Zum Gedenken an Ernst Kunz

24.3.1917–11.7.2014

Am 11. Juli ist der bekannte Schweizer Tubist, Chordirigent und Komponist Erwin Ernst Kunz im Alter von 97 Jahren in Zürich gestorben. Wir würdigen an dieser Stelle einen Teil seines grossen Wirkens als Mensch und Musiker, weil Ernst Kunz beispielhaft mitgeholfen hat, das Musizieren in allen Bevölkerungsschichten zu fördern und immer mit seinen Mitteln für Recht und Gerechtigkeit eingestanden ist.
Wir haben Ernst Kunz Ende der 80er Jahre kennengelernt. Damals war er bereits über 70 Jahre alt. 25 Jahre währte unsere Freundschaft. Dass sie erhalten blieb, verdanken wir der geselligen, kontaktfreudigen Art unseres Freundes.
Unsere Zusammenarbeit begann damit, dass Ernst Kunz Schulklassen suchte, mit denen er Lieder aufnehmen konnte, damit diese Ansporn zum Singen gäben.
Als Ernst Kunz im Laufe unserer Zusammenarbeit von den Problemen erfuhr, die engagierte Lehrer erlebten, wollte er sich aus tiefer Überzeugung für diese einsetzen. Er schrieb nicht nur Leserbriefe, er unterstützte den Verein zur Förderung Psychologischer Menschenkenntnis (VPM), indem er zuerst an Benefizkonzerten als Kontrabassist mitwirkte und später ganze Konzerte organisierte und als Dirigent leitete. Er sprühte vor Energie, freute sich an den Fähigkeiten der mitwirkenden Sänger und Musiker, auch wenn sie Laienmusiker waren, und förderte gerade so ihre Talente. In Zusammenarbeit mit dem VPM und der Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik» entstand 1995 die CD «Musizieren und erfreuen». Der Chor, der sich damals zusammenfand, singt noch heute. Er trat regelmässig auf, und die Freundschaft untereinander ist wichtig, so wie es Ernst Kunz vorgelebt hat. Wenn jeder mitwirken kann, ungeachtet seiner Herkunft und seines Könnens, schafft dies gute Stimmung. Bei verschiedenen Kongressen von «Mut zur Ethik» wirkte Ernst Kunz als Dirigent dieses Chores zum Beispiel in der sonntäglichen Messe mit.
Bei «Mut zur Ethik» fand Ernst Kunz Menschen, die sich von seiner Begeisterungsfähigkeit anstecken liessen und sein Anliegen gerne aufnahmen und unterstützten. Singen und Musizieren tut gut, ist Ausdruck der Lebensfreude, der grundsätzlichen Bejahung des Lebens. Mit dem Lied geben wir nicht nur eine Stimmung weiter, sondern auch Gedanken. So verfasste Ernst Kunz Lieder zu verschiedenen Themen, nicht nur zu Jahreszeiten, Festen oder Wandern, sondern auch Lieder zu ernsten Themen wie zur Drogenabwehr, zu Krieg und Frieden oder zur Gemeinschaft. Er schuf dabei sowohl die Melodie als auch den Text selber. Er war Dichter, Komponist und Musiker in einer Person, zugleich auch menschlich und sozial engagierter Zeitgenosse.
So ist auch das unten abgebildete Kinderliederbuch entstanden. – Im Alter noch hat Ernst Kunz gelernt, für die Noten den Computer einzusetzen, und es eröffneten sich ihm ungeahnte Möglichkeiten, all das, was er an musikalischen und textlichen Einfällen hatte, zu Papier zu bringen. Ganze Orchesterwerke konnte er schreiben, aber eben auch Lieder zu allen möglichen Gelegenheiten. Das Kinderliederbuch lag ihm sehr am Herzen, und es wurde ein Gemeinschaftswerk: Künstler gestalteten Illustrationen und Ernst Kunz die Lieder, Lieder zu vielen Bereichen des jugendlichen Lebens, zum Teil einstimmig, zum Teil mehrstimmig, aber alle bewusst im traditionellen Stil. Das Buch ist eine Fundgrube für Jung und Alt!
Soweit die äusseren Daten unserer Zusammenarbeit. Seine Leistung allein hat ihn aber noch nicht zu unserem Freund gemacht. Was ihn als Mensch und Musiker auszeichnete, war seine Gesinnung und sein zutiefst mitmenschliches Anliegen. Ernst hatte ein grosses Interesse am andern Menschen und erfuhr deswegen in kurzer Zeit unglaublich viel. Er fand schnell Kontakt und lernte dank seinen Sprachkenntnissen auf der ganzen Welt unzählige Menschen kennen. Mit wachem Geist erfragte er die wichtigen Dinge und bemerkte schnell, wo Not war und wo er als Helfer einspringen konnte. Beim Musizieren mit Kindern ging es ihm immer darum, die Freude am Singen zu fördern. Nicht die Perfektion der Aufnahme war ihm wichtig, sondern die Vorstellung, dass die Kinder dazu angeregt wurden, freudig mitzusingen. Seine Devise war, jeder Mensch, der eine Stimme hat, kann singen. Und es war ihm ein grosses Vergnügen, sowohl bei den Kindern als auch bei den Erwachsenen verborgene musikalische Talente zum Vorschein zu bringen.
Dabei erinnerte er sich an seine Jugendzeit, in der er selber den Weg zur Musik gefunden hatte, und voll Dankbarkeit erzählte er uns immer wieder, dass ihm als schon 10jährigem Jungen seine Mutter mit ihrem letzten Batzen sein erstes Instrument gekauft habe, eine alte, defekte Handorgel. Er fand ganz alleine heraus, wie sie zu bedienen sei, und das Schicksal wollte es, dass – als der Bub sein Instrument draussen auf der Haustreppe spielte – ein Musiklehrer in genau jenem Augenblick am Haus vorbeiging und diese Töne hörte. Dieser Lehrer wusste um die Armut im Hause Kunz und anerbot seiner Mutter, ihren Sohn unentgeltlich in seiner Musikschule aufzunehmen. Dieser Musiklehrer war der erste Mensch, der das musikalische Talent des Knaben gesehen und es dann auch entsprechend gefördert hat. Was wäre aus ihm geworden, wenn dieser Musiklehrer nicht gewesen wäre und später der weitsichtige Vormund, der dem 17jährigen Jüngling die Aufnahmeprüfung ins Konservatorium Zürich ermöglichte? Schon nach wenigen Jahren war er mit seiner Tuba als weltweit renommierter «Tuba-Kunz» bekannt und half in vielen Berufsorchestern als Tubist aus, wenn in Wien, Mailand, Berlin, Peking, Buenos Aires usw. Not am Mann war. Alle grossen Dirigenten dieser Orchester hätten Ernst Kunz gerne als Vollmitglied übernommen, doch blieb er als Tubist und Kontrabassist dem Tonhalleorchester Zürich von 1937 bis 1982 treu.
Seine eigene Lebensgeschichte war ein Motor für das vielfältige Schaffen von Ernst Kunz. Er wollte den Kindern und den Lehrern Lieder in die Hand geben, damit sie zum Singen kommen. Er wollte Freude wecken, Talente zum Vorschein bringen und mithelfen, dass das Kulturgut der Musik gepflegt und erhalten bleibt. Und was er an Texten schrieb, das lebte er auch. Er bewahrte eine besondere Heimatliebe und eine ihm eigene Bescheidenheit.
Es war Ernst Kunz wichtig, dass die Musik nie Selbstzweck sein darf. Darum stand für ihn auch seine Karriere als Berufsmusiker nicht im Vordergrund. So war er mit spezieller Freude in der Strafanstalt Regensdorf über viele Jahre als allsonntäglicher Organist tätig und leitete dort mit grossem Erfolg den Chor. Mit diesem produzierte er eine Schallplatte mit Weihnachtsliedern, für welche er sämtliche Lieder für Chor, Bläserkorps der Heilsarmee Schweiz und die Solisten musikalisch bearbeitete und das ganze Gross-Ensemble dirigierte. Insgesamt wurden von diesen Aufnahmen seit 1972 in der Schweiz über 50 000 Tonträger verkauft. Das Engagement als Chordirigent in Regensdorf war ihm ein besonderes Anliegen. Musik ist dazu da, die Menschen anzuregen und zu erfreuen. Ernst Kunz als besonders geselliger Mensch betonte diesen Aspekt immer wieder. Musiker haben eine ethische Verpflichtung, sie müssen sich vielleicht mehr als andere für die Verteidigung der Freiheit und für die Würde des Menschen einsetzen. Sie haben selber in ihrem Leben eine Chance erhalten, das Glück und die Freude der Musik zu erfahren, deshalb haben sie auch eine spezielle Verantwortung und müssen dies in ihrem Leben der Gesellschaft weitergeben. Dies hat Ernst Kunz sein ganzes Leben lang vorbildlich getan!
Wir behalten sein Engagement für die Förderung und Erhaltung unseres Kulturguts und ihn selber als begnadeten Musiker und Freund in bester Erinnerung.

Ursula und Rudolf Richner, Zürich