Unsere heutige Scheinblüte gleicht vielfach der zwischen 1923 und 1929

von Prof. Dr. Eberhard Hamer

Es ist immer gut, wenn man zum Verständnis der heutigen Situation auf Ähnlichkeiten vergangener Entwicklungen zurückschaut, weil dadurch auch der Verlauf der heutigen Wirtschaftsentwicklung deutlicher werden könnte.
Vergleicht man unter diesem Gesichtspunkt die nach der Inflation und Währungsreform 1920 bis 1923 erfolgte Scheinblüte von 1923 bis 1929 mit der nach der ersten Finanzkrise 2008 bis 2011 zurzeit wieder laufenden Scheinblüte, so ergeben sich folgende Parallelen:

  • In beiden Fällen waren durch Weltfinanzkrisen einzelne Nationen – damals vor allem Deutschland – in Zahlungsunfähigkeit, Währungsreform und Verarmung grosser Teile des Mittelstandes und vor allem der Rentner gerutscht – wie jetzt wieder in Argentinien und den europäischen Pleitestaaten.
  • Die nationalen Finanzcrashs von 1920 bis 1923 in Deutschland und 2008 bis 2012 in den europäischen Pleiteländern oder Argentinien haben nicht zur Weltfinanzkrise geführt, weil in beiden Fällen die angelsächsische Hochfinanz ihre Kreditherrschaft nicht verlieren wollte und deshalb die Schuldknechtschaft durch neue Kredite verlängern konnte.
  • In beiden Fällen wurde die Scheinblüte mit Papiergeld ohne Goldbasis finanziert. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Siegermächte das Gold, Deutschland und Österreich hatten also keine Währungsgrundlage mehr. Heute haben die Europäischen Zentralbanken ihr Gold an die angelsächsische Hochfinanz verliehen und diese das Gold veruntreut und wohl auch selbst kein Gold mehr, es wird also wiederum eine Scheinblüte von Papiergelddruckern (FED) mit wachsender Papiergeldmenge finanziert, von welcher die Welt noch glaubt, sie hätten entsprechende Goldbasis, während sie diese in Wirklichkeit nicht mehr haben.
  • In beiden Scheinblütezeiten haben Unternehmen und Staaten ihren langfristigen Kreditbedarf kurz- und mittelfristig finanziert, also ein unverantwortlich wachsendes Kreditdefizit vor sich her geschoben, so dass der Finanzkollaps einer einzigen Bank schliesslich zur Weltfinanzkrise wurde.
  • Vor allem aber haben Wirtschaft und ­Politik den Menschen vorgelogen, die auf Wechselreiterei laufende Scheinwohlstandsvermehrung sei echt, beherrschbar und ohne Hemmungen weiter zu betreiben, Geld spiele keine Rolle. An Entschuldung dachte damals und denkt heute wieder niemand – vor allem nicht die Bevölkerung der lustigen dekadenten 20er Jahre und des in gleicher Weise korrumpierten neuen Jahrhunderts.
  • Presse und Politik jubeln, dass mit «Rettungsschirmen» und Gesamthaftung (ESM) «das Schuldenproblem in den Griff bekommen worden sei», verweisen auf Börsenkurshöchststände, sinkende Null-Zinsen, boomenden Arbeitsmarkt und volle Sozialkassen. FED und EZB scheinen alle Finanzprobleme mit Geldmengenvermehrung überdeckt zu haben. Die Menschen glauben seit 2011 wieder – wie damals schon 1923 –, die Krise sei vorüber. Mit einer zweiten Krisenstufe rechnet zurzeit kaum jemand – die gleiche Situation wie 2002, als der Verfasser das Buch «Was passiert, wenn der Crash kommt?»1 herausbrachte und dafür nur Gelächter erntete (nachher hatten es alle gewusst).

Tatsächlich ist die schwebende Finanzkrise nicht gelöst, sondern nur überdeckt. Die hemmungslose Geldmengensteigerung aus der FED und der EZB hat die Finanzschieflagen der Staaten, Banken und Wirtschaft keinesfalls bereinigt, die Überschuldungen keinesfalls reduziert, sondern

  • sowohl in den USA als auch in den europäischen Ländern sind die Schulden seit 2008 weiter sprunghaft gewachsen – in Griechenland sogar verdreifacht worden,
  • auch die Finanzblasen (Immobilienblase, Derivateblase, Kreditkartenblase) sind nicht etwa zurückgeführt, sondern weiter kräftig aufgebläht worden,
  • und marktwirtschaftlich eigentlich längst notwendige Korrekturen an Wirtschaft, Sozialsystemen und Gesellschaft werden verweigert.

Nur durch künstliche Markteingriffe wie zum Beispiel den Nullzins und Gesamtbürgschaften hat die Weltfinanzindustrie ohne jede wirkliche Lösung den auf wachsenden Schulden laufenden Scheinwohlstand noch erhalten können. Niemand sollte aber glauben, dass sich der «Markt auf Dauer betrügen», dass eine marktwidrige Geldmengenvermehrung und Kreditreiterei mit Nullzinsen auf Dauer durchzuhalten wäre.
Vorboten einer natürlichen, vom Markt erzwungenen Korrektur der künstlichen Scheinblüte deuten sich bereits an:

  • Der US-Dollar trudelt bereits. Hinter ihm steht ein rekordüberschuldeter US-Staat, der zu 80 % durch Anleihemonetarisierung der US-FED finanziert wird, so dass der US-Dollar nur noch eine militärische statt einer ökonomischen Deckung hat.
  • Nullzinspolitik verzerrt das Vermögenspreisgefüge und erlaubt massiven Anleihebetrug, Anleihefälschung, Insider-Trading und Drogengeldwäsche – im öffentlichen Bereich hemmungslose weitere Verschuldung ohne Rückzahlungsaussicht.
  • Der früher durch einen Goldschatz gedeckte Dollar hat heute keine Golddeckung mehr. Das Gold nicht nur der FED, sondern auch das der europäischen Satelliten (zum Beispiel der Deutschen Bundesbank) ist längst weg, verkauft bzw. verpfändet und allenfalls als nutzloser Rückgabeanspruch «verfügbar», in Wirklichkeit längst in Privatbesitz und in Asien. Unser westliches Währungssystem hat also keine Vertrauensbasis mehr, so dass nicht nur China und Russland, sondern neuerdings auch die Ölstaaten neue bilaterale, auf Gold gestützte Abrechnungssysteme ausserhalb des Dollars gründen. Der Zusammenbruch des Dollar-Imperiums schreitet unaufhaltsam voran.
  • Noch haben die Urheber der Geldmengenvermehrung (FED, EZB) die Inflation trotz Nullzinssatz durch Aufkauftricks mit eigenen Fonds im Griff halten können. Noch nie aber hat der Ungeist einer gigantischen Geldmengenvermehrung in der Flasche gehalten werden können. In einzelnen Wirtschaftsbereichen (Immobilien, Gold, Lebensmittel) sehen wir bereits den Preisdruck steigen, der auch eine Anhebung der Zinsen erzwingen wird. Steigen die Zinsen auch nur um 2 %, werden Banken, Fonds und Staaten im Schuldenstrudel versinken. Nicht Deflation, sondern Inflation ist die kommende marktwirtschaftliche Lüge.
  • Sobald die Inflationsspirale beginnt, werden wir sehen, dass alle früheren Krisensymptome nur verdeckt und verlängert statt gelöst wurden.
  • Die öffentliche Verschuldung wird zur Inflation.
  • Die Immobilienblase wird zusammenfallen. Geldvermögen einschliesslich der Alterssicherungen werden sich entwerten,
  • und schliesslich kommt die notwendige Korrektur der Geldmengenvermehrung durch Zwangsgeldverminderung: Währungsreform.

Fragen Sie mich, wann denn die zweite grössere Finanzkrise ausbrechen wird, so glaube ich, dass diese natürlich künstliche Situation nicht mehr langfristig, auch nicht mittelfristig aufrechtzuerhalten ist. Ich rechne also mit kurzfristiger Zwangskorrektur und einer neuen zweiten Weltfinanzkrise in den nächsten drei Jahren – eher früher als später.

Was sollte man jetzt tun?

Was Staat, Wirtschaft, Politik, Sozialsysteme oder Sicherheitsorgane vorbereiten und nachher durchführen sollten, ist im Crash-Buch2 ausführlich beschrieben.
Dazu noch einige Tipps für die Eigenvorsorge:

  1. Spätestens in der Inflationsphase des Vorcrashs die Schulden abtragen. Wer schuldenfrei aus dem Crash kommt, hat den Wiederaufbau leichter.
  2. Rechtzeitig von Geldwerten in Sachwerte wechseln. Das ungedeckte und inflationierte Geld entwertet sich, die Sachwerte dagegen halten ihren Wert.
  3. Entwertet werden auch in Geld lautende angebliche Wertpapiere wie Rentenpapiere, Aktien, Fonds und ähnliche Finanzanlagen, nicht dagegen Edelmetalle (Gold, Silber …). Gold- und Silbermünzen haben immer in und nach dem Crash Kaufkraft behalten.
  4. Im Crash sinken alle staatlichen Leistungen wie Gehälter, Sozialleistungen, Pensionen, Altersrenten. Wer seinen Lebensstandard und sein Alter über das Existenzminimum sichern will, muss sich Einkommen aus Sachwerten (Mieten, Pachten) sichern.
  5. Wer beruflich nach dem Crash notwendige Dienstleistungen erbringen kann (Handwerksleistungen, Gesundheitsleistungen usw.), wird daraus einen höheren Lebensstandard als andere halten können.
  6. Das gilt auch für Unternehmer, welche nach dem Crash notwendige Produktion erbringen (Landwirtschaft, produzierendes Gewerbe).

Viele, die den zweiten Finanzcrash nicht kommen sehen und sich nicht vorbereiten, werden wie 1929 in Existenznot geraten, verarmen, verzweifeln und vielleicht revolutionieren – die Finanzbetrüger, politischen Verführer und Staatsschuldenmacher kann man dann nicht mehr belangen – sie haben sich längst aus dem Staube gemacht.    •

1    Zu beziehen durch: Mittelstandsinstitut Nieder­sachsen, Augustinerweg 20, 30419 Hannover,
Tel. + Fax: +49 511 79 13 03, Preis: 30,– Euro
2    Hamer, Eberhard. Was passiert, wenn der Crash kommt? zu beziehen durch: Mittelstandsinstitut Niedersachsen, Augustinerweg 20, 30419 Hannover, Tel. + Fax: +49 511 79 13 03