Das Dogma des individualisierenden Lernens

von Stevan Miljevic, Lehrer, Siders VS

Das individualisierende Lernen ist ein Erbe aus den 68er Jahren, das in den Ausbildungsstätten noch immer modern ist. In den Pädagogischen Hochschulen (PH) ist die Indoktrination stark: Man verwendet die Individualisierung in allen Variationen.
Aber was ist eigentlich mit individualisierendem Lernen gemeint? Philippe Perrenoud* definiert dies folgendermassen: «Individualisieren heisst mit dem frontalen Unterricht – dieselben Lektionen, dieselben Übungen für alle – zu brechen; es heisst vor allem, die Schularbeit und die Vorbereitungen so zu gestalten, dass jeder Lernende ständig eine optimale Situation vorfindet. Diese Vorkehrungen müssen alle verfügbaren Ressourcen nutzen, mit allen Parametern spielen, um die Aktivitäten so zu gestalten, dass jeder Schüler ständig oder zumindest sehr oft mit den fruchtbarsten und für ihn ergiebigsten Lernsituationen konfrontiert ist.»1
Diese Absicht ist lobenswert, da sie jedem Schüler ermöglichen möchte, in seinem Tempo voranzuschreiten. Die Anhänger der Individualisierung schlagen vor, den Unterricht an die Bedürfnisse jedes Schülers anzupassen. Diese unterscheiden sich je nach bisherigem Wissensstand, Denkweise, Lernmotivation und psychologischen Merkmalen usw. Kurz gesagt, die einzelnen Schüler haben weder das gleiche Rüstzeug an Kenntnissen noch dieselben Lernmethoden. Zumindest gemäss den Anhängern dieser Methode.
Um diese Unterschiede auszugleichen, soll mit unterschiedlichen Inhalten für jeden Schüler (oder jeder Gruppe von Schülern) gearbeitet werden. Der Gedanke dabei ist, die Lernmethoden zu individualisieren, nicht die Lernziele. So kann man verschiedene Lern­ateliers in derselben Klasse schaffen, und jedes Atelier erarbeitet einen besonderen Aspekt des Themas, oder man variiert die Hilfsmittel im Unterricht.
Das alles scheint recht interessant. Auf dem Papier jedenfalls. Denn in der Praxis kommt es ganz anders heraus, und zwar aus mehreren Gründen.
Der erste fundamentale Irrtum der Individualisierung ist zu glauben, dass es nützlich sei, sich an den Lernstil jedes einzelnen Schülers anzupassen. Die kognitiven Wissenschaften haben bis zum heutigen Tag nicht nachweisen können, dass beim Lernen nennenswerte Unterschiede entstehen, je nachdem ob jemand eine impulsive oder eher zurückhaltende Haltung hat oder ob er eher konkret oder abstrakt über Dinge nachdenkt. Dies veranlasste Daniel T. Willingham** zur Feststellung:
«Die Kinder sind in ihrer Art zu überlegen und zu lernen eher ähnlich als unterschiedlich. Achtung! Ich habe nicht gesagt, dass alle Kinder gleich sind und auch nicht, dass die Lehrer sie wie austauschbare Wesen behandeln sollen. […] die Lehrer interagieren mit jedem Schüler anders […], aber sie sollten wissen, dass es gemäss der wissenschaftlichen Forschung zum Thema keine grundsätzlich verschiedenen Schülertypen gibt.»2
Im Klartext heisst dies, dass es keinen Vorteil bringt, die Vorlieben im Bereich des Denkens bei jedem Schüler berücksichtigen zu wollen. Beim Lernen geht es darum, die passendste Lernstrategie für die Erfassung des zu unterrichtenden Inhalts anzuwenden und nicht, dass jeder Schüler seine individuellen Denkweisen ausleben kann. Alle Schüler sind fähig, ihr Denken auf den jeweiligen Unterrichtstoff auszurichten.
Der zweite Irrtum der Anhänger der Individualisierung ist zu suggerieren, dass es vor ihnen keinerlei Individualisierung gab. Wenn es sich um das Üben handelt, so ist es von jeher so, dass dieses je nach dem zu erlernenden Stoff variiert. In den alten Mathematikbüchern zum Beispiel wimmelt es von verschiedenen Übungen, mit denen die Fähigkeit eines Schülers getestet werden, ein bestimmtes Wissen in den vielfältigsten Situationen anzuwenden. Infolgedessen, auch wenn die Vertreter der Individualisierung das Gegenteil behaupten, ist es durchaus möglich, die Übungsmöglichkeiten zu variieren (solange dies natürlich sinnvoll ist), ohne den Rahmen einer eher traditionellen Pädagogik zu verlassen.
Der dritte Irrtum der Individualisierung im Unterricht ist es zu glauben, dass die Aufteilung der Klasse in Kleingruppen oder die Schüler gar einzeln lernen zu lassen – mit einer als Coach und Animator fungierenden Lehrkraft –, diese in eine optimale Lernsituation bringen könne. Viele Lehrkräfte sind sich einig darüber, dass Gruppenarbeiten – selbst wenn die Disziplin gut ist (was aus meiner Sicht eher die Ausnahme als die Regel darstellt, besonders in der Arbeit mit Jugendlichen) – zumeist einen Lärmpegel produzieren, der die Konzentration keineswegs fördert. Man sollte nicht vergessen, dass das Arbeitsgedächtnis des Menschen nur eine beschränkte Anzahl von Informationen gleichzeitig verarbeiten kann. Bei einem hohen Lärmpegel kommt das Arbeitsgedächtnis schneller an seine Grenzen. Das Verstehen eines Lerninhalts wird somit schwieriger.
Es ist selbstverständlich, dass durch diese Organisationsform die Schüler viel schneller abgelenkt sind: besonders bei Gruppenarbeiten gibt es schnell Situationen von spontanem, unkontrolliertem Schwatzen. Ich bin bereit eine Wette einzugehen, dass selbst ein in dieser Arbeitsform beschlagener Lehrer dieser Situation ausgesetzt ist. Niemand kann behaupten, dass die Zunahme von Ablenkungsmöglichkeiten zu einem besseren Lernen führt.
Analysieren wir nun die Auswirkungen der Individualisierung bei Schülern mit unterschiedlichem Lernstand. Es ist klar, dass ein sehr guter Schüler Anregungen erhalten muss, wenn die Klasse hinterherhinkt. Die Lehrkraft muss ihm ein schnelleres und besseres Voranschreiten ermöglichen. Dies wird jedoch seit langem gemacht und bringt uns somit zum zweiten Irrtum zurück.
Im Gegensatz dazu ist es nicht wünschenswert, schwächere Schüler während der Unterrichtszeit vermehrt Übungen machen zu lassen, da sie dadurch noch mehr in Rückstand geraten. Es bringt mehr, dies ausserhalb der Unterrichtszeit zu tun, zum Beispiel in Stützkursen, was logischerweise schon lange vor der 68er Zeit bekannt war.
Schliesslich werden subtile individuelle Aufgabenstellungen (zum Beispiel einzelne Schüler wichtige Elemente eines Textes unterstreichen lassen) kaum ein besseres Lernen ermöglichen. Vielleicht erleichtert dies zwar die Lösung des behandelten Problems, aber das damit mehr Wissen oder mehr Können ermöglicht wird, ist sehr zweifelhaft.
Es ist auch festzuhalten, dass ein Schüler, der spürt, dass man ihn vor den Augen der Mitschüler anders behandelt, dies kaum als Chance sieht, sondern dass das in ihm eher negative Gedanken hinsichtlich seiner Erfolgsmöglichkeiten auslöst. Umgekehrt, wenn die Klasse als Gruppe arbeitet, und wenn er dasselbe tut wie die anderen, fühlt er sich nicht unterlegen.
Was sagt nun eigentlich die seriöse Wissenschaft dazu, welche die Aufgabe hat, Hypothesen zu prüfen, um sie entweder in wissenschaftliche Kenntnisse umzuwandeln oder sie in die Welt der Phantasien zu verweisen? 2008 haben Jobin und Gauthier sich mit dieser Frage beschäftigt und die wissenschaftliche Literatur zum Thema Individualisierung im Unterricht gesichtet. Nachdem sie doppelte Untersuchungen ausgeschlossen hatten, blieben 13 verschiedene Studien zu diesem Thema übrig. Die Schlussfolgerung aus ihrer Arbeit ist, dass eine Studie die Wirksamkeit der Individualisierung bestätigte, vier Studien zum Schluss kamen, dass eine Wirksamkeit nicht auszuschliessen sei und die restlichen acht Studien keinerlei Wirksamkeit belegen konnten. Jobin und Gauthier leiteten davon ab, dass dieser Unterrichtsform mit Vorsicht begegnet werden muss.3
Die Mega-Analyse von John Hattie hingegen4 – die bis heute wichtigste Referenz im Bereich der empirischen Analysen (Hattie untersuchte mehr als 50 000 Studien, die 80 Millionen Schüler betrafen) – fällt ein eindeutiges Urteil über die Individualisierung im Unterricht. Sie erreicht nur einen Wirkungsgrad von 0.23, während der Durchschnitt aller Unterrichtsformen einen Wirkungsgrad von 0.4 erreicht. Dies ist ein sehr schwaches Ergebnis. Der Einfluss auf den Lernerfolg liegt unter demjenigen eines Rechners oder der Grösse der Schule. Selbst Verirrungen wie die systematische Verwendung von Spielen im Unterricht oder das autonome Lernen («Pédagogie par enquête») erreichen bessere Ergebnisse.
Abschliessend müssen wir angesichts des aktuellen Stands der Dinge und der wissenschaftlichen Erfahrungen wohl festhalten, dass die Aussagen von Philippe Perrenoud völlig deplatziert sind und dass die Individualisierung im Unterricht, dort wo sie nicht schon offene Türen einrennt, nur zur Zerstörung erfolgreicher und bewährter Unterrichtsformen beiträgt.    •

1    http://fr.wikipedia.org/wiki/Différenciation_pédagogique, konsultiert am 16.2.2014
2    Daniel T. Willingham, «Pourquoi les enfants n’aiment pas l’école! La réponse d’un neuroscientifique», La Librairie des Ecoles, Paris, 2010,
S. 145–146
3    http://www.formapex.com/courants-pedagogiques/101-quels-sont-les-effets-de-la-pedagogie-differenciee-sur-la-reussite-des-eleves-une-analyse-de-recherches  konsultiert am 20.2.2014
4    http://visible-learning.org/hattie-ranking-influences-effect-sizes-learning-achievement/   konsultiert am 18.2.2014

* Philippe Perrenoud, Soziologe und Anthropologe, Professor an der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften, Universität Genf.
** Daniel Willingham ist Professor für Psychologie an der University of Virginia, USA.
Quelle: stevanmiljevic.wordpress.com/2014/02/19/le-dogme-de-la-differenciation-en-pedagogie/ 
(Übersetzung Zeit-Fragen)