«Die kleinen Bauern haben viel effektiver gearbeitet»

«Die nachfolgende Generation dafür begeistern, dass sie diese Tradition weiterführt»

Interview mit dem Marktfahrer, Staudengärtner und Gemüsehändler Harald Fickardt aus Heldrungen/Thüringen

Heldrungen, ca. 60 Kilometer östlich von Weimar an der Unstrut gelegen, ist ein kleiner Ort mit einer grossen Festung, deren Kern im 16. Jahrhundert entstanden ist und die später erweitert wurde. Bereits im 17. Jahrhundert war Heldrungen für seinen Gemüseanbau bekannt. Soldaten, die im Dienste der Kurfürsten von Sachsen standen, wurden mit Grund und Boden besoldet, auf dem sich dann eine rege Pflanztätigkeit entwickelte. Das führte dazu, dass der Gemüseanbau in Heldrungen die Haupteinkommensquelle der Bevölkerung darstellte. Auf dem fruchtbaren Schwemmland der Unstrut nahm der Anbau ständig zu und erlebte zwischen 1860 und 1870 seinen Höhepunkt. In vergangenen Zeiten fuhr man natürlich unter schwierigsten Bedingungen auf die einzelnen Märkte des Umlandes. Wer ein Pferdefuhrwerk besass, war komfortabel unterwegs, wer nicht einmal eine Handkarre hatte, ­musste die Waren zum nächsten Gemüsemarkt schleppen. Damals halfen alle Familienmitglieder mit, um den Lebensunterhalt zu sichern. Ein schon immer begehrtes Ziel ist die Teilnahme am jährlich abgehaltenen Weimarer «Viehe- und Zippelmarckt», der das erste Mal im Jahre 1653 schriftlich erwähnt wurde. Dieses Jahr findet er vom 10. bis zum 12. Oktober statt. Dieser Zwiebelmarkt gleicht – ähnlich dem Berner «Zibelemärit» – einem Volksfest. Auch die Heldrunger Zwiebelhändler haben Kontakte bis nach Bern. Das folgende Interview wurde mit einem Heldrunger Händler in Weimar geführt, der täglich auf verschiedenen Märkten seine hübschen Blumenkränze und liebevoll gewickelten Zwiebelzöpfe feilbietet. Er erzählt über seine Arbeit als Händler sowie über die Entwicklung dieser Handwerkskunst und welche Rolle sie auch zur Zeit der DDR gespielt hat.

Wo kommen diese wunderschönen Zwiebelzöpfe her?

Der Zwiebelzopf, wie wir ihn hier sehen, ist vor ca. 400 Jahren entwickelt worden, und zwar in einem kleinen Ort namens Heldrungen an der Unstrut. Die Stadt hat heute 1300 Einwohner und diese Tradition wird noch von 20 Familien weitergeführt. Das waren früher viel mehr Familien, aber aus Altersgründen sind es immer weniger geworden. Es ist nicht einfach, die nachfolgende Generation dafür zu begeistern, dass sie diese Tradition weiterführt.

Wie entsteht der Zwiebelzopf?

Dieser wird in kleinen Familienbetrieben hergestellt. Die Grosseltern helfen mit, die Kinder, alle, die Hände haben, helfen mit. Wir haben kleine Gärtnereien oder kleine landwirtschaftliche Betriebe mit 2 bis 6 Morgen Land, mehr hat hier keiner. Das reicht auch aus. Alles wird selbst angebaut: die Zwiebeln, die Trockenblumen und das Stroh. Wenn es so weit ist, sitzen alle beisammen, und es wird geputzt und gewickelt. Zuvor muss natürlich alles unter dem Dach aufgehängt und getrocknet werden. Am zweiten Wochenende im Oktober haben wir dann unseren Zwiebelmarkt hier in Weimar, der europaweite Bekanntheit geniesst, es ist der 361. Er findet jedes Jahr statt, nur zu Kriegszeiten ist er ausgefallen. Zu diesem Markt kommen etwa 250 000 Besucher hier her und mehrere 10 000 Zwiebelzöpfe werden in dieser Zeit verkauft.

Wie sind Ihre schmucken Zwiebelzöpfe hier entstanden?

Bei mir hilft auch die ganze Familie mit. Meine Mutter und mein Vater, beide sind bereits Rentner, meine Frau und ich, wir sind selbständig und führen den Betrieb, und meine Tochter hilft ebenfalls gelegentlich mit. Dann habe ich noch zwei Saisonarbeiter, die auch schon älter sind, junge Leute sind leider schwierig dafür zu begeistern.

Es wäre sehr bedauerlich, wenn diese Tradition nicht weiterleben würde.

Bei uns im Ort ist es so, dass man sowohl im Kindergarten als auch in der Grundschule versucht, den Kindern das Handwerk beizubringen und sie für diesen Brauch zu begeistern. Ob das erfolgreich sein wird, können wir noch nicht sagen, man wird es sehen. In den Familien versucht man natürlich, auch die Kinder in diesen Brauch einzuführen und sie dafür zu begeistern. Das ist nicht immer einfach, aber ich hoffe, dass sie, je älter sie werden, mehr Freude daran entwickeln.

Ich komme aus der Schweiz, und dort gibt es den Berner «Zibelemärit». Besteht hier eine Verbindung zwischen diesen Traditionen?

Einige Familien aus Heldrungen, das ist der Ort, aus dem auch ich komme, fahren jedes Jahr nach Bern, um dort ihre Zwiebelzöpfe anzubieten. Das hängt auch damit zusammen, dass in der Schweiz ebenfalls Nachwuchsprobleme bestehen und sie sich dadurch unterstützt fühlen. Von den Heldrungern weiss ich, dass ihre Zwiebelzöpfe bei den Schweizern grossen Anklang finden.

Es ist eigentlich schade, wenn so ein traditionelles Handwerk nicht mehr weitergeführt wird.

Ja, natürlich, aber es ist eben auch eine Kosten-Nutzen-Frage. Es ist unheimlich viel Arbeit, und man wird nicht reich davon. Wer das hauptberuflich macht, muss auch davon leben können. Wer sonst noch ein geregeltes Einkommen hat, für den ist es einfacher, das nebenher noch zu betreiben. Aber das ist für viele sehr schwierig. Für mich ist das mein Herbstgeschäft. Ich habe eine Staudengärtnerei und mache Steingartenstauden im Frühjahr, was im Herbst weniger gefragt ist. Der Verkauf der Zwiebelzöpfe läuft aber recht gut.

Im Gegensatz zur Landwirtschaft wird das wahrscheinlich nicht subventioniert?

Auf keinen Fall, das wird nicht subventioniert. Das ist eigentlich traurig, dass die grossen Betriebe immer subventioniert werden und die kleinen nicht, obwohl wir genauso von Wetterveränderungen wie starkem Regen, Hagel und was einem sonst noch so widerfahren kann, betroffen sind. Wir hatten deswegen schon ganz schwere Jahre. Eigentlich sollten die kleinen Betriebe genauso gefördert werden, denn die haben es am schwersten zu überleben.

Sie kommen aus Heldrunge. Wann sind Sie heute morgen aufgestanden, um hierher zu kommen?

Ich fahre jeden Morgen eine Stunde nach Weimar. Ich habe diese Tradition von meinen Eltern übernommen. Sie fingen in den 60er Jahren an, regelmässig nach Weimar zu fahren. Meine Oma war, solange ich denken kann, immer auch auf dem Zwiebelmarkt. Ich habe das von meinen Eltern 1999 übernommen, weil mein Vater gesundheitsbedingt ausgefallen ist. Ich mache das 7 Tage in der Woche und stehe jeden Morgen um 5.30 Uhr auf (lacht).

Sie haben sicher viele Menschen hier, die von dieser Handarbeit begeistert sind?

Im grossen und ganzen bin ich zufrieden. Es hängt natürlich immer auch vom Wetter ab, wie viele Leute auf den Markt kommen, hier in Weimar sind es natürlich auch immer Touristen. Interessant ist, dass die Süddeutschen kauffreudiger sind als die Norddeutschen.

Bestand diese Tradition während der DDR-Zeit ebenfalls, oder hat man das damals abgeschafft?

Nein, während der DDR-Zeit war das mit den Zwiebelzöpfen ein richtiger Kult. Der Zwiebelmarkt fand immer statt. Der Staat hat diesen Zwiebelmarkt gefördert und organisiert, und die Familien, die diese Tradition seit Jahrzehnten gepflegt haben, waren immer anwesend. Man hat das damals praktisch nebenberuflich gemacht, denn jeder hatte Arbeit, der er nachging. Selbständigkeit im heutigen Sinn gab es nicht. Man hatte seine Arbeit, und danach wurden die Zwiebelzöpfe für den Markt gewickelt. Nach 2 bis 3 Stunden war auf dem Markt immer alles ausverkauft.

Das Land, auf dem man die Zwiebeln und die Blumen angebaut hat, wessen Land war das?

Das war unser eigenes Land. Wir hatten 3 bis 4 Morgen Land. Der Staat hat uns das gelassen, weil sie gemerkt haben, dass die kleinen Bauern viel effektiver gearbeitet haben als die grossen LPGs. Gerade solche Nischenprodukte gingen nie von LPGs aus, weil sie gar nicht in dieser Qualität produzieren konnten. So etwas kam immer von den Kleinbauern.

Warum hat man diese Erfahrung nicht in die heutige Entwicklung einbezogen?

Ja, das ist wirklich die Frage. Salat, Möhren, Gurken, alles wurde in der DDR-Zeit immer von Kleinbetrieben in hervorragender Qualität produziert, und das wurde immer staatlich gefördert. Wir haben gutes Geld dafür bekommen, dass wir die Produkte dort ausgeliefert haben. Man brachte das zu den staatlichen Annahmestellen und konnte von den Erträgen gut leben. Heute können die Kleinbauern nicht mehr davon leben. Bei den Gurken war es so, dass es für den Doppelzentner 160 Mark gab. Das war unheimlich viel Geld. Wenn man fleissig war und das Land gut bebaut hatte, konnte man sehr gut davon leben. Heute ist das nicht mehr möglich.

Eigentlich ist das Ganze ein Plädoyer für den kleinbäuerlichen Familienbetrieb. Ganz im Sinne des Uno-Jahres der kleinbäuerlichen Familienbetriebe.

Ja, in den 60er Jahren hat man versucht, die Bauern in die LPGs zu zwingen. Aber das ging nur für die grosse Produktion von Mais, Getreide oder Kartoffeln. Die Kleinbauern, die wie wir diese Zwiebelzöpfe gemacht oder Gemüse angebaut haben, die hat man eigentlich in Ruhe gelassen, weil der Staat gemerkt hat, dass diese effizienter sind. Hier hat der Staat die Hand darüber gehalten und diese kleinen Betriebe geschützt. Wenn man klein war, so 3, 4, 5 Morgen Land besass, hat man Ruhe gehabt. Zu DDR-Zeiten hat man mit den kleinen Feldern besser gelebt als heute. Heute hat man nur ständigen Druck.

Wer sich nicht damit beschäftigt hat, weiss darüber gar nichts.

Es war auch ein Trugschluss zu glauben, die Menschen hätten wenig Geld. Das stimmt so nicht. Wer fleissig war, hatte mehr Geld als heute. Wer so wie wir eine Arbeitsstelle hatte und nebenher noch Gemüse angebaut hat, konnte relativ gut leben. Das Problem lag vor allen daran, dass man mit dem Geld nicht so viel anfangen konnte, weil nicht alle Produkte zu kaufen waren. Aber Geldmangel gab es keinen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

(Interview Thomas Kaiser)

Die Zwiebel – eine der ältesten Kulturpflanzen

Die Küchenzwiebel ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit und wird schon seit mehr als 5 000 Jahren als Heil-, Gewürz- und Gemüsepflanze kultiviert. Bei den alten Ägyptern wurden Zwiebeln den Göttern als Opfergabe gereicht, waren eine Art Zahlungsmittel für die beim Pyramidenbau eingesetzten Arbeiter und wurden den Toten als Wegzehrung für die Reise ins Jenseits beigelegt. Davon zeugen die im Grab des Tutanchamun gefundenen Zwiebelreste. Eine über 4 000 Jahre alte sumerische Keilschrift enthält Angaben zu Gurken- und Zwiebelfeldern und im Codex Hammurapi wurden Brot- und Zwiebelzuteilungen für die Armen festgelegt.
Bei den Römern zählten Zwiebeln zu den Grundnahrungsmitteln, vor allem der weniger Begüterten. Römische Legionäre waren es auch, die die «cepula» (woraus, über mittelhochdeutsch «zwibolle», letztlich das deutsche Wort «Zwiebel» wurde) in Mitteleuropa verbreiteten. Hier wurden sie zu einer der am meisten verbreiteten Gemüsearten, durften auf keiner Tafel damaliger Zeit fehlen und dienten im Mittelalter auch als Amulett gegen die Pest. Etwa ab dem 15. Jahrhundert begann man in Holland vielfältige, in Form, Farbe und Geschmack unterschiedliche Sorten gezielt zu züchten.
Nach der Anbaumethode unterscheidet man zwischen «Sommerzwiebeln» und «Winterzwiebeln». Sommerzwiebeln (die eigentlichen Küchenzwiebeln) werden im zeitigen Frühjahr gesät oder, bei Steckzwiebelkultur, gesteckt und zwischen August und Oktober geerntet, wobei insbesondere spätere Sorten von fester Konsistenz bis in den März des Folgejahres lagerfähig sind. Die etwas saftigeren und milderen Winterzwiebeln – besser gesagt überwinternd kultivierte Zwiebeln – werden im August gesät, reifen im nächsten Frühjahr heran und können ab Juni geerntet werden, sind jedoch nur kurze Zeit lagerfähig.

Quelle: Wikipedia