John McCain, der Dirigent des «Arabischen Frühlings», und der Kalif des «islamischen Staates»

von Thierry Meyssan

Jedermann hat die Widersprüchlichkeit derjenigen bemerkt, die das islamische Emirat vor kurzem als «Freiheitskämpfer» in Syrien bezeichneten und sich jetzt über dessen Menschenrechtsverletzungen im Irak empören. Aber auch wenn diese Rede in sich inkonsistent ist, ist sie auf der Ebene der Strategie absolut logisch: Die gleichen Personen sollten gestern als Verbündete und heute als Feinde dargestellt werden, auch wenn sie immer noch Washington unterstehen. Thierry Meyssan beleuchtet die Kehrseite der US-­Politik anhand des besonderen Falles von Senator John McCain, dem Dirigenten des «Arabischen Frühlings» und langjährigen Gesprächspartner des Kalifen Ibrahim.

John McCain ist bekannt als Führer der Republikaner und unglücklicher Kandidat für die US-Präsidentschaft im Jahr 2008. Das ist, wie wir sehen werden, nur der Teil seiner tatsächlichen Biographie, die als Tarnung für die Durchführung verdeckter Aktionen im Auftrag seiner Regierung dient.
Als ich während des Angriffs des «Westens» in Libyen war, konnte ich einen Bericht ausländischer Geheimdienste einsehen. Darin konnte man lesen, dass die Nato am 4. Februar 2011 in Kairo ein Treffen organisiert hatte, um den «Arabischen Frühling» in Libyen und Syrien zu lancieren. Laut diesem Dokument wurde das Treffen von John McCain geleitet. Der Bericht listete die libyschen Teilnehmer im einzelnen auf, deren Delegation von der Nummer 2 der damaligen Regierung, Mahmoud Jibril, geführt wurde, der zu Beginn dieses Treffens abrupt die Seite gewechselt hatte, um Führer der Opposition im Exil zu werden. Ich erinnere mich, dass der Bericht unter den französischen Delegierten Bernard-Henry Lévy erwähnte, obwohl dieser nie eine offizielle Funktion innerhalb der französischen Regierung ausübte. Viele andere Persönlichkeiten nahmen an diesem Symposium teil, einschliesslich einer grossen Delegation von Syrern, die im Ausland lebten.
Am Ende dieses Treffens rief das geheimnisvolle Facebook-Konto Syrian Revolution 2011 dazu auf, am 11. Februar in Damaskus vor dem Volksrat (der Nationalversammlung) zu demonstrieren. Obwohl dieses Konto behauptete, damals mehr als 40 000 «Follower» zu haben, reagierte nur ein Dutzend Leute auf den Aufruf, unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen und Hunderten von Polizisten. Die Demonstration löste sich friedlich auf, und die Auseinandersetzungen begannen nur einen Monat später in Deraa [Stadt im Südwesten Syriens an der jordanischen Grenze]1.
Am 16. Februar 2011 artete eine Manifestation in Bengasi zur Erinnerung an Mitglieder der Libyschen islamischen Kampfgruppe2, die im Jahr 1996 im Gefängnis von Abu Selim massakriert worden waren, in eine Schiesserei aus. Am nächsten Tag eskalierte eine zweite Demonstration, diesmal in Erinnerung an die Menschen, die beim Angriff auf das dänische Konsulat anlässlich der Mohammed-Karikaturen ums Leben gekommen waren, ebenfalls zu einer Schiesserei. Gleichzeitig griffen Mitglieder der Libyschen islamischen Kampfgruppe, die aus Ägypten gekommen waren und einem nicht-identifizierten, mit Kapuzen getarnten Kader unterstellt waren, vier militärische Basen in vier verschiedenen Städten an. Am Ende der drei Tage andauernden Kämpfe und den Greueltaten starteten die Randalierer den Aufstand der Kyrenaika gegen [die Provinz] Tripolitanien3; ein Terroranschlag, den die westliche Presse verlogenerweise als «demokratische Revolution» gegen «das Regime» von Muammar al-Gaddafi darstellte.
Am 22. Februar war John McCain in Libanon. Er traf dort Mitglieder der Zukunftsbewegung (Courant du Futur, die Partei von Saad Hariri), die er beauftragte, den Waffentransfer nach Syrien rund um den Parlamentarier Okab Sakr zu überwachen4. Nach dem Verlassen Beiruts inspizierte er die syrische Grenze und wählte Dörfer aus, besonders Ersal, die den Söldnern für den bevorstehenden Krieg als eine rückwärtige Basis dienen sollten.
Das Treffen unter dem Vorsitz von John McCain stellte eindeutig den Auftakt zur Umsetzung eines von langer Hand vorbereiteten Plans von Washington dar; eines Plans, der – in Übereinstimmung mit der Doktrin der «Führung von hinten» und im Anhang zum Vertrag vom Lancaster Haus vom November 2010 – den gleichzeitigen Angriff auf Libyen und Syrien durch das Vereinigte Königreich und Frankreich vorsah.5

Die illegale Reise nach Syrien vom Mai 2013

Im Mai 2013 begab sich Senator John McCain via die Türkei illegal in die Nähe von Idlib in Syrien, um sich mit Führern der «bewaffneten Opposition» zu treffen. Seine Reise wurde erst nach seiner Rückkehr in Washington bekannt.6
Diese Reise wurde von der Syrian Emergency Task Force organisiert, die, entgegen ihrem Namen, eine zionistische Organisation unter Leitung eines palästinensischen Mitarbeiters des AIPAC [American Israel Public Affairs Committee] ist.7
Auf den damals veröffentlichten Fotografien gewahrte man die Anwesenheit von Mohammad Nur, Sprecher der «Sturmbrigade des Nordens» (der al-Nusra-Front, d. h. von al-Kaida in Syrien), die 11 libanesische schiitische Pilger entführt hatte und in Azaz festhielt8. Über seine Nähe zu Geiselnehmern und Mitgliedern von al-Kaida befragt, beteuerte der Senator, Mohammad Nur nicht zu kennen, der sich auf eigene Initiative zu diesem Foto eingeladen habe.
Der Fall erregte grosses Aufsehen, und die Familien der entführten Pilger reichten beim libanesischen Gerichtshof Beschwerde gegen Senator McCain wegen Mittäterschaft bei der Entführung ein. Schliesslich kam eine Vereinbarung zustande, und die Pilger wurden freigelassen.
Nehmen wir an, Senator McCain habe die Wahrheit gesagt, und er wurde durch Mohammad Nur missbraucht. Der Zweck seiner illegalen Reise nach Syrien war, den Generalstab der Freien Syrischen Armee zu treffen. Ihm zufolge hätte diese Organisation «ausschliesslich aus Syrern» bestanden, die für «ihre Freiheit» angesichts der «alawitischen Diktatur» (sic) kämpften. Die Organisatoren der Reise veröffentlichten dieses Foto, um das Treffen zu bezeugen.
Wenn man darauf Brigadegeneral Salim Idriss, den Chef der Freien Syrischen Armee, sehen kann, kann man darauf auch Ibrahim al-Badri (im Vordergrund links) sehen, mit dem der Senator diskutiert. Nach Rückkehr von dieser überraschenden Reise behauptete John McCain, alle Verantwortlichen der Freien Syrischen Armee seien «Gemässigte, denen man vertrauen kann» (sic!).
Nun stand Ibrahim al-Badri (alias Abu Du’a) allerdings seit dem 4. Oktober 2011 auf der Liste der fünf meistgesuchten Terroristen der Vereinigten Staaten (Rewards for Justice). Eine Prämie bis zu 10 Millionen Dollar wurde demjenigen angeboten, der bei seiner Festnahme helfen würde.9 Tags darauf, am 5. Oktober 2011, wurde Ibrahim al-Badri als Mitglied von al-Kaida auf die Liste des Sanktions-Ausschusses der Vereinten Nationen gesetzt.10
Zudem hat Ibrahim al-Badri unter dem Kriegsnamen Abu Bakr al-Baghdadi einen Monat vor dem Empfang von Senator McCain den «Islamischen Staat im Irak und in Syrien» (ISIS) begründet – obwohl er noch immer dem Generalstab der sehr «moderaten» Freien Syrischen Armee angehörte. Er nahm den Angriff auf die Gefängnisse von Tadsch und Abu Ghraib im Irak für sich in Anspruch, aus denen er zwischen 500 und 1000 Dschihadisten die Flucht ermöglichte, die sich dann seiner Organisation anschlossen. Dieser Angriff war mit anderen fast gleichzeitigen Operationen in weiteren acht Ländern koordiniert. Jedes Mal traten die ausgebrochenen Dschihadisten den Kampf­organisationen in Syrien bei. Diese Angelegenheit war so seltsam, dass Interpol eine Notiz erliess und die Unterstützung der 190 Mitgliedsländer forderte.11
Ich meinerseits habe immer gesagt, dass vor Ort kein Unterschied bestand zwischen der Freien Syrischen Armee, der al-Nusra-Front, dem islamischen Emirat (ISIS) usw. … Alle diese Organisationen bestehen aus den gleichen Personen, die sich ständig einen andern Hut aufsetzen. Wenn sie sich zur Freien Syrischen Armee bekennen, hissen sie die Fahne der französischen Kolonialisierung und sprechen nur vom Sturz des «Hundes Bashar». Wenn sie behaupten, der al-Nusra-Front anzugehören, tragen sie die Fahne von al-Kaida und erklären, ihren Islam in der ganzen Welt verbreiten zu wollen. Und wenn sie sich schliesslich auf das islamische Emirat (ISIS) berufen, schwenken sie nunmehr die Fahne des Kalifats und verkünden, dass sie die Gegend von allen Ungläubigen reinigen werden. Aber unter welchem Label auch immer sie auftreten: Sie verüben stets die gleichen Misshandlungen, Vergewaltigungen, Folter, Enthauptungen und Kreuzigungen.
Weder Senator McCain noch seine Begleiter von der Syrian Emergency Task Force haben jedoch dem Aussenministerium die in ihrem Besitz befindlichen Angaben zu Ibrahim al-Badri geliefert und um diese Prämie von 10 Millionen Dollar gebeten. Auch den Anti-Terror-Ausschuss der Vereinten Nationen haben sie nicht informiert.
In keinem Land der Welt, was auch immer sein politisches Regime sei, nähme man es hin, dass der Führer der Opposition in direktem, freundschaftlichem und öffentlichem Kontakt mit einem sehr gefährlichen Terroristen stünde, den man sucht.

Wer also ist Senator McCain?

John McCain ist nicht nur der Führer der ­politischen Opposition zu Präsident Obama, er ist auch einer seiner hohen Beamten!
Seit Januar 1993 ist er nämlich Präsident des International Republican Institut (IRI), der republikanischen Abteilung des New Endowment for Democracy NED/CIA.12 Diese sogenannte «NGO» wurde offiziell von Präsident Ronald Reagan geschaffen, um in Verbindung mit den britischen, kanadischen und australischen Geheimdiensten bestimmte Aktivitäten der CIA auszuweiten. Entgegen seinen Behauptungen ist es eine zwischenstaatliche Agentur. Ihr Budget ist ein vom Aussenministerium abhängiger Haushaltsposten, der vom Kongress bewilligt wird.
Und weil es sich um eine gemeinsame Einrichtung der angelsächsischen Geheimdienste handelt, untersagen ihr übrigens verschiedene Staaten der Welt jegliche Tätigkeit auf ihrem Hoheitsgebiet.
Die Liste von John McCains Interventionen im Auftrag des State Department ist beeindruckend. Er war an allen Farben-Revolutionen der letzten 20 Jahre beteiligt.
Um nur einige Beispiele zu nennen, immer im Namen der «Demokratie»: Er bereitete den gescheiterten Putsch gegen den verfassungsmässigen Präsidenten Hugo Chávez in Venezuela (2002)vor13, den Sturz des verfassungsmässigen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide in Haiti (2004)14, den Versuch, den verfassungsmässigen Präsidenten Mwai Kibaki in Kenia zu stürzen15, und vor kurzem den Sturz des verfassungsmässigen Präsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch.
In jedem Staat der Welt kann ein Bürger, wenn er einen Vorstoss gegen die Regierung eines anderen Staates unternimmt, gelobt werden, wenn er erfolgreich ist und das neue Regime sich als Verbündeter erweist, aber er wird heftig verurteilt werden, wenn seine Aktionen schädliche Folgen für sein eigenes Land haben. Senator McCain jedoch wurde noch nie zur Verantwortung gezogen, wenn seine antidemokratischen Machenschaften fehlschlugen und die betreffenden Staaten sich gegen Washington wendeten. Zum Beispiel in Venezuela. Das kommt daher, dass John McCain für die Vereinigten Staaten kein Verräter, sondern ein Agent ist.
Und zwar ein Agent, der die beste denkbare Absicherung besitzt: Er ist der offizielle Gegner von Barack Obama. Als solcher kann er überall in der Welt herumreisen (er ist der US-Senator, der am meisten reist) und kann treffen, wen er will, ohne Angst. Wenn seine Gesprächspartner Washingtons Politik gutheissen, verspricht er ihnen, sie weiterzuführen, und wenn sie sie bekämpfen, schiebt er die Verantwortung auf Präsident Obama ab.
John McCain ist bekannt als Kriegsgefangener im Vietnam-Krieg, der während 5 Jahren dort festgehalten und gefoltert wurde. Er war Opfer eines Programms, das nicht darauf abzielte, Informationen herauszuholen, sondern ihm eine Stellungnahme einzubläuen. Es ging darum, seine Persönlichkeit so zu verändern, dass er gegen sein eigenes Land aussagte. Dieses Programm, das anhand des koreanischen Beispiels von Professor Albert D. Biderman für die Rand Corporation ausgearbeitet wurde, diente Dr. Martin Seligman als Grundlage für die Verhöre in Guantánamo und anderswo.16
Das unter George W. Bush auf mehr als 80 000 Gefangene angewendete Programm erlaubte, einige von ihnen in echte Kämpfer im Dienste von Washington zu verwandeln. John McCain, der in Vietnam zusammengebrochen war, versteht dies daher sehr gut. Er weiss, wie man Dschihadisten ohne Skrupel manipuliert.
Welche Strategie verfolgt die USA gegenüber den Dschihadisten in Irak und in Syrien?
1990 beschlossen die Vereinigten Staaten, ihren ehemaligen irakischen Verbündeten zu vernichten. Nachdem sie Präsident Saddam Hussein zu verstehen gegeben hatten, dass sie den Angriff auf Kuwait als eine innere irakische Angelegenheit betrachten würden, nahmen sie diesen Angriff als Vorwand, um eine breite Koalition gegen den Irak zu mobilisieren. Aufgrund der Opposition der UdSSR haben sie allerdings die Regierung nicht gestürzt, sondern sich damit begnügt, die Flugverbotszone zu kontrollieren.
Im Jahr 2003 war die Opposition Frankreichs nicht genügend stark, um den Einfluss des «Komitees für die Befreiung des Irak» auszugleichen. Die Vereinigten Staaten griffen das Land erneut an und stürzten dieses Mal Präsident Hussein. Es versteht sich von selbst, dass John McCain einer der hauptsächlich Verantwortlichen dieses Komitees war. Nachdem sie (die USA) ein Jahr lang einem privaten Unternehmen die Ausplünderung des Landes anvertraut hatten17, versuchten sie, das Land in drei getrennte Staaten aufzuteilen, mussten aber wegen des Widerstands der Bevölkerung darauf verzichten. Im Jahr 2007 versuchten sie es noch einmal mit der Biden-Brownback-Resolution, aber auch da scheiterten sie.18 Daher die aktuelle Strategie, die versucht, ihr Ziel mittels eines nichtstaatlichen Akteurs zu erreichen: mit dem islamischen Emirat.
In diesem im September 2013 veröffentlichten Dokument informiert der Botschafter von Katar in Tripolis seine Regierung, dass eine Gruppe von 1800 Afrikanern in Libyen zum Dschihad ausgebildet wurde. Er schlägt vor, sie in drei Gruppen in die Türkei zu bringen, damit sie dem islamischen Emirat in Syrien beitreten.
Die Operation wurde lange Zeit vorher vorbereitet, sogar noch vor dem Treffen von John McCain mit Ibrahim al-Badri. So zeigt die interne Korrespondenz des katarischen Aussenministeriums, die von meinen Freunden, James und Joanne Moriarty, veröffentlicht wurde19, dass im Jahr 2012 von der Nato 5000 Dschihadisten auf Kosten des Katar in Libyen ausgebildet wurden und dass gleichzeitig dem zukünftigen Kalifen 2,5 Millionen Dollar bezahlt wurden.
Im Januar 2014 hielt der Kongress der Vereinigten Staaten ein geheimes Treffen ab, an dem er, unter Verletzung des Völkerrechts, der Finanzierung der al-Nusra-Front (al-Kaida) und des islamischen Emirats im Irak und in Syrien (ISIS) bis September 2014 zugestimmt hat20. Obwohl nicht genau bekannt ist, was sich wirklich an diesem von der britischen Agentur Reuters aufgedeckten21 Treffen ereignet hat und obwohl kein amerikanisches Medienunternehmen es gewagt hat, einen Eingriff der Zensurbehörde zu riskieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Erlass eine Bestimmung über die Bewaffnung und Ausbildung der Dschihadisten enthält.
Stolz auf diese US-amerikanische Finanzierung forderte Saudi-Arabien in seinem öffentlichen Fernsehkanal al-Arabija, das islamische Emirat solle unter der Führung des Prinzen Abdul Rahman al-Faisal, dem Bruder von Prinz Saud al-Faisal (Minister für auswärtige Angelegenheiten) und des Prinzen Turki al-Faisal (Botschafter von Saudi-Arabien in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich) stehen.22
Das islamische Emirat (ISIS) repräsentiert eine neue Etappe des Söldnertums. Im Gegensatz zu den Dschihadisten, die in Afghanistan, Bosnien und Tschetschenien im Umfeld von Osama bin Laden kämpften, bildet es keine Aushilfstruppe, sondern vielmehr eine eigenständige Armee. Im Gegensatz zu ihren Vorgängergruppen im Irak, in Libyen und Syrien, im Umfeld von Prinz Bandar bin Sultan, verfügt es über anspruchsvolle, integrierte Kommunikationsmittel, die dazu aufrufen, sich ihm anzuschliessen, und über zivile Verwalter, die in bedeutenden westlichen Schulen ausgebildet wurden und fähig sind, sofort die Verwaltung eines Territoriums zu übernehmen.
Funkelnagelneue ukrainische Waffen wurden von Saudi-Arabien gekauft und unter Geleitschutz des türkischen Geheimdienstes dem islamischen Emirat übergeben. Die letzten Details wurden mit der Familie Barzani anlässlich eines Treffens von Dschihad-Gruppen am 1. Juni 2014 in Amman koordiniert23. Der gemeinsame Angriff des Irak durch den ISIS und die regionale Regierung von Kurdistan begann vier Tage später. Der ISIS besetzte den sunnitischen Teil des Landes, während die kurdische Regionalregierung ihr Territorium um mehr als 40 % vergrösserte. Die religiösen Minderheiten flohen vor den Greueltaten der Dschihadisten aus dem sunnitischen Gebiet und ebneten so den Weg für die Teilung des Landes in drei Teile.
Unter Verletzung des Verteidigungsvertrags zwischen dem Irak und den USA griff das Pentagon nicht ein und liess das islamische Emirat seinen Eroberungszug und seine Massaker weiterführen. Einen Monat später, als die Peschmergas der kurdischen Regionalregierung sich kampflos zurückzogen und als die Emotionen in der Weltöffentlichkeit zu stark wurden, gab Präsident Obama den Befehl, ­Positionen des islamischen Emirats zu bombardieren. Laut General William Mayville, Chef für militärische Einsätze im Generalstab, sind aber «diese Bombardierungen wenig geeignet, Einfluss auf die Gesamtkapazität des islamischen Emirats oder ihre Aktivitäten in anderen Teilen des Iraks oder Syrien zu haben»24. In Wirklichkeit zielen sie nicht darauf, die Dschihad-Armee zu zerstören, sondern wollen nur sicherstellen, dass jeder Akteur nicht über sein Gebiet, das ihm zugewiesen wurde, hinausgeht. Im übrigen sind sie derzeit rein symbolisch und haben nicht mehr als eine Handvoll Fahrzeuge zerstört. Es ist letztlich die Intervention der Kurden der türkischen PKK und aus Syrien, die den Vormarsch des islamischen Emirats gestoppt und einen Korridor geöffnet hat, damit die Zivilbevölkerung dem Massaker entkommen kann.
Zahlreiche Unwahrheiten sind über den ISIS und den Kalifen im Umlauf. Die «Gulf Daily News» behauptete, Edward Snowden habe Enthüllungen über sie veröffentlicht.25 Tatsächlich hat der ehemalige amerikanische Spion nach näherer Überprüfung nichts zu diesem Thema veröffentlicht. «Gulf Daily News» erscheint in Bahrain, einem Staat, der von saudischen Truppen besetzt ist. Der Artikel beabsichtigt einzig und allein, Saudi-Arabien und den Prinzen Abdul Rahman al-Faisal von ihrer Verantwortung reinzuwaschen.
Das islamische Emirat ist vergleichbar mit den Söldner-Armeen des 16. Jahrhunderts in Europa. Sie führten Religionskriege im Namen der Fürsten, die sie bezahlten, manchmal auf der einen Seite, manchmal auf der anderen. Der Kalif Ibrahim ist ein moderner Condottiere. Obwohl er im Auftrag von Prinz Abdul Rahman (Mitglied des Clans der Sudeiris) steht, wäre es nicht überraschend, wenn er seine Heldentaten in Saudi-Arabien (nach einem kurzen Abstecher in den Libanon oder gar nach Kuwait) fortsetzen und damit die königliche Erbfolge zugunsten des Clans der Sudeiris gegen Prinz Mithab (Sohn und nicht Bruder von König Abdallah) entscheiden würde.
John McCain und der Kalif
Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a, alias Abu Bakr Al-Baghdadi, alias Kalif Ibrahim, Söldner des Prinzen Abdul Rahman al-Faisal von Saudi-Arabien, den Katar und die Vereinigten Staaten finanzieren, kann alle Schrecken begehen, die die Genfer Konvention den Staaten verbietet.
In der letzten Ausgabe seines Magazins verwendete das islamische Emirat zwei Seiten, um Senator John McCain als «Feind» und «Kreuzritter» zu verurteilen, indem es an seine Unterstützung der US-Invasion des Irak erinnerte. Aus Furcht, dass dieser Vorwurf in den Vereinigten Staaten unbekannt bleiben könnte, hat der Senator sofort eine Erklärung herausgegeben, in der er das Emirat als die «gefährlichste islamistische Terrororganisation der Welt» bezeichnete.26
Diese Polemik ist nur dazu da, um die Galerie zu unterhalten. Wir würden gerne daran glauben, wenn es nicht dieses Foto vom Mai 2013 gäbe.    •
(Übersetzung 
Horst Frohlich/ Zeit-Fragen)

1    Wir haben die Presseberichte veröffentlicht, die versichern, dass die Manifestation von Deraa ein Protest nach der Verhaftung und Folter von Studenten war, welche staatsfeindliche Parolen gesprayt hätten. Zwar haben viele Kollegen versucht, die Identität dieser Schüler zu enthüllen und ihre Familien zu treffen. Niemandem ist es jedoch gelungen; die einzigen Zeugen, die gesprochen haben, haben dies vor der britischen Presse getan, aber anonym, also nicht überprüfbar. Heute sind wir davon überzeugt, dass dieses Ereignis nie stattgefunden hat. Die Studie der syrischen Dokumente dieser Zeit zeigt, dass die Manifestation in Wirklichkeit auf eine Gehaltserhöhung der Beamten und Rentner abzielte und von der Regierung erhört wurde. Zu diesem Zeitpunkt sprach keine Zeitung von diesen Studenten, diese
Geschichte wurde erst zwei Wochen später von al-Jazira
erfunden.
2    Die Mitglieder der Libyschen islamischen Kampfgruppe, d.h. von al-Kaida in Libyen, hatten versucht, Muammar
al-Gaddafi im Auftrag des britischen MI6 zu ermorden. Der Fall wurde von einem Offizier der britischen Spionageabwehr, David Shayler, aufgedeckt. Siehe «David Shayler:
‹J’ai quitté les services secrets britanniques lorsque le MI6 a décidé de financer des associés d’Oussama Ben Laden› », Réseau Voltaire, 18. November 2005. [Ich habe den britischen Geheimdienst verlassen, als der MI6 beschloss, die Verbündeten von Osama bin Laden zu finanzieren.] (Auch auf Englisch)
3    Bericht der Untersuchungsmission (Fact Finding Mission) über die aktuelle Krise in Libyen, Juni 2011
4    «Ein libanesischer Abgeordneter leitet Waffenhandel nach Syrien», Réseau Voltaire, 7. Dezember 2012
5    Siehe dazu meine Serie von sechs Sendungen 10 ans de
Résistance, über den Krieg der USA gegen Syrien
6    «John McCain reist illegal nach Syrien ein», Voltaire Netzwerk, 30. Mai 2013
7    «La Syrian Emergency Task Force, faux-nez sioniste»,
Réseau Voltaire, 7 juin 2013
8    «John McCain traf in Syrien Entführer», Voltaire Netzwerk, 1. Juni 2013
9    «Wanted for Terrorism», Rewards for Justice Program,
Department of State
10    Der durch die Resolution 1267 (1999) am 15. Oktober 1999 geschaffene Ausschuss des Sicherheitsrates ist auch als «Sanktions-Ausschuss gegen al-Kaida» bekannt. Fiche d’inscription d’Ibrahim al-Badri (Diesmal mit dem Kriegsnamen al-Samarrai)
11    «Gleichzeitige Ausbrüche von Dschihadisten in 9 Ländern», Voltaire Netzwerk, 7. August 2013
12    «NED, das legale Schaufenster der CIA», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Odnako (Russland), Voltaire Netzwerk, 11. Oktober 2013
13    «Opération manquée au Venezuela», par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 18. Mai 2002
14    «La CIA déstabilise Haïti», «Coup d’État en Haïti», par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 14. Januar et 1. März 2004
15    «Die afrikanische politische Erfahrung von Barack Obama», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 13. März 2013
16    «Das Geheimnis von Guantánamo», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Odnako (Russland), Voltaire Netzwerk, 17. Oktober 2013
17    «Qui gouverne l’Irak?», [Wer regiert den Irak?] par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 13. Mai 2004 (auch auf Englisch)
18    «La balkanisation de l’Irak», par Manlio Dinucci, Traduction Marie-Ange Patrizio, Il Manifesto (Italien), Réseau Voltaire, 17 juin 2014. [Die EIIL (ISIS) hat die Vereinigten Staaten im Irak nicht überrascht, da die historischen Kommandanten formell Verbündete der Nato in Libyen waren. Trotz der Rhetorik Washingtons ist die Offensive des islamischen Staates im Irak und in Syrien konform mit der Strategie der Zerstörung des Irak, vom Senat im Jahr 2007 angenommen, auf Vorschlag von Joe Biden.]
19    «Official Document Qatar Embassy Tripoli Confirms Sending 1800 Islamic Extremists Trained in Libya to Fight in Syria», Libyan War The Truth, 20. September 2013
20    «Die Vereinigten Staaten, die ersten globalen Financiers des Terrorismus», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Al-Watan (Syrien), Voltaire Netzwerk, 3. Februar 2014
21    «Congress secretly approves U.S. weapons flow to ‹moderate› Syrian rebels», Mark Hosenball, Reuters, 27. Januar 2014
22    «L’ÉIIL est commandé par le prince Abdul Rahman»,
Réseau Voltaire, 3. Februar 2014 (Auch auf Englisch)
23    «Enthüllungen der PKK über den Angriff des EIIL und die Schaffung von ‹Kurdistan›», Voltaire Netzwerk, 8. Juli 2014
24    «U.S. Air Strikes Are Having a Limited Effect on ISIL»,
Ben Watson, Defense One, 11. August 2014
25    «Baghdadi ‹Mossad trained›», Gulf Daily News, 15. Juli 2014
26    «Statement by Senator John McCain on being targeted by terrorist group ISIL as ‹the ennemy› and ‹the crusader›»,
Office of John McCain, 28. Juli 2014

«Aber wir erliegen spätestens seit dem zweiten Irak-Feldzug einer umfassenden Desinformation, die in den USA, Grossbritannien und Israel durch perfekt organisierte Institutionen betrieben wird.» (Scholl-Latour, S. 17)

«Dabei stützten sich die revoltierenden ‹Gotteskrieger› auf die Waffenlieferungen Saudi-Arabiens und der Golf-Emirate sowie auf die logistische Unterstützung durch die Türkei Erdogans, ja sogar durch die amerikanische CIA. In Europa wiederum sorgte eine systematische Stimmungsmache und Desinformation dafür, dass die öffentliche Meinung, die Politiker und Medien mit ihrer Sympathie und ihrem Engagement auf seiten der angeblich ‹freiheitlichen› Aktivisten standen.» (Scholl-Latour, S. 56–57)

«Im Zuge einer systematischen Desinformationskampagne hatten sich die Politiker und die Medien des Westens darauf geeinigt, dass es sich bei jedwedem völkerrechtswidrigen Übergriff nur um terroristische Absichten des syrischen Assad-Regimes handeln könne. Die durchaus glaubhaftere Hypothese, dass die vom Westen unterstützten Rebellen grösstes Interesse daran hätten, solche Zwischenfälle zu inszenieren, um die internationale Meinung und vor allem die Regierung Erdogan zusätzlich gegen das verfemte Regime von Damaskus aufzubringen, wurde offenbar in Nato-Kreisen nicht ernsthaft erwogen. Die elementare Frage ‹cui bono› – Wer profitiert davon? – wurde nicht gestellt.» (Scholl-Latour, S. 47–48)

«Dahinter steckt wohl eine weltweit gesteuerte Desinformation, wie bereits Nicolas Sarkozy, der Vorgänger des jetzigen Präsidenten François Hollande, ausgeführt hatte. Der frühere Aussenminister Alain Juppé hatte sich nicht entblödet, in einem Fernsehinterview ausgerechnet neben seinem saudischen Kollegen Saud Ben Feisal aufzutreten, um gemeinsam mit diesem Repräsentanten der reaktionärsten, total intoleranten islamischen Theokratie die Syrer zur Einhaltung von Menschenrechten und Demokratie aufzurufen. Gewiss entspräche die Regierung von Damaskus nicht den Vorstellungen westlicher Parteienvielfalt und Meinungsfreiheit, aber da gebe es doch viel schlimmere Despoten, und die religiöse Toleranz sei nirgendwo so sehr geachtet gewesen wie zwischen Damaskus und Aleppo.» (Scholl-Latour, S. 105)