Grundsätzliches zur kulturellen Lage der Schweiz

von J. R. von Salis, Vortrag an der Delegiertenversammlung des Schweizerischen Lehrervereins am 25. September 1955 in Luzern

Vor neun Monaten habe ich als Heimkehrer aus einem fernen Weltteil die Schweiz von neuem sehen und erleben gelernt, nachdem ich sie im Kreise einer Delegation an der Generalkonferenz der Unesco vertreten durfte.
Ich hatte einen strahlenden und heissen Sommertag an der Pazifikküste in Chile verbracht. Am nächsten Tag startete ich in Santiago. Das Flugzeug musste sich in kurzer Frist 6000 Meter emporschrauben, um die verworrene Fels- und Eiseinöde der Anden und dann die Pampa überfliegen zu können. Im glühenden Abendschein landeten wir in Buenos Aires und bereits am Mittag des nächsten Tages, bei fast 40 Grad im Schatten, in Rio de Janeiro. Nach einem Weihnachtsfest, bei dem man in Hemdsärmeln und bei offenen Fenstern bis spät in die Nacht um den Lichterbaum sass, bestieg ich am nächsten Morgen die Maschine der Swissair zum Flug über den Südatlantik, nach Senegal zunächst, nach Lissabon am nächsten Vormittag. Es war Sonntag, und es kam mir vor, wir seien schon fast zu Hause. Wir waren ja auf der Iberischen Halbinsel. Noch ein Mittag­essen über den Pyrenäen und nun ein bereits winterlicher Nachmittag über Frankreich. Da erschien über der Nebel- und Wolkendecke die Kette der Seealpen und der Gipfel des Montblanc.
Von Genf bei beginnender Dämmerung über die Voralpen zu fliegen, den verblassenden Abend auf den Berner Alpen zu erblicken, unter sich den Thunersee, dann das verdämmernde, schon kaum erkennbare Mittelland, bis man in den frühen Abendstunden auf dem Flugplatz Kloten wieder den Fuss auf Schweizer Boden setzen konnte, das war eine Neuentdeckung. Vier Tage vom chilenischen Hochland an die Limmat, vom Sommer der südlichen Erdkugel zum Winter der nördlichen, gaben Anlass zur Besinnung; zuerst zur Dankbarkeit für die über jeden Vergleich schöne Heimat, dann zum Nachdenken.
Was hatte ich verlassen? Einen leeren Kontinent, ungeheuer ausgedehnte Ebenen, gewaltig ragende, aber fast gestalt- und profillose Berge, in Brasilien Urwald und tropisches Klima, Völker und Rassen im bunten Gemisch ihrer Hautfarben, unerschöpfliche Ozeane, eine Welt im Werden, fern von Eu­ropa. Optimistischer Zukunftswille und dabei grosse Gemächlichkeit erobern dort allmählich den Raum. Es ist eine neue Welt, wo man noch viel Zeit vor sich hat.
Und hier? Unser kleines, dicht bevölkertes Land, wo jeder Flecken ausgenützt ist, Hege und Pflege jeder Art, hochentwickelte Zivilisation und festgefügte Sitten und Gesittung, ein gebildetes, von seinen guten Schulen geformtes Volk, eine erworbene und erarbeitete Kleinwelt in eine herrliche Natur gebettet, ein demokratisches Staatswesen, das an seinen Rechten und Gepflogenheiten festhält, aber eingeklemmt zwischen grössere Nationalstaaten, ohne Zugang zum Meer, zu ständiger Mühe und fleissiger Arbeit verurteilt, aber auch fähig zu Lebensgenuss und Freude: So sah es wieder aus. Und was vorher selbstverständlich geschienen hatte, was der Alltag und das eigene Dasein gewesen war, es muss­te von neuem angefasst, verstanden und bejaht werden, mit seiner täglichen Kleinarbeit, mit dem wiederbeginnenden Unterricht, mit all dem Vielen und Unausweichlichen, was jedem von uns aufgegeben ist. Ja, es war wieder ein Bemühen um Identität, nicht nur des Heimkehrers selbst, sondern um die Identität des Standortes, die Identität der Gemeinschaft, der der Heimkehrer angehört; ein Bemühen um die Identifizierung des Landes, das in gewissem Sinne jedem von uns anvertraut ist.
Was ist es eigentlich, das uns aufgegeben ist? Ich will nicht sprechen von den Lehrstoffen, von den Elementen bis zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung, sondern von unseren Aufgaben der eigenen Jugend, dem eigenen Volke gegenüber; von jenem Beitrag, den jeder von uns leisten muss, um dem Heranwachsenden, dem Jüngling und jungen Mädchen, das Bewusstsein von dem zu geben, was die Schweiz ist, und von dem, was unsere Volksgemeinschaft bedeutet, und in diesem Zusammenhang insbesondere, was das kulturelle Leben der Schweiz ist und wie es aussieht.
Entschuldigen Sie, wenn ich mit einer vielleicht trivialen Bemerkung beginne: «Jeder von uns lehrt in seiner eigenen Sprache.» Das ist aber für ein Land wie die Schweiz sehr bedeutungsvoll. Mit seinen vier Sprachen, müssen wir bedenken, ist unser Land geteilt in mehrere Sprachgemeinschaften. Diese Tatsache allein gibt unserem ganzen Lehrwesen, aber auch Kulturleben eine völlig andere Grundlage, als sie diejenigen Staaten besitzen, die auf einer Nationalkultur ruhen. Mit andern Worten: Unsere Volksgemeinschaft ist nicht auch eine Sprachgemeinschaft. Ich möchte hier auf die Bedeutung der Sprache schon deshalb hinweisen, weil ja der Lehrende, also derjenige, der die Kultur weitergibt, oder, sofern er Schriftsteller ist, auch der Kulturschöpfer, die Sprache als erstes und wichtigstes Instrument brauchen muss, als Stoff für seine Gedankengänge, als Material für die Gestaltung, sei es des Unterrichts, sei es eines literarischen Kunstwerkes. In seiner Sprachform verrät sich der Mensch.
Nun hat vor kurzem unter dem Titel «Sprachgemeinschaft und Volksgemeinschaft» der Sprachwissenschafter Prof. Albert Debrunner in Bern eine sehr interessante und beherzigenswerte Abhandlung veröffentlicht, in der er unter anderem sagt: «Ein Deutschschweizer, der längere Zeit in Deutschland lebt, wird sicher einmal die Behauptung hören, er – der Deutschschweizer – gehöre doch zum deutschen Volk, er sei ein Deutscher, da er ja deutsch spreche. Wenn er dem entgegenhält, er gehöre zum Schweizervolk, so begegnet er meistens völligem Unverständnis oder gar der abschätzigen Bemerkung: ‹Das gibt es nicht: ein mehrsprachiges Volk!› Wie fest diese Meinung in den Gemütern der Deutschen sitzt, habe ich in Deutschland in zahlreichen Gesprächen feststellen können.» Es ist tatsächlich so, dass für denjenigen, der in einem Nationalstaat lebt, das Phänomen Schweiz als Schweizervolk mit mehreren Sprachen schwer fasslich ist. «Die schweizerische Volksgemeinschaft», fährt Debrunner fort, «ist wesenshaft eine Willensgemeinschaft. Die schwersten inneren Krisen der Eidgenossenschaft sind durch den Willen zum Beisammenbleiben überwunden worden: 1476, 1847, 1914–1918.» Es gibt übrigens Definitionen, in denen die Volksgemeinschaft und die Nation wesentlich als eine Willensgemeinschaft aufgefasst wird. Ich denke vor allen Dingen an diejenige von Ernest Renan, wo ebenfalls das Element der Willensgemeinschaft im Vordergrund steht, und in diesem Sinne müssen wir unser Volks- und Staatswesen auffassen: als eine Schicksals- und Willensgemeinschaft. Wir müssen davon ausgehen, dass diese wichtiger und stärker ist als die Sprachgemeinschaft. Darin liegt nun für das gesamte ­politische, aber auch kulturelle Verhalten des Schweizers eine grundlegende Voraussetzung.
Ich will ganz kurz den politischen Aspekt beleuchten, soweit er Folgen für das kulturelle Leben hat. Bedenken Sie, dass die Kultur in Europa sich seit dem Ende des Mittelalters immer mehr auf nationaler Grundlage entwickelt hat. Die Renaissance und die Reformation haben die universale Auffassung von Kultur in den Hintergrund gedrängt und das Besondere an den Tag gehoben, und damit auch das Nationale. Auch die internationale Kultursprache des Mittelalters, das Latein, ist seit dem 16. Jahrhundert durch die europäischen Volkssprachen ersetzt worden. Auch die Universalreligion des Mittelalters, der Katholizismus, brach infolge der Kirchenspaltung auseinander, und an die Stelle der Einheit der Religion trat in Europa die Vielheit.
Die Entstehung des Nationalstaates in Europa machte die Verwirklichung der Nationalkultur zu einer öffentlichen Aufgabe, vom Staate gefördert. Das sogenannte Nationalitätenprinzip, das das Postulat aufstellte, Sprachgemeinschaft sei gleich Kultur- und Volksgemeinschaft, und diese müsse auch einen Staat bilden, hat sich im 19. Jahrhundert und zu Beginn des jetzigen Jahrhunderts durchgesetzt, übrigens hauptsächlich gefördert von den germanischen und slawischen Völkern. Doch hatte bereits die Französische Revolution ähnliche Postulate aufgestellt, wenn auch die Beimischung von romantischen Volkstumsideen bei den Völkern Englands, Italiens und Frankreichs eine viel geringere ist als bei den germanischen und slawischen.
Gewiss sind trotz dieser Entwicklung zu Nationalkulturen und Nationalstaaten einige kulturelle Erscheinungen von universaler oder internationaler Bedeutung immer gleich geblieben, zum Beispiel die Naturwissenschaften und das von ihnen geschaffene Weltbild. Das heutige moderne, vielleicht teilweise noch im Entstehen begriffene Weltbild der Philosophen, der Psychologen und der Naturwissenschafter beruht auf internationaler Arbeit. Man soll also das Nationale auch nicht überschätzen. Es gibt eine Zweiheit: die Nationalkulturen, die auf den Sprachgemeinschaften gründen, und die international gültige und wirkende philosophische, wissenschaftliche und technische Struktur der modernen Welt.
Nun bietet, um zur Schweiz zurückzukehren, unser Land auf den ersten Blick die denkbar ungünstigsten Voraussetzungen für eine Nationalkultur. Keine gemeinsame Kultursprache ist vorhanden, keine gemeinsame Konfession einigt das ganze Volk; wir haben nicht einen Nationalstaat im eigentlichen Sinne, wir haben als Kulturzentrum keine auf das ganze Land wirkende und es repräsentierende Hauptstadt. Es bestehen Widersprüche zwischen der Existenz der Schweiz, die sich stets inmitten von Europa etwas abgesondert hat, und, ich möchte sagen, den in Europa landläufigen Regeln der Identifikation von Sprache, Kultur und Staat. Der Bundesstaat Schweiz ist (Muss man es wieder und wieder sagen?) eine politische Schöpfung. Der Patriotismus seiner Bürger ist eine wesentlich genossenschaftliche, demokratische, föderalistische Ausdrucksform des Nationalen, so dass das Nationale, sofern man das Wort auf unser Land anwendet, gänzlich anders aussieht als in andern Ländern Europas.
Das hatte zur Folge, dass Kirche, Schulwesen, Wissenschaft und Kultur in den Kompetenzbereich der Kantone gehören. Das war zweifellos richtig, und praktisch führte diese Organisationsform zu den geringsten Reibungsflächen. Solche Reibungsflächen würden in grosser Zahl auftauchen, wenn die Schweiz sich so etwas wie ein gemeinsames Erziehungsministerium oder -departement geben würde. Erst vor etwa 80 oder 90 Jahren begann eine Zeit der kultur- und wissenschaftsfördernden Tätigkeit des Bundes. Ich will diese zwar nicht schildern, aber sie doch kurz erwähnen. Indem der Bund für kulturelle Dinge von nationaler Bedeutung helfend einsteht, hat er, vielleicht über seine verfassungsmässig festgelegten Verpflichtungen hinaus, sich gewisse Kompetenzen angeeignet; aber sie betreffen nicht das Schulwesen selbst, sondern die Förderung der Kunst und Literatur, des Natur-, Denkmal- und Heimatschutzes, der wissenschaftlichen Forschung und anderer Zweige des Kulturlebens, sofern sie von den Kantonen nicht für die Gesamtheit des Landes bewältigt werden können, sondern auf nationaler, das heisst auf Bundesgrundlage gefördert werden müssen. Aber grundsätzlich kann der Bund, was unser kulturelles Leben betrifft, nur über die Freiheiten wachen, die zum kulturellen Leben nötig sind, über die Freiheit der Religionsausübung, über die Freiheit der politischen und weltanschaulichen Gesinnung und Meinungsbildung, über die Freiheit des Sprachgebrauches und darüber, dass keine der Sprachen mehr oder weniger Bedeutung habe als die andere, damit keine Minderheitenprobleme entstehen. Der Bund kann gewisse Richtlinien aufstellen für das Schulwesen, für das Medizinalwesen; er unterhält eine einzige Hochschule, die den technischen Wissenschaften gewidmet ist; er gewährleistet die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehrtätigkeit; er wacht über den Frieden zwischen den verschiedenen Volksteilen, und dieser Friede zwischen den verschiedenen Volksteilen wird zum Eckpfeiler des kulturellen Lebens der Schweiz.
Wenn man es genau nimmt, ist diese Bejahung der kulturellen Vielgestaltigkeit der Schweiz zunächst ein Notbehelf. Die Schweiz ist nicht gegründet worden, um der Welt ein Beispiel kultureller, sprachlicher und konfessioneller Vielgestaltigkeit zu geben, sondern diese Vielgestaltigkeit war nichts weiter als eine Gegebenheit des so und nicht anders entstandenen eidgenössischen Bundes, und da sie da war, musste ihre Pflege, die Pflege dieser vielgestaltigen Schweiz, als eine positive Aufgabe aufgefasst und anerkannt werden. Es ist, ich will nicht sagen aus der Not eine Tugend gemacht worden, aber die Schweiz musste gegenüber dem allenthalben national organisierten Europa ihre Existenz als vielsprachiges und kulturell vielgestaltiges Volk rechtfertigen.
Nun ist diese Überschneidung verschiedener Kulturkreise in der Schweiz, des römisch-katholischen, des reformierten, des deutschen, französischen, italienischen, rätoromanischen, gleichzeitig ein Nachteil und ein Vorzug. Es ist ein Nachteil wegen der mittelbaren Abhängigkeit von ausländischen Kulturen und Kulturzentren; es ist ein Vorteil, weil der Schweizer aller Sprachen und Konfessionen am kulturellen und religiösen Leben grosser europäischer Nationen Anteil hat. Wir haben weit offene Fenster nach grossen Gebieten im Norden, Westen, Süden und Osten unseres Landes. Die Schweiz ist gleichsam aus mehreren Kulturprovinzen zusammengesetzt, die ihre Zentren in andern Staaten haben; doch bilden diese verschiedenen Kulturprovinzen der Schweiz ihrerseits eine Einheit mit ihren eigenen Zentren.
Es ist ein grosser Unterschied, nicht nur zu den grossen Nationalstaaten an unserer Grenze, sondern auch zu andern Kleinstaaten, wie Holland, Dänemark, Polen, Portugal usw. Denn diese Staaten besitzen eine Nationalsprache. Sie haben gegenüber der Schweiz den Vorteil, dass sie ihre eigenen Kulturzentren, ihre eigene Nationalliteratur haben, und doch sind diese Kleinstaaten benachteiligt, indem es immer für einen Franzosen, Engländer, Deutschen oder Italiener schwerer sein wird, sich mit den kulturellen, vor allem den literarischen Erzeugnissen Polens, Hollands, Dänemarks oder Portugals vertraut zu machen als mit denen der Schweiz, die dank ihrer weiträumigen Sprachen dem grösseren europäischen Raum, der grösseren europäischen Gemeinschaft angehören. Es ist selbstverständlich, dass keiner bei uns ein grosser Schweizer Schriftsteller ist, wenn er nicht auch ein grosser deutscher, französischer oder italienischer Schriftsteller ist. Er kann zwar auch ein guter Dialekt- oder rätoromanischer Schriftsteller sein, aber in diesem Falle sind ihm enge Grenzen der Allgemeingültigkeit gesetzt. Wir gedenken hier in Verehrung eines Rudolf von Tavel oder eines Peider Lansel, die sich als Meister heimatlicher Idiome betätigt haben. Wenn wir aber an die Grosssprachen denken, dann ist ohne Zweifel der grösste Schriftsteller der französischen Schweiz Jean-Jacques Rousseau, weil er einer der grössten französischen Schriftsteller ist. Das gleiche gilt auch für Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und andere. Es ist aber bemerkenswert, dass jeder von den Genannten für seinen Bildungsgang und seine literarische Thematik unverkennbar der Schweiz tief verpflichtet ist. Es wird immer denkwürdig bleiben, wie ein scheinbar extramundaner Dichter wie Carl Spitteler, als innere Not und gefährlicher Zwiespalt unser Land bedrohten, im dunkeln Winter 1914 mit einem Griff als Staatsbürger seine mutige und meisterhafte Rede über «Unsern Schweizer Standpunkt» gehalten hat. Sie sollte, scheint mir, in jedem deutschschweizerischen Lesebuch stehen.
Trotzdem muss man zugeben, dass eine grosse literarische Wirkung nur im Bereich der grösseren Kulturnation möglich ist. Hier kommt ein Zwiespalt zum Vorschein, dem wir uns nicht entziehen, den wir nicht ignorieren, sondern mit dem wir uns auseinandersetzen wollen und der nur überwunden wird, wenn die Wurzeln fest im Heimatlichen haften. Das war nicht bei allen der Fall. Dazu ein Beispiel: Je weiter die vergangenen Ereignisse in die Ferne rücken, desto deutlicher erscheint die tragische Seite eines Schicksals, wie es Jakob Schaffner beschieden war. Ich stehe nicht an, diesen Namen zu nennen. Für politische Irrtümer, für seine arge Treulosigkeit gegenüber der Heimat hat dieser Mann in einem Keller in Strassburg gebüsst, wo er von einer Bombe getötet wurde. Aber wäre es nicht schade, sein Jugend- und Meisterwerk im Katalog schweizerischer Bildungsromane immerfort vermissen zu müssen? Ich stelle diese Frage hier bloss nebenbei. Vielleicht werden sich bei uns die Kritiker einmal damit auseinandersetzen.
Der Zürcher Literaturhistoriker Fritz Ernst, der unter dem Kennwort des «Helvetismus» immer von neuem sein Anliegen gemeinsamer schweizerischer Züge unseres Schrifttums anbringt, hat in einer Rede «Gibt es eine schweizerische Nationalliteratur?» («Neue Zürcher Zeitung», vom 10. Oktober 1954) redlich darauf hingewiesen, dass Gottfried Keller nicht ohne Bissigkeit die Forderung nach einer «sogenannten Nationalliteratur im Winkel» abgelehnt hat. «Er will», sagt Ernst, «entschieden nichts zu tun haben mit den ‹ewigen Gründern einer literarischen Hausindustrie.›» Gottfried Keller schrieb 1880 in einem Brief, wenn einer in der Schweiz literarisch etwas leisten wolle, «so habe sich jeder an das grosse Sprachgebiet zu halten, dem er angehört.» Fritz Ernst erinnert auch an den Brief von Ramuz aus dem Jahre 1937, in dem dieser in Abrede stellte, dass die Schweizer ein Volk bilden können. An Gemeinsamem anerkannte Ramuz bloss die Briefkästen und die Militär­uniform, also offenbar doch die Bundesverwaltung und die Milizarmee. Aber ein Volk, das es nicht gebe, zu erklären, sei «une accablante entreprise», meinte Ramuz.
Ich denke, man sollte diejenigen, die das schweizerische Schrifttum am reinsten verkörpert haben, um solcher Aussprüche willen nicht verketzern. Man sollte diese Dinge nicht anders sehen, als sie sind, sonst kommt etwas Künstliches heraus, sonst wären wir einfach diejenigen, die sich quer zu den kulturellen Realitäten der grösseren europäischen Völkerfamilie stellen, und sonst wären wir auch ungerecht; denn die gleichen, die sich manchmal ein wenig unwirsch von einer allzu angelegentlichen Heimatkunst distanziert haben, sind doch auch diejenigen, die unserem Lande vor der Welt sein kulturelles Daseinsrecht errungen haben. Ihnen Lektionen über richtiges staatsbürgerliches Denken zu erteilen, ist in den meisten Fällen ein miss­liches Unternehmen, das selten denjenigen ehrt, der mit strenger Miene seinen besserwissenden Zeigefinger erhebt.
Man kann über Grundsätzliches einer Kultur nicht sprechen, wenn nicht zunächst ein schöpferisches Kulturschaffen vorhanden ist. Wir wollen nicht das schöpferische, spontane Kulturschaffen ersetzen durch eine organisierte Kulturpolitik; denn soweit eine solche ihre Berechtigung und ihr Daseinsrecht hat, ist es nur, um sorgsam dienend und im Hintergrund bleibend die Hand zu reichen, dort, wo vielleicht die eigene Kraft des Kulturschöpfers nicht ausreicht, und das ist meistens die materielle Seite der ganzen Frage.
Je nach der Landesgegend ist bei uns nicht nur die Sprache, sondern auch das Form­empfinden, die Geistesart, die Sensibilität eine andere. Deshalb soll man sie nicht zu verwischen und zu vermischen trachten, denn sie bilden keine Einheitskultur. Sie gehören uns, den Schweizern, und gleichzeitig den Verwandten jenseits der Landesgrenzen. Man soll auf eidgenössischem Boden einen jeden nach seiner Art gelten lassen. Das eidgenössische Bundesdach breitet sich schützend über alle. Wir sind ein Volk, in dem manchmal einer dem andern etwas fremd ist. Ich kann diese Dinge nicht anders sehen. Vor kurzem sagte mir einer meiner Genfer Kollegen: «Wir haben die Fremde im eigenen Land» (l’etranger chez nous), eine Bemerkung, die eigentlich selbstverständlich ist, wenn man bedenkt, dass infolge der sprachlichen Schranken uns gewisse Dinge im eigenen Land fremd vorkommen, den einen wie den andern. Ich kann auch nur aus diesen Verhältnissen das Verbindende und die gemeinsamen Aufgaben des Schweizervolkes und des Bundesstaates betrachten. Ich glaube nicht, dass man das Trennende übersehen soll. Man soll es im Gegenteil in sein Bewusstsein heben, und es sich bis zu einem gewissen Grad verstehend aneignen, dann kann man auch das Gemeinsame erkennen und fördern.
Wir sollen andere Art, andere Sprache, anderen Glauben, anderes Empfinden gelten lassen. Es ist ein göttliches Geschenk, wenn wir dann doch auch in den Werken der Literatur, der Kunst und des Geistes im weitesten Wortsinn etwas Gemeinsames, echt Schweizerisches finden. Es ist schwer zu sagen, worin dieses Gemeinsame eigentlich besteht: aber es ist da, und je weniger bewusst und gewollt es ein Hodler gemalt, ein Honegger vertont, ein Gottfried Keller oder Ramuz geschildert haben, desto wahrer und überzeugender ist es. Dann ist es auch selbstverständlich, dass der ausländische Kulturmensch sagt: Euer Ramuz, Euer Keller, Euer Hodler, Euer Honegger.
Das Unterfangen, eine schweizerische Kultur aus dem nationalen Charakter zu erklären, finde auch ich ein wenig «accablant». Wenn man es mit der platonischen Idee versucht und sagt, es gebe doch eine sozusagen vorgeformte helvetische Kultur, dann muss ich den Kopf schütteln und sagen: «Wer das behauptet, ist immer ein wenig darüber, darunter oder daneben.»
Die Frage ist berechtigt, ob man sagen soll: «Schweizer-Kultur» oder «Kultur in der Schweiz». Auf verschiedene Erscheinungen des Kulturlebens bezogen hat beides seine Berechtigung. Ausschlaggebend scheint mir die tiefe, in der Geschichte begründete und für die staatsbürgerliche und politische Willensbildung massgebende Volksgemeinschaft. Sie erfordert manchmal, in gefährlichen Zeiten, auch gewisse Verzichte auf kulturellem Gebiet. Es könnte und kann vorkommen, dass wir wirklich das Vaterländische, die Verteidigung, die Abwehr ausländischer Einflüsse aus Gründen der Selbsterhaltung unseres Staatswesens und unserer Volksgemeinschaft höher stellen müssen als die unbeschränkte Freizügigkeit gegenüber dem Nachbarland, die jedem von uns lieb wäre. Leider lebt man noch nicht in dem weltbürgerlichen Universum Goethes. Die Beziehungen der deutschen Schweiz zu Deutschland konnten zur Zeit Hitlers und des Dritten Reiches nicht unbefangen und freimütig sein wie in früheren Zeiten. Ja die tiefe Störung dieser Beziehungen rief eine Abwehrstellung hervor, weil wir von dort drüben angeherrscht wurden, es gebe keine vielsprachigen Völker. Sprachgemeinschaft sei auch National- und Reichsgemeinschaft! Dagegen mussten wir uns wehren, und dadurch ist eine Entfremdung eingetreten, wenigstens während der Dauer des Dritten Reiches, eine Entfremdung, die der Ausfluss eines Abwehrreflexes war.
Sie erinnern sich, dass gerade in jener Zeit der Abwehr gegen den nationalsozialistischen Imperialismus bei uns die Idee und auch die Sache, die man geistige Landesverteidigung nannte, entstanden ist. Aus dieser geistigen Landesverteidigung ging auch die Landi von 1939 mit ihrem Höhenweg hervor. Aus dieser Quelle kam eine vermehrte Pflege und Förderung schweizerischer Eigenart, typisch schweizerischer Kulturwerte. Damals hat auch Bundesrat Etter in seiner denkwürdigen Botschaft an die Räte die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Pro Helvetia zur Wahrung und Förderung schweizerischer Kultur vorgeschlagen.
Sie werden vielleicht einwenden, im romanischen Landesteil habe sich diese Abwehrstellung etwas weniger stark ausgewirkt. Man habe sich dort auch nicht so stark wie in der deutschen Schweiz gegen den deutschen Nationalsozialismus und das Hitlertum ereifert. Ausserdem sei die Bindung der welschen Schweiz an das Kulturzentrum Paris stärker als heute die Bindung der Deutschschweizer an entsprechende Kulturzentren Deutschlands. Das ist richtig. Es gab aber auch in der französischen Schweiz eine ähnliche Abwehrstellung zur Zeit Napoleons I. und III. Damals lebte ein Teil der kulturschaffenden Schweizer in einem Zustand der Emigration gegenüber Frankreich. Erinnern Sie sich an die denkwürdige Rolle der Frau von Stael und ihres Kreises im Schloss Coppet, im Kanton Waadt. Madame de Stael und die besten Geister der welschen Schweiz standen gegenüber Napoleon in einer politisch-ideologischen Abwehrstellung. Sie wurden auch von der Polizei Napoleons ständig überwacht und drangsaliert. Sie konnten nicht nach Frankreich gehen und mussten jahrelang von Paris fernbleiben. Das blieb nicht ohne Folgen, und die französische Kritik warf diesen Schriftstellern ihren «style emigre» vor. Auch unter Napoleon III. sind manche Welschschweizer zu Hause geblieben und wollten Paris nicht sehen, aus Protest gegen die Diktatur des Kaisers. Der berühmteste unter ihnen ist Frederic Amiel.
Es ist zuzugeben, und hier kommen wir wieder auf die Frage der Bedeutung der Sprache für die Kultur zurück, dass solche Zeiten kultureller Zurückgezogenheit auf das sprachliche Können und den literarischen Ausdruck der Schweizer ungünstige Wirkungen ausüben können. Amiel, der nie in Paris war, schrieb einen Stil, der deutliche Spuren seiner provinziellen Abgeschiedenheit trägt.
In der deutschen Schweiz haben wir eine Ausweichmöglichkeit, die unsere welschen und Tessiner Miteidgenossen nicht in dem Grade besitzen. Wir haben für uns den Gebrauch der Mundart als politische Abwehrwaffe im Kampf gegen den überbordenden Nationalismus des Nachbarn im Norden. Heimat- und Volkskultur sollen sicherlich gefördert werden, aber wir wollen doch bei aller Pflege der Volkskultur, bei aller Liebe zur Mundart die Gefahr einer provinziellen Abwendung von der grossen Welt der Kultur auch nicht unterschätzen. Es ist für ein Land, das mit der ganzen Welt Handel treibt, das auf technischem und wissenschaftlichem Gebiet mit andern Kulturvölkern in vorderster Reihe steht, nicht gleichgültig, ob es in seinem Weltbild auch auf der Höhe und im grossen Zug der Jahrhundert-Entwicklung steht oder ob es sich manchmal ein wenig ängstlich und verlegen über seine Mundart und seine engere Heimat beugt, sie gewissermassen als Zuflucht benützend. Sie sollen es wohl sein, aber diese Zuflucht darf nicht verhindern, dass man auch den Weg nach aussen unter die Füsse nimmt, im Sinne einer Pflege ebenfalls der Hochsprache. Ich bin überzeugt, dass es eine volkspädagogische Aufgabe ist, Mundart und Schriftsprache deutlich und sauber auseinanderzuhalten. Einer jeden geben, was ihr gebührt, und keine davon zu kurz kommen lassen. Das ist eine der Schwierigkeiten der pädagogischen Aufgaben des Deutschschweizers, die der Welschschweizer nicht kennt. Die Nachlässigkeit gegenüber der Hochsprache ist bestimmt nicht am Platze. Diese soll von den Kindern in der Schule gelernt und gut gelernt werden, und sie soll im Leben richtig angewendet werden. Ich meine weniger die Aussprache, an der man im deutschen Sprachgebiet immer unschwer den Österreicher, den Rheinländer und auch den Schweizer erkennen wird; aber ich meine, die korrekte, saubere, gewissenhafte schriftliche und mündliche Anwendung der Hochsprache sollte bei uns ein wichtiges kulturelles Anliegen sein. Ein Gottfried Keller wäre der erste, der es uns sehr verargen würde, wenn wir die Hochsprache vernachlässigen oder stiefmütterlich behandeln würden. Wir brächten uns um einen wesentlichen Teil der kulturellen Bedeutung unseres Landes, wenn wir aus falsch verstandenem Patriotismus das Deutsche und die Kenntnis des Deutschen zerfallen liessen.
Unsere Rolle im gesamten europäischen und vielleicht aussereuropäischen Kulturleben ist naturgemäss in Friedenszeiten eine andere als in Kriegszeiten. Im letzten Weltkrieg war diese Aufgabe in gewissem Sinne einfacher, wenn auch nicht leichter. Wir verteidigten unsere Freiheit vor dem Hintergrund einer Tyrannei. Wir hatten zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus eine Art Monopol der politischen und Gedankenfreiheit in Mitteleuropa. Wir waren die Verteidiger Schillers und alles dessen, was Schiller verkündet hat. So kam es, dass bei uns auf kulturellem Gebiet zum Beispiel das Zürcher Schauspielhaus, die schweizerische Presse und das schweizerische Radio, der schweizerische Film und das schweizerische Kabarett, die Universitäten und Verlagshäuser eine grosse Bedeutung erhielten, indem dieses Schauspielhaus, diese Presse, dieses Radio usw. sich philosophischer und literarischer Produkte, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf, annehmen konnten, die in Italien und vor allem in Deutschland verfemt waren. Wir konnten unbefangen Erzeugnisse ausländischer Kultur in der deutschen Schweiz veröffentlichen und zeigen, sie bewundern oder kritisieren. Es war unser Stolz, mit dieser Unbefangenheit und Freiheit eine kulturelle Existenz im Herzen Europas zu führen, die so stark kontrastierte zu den Schlagwörtern und der Marschmusik im Tausendjährigen Reich. Wir konnten auch humanitäre Aufgaben erfüllen. Wir konnten Handreichungen und Dienste verschiedener Art leisten.
Dieses Monopol besteht nicht mehr. Die Zeit ist vorüber, wo jemand oder etwas, bloss weil es schweizerisch war, im Ausland begehrt wurde.
Eher das Gegenteil ist manchmal zu bemerken. Die Stimmung ist nicht überall wohlwollend gegenüber der Schweiz. Auch nicht in den kleinen Staaten, wie Holland und Belgien, die im Gegensatz zu uns den Feind im Lande und im Krieg gelitten hatten und uns nun unsere Verschontheit und die materiellen Gewinne, die wir dabei erzielten, nachtragen. Auch unsere Vermittlerdienste sind nicht mehr so wichtig und nicht mehr so begehrt. Frühere Feinde verständigen sich heute direkt. Wir können infolgedessen vor den andern Völkern nur bestehen, wenn wir auch auf kulturellem Gebiet nur das Echte, das Vortreffliche, kurz die Qualität gelten lassen, und indem wir auf verschiedenen Gebieten durch unsere Kulturträger in unmittelbare Verbindung kommen mit dem Geist und den Strömungen unseres Jahrhunderts. Das mag einem gewissen landläufigen Misstrauen gegen das Aussergewöhnliche, Überragende entgegenlaufen und unsere Biederkeit und Selbstgenügsamkeit vor einer grösseren Welt blossstellen. Es steht aber in keinem unserer alten Bünde und auch nicht in der Bundesverfassung geschrieben, dass wir Spitzenleistungen dem guten Durchschnitt opfern müssten. Es ist wie im Sport: Nur die Spitzenleistungen zählen, aber sie müssen getragen werden von allen Stufen der Pyramide, die von der Basis bis zur Spitze sich erheben.
Ich sehe den einzig richtigen und möglichen Ausweg in einem echten Wetteifer mit dem Ausland, der dafür sorgt, dass nicht die eigene kulturelle Leistung hinter derjenigen der übrigen Welt zurücksteht. Denn es sind die hervorragenden Werke des Geistes, die eine Nation auszeichnen. Unser Land hat seinen kulturellen Ruf Männern wie Heinrich Pestalozzi und Jean-Jacques Rousseau zu verdanken. Es verdankt ihn seinen Leistungen auf den Gebieten der Medizin und der Technik. Es verdankt ihn hervorragenden Musikern, wie Honegger, Schoeck, Ansermet und andern. All das ist im eigenen Lande nicht immer gebührend bekannt und geschätzt. Man sollte sich aber der Werte bewusst werden, die wirklich im Lande vorhanden und allein imstande sind, ihm Strahlungskraft zu verleihen.
Es gibt auf «His Masters Voice» eine Schallplatte mit einem dramatischen Gedicht von Denis de Rougemont, das von Arthur Honegger vertont ist. Der Stoff ist die Geschichte des Einsiedlers im Ranft, Niklaus von der Flüe, dessen Figur diese beiden so stark dem französischen Wort und Geist verpflichteten Künstler in den dreissiger Jahren ergriffen hat. Es ist ein seltenes und für das ganze Land wertvolles Beispiel dafür, dass ein nationaler Stoff aus dem einen Sprachgebiet im andern Sprachgebiet ein bedeutendes Kunstwerk erzeugt hat. Es stammt aus dem Jahre 1939. Die Schallplatte wurde gespielt vom Pariser «Orchestre du Conservatoire», unter einem französischen Dirigenten. In der deutschen Schweiz ist dieses Werk fast unbekannt geblieben. Selbst bei internationalen Festspielen, die in der Schweiz stattfinden, stellen wir unser Licht unter den Scheffel; hervorragende Werke unserer eigenen Komponisten kommen bei solchen internationalen Festspielen selten zum Erklingen. Wir sollten aber daran denken, dass wir nicht durch Gleichgültigkeit den Kulturschaffenden unseres Landes den guten Mut vergällen. Ein Spitteler und ein Ramuz hatten es bei ihrem Volk nicht besonders gut und leicht und sind, wie viele andere Grosse des Geistes und des Wortes, erst nach ihrem Tode bei uns richtig anerkannt und berühmt geworden.
Wenn ein Neuerer und Jüngerer wie Max Frisch seine Stadt und sein Land kritisiert, dann muss er zwar auf Widerspruch und Gegenkritik gefasst sein. Wenn aber daraufhin eine schweizerische Zeitung schreiben kann, dieser Mann solle auswandern, er gehöre nicht mehr in die Schweiz, dann ist das eine Erbärmlichkeit und eine Niedertracht. Als ob Gotthelf seinerzeit nicht auch die Missstände in seinem Land rücksichtslos angeprangert und Gottfried Keller seinen «Salander» geschrieben hätten! Hat man ihnen deshalb die Auswanderung nahegelegt? Die Grossen oder Bedeutenden und Berufenen hatten es bei uns allerdings oft schwer. Pestalozzi zum Beispiel konnte niemals in seiner Zürcher Heimat wirken. Man hielt ihn für unfähig, wenn nicht für verrückt. Er musste in den Berner Aargau und ins Waadtland. Basler, Berner und Ausländer nahmen sich seiner an. Nach dem Tode solcher Männer, wenn ihre Gebeine im Kirchhof bleichen, nimmt man allemal gerne für Stadt und Vaterland ihren Nachruhm in Anspruch. Wir Schweizer müssen uns ein wenig vor Missgunst und Eifersucht hüten. Sie gedeihen leider in unseren Verhältnissen recht gut.
Es bedarf immer wieder des guten Willens aller, der Zustimmung zu dem So- und nicht Anderssein der Schweiz, wenn man sie erhalten und ihren Sinn und ihre Lebensberechtigung bewahren will. Das ist auf kulturellem Gebiet schwieriger als auf allen andern, weil es immer wieder der Toleranz, das heisst des Geltenlassens nicht nur des Andersartigen, sondern oft auch des Unbequemen und unsere Geistesträgheit Aufschreckenden bedarf. Ein gewisser Konformismus ist uns eigen, und es stört uns, wenn einer kommt, der die Dinge anders sieht oder anders darstellt, als es uns behagt. Ich möchte fragen: Hat zum Beispiel ein C. G. Jung bei uns die Anerkennung gefunden, die er in der weiten Welt schon lange besitzt? Ich weiss es nicht. Es war jedenfalls erfreulich, dass dieser im Ausland vielgeehrte Schweizer an seinem 80. Geburtstag zum erstenmal von einer Hochschule unseres Landes zum Ehrendoktor promoviert wurde. Selbstisolierung, Ausstrahlung ins Ausland und endlich Anerkennung, wenn diese Männer alt oder gestorben sind und man gebührend davon Kenntnis genommen hat, dass sie etwas Bedeutendes geleistet haben: So erging und ergeht es bei uns nicht wenigen Grossen des Geistes.
Ich will nicht billige Ironie in diese Betrachtungen mischen. Ich meine aber, dass wir unserem Lande einen besseren Dienst erweisen, wenn wir freimütig und auch humorvoll, damit sie nicht zu bitter schmecken, diese Dinge beim Namen nennen. Und vergessen wir nicht: Es ist nicht mehr die Kriegssituation, nicht einmal mehr die unmittelbare Nachkriegssituation, wo wir noch helfen konnten, sondern jetzt sind wir gewissermassen wieder auf unseren Platz verwiesen, indem die andern den ihren auch wieder eingenommen haben.
Wir sollten, das möchte ich zum Schlusse sagen, weder ganze Volksgruppen noch einzelne hervorragende Kulturschöpfer ihre Schwächen in der Gesamtheit unseres in so geregelten Bahnen ablaufenden Alltags allzusehr spüren lassen. Es gibt faktisch Minderheiten bei uns, wie es auch Isolierte gibt. (Den Ursachen solcher Abkapselung oder Beziehungslosigkeit zum Ganzen des schweizerischen Lebens sollte man einmal nachgehen.) Es gibt aber in der Verfassung keine Minderheiten und keine Bürger minderen Rechtes, sondern nur Gleichberechtigte in der Schweiz, was nicht Gleichmacherei nach dem Mittelmass bedeutet, sondern Recht auf eine eigene Persönlichkeit und auf eigenen Ausdruck. Geben wir acht, dass nicht das, was uns Gesetz und Recht verleihen, nämlich weitgehende Freiheit, durch die Sitte verkümmert wird.
Wir wollen als Lehrer und Erzieher redlich dazu beitragen, dass jeder sich freuen darf, Schweizer zu sein und zu heissen, und dass jene grossherzige Zustimmung, die einst Gottfried Keller zum neu gestalteten Bund der Eidgenossen geben konnte, auch dem kulturell Schaffenden unserer Tage leicht gemacht werde. Wir haben nicht nur eine wunderbare Heimat, sondern auch ein schweizerisches Geisteserbe, und beide sollen wir verteidigen und pflegen. Wir können aber gerade auch im Lehramt den Boden bereiten für die Aufnahmefähigkeit und Aufnahmewilligkeit der Jungen. Nicht jeder ist ein Kulturschöpfer, die wenigsten sind es, aber wir sind als Lehrende Kulturvermittler, und von der Art, wie wir die kulturellen Güter vermitteln, von dem Geist, in dem wir es tun, hängt viel davon ab, ob auch eine breite und aufgeschlossene Schicht von Kulturempfängern in unserem Lande heranwächst.    •

Quelle: Schriften des S.L.V. Nr. 30, Zürich 1955
aus: J. R. von Salis: Schwierige Schweiz, Beiträge zu einigen Gegenwartsfragen, Zürich 1968, S. 107–122