Genossenschaften statt Naturpärke

Société coopérative La Cavagne – ein gelungenes Selbsthilfe-Projekt im Val d’Illiez

von Dr. iur. Marianne Wüthrich

Das Haupt-Lockmittel, um die Schweizer Land- und Berggemeinden in einen sogenannten Naturpark hineinzudrängen, war die Behauptung, mit dem Park-Label auf den regionalen Produkten könne die Wertschöpfung der einheimischen Betriebe enorm erhöht werden. Mit der Zeit wurden diese Werbetrommeln zu einem dünnen Flötentönchen. Denn nachdem einige Pärke ein paar Jahre bestehen, ist die versprochene Wertschöpfung in keiner Weise eingetreten. Es bleiben die negativen Seiten des EU-Produkts «Naturpark»: die massive Einschränkung der Gemeindeautonomie und damit der direktdemokratischen Entscheidungshoheit der Bürger, die Verbürokratisierung und damit höhere Kosten für die Steuerzahler, die Beschränkung der Bewegungs- und Eigentumsfreiheit durch sogenannte «Naturschutz»-Vorschriften usw. Zeit-Fragen hat öfter über dieses Thema informiert.
Erfreulicherweise ist es trotz der massiven Propaganda der entsprechenden Bundesämter und Beratungsfirmen nicht gelungen, die Schweizer Land- und Bergbevölkerung von ihren bewährten Formen des Wirtschaftens abzubringen – dass dies unter möglichster Schonung der Natur geschieht, ist seit jeher selbstverständlich. Erfreulich ist auch, dass echte – nicht vom Ausland importierte! – Schweizer Organisationen wie die Schweizer Berghilfe und die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete (SAB) ihren Platz behaupten und ihre Aufgabe wie eh und je wahrnehmen.
Ein ermutigendes Beispiel der genossenschaftlichen Organisation des Wirtschaftens, die in der Schweiz seit jeher eine wichtige Rolle spielt, ist die Genossenschaft «La Cavagne».

Prix Montagne für Genossenschaft «La Cavagne»

In einer kürzlich erschienenen Medienmitteilung ist zu lesen, dass die Genossenschaft «La Cavagne» den diesjährigen Prix Montagne gewonnen hat (Medienmitteilung der Schweizer Berghilfe und der SAB vom 19. August). 40 Produzenten im Val d’Illiez, einem Tal im Unterwallis, haben sich zusammengetan, um ihre landwirtschaftlichen Produkte in einem gemeinsamen Laden zu verkaufen. Dank der verkehrsgünstigen Lage an der Strasse zwischen Monthey und Champéry, vor allem aber wegen dem vielfältigen Angebot qualitativ hochwertiger regionaler Produkte, läuft der Verkauf so gut, dass die Genossenschaft 2013 bereits ein zweites Geschäft eröffnen konnte. Dafür bekam sie den Prix Montagne 2014, der mit 40 000 Franken dotiert ist. Verleiher des Preises sind die Schweizer Berghilfe und die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete (SAB).
Vielfältige Produkte von «La Cavagne»: Milch- und Fleischprodukte wie Käse, Ziger, Joghurts, Würste, Schinken und Trockenfleisch, machen rund 60 Prozent des Sortiments aus. Aber auch Früchte und Gemüse aus dem Kanton Wallis sowie verarbeitete Produkte wie Wein, Honig, Konfitüren und Bisquits werden verkauft. Daneben gehört auch Kunsthandwerk zum Angebot, beispielsweise die typischen Körbe, die «La Cavagne» ihren Namen gegeben haben, und ein Apéroservice mit Käse- oder Fleischplatten.
(Quelle: Dokumentation Prix Montagne 2014)

Wertschöpfung nach Schweizer Art

Die Genossenschaft «La Cavagne» hat also den Prix Montagne zugesprochen erhalten, weil sie «nachweislich und beispielhaft einen Beitrag zur Wertschöpfung und zur Beschäftigung» im Berggebiet leistet.
Ganz im Gegensatz zur behaupteten Fantasie-Wertschöpfung der Naturpärke. Von jährlichen Millionenbeträgen an zusätzlicher Wertschöpfung war zum Teil die Rede, so zum Beispiel als Werbung für den Naturpark Thal: «[…] die Vermarktung der regionalen Produkte wird mit dem neuen Label ‹Naturpark Thal› gefördert und ausgebaut. ‹Ferien auf dem Bauernhof› und ‹Schlafen im Stroh› sind beliebte Angebote für Gäste und eröffnen den Landwirten weitere Zukunftsperspektiven und zusätzliche Einnahmen.»

(Quelle: www.naturparkthal.ch/index.php?option=com_content&view=article&id=136:land-und-forstwirtschaft&catid=2:ziele&Itemid=16 )

Abgesehen davon, dass es für die Vermarktung der regionalen Produkte nun wirklich keine Naturpärke braucht – wie Kritiker immer eingewendet haben und wie es das Beispiel «La Cavagne» belegt – müssen die Bauernfamilien in den Pärken ansehnliche Gebühren für das Label berappen, während die Genossenschafter davon frei sind. Nach wie vor im dunkeln bleibt, was Ferien auf dem Bauernhof und Schlafen im Stroh mit den Naturpärken zu tun haben sollen, denn diese Angebote sind keine Erfindung der Park-Strategen, sondern existierten schon lange vor den Pärken.
Die Naturpark-Theoretiker haben inzwischen selbst herausgefunden, dass die Geschichte von der zusätzlichen Wertschöpfung nur heisser Dampf ist. So heisst es in einer Studie der Hochschule für Technik HSR Rapperswil: «Grundsätzlich können regionale Naturpärke in mehrfacher Weise zusätzliche Wertschöpfung auslösen. […] Es wäre allerdings falsch, allzu hohe Erwartungen an die quantitative Dimension dieser Wertschöpfungspotentiale zu wecken.»

(Quelle: Wertschöpfungspotential und gesamtwirtschaftliche Bedeutung von Pärken von Dominik Siegrist & Florian Lintzmeyer, Hochschule für Technik HSR, Rapperswil)

Genossenschaft als bewährte Form der gemeinsamen Selbsthilfe

Den Schweizer Bauern weht heute – wie andernorts auch – ein rauher Wind um die Ohren, und besonders im Berggebiet ist es für viele Kleinbetriebe nicht leicht, sich über Wasser zu halten. Die Gründung einer Genossenschaft zur gemeinsamen Selbsthilfe, unter Mitwirkung aller Mitglieder von gleich zu gleich, bietet sich natürlicherweise an, auf der Grundlage einer jahrhundertealten Tradition.
«La Cavagne» ist ein ermutigendes Beispiel für das segensreiche Wirken einer ländlichen Genossenschaft oder vielmehr der Menschen, die sich in gemeinsamem Tun zum Wohle aller zusammenfinden.    •

Prix Montagne

«Zum vierten Mal zeichnen die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) und die Schweizer Berghilfe mit dem Prix Montagne wirtschaftlich erfolgreiche Projekte aus dem Berggebiet aus, die nachweislich und beispielhaft einen Beitrag zu Wertschöpfung, zu Beschäftigung oder zu ökonomischer Vielfalt leisten. Eingereicht wurden dieses Jahr 20 Projekte. Die sechs Favoriten kommen aus allen Sprachregionen und zeigen eindrücklich, wie man die Stärken des Berggebiets nutzen und die wirtschaftlichen Lebensgrundlagen verbessern kann. Durch ihren Modellcharakter und die konsequente Umsetzung sind die Projekte auch auf andere Regionen übertragbar und sollen den Menschen in den Bergen als Inspiration dienen.»

Quelle: Medienmitteilung der Schweizer Berghilfe und der SAB vom 19.8.2014