die Entdeckungen von Ansis und Sagex informiert und verstand dann, wie es Washington gelungen war, eine Koalition zu bilden, die das Land zu zerstören versuchte. Seither hat Präsident Baschar al-Assad Verträge mit russischen Unternehmen zur künftigen Nutzung unterzeichnet.

Das Gas in Israel, Palästina und in Libanon

British Gas seinerseits erforschte die palästinensischen Vorkommen, aber Israel erhob Einwände gegen ihre Ausbeutung aus Angst, dass die Förderabgaben nur zum Waffenkauf verwendet würden.
Im Juli 2007 hat der neue Sondergesandte des Nahost-Quartetts (Uno, EU, Russland, USA), Tony Blair, ein Abkommen zum Betrieb der Marine-1- und Marine-2-Felder zwischen Palästinensern und Israeli im Gaza-Streifen ausgehandelt. Der Premierminister der Palästinensischen Autonomiebehörde, Salam Fayyad, akzeptierte, dass British Gas die Förderabgaben, die sie der Palästinensischen Autonomiebehörde schuldeten, auf ein von London und Washington kontrolliertes Bankkonto einzahlte, um sicherzustellen, dass dieses Geld für die wirtschaftliche Entwicklung verwendet werde.
Zur damaligen Zeit veröffentlichte der ehemalige Stabschef der israelischen Streitkräfte, General Moshe Ya’alon, ein aufsehenerregendes Forum auf der Webseite des Jerusalem Center for Public Affairs [Jerusalem Center für öffentliche Angelegenheiten], in dem er darlegte, dass diese Vereinbarung das Problem nicht lösen könnte, denn letztlich würde die Hamas, solange sie in Gaza an der Macht wäre, etwas von diesem Geld erhalten. Er schloss daraus, der einzige Weg, um sicherzustellen, dass dieses Geld nicht den Widerstand finanzieren würde, sei, «eine globale Militäroperation zu starten, um die Hamas im Gaza-Streifen zu entwurzeln».6 Mit der Entdeckung des Mega-Gasfeldes Leviathan durch Noble Energy Inc. vor der Küste in israelischen und libanesischen Territorialgewässern im Oktober 2010, das zum 2009 von British Gas entdeckten Feld Tamar hinzukam, sind die Dinge noch komplizierter geworden.7
Libanon hat auf Veranlassung der Hizbollah sofort die Vereinten Nationen verständigt und seine Ausbeutungsrechte geltend gemacht. Israel hatte jedoch schon begonnen, Gas aus dem beiden Ländern gemeinsamen Gebiet zu fördern, ohne die libanesischen Einwände zu berücksichtigen.

Der Krieg um das palästinensische Gas

Die aktuelle israelische Offensive gegen Gaza verfolgt mehrere Ziele. Als erstes kündigte der Mossad im voraus die Entführung und den Tod von drei jungen Israeli an, um die Knesset daran zu hindern, ein Gesetz zum Verbot des Austausches von «Terroristen» gegen entführte Israeli zu erlassen.8 Dann hat der amtierende Verteidigungsminister, General Moshe Ya’alon, diesen Vorwand verwendet, um gemäss seiner Analyse von 2007 eine Offensive gegen die Hamas zu starten.9
Der neue ägyptische Präsident, General Abdel Fattah al-Sisi hat Tony Blair als Berater engagiert, ohne dass dieser von seinem Amt als Vertreter des Nahost-Quartetts zurückzutrat.10 In Fortsetzung der Verteidigung der Interessen von British Gas schlug Blair eine für die Palästinenser absolut inakzeptable «Friedensinitiative» vor, die sie übrigens ausgeschlagen haben, während Israel sie akzeptiert hat. Dieses Manöver zielte eindeutig darauf, der israelischen Armee Tsahal [IDF] die Möglichkeit zu geben, ihre Offensive zu verfolgen, um «die Hamas im Gaza-Streifen zu entwurzeln». Es ist nicht unerheblich, dass Tony Blair für diese Arbeit nicht von Ägypten, sondern von den Vereinigten Arabischen Emiraten bezahlt wird.
Wie üblich haben Syrien und Iran den palästinensischen Widerstand (islamischen Dschihad und die Hamas) unterstützt. Auf diese Weise haben sie Tel Aviv auch gezeigt, dass sie die Fähigkeit haben, ihm in Palästina genauso viel Sorgen zu bereiten, wie Tel-Aviv es ihnen gegenüber im Irak durch das islamische Emirat (Isis) und durch Barzani macht.
Die Ereignisse lassen sich nur aus energiepolitischer Sicht verstehen. Denn es ist nicht im politischen Interesse Israels, die Hamas zu zerstören, zu deren Schaffung es beigetragen hat, um die Fatah zu relativieren. Es ist auch nicht im Interesse von Syrien, der Hamas bei ihrem Widerstand zu helfen, wo sie sich doch mit der Nato verbündet hat und Dschihadisten in den Kampf gegen das Land geschickt hat. Die Zeit des «arabischen Frühlings», der die Muslimbruderschaft (deren palästinensischer Zweig die Hamas ist) in allen arabischen Ländern an die Macht bringen sollte, ist längst vorbei. Der angelsächsische Imperialismus ist letztlich immer von wirtschaftlichen Ambitionen getrieben, die er gegen die lokale politische Logik durchsetzt. Die Spaltung, welche die arabische Welt nachhaltig strukturiert, besteht nicht zwischen religiösen und säkularen Parteien, sondern zwischen Widerstandskämpfern und Kollaborateuren des Imperialismus.    •
(Übersetzung Horst Frohlich)

Quelle: Al-Watan (Syrien), Damaskus, 21. Juli 2014

1    «Der Syrienkrieg: ein Kampf um Energie?» von Alexandre Latsa, Übersetzung Horst Frohlich, Friederike Beck, RIA Novosti/Voltaire Netzwerk, 20. September 2013
2    «Der Dschihadismus und die Ölindustrie» von Thierry Meyssan, Al-Watan (Syrien)/Voltaire Netzwerk, 23. Juni 2014
3    Das Ziel ist nicht neu, siehe: «Syrien: Natos Ziel ist die Ferngasleitung» von Manlio Dinucci, Il Manifesto/Voltaire Netzwerk, 12. Oktober 2012; «Syrie: la course à l’or noir» von Manlio Dinucci, Übersetzung Marie-Ange Patrizio, Il Manifesto/Réseau Voltaire, 2. April 2013
4    Syrie: 10 ans de résistance [Syrien: 10 Jahre Widerstand], ein Sechs-Episoden-Programm, entwickelt und produziert von Thierry Meyssan, syrisches Satellitenfernsehen, Juni 2014. Die im Netz zur Verfügung stehende Version ist auf Französisch. Sie ist fast ausschliesslich in Französisch oder mit Untertiteln in Französisch, mit Ausnahme der Interventionen von General Wesley Clark, Alfredo Jalife und von General Leonid Ivashov. Übrigens hatte Professor Shueibi bereits einen Überblick über das Thema gegeben, bevor er über die Entdeckungen von Ansis und Sagex informiert wurde: «Syrien, Zentrum des Gases im Nahost-Krieg» von Imad Fawzi Shueibi, Voltaire Netzwerk, 11. Mai 2012
5    «Les ‹Amis de la Syrie› se partagent l’économie syrienne avant de l’avoir conquise» von German Foreign Policy, Horizons et débats/Réseau Voltaire, 14. Juni 2012 (auch auf Englisch)
6    «Does the Prospective Purchase of British Gas from Gaza Threaten Israel’s National Security?» von le Lt.-Gen. (ret.) Moshe Ya’alon, Jerusalem Center for Public Affairs, 19. Oktober 2007. «Ya’alon: British Gas natural gas deal in Gaza will finance terror» von Avi Bar-Eli, Haaretz
7    «Das Becken der Levante und Israel – eine neue geopolitische Situation?» von F. William Engdahl, Voltaire Netzwerk, 24. Juni 2012
8    «Mossad-Chef sagte Entführung der Jugendlichen voraus» von Gerhard Wisnewski, Voltaire Netzwerk, 8. Juli 2014
9    «IDF’s Gaza assault is to control Palestinian gas, avert Israeli energy crisis» von Nafeez Ahmad, The Guardian, 9. Juli 2014. «Gaza: le gaz dans le viseur» [Gaza: Das Gas im Visier] von Manlio Dinucci, Übersetzung Marie-Ange Patrizio, Il Manifesto/Réseau Voltaire, 17. Juli 2014
10    «Präsident al-Sisi wählte Tony Blair als Wirtschaftsberater», Voltaire Netzwerk, 7. Juli 2014

ts. Die oben abgedruckte Karte aus dem US-amerikanischen Militärmagazin «Armed Forces Journal» (AFJ) illustrierte im Juni 2006 den Artikel «Blood Borders«, zu deutsch «Blutgrenzen», von Ralph Peters. Der nun im Ruhestand weilende US-Offizier sah in neuen Grenzziehungen im Nahen Osten und Asien eine Möglichkeit, regionale Spannungen zu vermindern. Die Grenzen, die zumeist auf den Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg zurückgehen, hätten ethnische, konfessionelle und Stammesfragen zu wenig berücksichtigt, so Peters. Wie das AFJ auf seiner Webseite aber selber schreibt, werden der Artikel und die Karten heute weitherum als Vorlage Washingtons für imperiale Einmischung verstanden.
Peters listet die Verlierer und Gewinner des «Great Game» des 21. Jahrhunderts auf, wobei er einige Staaten sowohl als Gewinner als auch als Verlierer aufführt.
Die Gewinner: Afghanistan, der arabische Schiitenstaat, Armenien, Aserbaidschan, das freie Belutschistan, das freie Kurdistan, Iran, der Heilige islamische Staat, Jordanien, Libanon und Jemen.
Die Verlierer: Afghanistan, Iran, Irak, Israel, Kuwait, Pakistan, Katar, Saudi-Arabien, Syrien, Türkei, Vereinigte Arabische Emirate, West Bank.
Der Blick aus dem Jahre 2014 auf die Planungen von 2006 und früher lassen nur einen Schluss zu: Die Umsetzung ist im vollen Gang – die Bürger eines jeden der aufgelisteten Staaten werden sich beunruhigt fragen, welche Grenzen wohl als nächstes neu gezogen werden. Der Irak ist heute effektiv faktisch aufgeteilt. Und Syrien, Saudi-Arabien? Dieser Planung hält die Uno-Charta klar etwas entgegen: die Souveränität jedes einzelnen Uno-Mitgliedsstaats und die Unverletzlichkeit seiner Grenzen. Wer hier von aussen etwas ändert, stellt sich gegen die Charta und damit gegen das Völkerrecht.

Quelle der Kartenabbildung: www.armedforcesjournal.com/2006/06/1833899

«Die Nato hat ein zweites Ziel gesetzt: die Kontrolle der Gas-Reserven in der Levante und dann ihre Ausbeutung. Wenn auch jedermann schon seit Jahrzehnten weiss, dass der südliche Teil des Mittelmeers grosse Gas-Felder in den Hoheitsgewässern von Ägypten, Israel, Palästina, Libanon, Syrien, der Türkei und Zypern enthält, so wusste nur der ‹Westen› seit 2003, wie diese Felder verteilt waren und wie sie unter dem Kontinent weiterverliefen.»