Pro-Patria-Sammlung – Möglichkeit eines sinnvollen Einsatzes von Schulkindern für gemeinnützige Anliegen

von Erika Vögeli

Wer in diesen Tagen an den Postschalter geht, findet dort wie alle Jahre das 1.-August-Abzeichen der Schweizerischen Stiftung Pro Patria. Dieses Jahr ist es der «fünften Schweiz» gewidmet. Es symbolisiert mit einer Weltkugel die Gegenwart von 730 000 Schweizerinnen und Schweizern im Ausland. Das Abzeichen wird in der Schweiz hergestellt und in Behindertenwerkstätten in der Ostschweiz montiert.

Vielen ist heute kaum mehr bewusst, was es mit diesen Abzeichen für eine Bewandtnis hat: Hintergrund bildet eine Initiative einiger patriotisch und gemeinnützig gesinnter Persönlichkeiten, die 1909 unter Leitung des St. Galler Kaufmanns Albert Schuster die Schweizerische Bundesfeierspende ins Leben riefen. Mit einer jährlichen Sammlung anläss­lich des Bundesfeiertages sollte die Solidarität im Lande gefördert und der Bundesfeier damit ein tieferer Sinn verliehen werden, indem über die Feier zum Gedenken an die Gründung der Eidgenossenschaft hinaus «jedem einzelnen, auch dem bescheidenen Bürger Gelegenheit gegeben werden [sollte], sein Scherflein beizutragen zu einer nationalen Gemeinnützigkeit am ersten August». Ganz bewusst wollten sie schon damals einer Verflachung der Bundesfeier «mit schwungvollen Festreden, Höhenfeuern und Feuerwerk»1 entgegenwirken und ihr eine tiefere staatspolitische und auf das Gemeinwohl gerichtete Bedeutung verleihen, um den Zusammenhalt im Land zu fördern. So konnte die Bevölkerung am 1. August 1910 die erste Bundesfeierkarte erwerben, deren Erlös für die Opfer der damaligen Hochwasserkatastrophe bestimmt war. Ab 1923 wurde zusätzlich das 1.-August-Abzeichen eingeführt, ab 1938 als drittes Sammlungsmittel die Bundesfeiermarke mit Taxzuschlag – seit 1952 nicht mehr mit dem Hinweis «Bundesfeier», sondern Pro Patria.
Die jeweils mit dem Bundesrat abgesprochenen Sammlungszwecke standen immer im Zeichen der Unterstützung bedürftiger Bevölkerungsgruppen und Minderheiten. Auch im Sinne des Gemeinwohls tätige Organisationen wie das Rote Kreuz oder der Schweizerische Samariterbund kamen zum Zug und bis in die 1980er Jahre wurden Sammlungen für die Mütterhilfe «für Mütter in Notlagen» durchgeführt. Heute, in Zeiten eines ausgebauten Sozialstaates, ist uns die Bedeutung solcher Sammlungen weniger bewusst; die Bereitschaft der Schweizer Bevölkerung zu spenden zeigt sich heute aber auch bei Sammlungen in Zusammenhang mit Katastrophen und andern Notlagen immer wieder.
Pro Patria kommt ohne Subventionen aus – was die Arbeit der Stiftung trägt, ist ein grosses Netz an Freiwilligen: Alljährlich sind es Tausende von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich als Einzelpersonen, Paare oder Gruppen, über ihren Verein oder als Schulklassen, die mit Hilfe ihrer Lehrer Briefmarken und 1.-August-Abzeichen verkaufen. Gerade Schulkinder können dabei lernen, sich aktiv für das Gemeinwohl einzubringen (vgl. dazu auch das Interview mit dem Präsidenten von Pro Patria). Im Schulunterricht lassen sich dabei die jeweiligen Themen mit einem sinnvollen gemeinnützigen Engagement verbinden. «Und sie können lernen», so Pro Patria, «dass die Paarung von Geschick, Organisationstalent und Menschlichkeit auch Freude bereitet.»2
«Das 1.-August-Abzeichen ist ein Symbol für eidgenössische Zusammengehörigkeit. Gleichzeitig ist es ein Ausdruck der Solidarität und damit eine ‹Spendenquittung› der besonderen Art. Dank zwei traditionsreichen Sammelmitteln – Bundesfeierabzeichen und Pro -Patria-Briefmarken – kann das gemeinnützige Werk jedes Jahr zahlreiche kulturelle und soziale Projekte in der ganzen Schweiz ideell und finanziell fördern. 2012 flossen über 1,5 Millionen Franken in die verschiedenen zweckgebundenen Fonds, die für denkmalpflegerische und kulturelle Aufgaben, aber auch für soziale Anliegen zur Verfügung stehen. Die Schweizerische Stiftung Pro Patria ist seit 1923 exklusive Herausgeberin des traditionsreichen Bundesfeierabzeichens.»3

Sammlung 2014 zugunsten von Schweizer Orts- und Regionalmuseen und Jugendprojekten der «Fünften Schweiz»

Mit zunehmendem Ausbau der staatlichen und privater sozialer Einrichtungen verlagerte sich das Schwergewicht der Sammlungen auf Themen um Natur- und Kulturlandschaften sowie Geschichte und Denkmalpflege. Bei der Auswahl der Projekte, die Fördermittel aus den Sammlungen erhalten sollen, wird darauf geachtet, dass sie von allgemeinem Interesse und für breite Kreise der Bevölkerung bestimmt sind. So ist auch ein Teil der diesjährigen 104. Sammlung den Schweizer Orts- und Regionalmuseen gewidmet, die Schweizer Kulturgeschichte in ihrer immer wieder überraschenden Vielfalt und faszinie­renden Farbigkeit abbilden und dadurch Identität in unserem Land schaffen. Wie Carlo Schmid, alt Ständerat und alt Landammann/AI und heutiger Präsident von Pro Patria, anmerkt, ist das Interesse für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltag von einst unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsschicht oder Altersgruppe vorhanden. Das bestätigt die grosse Nachfrage. «Bei Kindern und Jugendlichen – und ihnen fühlt sich Pro Patria in besonderem Masse verpflichtet – kommt dazu, dass lokale und regionale Museen ihnen oft erstmals eine Türe zur Geschichte öffnen und in jungen Menschen die Erkenntnis reifen lassen, dass es ohne Vergangenheit weder eine Gegenwart noch eine Zukunft gibt.»4     •

1    Aus dem Schreiben der Initianten vom 17. April 1909 an die Schweizerische Oberpostdirektion
(zit. nach Pro Patria)
2    www.propatria.ch
3    Medienmitteilung vom 20. Juni 2013
4    Aktuell Nr. 59/2013, S. 2