Die Vielschichtigkeit des Hungerproblems

Von Menschen verursacht, kann es von Menschen beseitigt werden

von Thomas Kaiser

Wer sich mit der Frage der unzureichenden Ernährung auf unserer Erde befasst und vor allem mit deren Ursachen, sieht sich mit einer Fülle von Faktoren konfrontiert, die für das Hungerelend auf unserem Planeten verantwortlich sind. Während der Fokus der Medien in der Regel auf die Krisenherde gerichtet ist, interessiert sich die Weltöffentlichkeit nur wenig für das leise und qualvolle Sterben der Hungernden. An der Uno wurde der 11. September zum offiziellen Gedenkfeiertag erklärt, gleichzeitig sterben täglich mehr Menschen an Hunger als beim Zusammenbruch der beiden Türme in New York ums Leben kamen. Beide Katastrophen sind das Resultat menschlichen Handelns und somit nichts Unausweichliches. Aber für die Medien war der 11. September etwas Spektakuläres, damit liessen sich die Zeitungen füllen, die Menschen auf Trab halten, Ängste schüren und Spekulationen anheizen. Dutzende von Büchern wurden verfasst, Analysen und Untersuchungen, bis heute bleibt das Thema virulent. Der Hunger der Menschen, der seither Millionen von Opfern gefordert hat, führt hingegen ein Schattendasein. Zwei Bücher haben sich um die Analyse der Hungerproblematik besonders verdient gemacht: zum einen Jean Feyders «Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen Länder?» und Jean Zieglers «Wir lassen sie verhungern». Beide Bücher hinterlassen beim Leser einen bleibenden Eindruck und eine Betroffenheit, die zum Handeln führen muss. Doch was ist zu tun?

Die Vielschichtigkeit des Hungerproblems lässt sich bei Jean Feyder deutlich erkennen; Jean Ziegler betrachtet das Ganze aus dem wirtschaftlichen und politischen Blickwinkel heraus. Das Elend und das Unrecht empört sie aufs äusserste. Beide Autoren ziehen also aus unterschiedlichen, aber keinesfalls widersprüchlichen Blickwinkeln, den Schluss, dass der Hunger von Menschen verursacht ist und es keinen Hunger auf unserer grünen Erde geben müsste; das ganze Problem ist «men made», so könnte es auch von den Menschen gelöst werden, wenn, und das ist das Entscheidende, der politische Wille vorhanden wäre. Fruchtbare Böden gibt es genug und Menschen, die diesen gerne bearbeiten würden, auch. Man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass bestimmte Kreise aus Politik und Wirtschaft das Sterben von Millionen Menschen billigend in Kauf nehmen, wenn damit viel Geld verdient werden kann. Wie lässt sich das mit dem menschlichen Gewissen vereinbaren?
Der englische Pastor Thomas Malthus (1766–1834) nimmt für sich in Anspruch, erkannt zu haben, dass die Menschheit schneller wachse, als dass sie mit genügenden Lebensmitteln versorgt werden könne. Er sah es quasi als Naturgesetz an, dass die Menschheit dem Elend zustrebe. Nach dieser Auffassung ist es für das Überleben der gesamten Menschheit unabdingbar, wenn sich die Zahl der Weltbevölkerung dezimiert, und dies geschieht, wenn Menschen an Krankheiten oder auch an Hunger sterben – in vielen Fällen gehören beide Faktoren eng zusammen oder bedingen sich gegenseitig. Hat diese abscheuliche Sichtweise heute immer noch Wirkung, auch wenn Malthus seit bald über 200 Jahren gestorben ist?

Jean Ziegler schreibt dazu: «Wahrscheinlich, ohne es zu wollen, befreite er [Malthus] die Bewohner der Herrschaftsstaaten des Westens von ihrem schlechten Gewissen. Wenn nicht eine schwere psychische Störung vorliegt, kann kein Mensch den Anblick eines Mitmenschen ertragen, der vom Hunger vernichtet wird. Indem Malthus das Massaker in unserem Denken heimisch machte, es ins Reich der Notwendigkeit verwies, entband es die Bewohner des Westens von ihrer moralischen Verantwortung.» (S. 102) Die Menschheit steht also vor der Situation, grosse Anstrengungen zu unternehmen, um langfristig den Hunger von unserem Planeten zu bannen, oder in schicksalhafter Ergebenheit den Tod Tausender Unschuldiger hinzunehmen, wenn nicht insgeheim unbewusst zu fördern, weil dies, nach der Theorie von Malthus das Überleben der Menschheit sichert.
 Eine Schweizer Tageszeitung mit einer sehr grossen Auflage titelte vor wenigen Wochen: «Liberia und Sierra Leone sind verloren». Dabei beruft sich das Blatt auf einen Virologen namens Jonas Schmidt-Chanasit, der in der Deutschen Welle gesagt hat: «Der richtige Zeitpunkt zum Eingreifen wurde verpasst. Jetzt ist es zu spät.» Er folgert, dass die Hälfte der Bevölkerung von Sierra Leone und Liberia sterben werde. Ein Szenario, das, sollte es Realität werden, jeden Horrorfilm übertrifft. Warum hat sich die Seuche so unkontrolliert ausbreiten können? Warum handelt es sich um einen Virenstamm, der ständig mutiert und ähnlich wie das Aids-Virus kaum zu bekämpfen ist? Wo kommt das Virus auf einmal her? Woran sterben die Menschen, wenn die Direktorin der WHO, Margaret Chan, verlauten lässt, dass man in vielen Fällen nicht wisse, was die eigentliche Todesursache sei.

Wer den Roman «100 Stunden», verfasst vom französischen Diplomaten und Buchautor Jean-Christophe Rufin, gelesen und insbesondere das Nachwort in Erinnerung hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier etwas abspielt, was nicht zufällig sein oder als eine Laune der Natur abgetan werden kann, sondern auf das Ideengebäude eines Thomas Malthus und dessen ideologische Erben dieser Sichtweise, die Tiefenökologen, zurückgeht, die im Menschen das Krebsgeschwür der Mutter Erde, Gaia, sehen, das nicht mehr als Teil der Natur, sondern als Aussatz der Natur betrachtet wird, und daher, will man die Natur retten, drastisch dezimiert werden muss. Gewisse Tiefenökologen plädieren für eine Bevölkerungsreduktion auf ein «vertretbares Mass» und sehen in der Migration der Armen in die reichen Länder ein ökologisches Problem. Die Lösung des Hungerproblems sehen solche Leute nicht in der Bekämpfung der Armut und des Hungers, sondern im Kampf gegen die Armen und die Hungernden. Jede Hungerkatastrophe oder jede Seuche stellen Vorgänge dar, die im Gedankengebäude jener positiv registriert werden. Wenn solche Ideen und Kräfte auch nur unterschwellig Einfluss haben, bleibt man bei einer fatalistischen Auffassung, und trotz allen Beteuerungen wird nicht alles unternommen, hungernde Menschen als eine Episode in der Menschheitsgeschichte zu betrachten, die spätestens in unserem hochmodernen Technologiezeitalter doch überwunden werden könnte.
Jean Ziegler legt in verschiedenen Kapiteln dar, wie Mangelernährung und Hunger zu schwersten psychischen und körperlichen Krankheiten führen können. Menschen, die über einen langen Zeitraum hungern mussten oder sich nur sehr schlecht ernähren konnten, haben zu wenig Abwehrstoffe und ein geschwächtes Immunsystem, so dass Krankheiten, die unter anderen Umständen heilbar wären, vermehrt zum Tod führen können. Es ist offensichtlich, dass die Lösung der Unterernährung gleichzeitig einen entscheidenden Beitrag zur Gesundheit der betroffenen Bevölkerung leisten würde. Dass sich die Seuche Ebola in Entwicklungsländern ausbreitet, hängt auch damit zusammen.
Unbestritten ist, dass die Landwirtschaftspolitik einen entscheidenden Beitrag zur Lösung des Hungerproblems und damit zur Gesundheit der betroffenen Menschen leistet. Was Jean Feyder aber deutlich aufzeigt, ist, wie der subventionierte Freihandel der Industriestaaten die Zerstörung der einheimischen Landwirtschaft besonders in wirtschaftlich schwachen Ländern fördert. Die billigen subventionierten Importgüter können die einheimischen Preise unterbieten und verhindern, dass sich eine regional verankerte Landwirtschaft aufbauen kann. Somit steht der Profit der Industrienationen über der Lösung des Hungerproblems. Spätestens seit dem Welt­agrarbericht ist klar, dass vor allem der kleinbäuerliche Familienbetrieb – nicht von ungefähr hat die Uno das Jahr 2014 zum «Jahr des kleinbäuerlichen Familienbetriebs» gemacht – den Weg aus der Hungerkrise bieten kann. Dass gerade China hier eine Vorreiterrolle spielt, lässt aufhorchen. Durch die Unterstützung der Familienbetriebe gelang es, die eigene Produktion zu steigern und zu verbessern, so dass die Zahl der Unterernährten drastisch zurückging. Auch erhofft sich die chinesische Regierung durch die Förderung und Vergrösserung von Familienbetrieben, die heute im Schnitt 6,7 ha Anbaufläche haben, eine Dynamisierung der Landwirtschaft.
Im Gespräch mit einem Gemüsegärtner und -händler in Ostdeutschland, der die Verhältnisse der ehemaligen DDR selbst miterlebt hat, wurde deutlich (vgl. Interview S. 8), dass auch die DDR-Führung erkannte, dass die grossbetriebliche Landwirtschaft bei gewissen Produkten nicht den gewünschten Ertrag gebracht und daher der Staat eine schützende Hand über die «privaten» Kleinbauern gehalten hat, um diese Anbauform zu fördern und zu erhalten. Dass heute gerade die Grossbetriebe mit staatlicher Subvention am Leben gehalten werden, während man mit der EU-Agrarpolitik den Kleinbetrieben jegliche Unterstützung verweigert, hat System und gehört zur oben erwähnten Strategie.

Neben der Auseinandersetzung um eine vernünftige Agrarpolitik auf parlamentarischer und Berufsverbandsebene stellt sich immer auch die Frage, wie insbesondere die jüngere Generation an diesen Themenbereich herangeführt werden kann. Wie gerufen kommt da der im Sommer erschienene neueste Globi-Band mit dem sinnigen Titel «Globi, der schlaue Bauer» mit eben dieser hochaktuellen Problematik. Globi, der einen Familienbetrieb auf Vordermann bringt und sich dabei nicht zu schade ist, selbst nach Afrika zu gehen, um dort zu lernen, wie man biologische Schädlingsbekämpfung erfolgreich durchführt, setzt sich mit der aktuellen Frage der Landwirtschaft auseinander. Sein Sinnen und Trachten ist es, ein Leben im Einklang mit der Natur zu finden, das Tierwohl berücksichtigen und so zu einem ertragreichen Bauernhof aufzubauen. Nicht Expansion und Profit stehen im Vordergrund, sondern artgerechte Haltung und umweltverträgliches (land-)wirtschaften sind die besprochenen Themen. Für Kinder eine hervorragende Heranführung an die spannende und abwechslungsreiche Welt der Landwirtschaft. Eine kindergerechte Einführung, die sowohl das Wohl des Menschen als auch des Tieres im Auge hat. Wären die heutigen Verantwortlichen für (Agrar-)wirtschaft und Politik mit diesem Kinderbuch in die Welt der Landwirtschaft eingeführt worden, sähe in vielen Teilen der Welt die Ernährungslage wahrscheinlich etwas anders aus.
Die Erkenntnisse für die Lösung des Hungerproblems sind vorhanden. Es ist absurd, dass wir auf den Mars fliegen, Bodenproben nehmen und daraus Schlüsse über unser Sonnensystem ziehen, aber nicht in der Lage sein sollen, auf unserer Erde Millionen von Menschen, die vom Hungertod bedroht sind, zu helfen. Ist die Menschheit wirklich nicht in der Lage, genügend Nahrung für alle zur Verfügung zu stellen? Kaum. Es liegt an uns Menschen, darüber eine öffentliche Debatte zu führen, um einer sinnvollen politischen Lösung den Boden zu bereiten. Es liegt wie immer an uns Menschen. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dieser Thematik lässt einen nicht mehr los.     •