Grundlagen für die Entwicklung von mehr sozialer Verbundenheit

Zur Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit und des geführten Klassenunterrichts

von Ludwig Murtinger

Über Schüler mit Lernschwierigkeiten wird häufig gesprochen. Sie sind dem geschulten Lehrer ein besonderes Anliegen, wie man ihnen helfen kann, ihre Probleme zu überwinden und auf die Erfolgsbahn einzuschwenken, ist naturgemäss eine zentrale pädagogische Aufgabe. Auch in Mittelschulen hat man es heutzutage immer öfter mit Schülern zu tun, die auf ihre gymnasiale Schulzeit nur mangelhaft vorbereitet sind und dadurch mit Problemen zu kämpfen haben. Über diese Schüler wird dann im Lehrerzimmer und an Klassen- bzw. Notenkonferenzen vorwiegend diskutiert.
Nun finden wir aber in Gymnasien natürlich viele Schüler, die gute bis sehr gute Voraussetzungen mitbringen und erfolgreich in der Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben sind. Lehrer sind erfreut über Schüler, die gute Leistungen erbringen, interessiert sind und sich konstruktiv am Unterricht beteiligen.
Diese Schüler tragen wesentlich zu einem lebendigen Unterricht bei, und sie werden häufig noch über den Unterricht hinaus in ihrer Entwicklung gefördert bzw. sorgen selbst dafür, noch weitere Impulse zu erhalten, um ihr Leistungsstreben zu unterstützen. Auch in diesen Fällen geht es für den geschulten Lehrer darum, die Persönlichkeit der Schüler zu erfassen und ihnen in ihrer je eigenen Situation gerecht zu werden. Es soll dies an einem Beispiel aus dem Berufsalltag erläutert werden:
Eine 17jährige Schülerin tritt, aus einer Schweizer Grossstadt kommend, in die 4. Klasse des Obergymnasiums in einer Internatsschule in den Bündner Bergen ein. Wir beleuchten die Situation von Agnes in ihrem Mathematikunterricht. Sie beteiligt sich vom ersten Tag ihres Eintretens an eifrig am Unterricht, stellt Fragen, macht Lösungsvorschläge und wenn die Lektion zu Ende ist, tritt sie noch zum Lehrer ans Pult, um weitere Fragen zu stellen und um zu klären, ob sie denn auch wirklich alles richtig verstanden hat. Der Lehrer freut sich über ihr Engagement und gibt ihr so wie auch anderen Schülern gerne Auskunft. Agnes bereichert den Unterricht, sie ist immer bereit, Antwort zu geben, wenn eine Frage im Raum steht, und der Lehrer begleitet sie gerne in ihrem Bestreben, weiterzukommen und Erfolg zu haben. Agnes ist eine gute Schülerin, in Mathematik ist sie sehr gut und schreibt stets gute Noten, selten unter 5,5, nie unter 5. Es ist deutlich, dass sie ein wirklich gutes Verständnis für mathematische Zusammenhänge besitzt, ihre Vorkenntnisse sind gut, sie bewegt sich gerne in logischen Strukturen.
Dem pädagogisch geschulten Mathematiklehrer fällt allerdings sehr schnell auf, dass die Aktivitäten der Schülerin von einer gewissen Unruhe geprägt sind. Es sind nicht die Aktivitäten einer Schülerin, die aus reinem Interesse an der Sache etwas erfahren möchte, die dann, wenn sie die Information erhalten hat, sich ruhig zurücklehnen oder weiterschreiten kann. Eine Schülerin, die vielleicht auch einmal fünf gerade sein lassen kann. Der Mathematiklehrer beobachtet eine Unruhe, eine Unsicherheit, die sich durch seine Unterstützung nur oberflächlich beseitigen lässt. Agnes ist jedes Mal aufs neue verunsichert, ob sie überhaupt und prinzipiell in der Lage ist, mathematische Zusammenhänge zu erfassen und Aufgaben in ein korrektes Resultat zu überführen. Die Tatsache ihrer guten bis sehr guten Noten ist ihr keine Beruhigung, der Arbeitsaufwand, den sie vor Prüfungen betreibt, steht in überhaupt keinem Verhältnis zu ihren intellektuellen und mathematischen Fähigkeiten.

Die Bedeutung der Klassengemeinschaft

Der Mathematiklehrer ist besonders um ein gutes, konstruktives Lernklima in der Klasse bemüht. Aus leidvoller Erfahrung während seiner eigenen Schulzeit, insbesondere aber durch die Erkenntnisse aus seiner jahrelangen studien- und berufsbegleitenden pädagogischen und didaktischen Aus- und Weiterbildung weiss er, dass nur ein gut strukturierter und geführter Unterricht in einer angstfreien Atmosphäre den Schülern gerecht wird. Gerecht wird in dem Sinn, dass die Schüler, welche Mühe haben, optimale Bedingungen vorfinden, um den Anschluss zu finden und dass gleichzeitig die Schüler, die mit grösserer Leichtigkeit lernen, ihre Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen können. Es ist diesem Lehrer eine Selbstverständlichkeit, auf die Persönlichkeit der einzelnen Schüler einzugehen, sie in ihrer Individualität zu erfassen und auf ihre je eigene Situation adäquat einzugehen. Dies geschieht am besten in einem geführten Klassenunterricht, der sich besonders dafür eignet, Schüler mit ihren persönlichen Anliegen im Beisein der Klassengemeinschaft entgegenzunehmen und auf diese Anliegen sachgemäss zu reagieren, sei es, dass eine wohlwollende Korrektur eines Fehlers nötig ist oder eine Ermutigung, mitzumachen, ein Lob im Falle einer guten Leistung oder einer erbrachten sozialen Handlung oder aber auch eine Zurechtweisung im Falle einer Störung. Selbstverständlich ergibt sich von Zeit zu Zeit auch die Notwendigkeit, einmal einen Schüler zur Seite zu nehmen und unter vier Augen mit ihm über seine persönliche Situation zu sprechen. Auch in diesen Fällen kann es sich sowohl um korrigierende Gespräche handeln als auch um das Aussprechen einer besonderen Belobigung. Immer wieder ergreift dieser Mathematiklehrer die Gelegenheit, um Schüler, die sich besonders positiv entwickelt haben, zur Seite zu nehmen und ihnen seine Freude über ihre Entwicklung mitzuteilen, sie zu ermuntern, auf diesem Wege weiterzuschreiten.
All dies hat nichts mit Individualisierung des Unterrichts zu tun, wie dies in jüngster Zeit von Bildungsexperten propagiert wird. Das, was dabei als adäquates, dem Schüler entsprechendes Handeln angepriesen wird, ist nichts anderes als eine Vereinzelung der Schüler. Sie werden sich selbst überlassen, sie erhalten ein angeblich auf sie persönlich abgestimmtes Lernprogramm und bekommen dazu keine Unterstützung durch eine ausgebildete Lehrperson. Eine Einbettung in eine so ungeheuer wichtige soziale Gemeinschaft wie den Klassenverband entfällt gänzlich.
Zurück zu Agnes. Nachdem etwa anderthalb Jahre ins Land gezogen sind, in denen Agnes weiterhin gute Leistungen erbrachte, kommt es zu einer schwierigen Prüfung in Mathematik. Differentialrechnung, Kurvendiskussion, Entwicklung von Funktionen, Stetigkeit, Monotonie, Ableitungsregeln, Extremalaufgaben. Manche mögen sich noch erinnern, dass es sich dabei um recht anspruchsvolle mathematische Angelegenheiten handelt. Agnes schreibt eine stark ungenügende Note in der Gegend einer Drei. Schon bei der Korrektur ist dem Lehrer klar, dass das Mädchen damit grosse Probleme bekommen wird – noch dazu, weil ihre Note auch deutlich unter dem Klassenschnitt liegt. Er ist auf einiges gefasst. Tatsächlich erleidet Agnes einen Zusammenbruch. Bei der Übergabe der Prüfung erstarrt sie und kommt während der ganzen Lektion aus dieser Starre nicht mehr heraus. Sie spricht nicht mit bei der Besprechung der Prüfung und ist offensichtlich vollkommen in sich selbst versunken. Nach der Lektion wartet sie, bis ihre Mitschüler das Zimmer verlassen haben, und tritt zum Lehrer. Sie äussert den dringenden Wunsch, die Prüfung wiederholen zu dürfen, entschuldigt sich, erklärt, weshalb sie nicht ausreichend lernen konnte, weist darauf hin, dass sie wesentliche Gebiete des Themas nicht genügend verstanden hätte. Der Lehrer versucht sie zu beruhigen, weist auf ihren hervorragenden Notenschnitt hin, der einen Ausrutscher ohne weiteres zulässt, und darauf, dass ihr Weg zur Matura gesichert ist und sie sich später an diese eine Prüfung gar nicht mehr erinnern wird. Es nützt alles nichts. Eine Beruhigung tritt nicht ein, was den Lehrer nicht überrascht. Immer wieder hat er bei Agnes beobachtet, dass sie glaubt, nur mit ausnahmslos ausgezeichneten Noten bestehen zu können. Würde er einer Wiederholung zustimmen, würde er Agnes genau in diesem falschen Gefühl bestärken und die Zuspitzung auf ihre Prüfungsnoten verschärfen. Er legt das ganze Gewicht seiner guten Beziehung zu dem Mädchen in die Waagschale und sagt zu Agnes ruhig und in ernstem Ton: «Es bringt dir nichts, mit mir über diese Note zu verhandeln. Eine Wiederholung der Prüfung löst das Problem nicht, und ich sage dir Agnes: Wenn es dir gelingt, diese Note in Ruhe entgegenzunehmen, so wird dies deine Persönlichkeit stärken. Miss­erfolge gehören zum Leben.» Damit verabschiedet er das Mädchen.
Die Wirkung dieses kurzen Gesprächs auf das Verhalten des Mädchens ist so stark wie nachhaltig. Fortan nimmt Agnes wesentlich ruhiger, aber immer noch eifrig am Unterricht teil, ihr Interesse ist ungebrochen und die Freude am logischen Denken ist weiterhin deutlich erkennbar. Agnes wirkt insgesamt fröhlicher und entspannter und die ständigen «Versicherungsgespräche» nach dem Unterricht werden viel seltener. Sie schreibt wieder gute Noten, ihr Notenschnitt bleibt weiterhin hoch und schliesslich schreitet Agnes nach weiteren anderthalb Jahren, Ende der sechsten Klasse, zur Matura, die sie, wie von der Lehrerschaft nicht anders erwartet, erfolgreich besteht. An der Verabschiedungsfeier tritt Agnes auf den Mathematiklehrer zu und spricht ihn an: «Sie haben mir seinerzeit, als ich eine schlechte Note bekam, gesagt, ich solle dies entgegennehmen, es würde meine Persönlichkeit stärken. Ich habe auf der Stelle verstanden, was Sie meinten, und es hat mich sehr beruhigt. Es hat mich, wie ich meine, tatsächlich gestärkt, und ich danke Ihnen dafür, dass Sie mich so unterstützt haben. Ich glaube, ich werde mich ein Leben lang daran erinnern.»

Die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit

Die Wirkung des kurzen Gesprächs Mitte der fünften Klasse auf die Schülerin ist nur erklärbar vor dem Hintergrund der Stimmung, welche dieser Lehrer in der Klasse geschaffen hat. Es wäre sicher nicht möglich gewesen, Agnes bereits wenige Tage nach ihrem Eintreten in die Schule auf diese Weise anzusprechen. Es musste erst Vertrauen entstehen, Vertrauen zum Lehrer, aber auch Sicherheit in der Gemeinschaft. Eine Klassengemeinschaft, in der sich jeder geborgen fühlen kann, ist unerlässlich und für Schüler mit persönlichen Problemen von geradezu therapeutischer Wirkung.
Eine solche Gemeinschaft zu entwickeln ist eine zentrale Aufgabe des Lehrers, idealerweise des Klassenlehrers, aber auch jeder geschulte Fachlehrer ist gefordert, in diese Richtung zu wirken. Der Lehrer tritt als Vorbild vor die Klasse, er zeigt den Jugendlichen, wie man wohlwollend mit einem Fehler umgeht, er nimmt Stellung im Falle von unschönen Vorfällen, und zwar ohne zu moralisieren, aber so, dass klar ist, welche Werte es in einer friedlichen Gesellschaft braucht, er zeigt seine Freude über gute Leistungen, ohne die betroffenen Schüler zu überhöhen, und ganz allgemein spüren die Schüler, dass dieser Lehrer gerne zu ihnen in die Klasse kommt.
Dem geradezu diametral entgegengerichtet sind die aktuellen Bestrebungen, Klassengemeinschaften aufzulösen, die Position des Lehrers zu schwächen, seine Bedeutung für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen herabzuwürdigen. Anstelle des Lehrers als Vorbild bei der Vermittlung von Werten treten dann zum Beispiel Plakate, die an die Wand geheftet werden: «Wir hören einander zu», «Wir begegnen einander mit Respekt», «Wir gehen sorgsam mit dem Arbeitsmaterial um» usw. Dies mutet geradezu lächerlich an. Es ist so, als würde der Schreinermeister, anstatt seine Lehrlinge wohlwollend, aber mit der nötigen Klarheit anzuleiten, in seinem Betrieb Plakate an die Wand hängen: «Wir halten unseren Arbeitsplatz sauber», «Wir schneiden das Holz gerade», «Wir sind zu den Kunden freundlich» usw.
Für den pädagogisch geschulten Lehrer ist klar, dass sein Wirken entscheidend ist für den schulischen Erfolg und die persönliche Entwicklung der Schüler. Er ist es, der sich in der Vorbereitung auf die Lektion Gedanken macht, wie er fachliche Zusammenhänge darstellen wird, so dass die Schüler sie optimal aufnehmen können. Er nimmt für sich in Anspruch, als Vorbild vor die Klasse zu treten und die Richtung vorzugeben, sei es, was die fachliche Auseinandersetzung oder was das Zusammenleben in der Gemeinschaft betrifft. Nur so ist gewährleistet, dass wir am Ende einer Schulzeit Jugendliche entlassen, die umfassend gebildet, gestärkt für das Leben in der Gesellschaft und mit Fähigkeiten und Wissen für ihren späteren beruflichen Werdegang ausgestattet sind. Und wie der erwähnte Mathematiklehrer immer wieder bei Maturatreffen mit Absolventen feststellen kann, erinnern sich diese Schüler auch später gerne an ihre Schulzeit.    •