Die Akte Wikipedia – Falsche Informationen und Propaganda in der Online-Enzyklopädie

Die Nachricht, dass renommierte Enzyklopädien, wie die Encyclopædia Britannica, die nach 244 Jahren ihres Erscheinens 2012 nicht mehr verlegt wird, oder wie der deutsche Brockhaus, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen ist und in diesem Jahr seine gedruckte Ausgabe einstellt, hat viele schockiert. Die Ursache ist Wikipedia, ein Online-Lexikon, welches in etwas über 10 Jahren so weite Verbreitung gefunden hat, dass die gedruckten Nachschlagewerke nicht mehr genügend nachgefragt wurden. Sie liessen sich finanziell nicht mehr halten.

rt. Der Frage, was Wikipedia ist und wie es arbeitet, geht Michael Brückner in seinem im Juli im Kopp-Verlag erschienenen Buch «Die Akte Wikipedia. Falsche Informationen und Propaganda in der Online-Enzyklopädie» nach.
Der Autor stellt fest, dass der Einfluss von Wikipedia weltweit sehr gross ist und weiter wächst. Immer mehr Menschen fragen über das Internet Wikipedia-Einträge als Ersatz für Lexikoneinträge ab. Der Wikipedia-Eintrag erscheint meistens an vorderster Stelle bei einer Internetrecherche. – Hier erkennt man die Willkürlichkeit von Rangfolgen bei Suchmaschinen wie Google. – Nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Bereich, wie in Schulen oder in der Wissenschaft, werden Wikipedia-Quellen immer häufiger genutzt und akzeptiert.
Im Medienbereich zwingt der wirtschaftliche Druck Journalisten immer häufiger dazu, aufwendigere eigene Recherchen durch Informationen aus Wikipedia zu ersetzen. So werden Wikipedia-Informationen unhinterfragt kolportiert. Brückner zeichnet in seiner Veröffentlichung die Wege solcher Wikipedia-Einträge nach. Dabei unterstellt er den vielen Autoren grundsätzlich gute Absichten: Einträge kann jeder machen, jeder kann auch Einträge verbessern oder streichen. Nun setzt eine Wikipedia-Hierarchie ein. Sie wird nicht durch Sachautorität gefüllt, sondern durch die Hierarchiestufe im Wikipedia-System. Diese Hierarchie wird zum Teil durch die Dauer des Engagements bei Wikipedia bestimmt. So kommt es häufig zu Konflikten über Einträge. Im politischen Bereich spielt die Weltsicht der «Administratoren» eine ausschlaggebende Rolle. Am Beispiel eines Wikipedia-Eintrags zur «Preussischen Allgemeinen Zeitung» zeigt Brückner auf, dass Wikipedia politisch einseitig arbeitet und auch intolerant verfährt. Die «Preussische Allgemeine Zeitung» wurde kurzerhand in eine rechtsradikale Ecke gestellt – trotz ihres deutlichen Widerspruchs. Die Autoren des Wikipedia-Eintrages stützten sich bei ihrer Fehleinschätzung bewusst auf linksradikale Publikationen, die wohl auch ihre Einstellung widerspiegeln. Es war nicht möglich, diesen Eintrag zu korrigieren. An weiteren Beispielen zeigt der Autor auf, wie Einträge manipuliert werden. Niemand wird zu einem Eintrag befragt, auch wenn er davon betroffen ist, und auch ohne dass er davon erfährt. (vgl. Kasten zu Zeit-Fragen).
Das Erscheinen des Buches von Michael Brückner erhielt durch die Propaganda­schlacht im Zusammenhang mit der Ukraine neues Gewicht. So bestätigte die «Neue Zürcher Zeitung» am 22. Juli, dass allein zwischen 2002 und 2010 vom US-amerikanischen Kongress aus 9000 Einträge bei Wikipedia geändert wurden. Ähnliches staatliches Vorgehen sei aus Israel, Russland, Irland, Kanada, Australien und Norwegen zu vermelden – ganz abgesehen von grossen internationalen Konzernen. Dies wird nur die Spitze des Eisberges sein.
Der Versuch, Wissen via Internet zu sammeln und allgemein öffentlich zugänglich zu machen, ist an und für sich sinnvoll. Das Problem, dass die Wikipedia-Einträge wissenschaftlichem Standards nicht genügen, wäre zu lösen. Gerade weil der Einfluss von Wikipedia so immens gestiegen ist, wird dieses Problem drängender. Wikipedia unterliegt keiner wissenschaftlichen oder demokratischen Kontrolle. Hier ist Handlungsbedarf.
Mindestens sollte jeder, der auf diesen Dienst zugreift, sich der Risiken bewusst sein und wissen, dass Wikipedia-Einträge häufig Propagandafunktion haben.
Mit seiner Veröffentlichung greift Brückner ein grosses Problem unserer schnellebigen Internet-Zeit auf, dessen Tragweite uns noch nicht voll bewusst ist. Der Anspruch auf möglichst wahrheitsgetreue Darstellung, die einer Enzyklopädie zugrunde liegt, geht bei Wikipedia verloren. Seriöse Enzyklopädien bilden jedoch eine wichtige Grundlage für den gesellschaftlichen Diskurs. Sind sie veraltet und sollte Wikipedia zu ihrem Ersatz werden, wird eine sachliche Auseinandersetzung in vielen Fragen ungemein erschwert.    •

Michael Brückner. Die Akte Wikipedia. Falsche Informationen und Propaganda in der Online-Enzyklopädie. Kopp-Verlag Rottenburg. Juli 2014. ISBN 978-3-86445-123-2

Zeit-Fragen, der VPM und Wikipedia

rt. Ein sinnvoller Eintrag zum Begriff Zeit-Fragen liegt bei Wikipedia nicht vor. Der Benutzer wird, statt Informationen zu erhalten, auf einen Link zum Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis verwiesen. Der Leser erfährt so nichts über Zeit-Fragen selbst: Weder, dass Zeit-Fragen als Genossenschaft konstituiert wurde noch dass die Zeitschrift schon seit 1993 erscheint. Weder wird die redaktionelle Arbeit im Sinne des Humanitären Völkerrechts dargestellt noch wird das äusserst breite politische Spektrum wahrgenommen, das Zeit-Fragen abdeckt.
Der Wikipedia-Eintrag zum Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) zitiert ungeprüft Lügen, blendet wesentliche Tatsachen aus und ist deshalb vollkommen unseriös. Ein realistisches Bild über den Verein kann sich so nicht ergeben und ist wohl auch nicht gewollt. Zu Zeit-Fragen selbst erfährt der Wikipedia-Benutzer dabei nichts.
Geht man davon aus, dass ein Internet-Benutzer sich objektiv informieren möchte, so wird er nun mit den sogenannten «Informationen» aus Wikipedia erst recht mit Vorurteilen aufgeladen. Dadurch wird ein sachlicher Zugang bewusst erschwert. Dies ist ein Beispiel für die politische Brisanz von Wikipedia.