«So viel zur nationalen Selbstbestimmung. Ich finde, es ist eine Schande.»

Empörung in Asien über die Pariser Friedensverträge von 1919

ts. Der Erste Weltkrieg endet mit der Pariser Friedenskonferenz. Nebst den Vertretern der europäischen Mächte und der USA nahmen auch Gesandte aus jenen Ländern teil, die als Kolonien oder zum Teil kolonialisierte Völker ihren europäischen Herren mit Hunderttausenden von Soldaten und Arbeitskräften zur Seite gestanden hatten. Nicht zuletzt in der Hoffnung, die europäischen Kolonialisten würden sich nach dem Krieg erkenntlich zeigen und ihre Kolonialvölker zum Dank für die Unterstützung in die Freiheit entlassen. Aus China, Indien, Vietnam, Ägypten, Iran usw. kamen sie nach Paris, doch ihre Hoffnungen wurden mehr als enttäuscht. Für China nahm ein Intellektueller teil, der bereits portraitiert wurde (vgl. Zeit-Fragen Nr. 10 vom 6. Mai): Liang Qichao sein Name; sein Ziel: China sollte als souveräner Nationalstaat, unter Aufhebung der «ungleichen Verträge» und aller weiteren Knebelungen, einen Platz in der neuen Weltordnung einnehmen können, als Gleicher unter Gleichen. Schliesslich hatte sich ja der US-Präsident für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen eingesetzt! Man setzte grosse Hoffnungen auf die USA, die als stärkste Finanzmacht der Welt aus dem Krieg hervorgegangen war. Wilsons 14-Punkte-Plan, der nicht nur freien Handel vorsah, sondern auch Regierung durch das Volk, Freiheit der Meere, Beschränkung der Rüstung, Rechte für kleine Nationen und einen Bund der Nationen, der den Frieden sichern sollte, dieser 14-Punkte-Plan ermutigte nationalstaatlich gesinnte Kräfte in Ägypten, der osmanischen Türkei, Indien und anderswo, die europäischen Kolonialmächte herauszufordern.

Die asiatischen Länder setzten 1919 auf US-Präsident Wilson, …

Insbesondere Indien, welches im Ersten Weltkrieg sage und schreibe eine Million Menschen für die Briten aufgeboten hatte, als Soldaten und Arbeitskräfte, erhoffte sich nun eine Befreiung vom kolonialistischen Joch. So schrieb der indische Literaturnobelpreisträger von 1913 Rabindranath Tagore Anfang 1919 an seinen Schriftstellerkollegen, Weltbürger und Kriegsgegner der ersten Stunde Romain Rolland: «In dem riesigen Kontinent Asien gibt es kaum eine Ecke, in der die Menschen noch wirkliche Liebe zu Europa empfinden.» (zit. nach Mishra, S. 235) Und in China war ein Buch mit Reden von US-Präsident Wilson ein Bestseller. Man erhoffte sich viel, vor allem von den USA, und um so grösser war die Enttäuschung, dass die USA mit Frankreich und Grossbritannien alle wichtigen Entscheidungen unter sich aushandelten. China wurde vom Tisch der Grossmächte ausgeschlossen und auf eine Stufe mit Thailand und Griechenland gestellt. Viele asiatische Vertreter wurden aber an der Konferenz gar nicht angehört, so jene von Iran, Syrien und Armenien. Ho Chi Minh, damals mittelloser Hilfsarbeiter in Paris, zeigte sich angewidert von den Franzosen, die 100 000 Vietnamesen für ihren Krieg rekrutiert hatten, als schlichtes Kanonenfutter. Von Wilson hingegen versprach er sich viel; ganz anders Lenin, der schon 1916 den Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus bezeichnet hatte und dabei auch gnadenlos mit den USA abrechnete. Nach der Oktoberrevolution riefen Lenin und Genossen die Völker Asiens auf, das Joch der imperialistischen «Räuber und Unterdrücker» abzuschütteln. Die antiimperialistische Ausrichtung der UdSSR fand Anklang in Korea, Persien, Indien, Ägypten und China. Die Kommunistische Internationale (Komintern) half auch bei den Gründungen lokaler kommunistischer Parteien in den asiatischen Ländern.

 … obwohl sich Wilson für die Vorherrschaft der «weissen Rasse» stark machte

Vorerst stand aber Wilson bei den asiatischen Eliten höher im Kurs als Lenin. Auch, weil die Nachrichtenagenturen, insbesondere Reuters, al-Afghanis alter Feind, in westlichen Händen waren und die Bolschewiken als gefährliche Seuche darstellten.
Die Unterwerfung Haitis und Nicaraguas als militärische Protektorate der USA war in Asien kaum bekannt, auch die Ausgrenzung der «Asian Americans» in den USA schlug in Asien kaum Wellen. Wilson hatte den Ruf des Antiimperialisten, obwohl seine im folgenden aufgeführten «Differenzierungen» für kolonialisierte Völker nicht zu akzeptieren waren. So schreibt Mishra: Wilson «verstand unter dem europäischen Imperialismus die physische Besetzung ferner Länder und Einflussbereiche, und insofern beklagte er ihn. Bei seiner Politik der ‹Offenen Tür› übersah er jedoch, dass der freie Handel, der dritte seiner vierzehn Punkte, für wirtschaftlich schwächere Länder ähnlich erdrückend sein konnte.» (Mishra, S. 241)
Was in Asien nicht oder kaum zur Kenntnis genommen wurde: Wilson bewegte sich durchaus in ähnlichen Kategorien wie Kipling mit seiner «Bürde-des-weissen-Mannes»-Rhetorik. Als Südstaatler machte der US-Präsident nicht nur «Witze» über «Dunkelhäutige», sondern vertrat auch die Auffassung, «weniger zivilisierten Völkern» wie den Philippinen und Puerto Ricanern sei Recht und Ordnung zu bringen, «schliesslich sind sie Kinder und wir Männer». 1917 hatte er betont, die USA hätten sich aus dem Krieg herauszuhalten, damit «die weisse Rasse stark bleibt gegen die gelbe – zum Beispiel die Japaner». Auch könnten intakte USA gewährleisten, dass «die weisse Zivilisation und ihre Vorherrschaft auf dem Planeten» bestehen bleibe.

Mao über Wilson: eine «Ameise auf einer heissen Bratpfanne»

Wilsons Idee der Selbstbestimmung der Nationen bezog sich auf Europa, auf Polen, Rumänen, Tschechen und Serben, nicht etwa darauf, dass die Briten und Franzosen ihre kolonialen Besitzungen hergeben sollten. Mishras Fazit: «Wilson hatte seine Chance gehabt, als er im Frühjahr 1917 erstmals von den Geheimverträgen erfuhr, die festlegten, wie Grossbritannien, Frankreich, Japan und Italien nach dem Krieg ganze Reiche unter sich aufzuteilen gedachten. Er hätte den amerikanischen Kriegseintritt davon abhängig machen können, dass die Alliierten ihre Übereinkunft annullierten. Statt dessen tat er so, als gäbe es diese Verträge gar nicht, und versuchte sogar, deren Veröffentlichung in den Vereinigten Staaten zu verhindern, nachdem die Bolschewiken sie der Welt enthüllt hatten.» (Mishra, S. 243) Als Wilson in Paris einwilligen musste, dass auf Betreiben der Siegermächte in Europa Deutschland vom Völkerbund ausgeschlossen blieb, bedauerte im fernen Hunan der damals 25 Jahre alte Mao Zedong den US-Präsidenten von ganzem Herzen und verglich ihn mit einer «Ameise auf einer heissen Bratpfanne». Und dass Indien und Korea kein Gehör fanden, kommentierte er mit den Worten: «So viel zur nationalen Selbstbestimmung. Ich finde, es ist eine Schande.» (zit. nach Mishra, S. 245)

Ho Chi Minh: «Es war Patriotismus, der mich veranlasste, an Lenin zu glauben»

Das Jahr 1919 war eine Zäsur – weniger für die Westmächte, die zwar auch längerfristig eine Verschiebung des Zentrums Richtung Washington und das Aufgehen einer revanchistischen Saat für die «Schmach von Versailles» in Deutschland feststellen ­mussten – sie blieben aber mit ihren Kolonien und Protektoraten durchaus im Sattel und an der Macht. In Asien hingegen begannen sich Massenparteien zu bilden, die dem vom Westen offiziell deklarierten Rassismus die Stirne bieten wollten: in Indonesien, in Indien, dort vor allem nach dem Massaker in Amritsar vom 13. April 1919, wo britische Soldaten 400 wehrlose Menschen niedermetzelten. Und Ho Chi Minh wurde 1921 Kommunist: «Es war Patriotismus und nicht der Kommunismus, der mich veranlasste, an Lenin zu glauben», schrieb er später. (zit. nach Mishra, S. 249)
Des Briten Lloyd Georges Diktum, die Türken seien «eine menschliche Krebsgeschwulst, eine schleichende Krankheit im Fleisch der von ihnen schlecht regierten Länder, die jede Faser des Lebens verrotten lässt» (zit. nach Mishra, S. 250), reihte sich zwar in die Tradition eines Landes ein, welches als erstes Konzentrationslager errichten liess, in Südafrika im Burenkrieg gegen die – nota bene ebenfalls weissen – Buren, liess die kolonialisierten Völker aber nicht gerade hoffen …

Atatürks Sieg gleichbedeutend wie Japans Sieg bei Tshushima

Als die Briten und Franzosen 1920 Istanbul besetzten, nachdem sie Westanatolien Griechenland zugesprochen hatten, sass der Schock unter den Moslems der Welt tief. Und um so stärker war das Aufatmen, als Mustafa Kemal, später Atatürk genannt, alle ausländischen Truppen von türkischem Boden vertrieb – das Schicksal der griechischen Zivilbevölkerung Kleinasiens steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Atatürk wurde für seine Tat in Indien «Schwert des Islam» genannt – sein Sieg war ähnlich epochal für den Osten wie der Sieg der Japaner bei Tshushima. Wilsons Recht auf Selbstbestimmung, man muss­te es sich militärisch erkämpfen: Das war die Lehre in Asien.
Den stärksten Widerhall fanden Atatürks Siege in China. Denn dort war man doppelt düpiert: Anders als Inder, Osmanen, Ägypter und Koreaner waren die Chinesen auf den Pariser Friedenskonferenzen angemessen vertreten gewesen, China hatte Hunderttausende Arbeitskräfte für die Alliierten zur Verfügung gestellt, war sogar an deren Seiten in den Krieg eingetreten, dennoch: Um Japan nicht weiter zurückzusetzen und da Frankreich und Grossbritannien an ihren Besitzungen festhielten, ging China leer aus und erhielt nicht einmal Shangdong zurück. Shangdong, den prestigeträchtigen Geburtsort von Konfuzius und die Wiege der chinesischen Zivilisation! Japan blieb Besatzer. Sogar in den USA fanden sich Parlamentarier erzürnt über diesen Verrat, der «für jedes Volk eine Schande und Demütigung» wäre, so Senator William Borah. (zit. nach Mishra, S. 252)

«Macht gleich Recht» – wie lange noch?

Der Chinese Liang Qichao konstatierte, noch immer gelte die Aussage «Macht gleich Recht»; Schlagworte wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit seien bloss Schall und Rauch, und: China könne nur allein auf sich selbst zählen. Einsichten, die auch von Kishore Mahbubani geteilt werden, wenn er dem Westen auch heute noch eine Politik der doppelten Standards vorhält. Einsichten, die man als Westler im Umgang mit asiatischen Ländern, aber auch mit der eigenen Geschichte, nicht unter den Tisch fallen lassen sollte.     •