Nastrovje!

200 Jahre Partnerschaft und diplomatische Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Mit einer Gemeinschaftsausgabe von Sonderbriefmarken gedenken die Schweizer und die Russische Post ihrer 200jährigen Zusammenarbeit. Denn nicht nur für Briefmarkenfreunde ist die traditionsreiche Zusammenarbeit ein Ereignis, es ist gerade auch in unseren Tagen ein wertvoller kultureller Beitrag für ein friedliches und rechtsstaatliches Zusammenwirken. So lesen wir mit Freude im offiziellen schweizerischen Briefmarkenmagazin «Die Lupe» (2/2014) die Überschrift «Nastrovje». Diese russische Begrüssung soll hier «zum gemeinsamen Wohl» übersetzt werden: «Seit 200 Jahren pflegen Russland und die Schweiz diplomatische Beziehungen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden diese für kurze Zeit aufgelöst, danach aber wiederhergestellt, und seitdem entwickeln sie sich stabil und erreichten in den letzten Jahrzehnten neue Dimensionen und das Niveau einer langjährigen Partnerschaft. Die Verbindungen zwischen den beiden Ländern verfestigen sich, und die Kontakte zwischen den Menschen – dank des ständig wachsenden Austausches in den Bereichen Kultur, Hochschulwesen, Sport und Tourismus – werden immer zahlreicher.
Zum runden Geburtstag dieser Verbindung erscheint eine Gemeinschaftsausgabe von der Schweiz und Russland mit jeweils wichtigen Wahrzeichen der Hauptstadt.» Für die Schweiz wurde der «Zytgloggeturm» in der Altstadt Berns für die 100er-Briefmarke und der «Kazansky-Turm und -Bahnhof» in Moskau für die 140er-Marke abgebildet und von Kaspar Eigensatz (Bern) mit dazu passendem Stempel gestaltet. Auf dem russischen Markenbogen wurden die beiden wunderschönen Zifferblätter der Turmuhren gross mit kleinen Turmdarstellungen kombiniert abgebildet. Sie wurden, ebenso der kunstvolle Stempel, von Sergey Ulianovskiy gestaltet. Die geschichtlichen Hintergründe der beiden Gebäude sind sehr interessant, geben doch die historischen Bauwerke oft guten Einblick in die Kulturgeschichte von Jahrhunderten. So war der Zytgloggeturm zu Beginn des 13. Jahrhunderts ein Wehrturm. Mit dem Wachstum der Stadt rückte der Turm immer mehr ins Zentrum und wurde im 15. Jahrhundert als Gefängnis und später als Uhrturm gebraucht. Im 16. Jahrhundert wurden im Tordurchgang Erlasse und Verordnungen der Stadt Bern angeschlagen. Später wurde der Turm in gelungener Weise ins Stadtbild integriert. Das speziell schöne Glockenspiel und die fröhliche mechanische Ringelreihe von Bären, Löwen, Hahn und dem Zeitgott «Chronos» erfreuen bis heute die Einheimischen und Besucher Berns.
Auch der imposante Kazansky-Bahnhofturm in Moskau hat eine spannende Geschichte. Er gehört zu einem der acht gröss­ten Bahnhöfe der riesigen Stadt und entstand im Jahre 1862. Der Bahnhof war ursprünglich nur ein kleines Holzhäuschen und wurde in verschiedenen Etappen und steigenden Ansprüchen immer wieder erneuert. «Mit der Verlängerung der Eisenbahnstrecke weiter ostwärts bis in die Wolga-Metropole Kasan – der Namensgeberin des Bahnhofs – und dem dadurch stark gestiegenen Fahrgastaufkommen musste der Bahnhof erneut ausgebaut werden.» 1918, nach der Verstaatlichung der Eisenbahn, wurde mit dem Bau des heutigen Bahnhofsgebäudes begonnen. Erst 1940 konnte das riesige Gebäude mit der Turmuhr und unterirdischen Abfertigungshallen und Nahverkehrslinien mit Zugang zur U-Bahn fertiggestellt werden. Eine grosse Leistung von sehr vielen Menschen aus allen beruflichen Bereichen.

Kleine Vorbilder mit grosser Wirkung

Diese Briefmarken sind Kleinstkunstwerke und können wertvolle kulturelle Einblicke und friedensstiftende Brücken schlagen. Dies ist heute notwendiger denn je.   
Der Gedanke an die Briefmarkensammlung unserer Familie weckt schöne Erinnerungen. Es wird gerade heute für Familien eine Verpflichtung, neben der schnellen und oft unpersönlichen Elektronik, wieder vermehrt auch Karten und Briefe mit Inhalt zu schreiben und das Interesse auf diese völkerverbindenden Kleinstkunstwerke zu lenken. Das wäre ein grosser kultureller Beitrag!    •

Informationen: www.post.ch. Die Briefmarken sind für Philatelie bis 30.6.2015, solange der Vorrat reicht, erhältlich; ab 21.5.2014 auch an den Poststellen.