Wir Menschen sind auf einen gesunden Bauernstand angewiesen

Grosse Viehschau in Kirchberg SG

von Thomas Kaiser

Im Café nahe der zentralen Kreuzung treffen immer mehr Menschen ein. Der Stundenzeiger rückt langsam gegen acht Uhr vor, und die hier Anwesenden kennen im Moment nur ein Thema: Die Auffahrt der Kühe zur Viehschau. Es ist kurz nach acht Uhr, und das eben noch gut gefüllte Café leert sich schlagartig. Alle streben der zentralen Kreuzung zwischen Kirche und Gemeindehaus zu. Man will auf keinen Fall verpassen, was von den Bauern aus der Umgebung geboten wird. Eine freudige Spannung liegt über Kirch-berg an diesem leider trüben Samstagmorgen. Aber das Wetter will niemand so recht interessieren, ein zu wichtiges Ereignis steht bevor.
Ganz in der Ferne hört man den dumpfen tiefen Klang von grossen Kuhglocken. Der Klang kommt immer näher, und schon sieht man eine grosse Herde, angeführt von Bauern und Bäuerinnen mit ihren Kindern, immer weiter auf die Kreuzung zukommen. Der Verkehr wird angehalten, für einmal sind Kühe, Stiere und Geissen die Herren der Strasse. Als die bunt geschmückten Tiere die Kreuzung erreicht haben, ist der Dorfkern erfüllt von dem vollen, runden Klang der Treicheln, und der ganze Ort scheint zu vibrieren. Stolz tragen die Kühe diese herrlichen Glocken, und man hat als Zuschauer den Eindruck, sie genössen es, für einmal im Rampenlicht zu stehen und von der zahlreichen Zuschauerschaft bestaunt und bewundert zu werden. Kaum ist die erste Herde an uns vorübergezogen, erscheint schon die nächste. Aus allen Himmelsrichtungen treffen die stolzen Tiere, angeführt von ihren nicht weniger stolzen Bauernfamilien, ein. Die Kühe sind so liebevoll und variantenreich geschmückt, und sie scheinen genau zu wissen, heute geht es um sie. Das ist der stolze Schweizer Bauernstand, der trotz vielen Veränderungen der letzten Jahre mit grossem Einsatz versucht, die Bevölkerung mit guten Nahrungsmitteln zu versorgen. Über eine Stunde defilieren die herrlichen Tiere an uns vorüber, dann rollt der Verkehr wieder ungehindert, nur ein paar Kuhfladen erinnern daran, was Eindrückliches sich hier gerade abgespielt hat.
Nahezu 840 Tiere haben sich am Schauplatz Frohheim in der Gemeinde Kirchberg eingefunden, wo nun die Ausscheidungen und die Kür der Missen beginnen. Gross ist die Zuschauerschaft, und es herrscht eine freundschaftliche Stimmung unter den Bauern, man kennt sich, tauscht sich aus und pflegt die gemeinsamen Interessen. Was macht das liebe Vieh? Während eine Herde unruhig und kräftig muhend auf ihren Auftritt wartet, stehen andere stoisch in Reih und Glied, bis sie zur Beurteilung in den Ring geführt werden. Es ist ein Erlebnis, das unbefangene Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu beobachten. Während die eine Kuh sich ruhig und sicher durch den Ring führen lässt, bleibt die andere störrisch und eigenwillig und lässt sich kaum zur Prämierung in der Reihe halten. Jede Kuh hat ihren Charakter und jeder Bauer natürlich auch. «Als ich heute Morgen mit den Treicheln in den Stall kam, wurden meine Tiere ganz aufgeregt. Sie wussten genau, heute geht es an die Viehschau, und sie waren kaum zu halten. Sie wissen, worum es geht, und sie haben richtig Freude daran.» Mit einer gehörigen Portion gesundem Stolz umarmt er den kräftigen Hals seiner Favoritin und schwärmt von dem ausgeglichen Charakter seiner Kuh, Schweizer Braunvieh. «Das sind hervorragende Tiere, in aller Ruhe lassen sie sich führen und sind voll mit dabei.» Er hofft auf einen 1. Rang wie sein Platznachbar auch, mit dem er sich freundschaftlich unterhalten hat. Ein paar Meter weiter wird die Agrarpolitik des Bundesrates diskutiert. Die erfährt wenig Zustimmung. «Um uns geht es bei dieser Politik nicht, das ist eine Politik an den Bauern vorbei.» So die grossmehrheitliche Auffassung. «Was wäre denn, wenn wir alle aufhören würden. Wo kommen denn dann die Nahrungsmittel her?» «Aus der Ukraine», sagt einer keck, «da würden wir aber im Moment sehr blöd dastehen.» «Die haben selbst nicht genug zum Essen.» «Wenn wir uns vom Ausland abhängig machen, dann verlieren wir unsere politische Handlungsfreiheit, das darf der Bundesrat nicht aufs Spiel setzen.» So und ähnlich klang es an verschiedenen Orten.
Nein, die Viehschau in Kirchberg ist wie an vielen Orten nicht nur Folklore, die man noch treiben darf, um zu verhindern, dass die Unzufriedenheit zu gross wird und in politischen Widerstand umschlägt. Der Bauernstand der Schweiz ist sich seiner realen Bedeutung bewusst. Man weiss auch, dass man in der Landesregierung keinen verlässlichen Partner hat, dem das Wohl der Bauern und damit auch der Bevölkerung und letztlich des Staates ein grosses Anliegen ist. Freihandelsabkommen abzuschliessen und damit die einheimische Landwirtschaft zu ruinieren scheint immer noch Inhalt und Ausrichtung der bundesrätlichen Agrarpolitik zu sein, was immer für eine Agenda dahinter steckt. Die Viehschau wie hier in Kirchberg ist auch ein Mittel, der nicht bäuerlichen Bevölkerung die Wichtigkeit und Schönheit der bäuerlichen Arbeit näherzubringen. Die meisten Menschen in diesem Land sind in höchstem Masse von einer sinnvollen und umfassenden Landwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung überzeugt. Das ewige Geldargument, warum der Freihandel für unser Land wichtig sei, ist viel zu kurz gegriffen. Er zerstört, wie im Interview mit Jakob Maute deutlich wird, nicht nur die einheimische Landwirtschaft, sondern führt zu Hungersnöten in den Exportländern. Wir Menschen sind auf einen gesunden Bauernstand angewiesen. Nur dank ihrer Arbeit werden wir mit hochwertigen Nahrungsmitteln versorgt. Diese haben ihren Preis, und der soll auch bezahlt werden. Die Ernährungssicherheit ist ein hohes Gut und trägt zu unserer staatlichen Souveränität bei. Dass Bräuche wie Viehschauen oder Alpauf- und Alpabtriebe zu einer gesunden Landwirtschaft gehören, ist selbstverständlich. Sie kann aber nur dann ihre Aufgaben wahrnehmen, wenn die Politik sowohl die Anliegen der Bevölkerung als auch die des Bauernstandes aufgreift und umsetzt.    •