Stabile Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern

Das kleine, feine Land Aserbaidschan

von Niels Peter Ammitzboell

Eine Reise im Frühjahr 2014 führte uns in das kleine, feine Land Aserbaidschan. Bisher war es uns kaum bekannt, nur der Erdölboom und Hitlers Ambitionen waren uns geläufig. Ein Zufall wollte es, dass das Buch von Kai Gauger, Sebastian Schmidt und Nigar Agayeva, «Birdwatching in Azerbaijan», in unsere Hände geriet. Vögel in Aserbeidschan – die Lektüre ergab, dass das Land ohne grössere Umstände zu bereisen ist, wenn man an der Beobachtung von Vögeln und Landschaften interessiert ist. So überlegt – so getan. Nach drei Wochen ausgiebigen Reisens, Vogelbeobachtungen und Exkursionen haben wir nicht bereut, ein wenig ins Ungewisse gereist zu sein. Kai Gauger – Biologe der Universität Greifswald – war uns ausserordentlich behilflich bei der Planung, Hajibaba Imanli von Caspian Tours erwies sich als hilfreicher, sehr kompetenter Reiseorganisator.
Aserbeidschan grenzt im Süden an Iran, im Osten ans Kaspische Meer mit Grenzen zu Iran, Turkmenistan, Kasachstan und Russland, im Westen an Georgien und Armenien und im Norden an Russland. Die gegenseitigen Gebietsansprüche um das ehemalige Autonome Gebiet Bergkarabach bedürfen dringend einer politischen Lösung. Weiter im Südwesten deshalb Nakhchivan, eine abgetrennte Exklave zwischen Armenien und Iran. Nakhchivan ist nur über den Luftweg von Baku oder den Landweg über Iran zu erreichen.

Aserbaidschan liegt direkt an der Ost-Kaukasus – kaspischen Vogelzugroute

Vögel gibt es in Hülle und Fülle – und zwar in jeder Region wieder andere. Blauwangenspinte in der Ebene, Halsbandfrankolin im Shirvanpark, Regenbrachvögel, Seeschwalben überall, Rötelfalken, Limikolen in den Lagunen, viele Adlerarten und alle Arten der Geier in den Vorbergen und im Kaukasus. Wenn plötzlich drei Bartgeier ganz nah über den Felsen kreisen oder der Steppenadler in einem Flusstälchen sitzt – wird jede Zeitplanung über den Haufen geworfen. Rotflügelbrachschwalben kommen in Scharen und lassen sich an der Meeresküste nieder – ein Traum. Blauracken beleben mit ihrem leuchtend blauen Gefieder die lehmfarbige Felslandschaft. Der Shikrasperber thront in seinem Revier im Wäldchen neben der Strasse, wegen seines scharfen eindeutigen Rufes findet man ihn leicht.
Wir waren überwältig von der Fülle der Natureindrücke, wie wir sie sammelten, zum Beispiel im Shirvan Nationalpark, im Delta der Kura, in der grossen Lagune Gizil-Agach, in den Atbulaq Hügeln, in der Mugansteppe, in Göychay und Turian-Chaygebiet, während der Querung Richtung Osten und hinauf in den Kaukasus. Verschiedenartiger könnte ein Land kaum sein: Halbwüste, Steppe, Küstengebiete, Lagunen, Schlammvulkane wie in Gobustan, kahle Berge, bewaldeter Kaukasus mit gigantischen Felskluften und Hochebenen.
Wir erforschten die grossen Lagunen und Küstenstreifen von Gizil-Agach, im südwestlichen Gebiet, um sich anschliessend einige Stunden lang auf einer Staub- und Kiesstrasse mit 20–30 km/Stunde zu quälen. Das langsame Tempo erlaubt jedoch, das Leben der Bewohner der Mugansteppe etwas zu sehen, die vielfach das Wasser aus den grossen und kleineren Bewässerungskanälen schöpfen. Woher nehmen die Menschen das Trinkwasser? Viele Bewohner sind noch Flüchtlinge aus dem Bergkarabachkonflikt, das Leben ist in der staubigen Hitze sehr hart, Hühner und Schafe dienen der Nahrung und werden verkauft.
Schafherden sehen wir überall, sie sind die Ernährung der armen Bevölkerung, quasi die gesamte Existenz liegt in einer Herde, bis in den hohen Kaukasus hinauf, wo die Hirtenhunde ungewünschte Annäherung verhindern, weil jedes Schaf sehr wertvoll ist. Das ist echter Herdenschutz, jedoch für Wanderer ungeniessbar.
Im Norden begrenzt der Grosse Kaukasus über die ganze Breite das Land. Die Viertausender sind im April, Mai noch schneebedeckt, majestätisch erhebt sich der Bazardüzü dag – eine reizvolle Kulisse.
Es war uns leider verwehrt, den Shahdag Nationalpark zu besuchen. Zu nahe befindet sich dieser an der Grenze zu Russland, Militärposten bewachen die Zugänge. Sehr freundlich, auf Anweisung des Ministeriums in Baku, werden wir am Betreten gehindert, so wie es vielen Reisenden vor uns in den vergangenen Jahren schon erging. Ein Traum bleibt für uns um so mehr, die lange Querung von Laza nach Xinaliq zu erwandern. Wölfe, auch Bären, immer wieder der Tur – der Ostkaukasische Steinbock – sind dort zu treffen. Das Kaukasuskönigshuhn und Kaukasusbirkhuhn sind endemische Arten, für deren Beobachtung man die Mühen nicht scheuen sollte.
Das Hochtal bei Xinaliq ist ein landschaftliches Wunder für sich. Nachdem man durch eine abenteuerliche Schlucht hinaufgefahren ist, erstreckt sich ein sehr breites Flusstal den Talboden hinauf, an dessen Rändern sich die Berge erheben. Berge, wieder mit einer grossen Fülle von Adlern und Geiern, auch der Steinkauz und der Riesenrotschwanz wohnen hier. Plötzlich, am rechten Strassenrand im Flusstal, sitzen 5 Geier. Sie hüpfen hinauf, es sind Gänsegeier einer nahen Brutkolonie an einer Felswand, plötzlich sieht man 5 weitere Gänsegeier – alle badeten im Fluss und trocknen sich nun in der Abendsonne.
Das Leben der wenigen Bewohner des kleinen Felsdorfes Xinaliq ist sehr hart. Im Winter gibt es keine Verbindung ins Tal nach Guba, der Kreisstadt. Alle Lebensmittel müssen für Wochen vorhanden sein. Wasser ist dort kein Problem, Brot wird selbst gebacken, Eier müssen aber hinaufgebracht werden, oft auch Milch, sofern man sie nicht von den Schafen und Ziegen nimmt. Ein sehr nachhaltige Heizungsart sind die getrockneten Mistfladen, die während des Sommers in Stücke geschnitten werden und aufeinandergeschichtet trocknen. Es geht kein schlechter Geruch von ihnen aus. Sie sind Bestandteil des Dorfes.
Die Vorberge sind etwas weniger hohe Berge, grün in ihrer Erscheinung, Gemüse und Obstanbau an den Hängen, ebenso Gewürze. Die Bauern verkaufen ihre Produkte, zum Beispiel frisch geschlachtete Lämmer, direkt an der kurvigen Strasse durch die Steppenlandschaft. Für uns überzivilisierte Besucher fehlt das Kühlhaus mit den hygienischen Vorschriften, und wir sind geneigt, die Qualität der Produkte zu bezweifeln. Doch aufgepasst: Während gut drei Wochen Aufenthalt haben wir uns im wesentlichen von Lammschaschlik, Huhnschaschlik, Kebab und Hackfleisch, frischem Gemüse, frischen Gewürzen, Gemüsezwiebeln ernährt. Die Qualität und der Geschmack waren vorzüglich. Keine einzige Magenverstimmung, sondern ein köstliches Essen, meist liebevoll zubereitet, frisch vom Hof auf den Teller – die Eier oder Tomaten haben einen feinen Geschmack, den wir hier nicht mehr kennen. Die kleinen Gasthäuser entlang den Strassen bewirten in der Regel die Lastwagenfahrer. Dort stauen sich die Autos, die Ladung wird mit Wasser bespritzt, damit nicht viel wegfliegt. In diesen kleinen Kaffees lohnt es sich zu verweilen. Ein freundliches, geschäftiges Treiben, Austauschen der Lastwagenfahrer miteinander, man hilft sich wegen kaputter Maschinen oder Reifen.
Die grosse Halbwüste/Steppe, die einen Teil des Landes ausmacht, bringt eine ungeheure Menge Staub, ob es nun windig ist oder nicht. Bei Südsturm, wie wir ihn erlebten, ist es geboten, mit Licht zu fahren. Hier bekommt das Land Staub noch aus Iran, im Sommer wird es über 40 Grad. Wir verstehen, wenn die Flucht in die Berge angetreten wird. Doch die Möglichkeiten sollte es nicht nur für Ölmagnaten geben. Die Frage stellte sich uns, ob die Steppe nicht wieder fruchtbar gemacht werden könnte, durch ein geeignetes Wassersystem. Denn der Kaukasus hat genügend Wasser, auch im Sommer und Herbst.
Man gewöhnt sich an den Staub, die Schlaglöcher, unendliche ungeteerte Hauptstrassen, die Fahrweise. Wenn man etwas weiter entfernt ist von der Küste, das heisst im Landesinneren, sehen wir nicht viel von Ölpumpen. Ein guter Teil der Küste jedoch, angesiedelt um Baku, nördlich Sumgait, Absheron, südlich Baku, dann auch wieder Neftchala, und off­shore, ist der Reichtum von Aserbaidschan zu finden. Allerdings nur der Reichtum von sehr wenigen, seit dem Beginn des Ölrausches Anfang des 20. Jahrhunderts. Erfreulich schien uns und überraschend, die emsige Strassenbautätigkeit, das Reparieren der Bewässerungskanäle. Unerfreulich die Prachtbauten, im Jugendstil, enorm bewacht, die Prachtbauten zum Beispiel in Guba, Luxusressorts in den Bergen wie in Laza/Shahdag, die ganze Talschaften und Berggebiete umfassen und wertvolle Naturgebiete zerstören. Als Schweizer Reisender wünscht man kleinere Ferienhäuschen-Siedlungen, die die Berge intakt lassen. Doch das ist inzwischen auch in der Schweiz fast ein schöner Traum. Die Superreichen kaufen sich Berge, Pässe, kaufen sich Bergkuppen wie in Altiagaj, die gut umzäunt und schwer bewacht sind.
Uns fiel die ruhige Stimmung in den Kleinstädten sehr auf. Die Beziehung zwischen Söhnen und Vätern, eine ruhige Beziehung, eine natürliche Autorität, ein natürlich gelebtes Vorbild – wir vermissten Zank und Streit, Gequäke der unzufriedenen Kinder, Eltern, die sich nicht kümmern und daher einen sehr nervösen Nachwuchs hervorbringen – die gesamte Perversität der westlichen Zivilisation kam uns einmal mehr ins Bewusstsein. Diese islamische Gesellschaft erhält sich – so scheint es uns – durch die stabilen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Lernen von unserer Reise konnten wir unendlich vieles – hier nur eines: Wer sich über andere Kulturen und Lebensweisen erheben und auf sie hinunterschauen will, wer auf die vermeintlichen Unzulänglichkeiten oder mangelnden Menschenrechte mit dem Finger zeigen will, wer daraus eventuell auch militärische Interventionen rechtfertigt, ist ein Ignorant und hat einzig Machtinteressen. Er hat in diesem Land nichts zu suchen.    •