«Die Schule hat die Aufgabe, Schüler weiter- und vorwärtszubringen»

«Junge Menschen müssen wissen, wie unser Staatswesen funktioniert»

Interview mit Nationalrat Jakob Büchler

thk. Als Meisterlandwirt und Lehrlingsausbildner hat der CVP Nationalrat Jakob Büchler den Abbau der Bildung bei den ihm anvertrauten Auszubildenden über Jahre hinweg mitverfolgt. Besonders die Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen sind immer weniger ausgebildet, was sich negativ auf das Berufsleben und das gesellschaftliche Zusammenleben auswirkt. Im folgenden Interview legt er dar, wo er die Ursachen für diese Misere sieht und wie man dieser Abhilfe schaffen könnte.

Zeit-Fragen: Herr Nationalrat Büchler, Sie haben jahrelang angehende Landwirte, männliche und weibliche, ausgebildet. Konnten Sie damals schon einen Mangel an Bildung in den Grundlagenfächern feststellen?

Nationalrat Büchler: Als Lehrlingsausbildner im Bereich der Landwirtschaft habe ich genau das festgestellt. Wichtige Grundvoraussetzungen wie Lesen, Rechnen, Schreiben, die früher die Kernaufträge der Schulen gewesen sind, hatten schon vor 10, 15 Jahren immer mehr an Wichtigkeit verloren. Ich konnte über die Jahre feststellen, dass das Beherrschen der deutschen Sprache in Wort und Schrift immer schlechter wurde. Als Lehrlingsausbildner musste ich dann jeweils den jungen Menschen helfen, damit sie ihre Defizite etwas verringern konnten, und mich am Abend hinsetzen und mit ihnen die Dinge aufarbeiten. Das ging natürlich häufig auf Kosten der Zeit, die ich sonst mit meiner Familie verbracht hätte.

Waren das nicht Einzelfälle?

Nein, leider nicht. Auch von verschiedenen Kollegen habe ich immer Gleiches gehört. Inzwischen hat sich dieser Trend noch verstärkt. Die Grundlage für eine gute Sprache und einen guten schriftlichen Ausdruck wird heute in den Schulen zu wenig gelegt. Der Lehrer soll nicht mehr Lehrer sein, und die Lernenden werden zu wenig im Unterricht gefordert und gefördert.

Wo mussten Sie den Lehrlingen Unterstützung geben?

Der Landwirtschaftslehrling muss während seiner Ausbildung ein Betriebsheft, ein Betriebsbuch, führen. Dort hat er die verschiedenen Arbeiten, die er als Lehrling zu erledigen hat, zu protokollieren und einen Bericht darüber zu erstellen. Beispielsweise wird auf seinem Lehrbetrieb Getreide angebaut, das jetzt geerntet werden muss. Seine Aufgabe besteht darin, einen Bericht zu verfassen, und zwar von der Aussaat bis zur Ernte. Dieser Bericht wird im Betriebsheft abgelegt. An der Lehrabschlussprüfung bildet dieses Betriebsheft eine wichtige Teilnote. Wenn solch ein Bericht vor Fehlern strotzt und man kaum noch erkennen kann, dass es Deutsch ist, dann ist der Lehrmeister gefordert und muss dem jungen Auszubildenden helfen, den Bericht in eine anständige Form zu bringen, damit ein Experte, der in das Betriebsheft Einsicht nimmt, es nicht gleich wieder aus der Hand legt.

Welche Funktion hat das Betriebsheft?

Es soll als Nachschlagewerk dienen. Der Lehrling soll es für seinen späteren Beruf als Unterstützung gebrauchen können. Er ist später im Beruf mit einer Arbeit konfrontiert und weiss nicht mehr genau, wie die Abläufe sind, dabei kann ihm dieses Betriebsheft später gute Dienste leisten. Damit er auch einen Nutzen davon hat, sollte es lesbar sein, einen logischen Aufbau besitzen und als Informationsquelle dienen können. Das ist natürlich nicht der Fall, wenn Dutzende von Fehlern auf zwei A4-Seiten zu finden sind.

Man kann also sagen, der Trend hat vor 10, 20 Jahren begonnen. Anfang der 90er Jahre trat man von behördlicher Seite grosse Schulreformprojekte los, aber wenn man heute schaut, dann ging dies mehrheitlich in die falsche Richtung. Die Schüler können zwar mit elektronischen Geräten umgehen, aber Lebenspraktisches wie richtig lesen und schreiben lernen sie nur noch ansatzweise.

Ja, leider ist es genau so. Man stellt zwar fest, dass das Angebot der heutigen Lehrpläne gewaltig gross ist. Man macht in vielen Bereichen ein bisschen was, aber nichts geht mehr in die Tiefe. Das hat eine Oberflächlichkeit zur Folge, die nicht zum Ziel führen kann. Es geht eigentlich darum zu sagen, was wichtig ist für die Zukunft, für die kommende Generation, die am Arbeitsplatz, aber auch in unserer Gesellschaft ihren Mann stehen muss. Da braucht es ein Grundwissen, das jeder haben sollte.

Sie sprechen unsere Gesellschaft an. Gerade unsere direkte Demokratie erwartet von unseren Staatsbürgern eine gute und grundlegende Ausbildung, damit die Bürger und Bürgerinnen sich eine eigene Meinung über anstehende Sachgeschäfte machen können und unser ausgezeichnetes politisches System mittragen können.

Ja, auf alle Fälle, ich denke neben den Grundfertigkeiten natürlich auch an den Geschichts- und Staatskundeunterricht. Die jungen Menschen müssen wissen, wie unser Staatswesen funktioniert; was gibt es für demokratische Rechte und Pflichten, wie funktioniert unser Föderalismus, worüber muss ich am nächsten Abstimmungstermin abstimmen, ist es sinnvoll, eine Initiative oder ein Referendum zu unterschreiben? Wie ist unser Staatswesen aufgebaut von den Gemeinden über die Kantone bis hin zum Bund. Das sollte jeder in unserem Land kennen? Wenn man das den jungen Menschen beibringt, dann sieht man, dass das Verständnis wächst und das Bedürfnis geweckt wird, sich am politischen und gesellschaftlichen Leben aktiv zu beteiligen. Die Stimmbeteiligungen von heute sind ein Spiegel dieser Unkenntnis. Die Jungen sagen häufig, dass sie das nicht sehr interessiert, was da in der Politik beschlossen wird, Hauptsache ist, es gehe ihnen gut. Es darf nicht sein, dass man erst etwas unternimmt, wenn es einem nicht mehr gut geht. Das Steuer herumreissen, das kann man auch kurzfristig, aber bis sich das dann wirklich positiv auswirkt, kann es Jahre dauern. Wir müssen immer vorausschauend denken und uns überlegen, in welche Richtung soll das Ganze gehen. Wenn man etwas verbessern möchte, dann muss man die Veränderung rechtzeitig einleiten und nicht erst, wenn es zu spät ist. Dazu braucht es gut ausgebildete Menschen.

Vieles, was Sie jetzt ausgeführt haben, müsste neben der Schule auch schon in der Familie gelegt werden. Wie sehen Sie die Bedeutung der Familie in diesem ganzen Problemkreis?

Die Bedeutung der Familie kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Familie ist die Urzelle unserer Gesellschaft, unserer direkten Demokratie. Die Familie bildet einen unheimlich wichtigen Teil des menschlichen Daseins und seiner Entwicklung. Es sind die ersten Jahre, in denen das Kind lernt, sich in einer Gemeinschaft zurechtzufinden, mit den Eltern, mit den Geschwistern. Es lernt sich ein- und unterzuordnen, es lernt die Muttersprache, die Kultur usw. Man kann eigentlich sagen, das Kind lernt den Grundstoff für das ganze Leben. Wenn die Eltern diese Grundlagen nicht mehr legen, muss das tatsächlich verstärkt die Schule übernehmen, aber das ist dann schon reichlich spät. Deshalb muss man der Familie unbedingt Sorge tragen.

Heute haben wir immer seltener die traditionelle Familie …

… natürlich, Familien haben heute verschiedene Formen. Die Urform der Familie mit Mann, Frau und Kindern ist heute immer noch von grosser Bedeutung. Natürlich gibt es heute noch andere Formen von Familien wie alleinerziehende Mütter, es gibt Familien mit Kindern aus verschiedenen Ehen usw. Hier sind die Herausforderungen noch viel grösser. Kinder sind immer die schwächsten Glieder in einer Kette. Bei ihnen merkt man schnell, wenn sie Defizite im gemeinschaftlichen Zusammenleben und beim konzentrierten Lernen haben. Ein Kind, das keinen familiären Halt erlebt hat, reagiert dann häufig ganz anders als andere Kinder. Es ist offensichtlich, dass es diese Menschen nachher im Berufsleben schwerer haben werden, ihren Mann zu stehen und ihre Leistungen zu bringen. Das zeigt sich genau dann, wenn grosse Belastungen auf einen zukommen. Man kann den Kindern schon alle Steine aus dem Weg räumen, aber früher oder später kommt der Tag der Bewährung. Wenn man das dem jungen Menschen nicht mit auf den Weg gibt, dann scheitert er am Schluss im Berufs- und Lebensalltag. Dann gibt es die «grossen Aussteiger», die sagen, das Leben sei vergebens, und sie hätten keinen Platz in der Gesellschaft, man brauche sie nicht, sie seien nicht gefragt. Man verliert die Wertschätzung und das positive Gefühl für sich selbst. Meistens endet das in einem Teufelskreis mit Drogen, Alkohol und ähnlichem.

Wenn man die Zeitung aufschlägt, finden sich immer wieder Beispiele von Jugendlichen, die in die Mühlen der Justiz geraten, weil ihnen eine sinnvolle Orientierung im Leben fehlt …

… ja, gerade kürzlich stand in der Zeitung folgende Geschichte: Ein 17jähriger ist mit einem Auto unterwegs und entzieht sich einer Polizeikontrolle durch Flucht. Am nächsten Kreisel verliert er die Beherrschung über das Auto und landet auf einer Wiese neben der Strasse. Er war 17 Jahre, hatte keinen Führerschein und war zu allem noch alkoholisiert. Was hat dieser Bub für eine Kinderstube gehabt? Im Auto sass noch ein 18jähriger Kollege, der beim Unfall schwer verletzt wurde. Was hat der für eine Erziehung genossen? Wenn man dem Burschen vermittelt hätte, dass erst dann Auto gefahren wird, wenn man im Besitz eines Führerscheins ist – das ist die Ordnung unserer Gesellschaft –, wäre das nicht passiert. Mit dieser liederlichen Haltung wird er es im Beruf kaum auf einen grünen Zweig bringen.

Was fehlt vielen jungen Leuten heute?

Als Bauern haben wir immer gesagt, einem jungen Baum muss man einen Pfahl geben, damit er sich daran halten kann, bis er seine eigene Stärke entwickelt hat. Beim Menschen ist es doch genauso. Wenn man dem jungen Menschen die Leitplanken nicht gibt, dann muss er scheitern. In dieser überreizten und überfluteten Gesellschaft findet er den Weg nicht mehr. Wie soll er sich in einem riesigen Regal von Angeboten zurechtfinden und wissen, was ihm gut tut oder was ihn nicht weiterbringt, wenn er nicht in der Erziehung eine klare Orientierung mit auf den Weg bekommen hat. Wenn der junge Mensch merkt, dass er gescheitert ist, dann kommt der Griff nach den Drogen und Alkohol sehr schnell. Dann ist der Absturz vorprogrammiert.

Ich verstehe Ihre Ausführungen als ein Plädoyer für eine starke Familie. Hier ist der Pfahl das Sinnbild für die Eltern, an denen sich die Kinder orientieren und festhalten können. Heute ist das Orientierunggeben immer mehr verpönt, besonders auch im Schulunterricht. Wie beurteilen Sie diese Entwicklungen?

Das führt dazu, dass viele Eltern nicht mehr mit ihren Jungen fertig werden und dann von der Schule erwarten, dass sie diese Aufgaben übernimmt. Die Schulen wiederum sehen sich nicht in der Lage, in diesem Masse Erziehungsarbeit zu leisten, das überschreitet die Kapazitäten; auf der anderen Seite fehlt den jungen Menschen häufig ein klarer Kompass. Die Kinder, die zu Hause nicht richtig geführt wurden, wie will man diese in der Schule auf den richtigen Weg bringen? Wenn sie in die Schule kommen, ist das häufig bereits zu spät, abgesehen davon, dass die Zeit fehlt. Die Schule hat die Aufgabe, die Schüler weiter- und vorwärtszubringen. Sie muss ein Leistungsziel, ein klar definiertes Ziel erreichen. Wenn es Lernende hat, die über die Schnur hauen, dann führt es natürlich dazu, dass das Ziel nicht erreicht wird. Das sind dann die Störenfriede, und sie werden abgeschoben. Sie werden stigmatisiert und landen auf dem Abstellgleis. Der Teufelskreis ist vorprogrammiert. Und jetzt das Niveau nach unten anzupassen, das darf nicht sein. Wir müssen unsere leistungsorientierte Schule behalten. Es kann nicht sein, dass wir immer neue Fächer einführen und die Grundlagenfächer immer mehr vernachlässigen, so dass bald keiner mehr seine Muttersprache beherrscht, aber dafür ein paar Phrasen auf Englisch sagen kann.

Wie sehen Sie den Leistungsabbau in der Schule, der meist mit einem Überangebot an Fächern daherkommt, aber das, was man als Staatsbürger und als Teilnehmer im Berufsleben braucht, nicht mehr wirklich lehrt?

Das ist ein riesiges Problem, zum Beispiel in der Elektronik. Sie ist heute natürlich sehr wichtig, aber sie löst nicht unsere Probleme. Der Mensch muss auch praktisch eine Leistung bringen, und das ist ausserordentlich wichtig. Da müssen wir schon vernünftig bleiben und aufpassen, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Es kann nicht sein, dass alles angerissen wird, von jedem zwar ein bisschen vermittelt wird, aber nichts mehr richtig gelehrt wird und nichts in die Tiefe geht. Diese Gefahr besteht durchaus. Wir müssen aufpassen, dass wir vor lauter modern und fortschrittlich sein unsere wichtigste Ressource – gut ausgebildete junge Leute – nicht aufs Spiel setzen.

Wie können junge Menschen nach der Schule den Beruf finden, der zu ihnen passt und ihnen auch gefällt?

Ich habe einen guten Kontakt mit einem pensionierten Kantonsschullehrer. Der führt im Sarganserland ein ganz gutes Projekt. Dabei geht es vor allem um den Schritt von der Schule ins Berufsleben. Er hat festgestellt, dass sehr viele Maturanden gar nicht wissen, was sie werden wollen. Wenn man sie fragt, geben sie oft zur Antwort, ich gehe an die Uni. Viele wissen nicht, dass es auch ein Berufsleben gibt, ohne an der Universität gewesen zu sein. Dieser Kantonsschullehrer hat in diesem Gebiet mit der Industrie Sarganserland-Werdenberg ein Abkommen getroffen, damit junge Menschen für eine Woche einen dieser Betriebe besuchen. Dabei lernen sie kennen, was ein Polymechaniker mit seinen zehn Fingern, mit seinen zwei Händen macht. Das führt meistens zu einem grossen Aha-Erlebnis und wird von den jungen Menschen ganz positiv aufgenommen. Sie sind erstaunt, was es alles für spannende und interessante Berufe gibt. Die Industrie ist händeringend darum bemüht, junge Menschen für diese wichtigen Berufe zu gewinnen und findet sie nicht. Er hat meines Erachtens einen sehr guten Ansatz geschaffen und versucht nun, staatliche Unterstützung zu bekommen. Die Jungen sind begeistert und machen gerne mit. Sie sind froh, etwas über die Vielzahl von Berufen, die es auch noch gibt, zu erfahren.

Neben dem Versuch, unsere Schule umzukrempeln, gibt es auch Stimmen, die unser bewährtes duales Bildungssystem, aus welchen Gründen auch immer, in Frage stellen. Was denken Sie dazu?

Das duale System, an dem müssen wir unbedingt festhalten. Andere Länder beneiden uns deswegen. Ein Bekannter in Schweden hat ein Problem mit der Wasserleitung gehabt und einen Sanitärinstallateur bestellt. Als er diesen bei der Arbeit beobachtete, stellte sich ihm die Frage, ob er überhaupt schon jemals eine Zange in der Hand gehabt hat. Am Schluss hat er ihm gesagt, wie er die Zangen zu halten hat und wie man das Problem am besten beheben kann. Es ist wirklich ein grosser Vorteil, dass wir das Theoretische mit dem Praktischen verbinden können. Das führt dazu, dass wir gut ausgebildete Leute haben, und daran müssen wir unbedingt festhalten.

Herr Nationalrat Büchler, vielen Dank für das Gespräch.     •

(Interview Thomas Kaiser)