«Frieden schaffen»

Zur Ausstellung von Theo Dannecker in Adliswil, Zürich

von Dr. Vera Ziroff Gut

Nach den erfolgreichen Ausstellungen von 2008 in Zürich, 2009 in Glarus und 2013 in Ebnat-Kappel zeigt der Konzeptkünstler Theo Dannecker neue und bekannte Werke zum Thema «Frieden schaffen» vom 6.–28. November 2014 im Kulturtreff in Adliswil, Kanton Zürich. In Collagen, Objekten und Installationen veranschaulicht er die Voraussetzungen eines friedlichen Zusammenlebens in einem gesellschaftlichen Aufbau von der Heimatgemeinde bis zur Völkergemeinschaft.

Adliswil ehrt seine Künstler

In der neueren Geschichte von «Adliswil – eine Stadt mit Zukunft» heisst es zu Theo Dannecker: «Konzeptkünstler. 1938 geboren und in Adliswil aufgewachsen. Nach einem intensiven Kunststudium leitet er seit 1972 eine private Malschule in Zürich. Als Kunstschaffender gestaltete er Objekte aller Art, fast immer verbunden mit Malerei (Acryl oder Gouache). Als Lehrer vermittelt er einen allumfassenden Unterricht nach philosophischen Grundsätzen, kunstgeschichtlichem Wissen und praktischer Erfahrung. Seine Plastik «Iisscharrete» wurde von der Stadt Adliswil gekauft ...».1 Und bereits in den älteren Chronikblättern wurden Danneckers frühe Raumabilder genau beschrieben und gewürdigt.2 Unterdessen hat die Gemeinde den Ständer zur Mitbestimmung gekauft und gemeinsam mit Werken anderer Künstler im Eingang des Stadthauses aufgestellt. So ist es nicht verwunderlich, dass Theo Dannecker gern mit einer Ausstellung nach Adliswil zurückkehrt, in den Kulturtreff, das ehemalige Schulhaus, in dieses Klassenzimmer, in dem er seine ersten drei Schuljahre verbracht hat.

Hommage an Adliswil

Dannecker eröffnet die Ausstellung mit einer Hommage an Adliswil, mit Momentaufnahmen aus einer Zeit, die es so nicht mehr gibt: Vier Bleistiftzeichnungen auf Leinwand halten die frühen Ereignisorte, seine Erinnerungen an Adliswil, fest. Sie geben deutlich die Stimmung der Kriegs- und Nachkriegsjahre des 20. Jahrhunderts wieder.
Im 19. Jahrhundert hatte Adliswil einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der in jener hervorragenden Beschreibung des Schweizerlandes von 1827, in der alle in der Eidgenossenschaft befindlichen Kantone, Bezirke, Kreise, Ämter sowie alle Städte, Flecken, Dörfer, Schlösser, Klöster, auch alle Berge, Thäler, Seen, Flüsse, Bäche und Heilquellen nach alphabetischer Ordnung dokumentiert sind, hervorgehoben wird. Dort heisst es unter A wie Adlischweil: « ... ansehnliches Dorf von 50 Häusern, unter welchen sich mehrere hübsche Häuser befinden, an beiden Seiten der Sihl, in der Pfarre Kilchberg und dem zürch. A[mt] Wädenschweil. Die hier durchgehende Strasse nach dem Albis belebt das Dorf, daher sich auch, neben einer neuen und grossen englischen Spinnerei, eine Schmiede, eine Getreide- und Sägmühle und ein gutes Wirtshaus befinden. Landbau, Viehzucht, Fabrikarbeit und Handel sind die Nahrungsquellen der Einwohner, welche in ziemlichem Wohlstande leben. ...».3 Die Adlischweiler waren aber nicht nur wohlhabend, sie waren auch sparsam. Nachdem sie sich 1902 nicht länger gegen die allgemeine Sprachbereinigung der Ortsnamen – bei der alle auf weil oder wyl endenden Namen einheitlich in wil umbenannt wurden – wehren konnten, haben die Pöstler ihren Poststempel Adlisweil noch mindestens ein Jahr länger benutzt.4 Die Weltwirtschaftskrise der Zwanziger Jahre aber brachte die Gemeinde an den Rand des Ruins. Ein Viertel der Bevölkerung wurde arbeitslos. Und erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, das ist die Zeit, die Dannecker in seinen Bleistiftzeichnungen festhält, erholte sich Adliswil langsam und entwickelte sich wieder vorwärts.
Mit der ersten Zeichnung zum Wohnhaus der Fuhrhalterei Hasler-Günthart werfen wir einen Blick in dieses alte Adliswil. Hier wurde der Künstler im mittleren Zimmer des dritten Stockwerks geboren; ein verstärkter Strich rahmt das entsprechende Fenster. Im Hintergrund der Zeichnung ist noch eine alte Kutsche der Fuhrhalterei zu sehen. Bewusst hat Dannecker die Bleistiftzeichnung, eine traditionelle, auf Leinwand besonders arbeitsintensive Technik eingesetzt, die Strich für Strich mit unterschiedlich harten Bleistiftspitzen ausgeführt wird und eine grosse Genauigkeit erfordert, den alten Fotografien – nach denen diese Bilder hergestellt wurden – aber am nächsten kommt. Auf dem Heimweg vom Kindergarten 1942 wird er von einem Fotografen aufgenommen; zufällig hält der junge Künstler eine Zeichnung in der Hand. Mit Ich und mein Banknachbar Werni Bäbler werden wir in dieses Schulzimmer mit der alten Schulbank aus Gusseisen und Holz geführt. Als Adliswil in der Nachkriegszeit einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, begann man als erstes, ein neues Schulhaus zu bauen, auch wenn der Bau aus Geldknappheit ein Jahr stillgelegt werden musste. Auf der Zeichnung Aufstellung zum Schülerumzug und Einweihung des neuen Schulhaus Kronenwiese trägt die gröss­te Schülerin der fünften Klasse eine Tafel mit der Aufschrift «In der fünften Klasse aber fasst schon Grösseres der Verstand, man lernt kennen gar viel Schönes von dem lieben Zürcher Land». In dieser kleinen Tafel kommt der systematisch aufgebaute Lehrplan der damaligen Volksschule klar zum Ausdruck. Man schritt damals vom Nahen und Bekannten, von der Heimatgemeinde mit ihren Institutionen und Verwaltungsorganen, die in den unteren Klassen gelehrt wurden, weiter zum Entfernteren, dem Kanton. Die fünfte Klasse führt deutlich sichtbar den aus Karton ausgeschnittenen Kanton Zürich als ihren Lernstoff mit sich. Damals war es allgemein bekannt, dass der systematisch aufgebaute Lernstoff Voraussetzung einer guten Volksbildung ist. Theo Dannecker in kurzen Hosen und festlicher Krawatte trägt ein Werbeplakat der Sponsorenfirma Vivi-Kola vor sich her, andere halten Plakate von Maggi, von der Glaserei Bülach und von der Sihltalbahn. Der Lehrer im Vordergrund hat seinen Notizblock hervorgeholt und führt deutlich Regie. Die persönlichen Erinnerungen des Künstlers an seinen Geburtsort werden durch Bilder zum Thema Familie ergänzt, die ja in allen Kulturen den kleinsten Kern des gesellschaftlichen Zusammenlebens bildet. In der gedeihlichen Entwicklung der Persönlichkeit innerhalb der Familie, in ihrer sorgfältigen Bildung durch die Schule, ihrer Entfaltung in der grösseren Gemeinschaft, der Gemeinde oder der Genossenschaft sieht der Konzeptkünstler Theo Dannecker den Grundstein gelegt für das friedliche Zusammenleben im politisch-wirtschaftlich unabhängigen Gemeinwesen in der Eidgenossenschaft und der Völkergemeinschaft. Dieser gesellschaftliche Aufbau spiegelt gleichzeitig das Konzept der Ausstellung.

Theo Dannecker, Konzeptkünstler

Noch bevor aber der Besucher die Ausstellung betritt, erfährt er, dass dem Konzeptkünstler Theo Dannecker – im Gegensatz zur gegenstandslosen Malerei – der Inhalt seiner Bilder besonders wichtig ist. Er macht klare Aussagen, gibt dem Betrachter dennoch Raum, Texte zu lesen, sich einzudenken und mitzuempfinden. Dabei prägen alltägliche Fundstücke oder Gedankensplitter, die er beim Philosophen, beim Nachbarn oder Künstlerkollegen findet, seine Arbeitsweise. Bereits auf dem Marktplatz von Adliswil werden wir von einer Kopffigur im Käfig, der der Mund zugenäht wurde, mit den Worten empfangen «Keine Macht darf unsere Stimme der Gerechtigkeit zum Schweigen bringen». Der Frauenkopf mit der Fackel aus Picassos Guernica, dem bedeutendsten Antikriegsbild des 20. Jahrhunderts, beleuchtet Danneckers Anliegen. Innerhalb der Ausstellung heisst es auf einem übergrossen Stein: «Der Stein der Gerechtigkeit muss gewälzt werden.» Die Aufschrift auf einer gefalteten Plexiglas-Wand fordert jeden Einzelnen auf: «Sag ja zum Frieden». Und wenn wir den Raum verlassen, heisst es: «Denn Du bist ein Mensch.» Um wirklich Frieden schaffen zu können, muss sich der Mensch für den Frieden entscheiden und den Entschluss fassen, sich mit all seinen Kräften dafür einzusetzen. Friede entsteht nicht durch das Schweigen der Waffen – das sehen wir seit vielen Jahren in Israel und Palästina. Der Friede verlangt Aktivität und die Bereitschaft, die Ursachen und Probleme, die zu einem Konflikt geführt haben, gemeinsam mit dem Kriegsgegner zu lösen. In der Installation Völkerrecht, die bereits schon in der Ausstellung in Glarus zu sehen war, wird dies anschaulich ausformuliert.

Hommage an Pieter Bruegel d. Ä. (um 1525–1569)

Selbstverständlich gibt es menschliches Fehlverhalten, das dem «Frieden schaffen» entgegensteht. In einer Hommage an Pieter Bruegel d. Ä. hat Dannecker dessen «Sprichwörter» von 1559 in einer Collage aufgegriffen. Bei Bruegel handelt es sich um eine wortwörtliche Verbildlichung von 119 damals gut bekannten, alltäglichen Sprichwörtern, womit er seine Zeitgenossen ansprach, die Moral wieder stärker ins Auge zu fassen; er wollte zur Verbesserung der Welt beitragen. Vordergründig hat man den Eindruck, als ob die Menschen in einem Dorf an der Meeresküste ihren alltäglichen Aufgaben nachgehen, bis man erkennt, wie unsinnig, wie töricht ihre Aktivitäten sind. Aus einer alltäglichen Fotokopie einer Abbildung des Originalwerkes im Museumskatalog hat Dannecker zehn Szenen ausgewählt, die er uns insbesondere zu bedenken gibt: Ein Globus, der an einer Hauswand verkehrt herum aufgehängt ist, veranschaulicht: Verkehrte Welt, was nicht sein sollte. Und wenn wir überlegen: Was läuft nicht alles schief auf unserer Welt, in unserem politischen Leben? Er hängt den Mantel nach dem Wind, heisst denn auch die Szene, die einen Mann auf der Zinne eines Daches zeigt, dessen Mantel im Wind weht. Eine Frau mit Wassereimer, Eisenzange und glühender Kohle steht für die Doppelzüngigkeit und Falschheit: Sie trägt Feuer in der einen, doch Wasser in der anderen Hand. Mit dem Zitat aus dem Römerbrief des Paulus «Wenn ein Blinder Blinde führt, fallen beide in die Grube» sind keine theologischen, sondern sehr profane, politische Irrlehren gemeint: In Kriegssituationen zum Beispiel, die wir nicht selbst überprüfen können, sind wir auf absolut vertrauenswürdige Nachrichten angewiesen. Und wir wissen aus den Untersuchungen von Becker/Beham zum Balkan-Krieg5, dass die Information, die Serben als Unterdrücker und Aggressoren darzustellen, von der amerikanischen PR-Firma Ruder Finn im Auftrag verschiedener Regierungen in die Nachrichten eingespeist wurde. In beinahe allen Zeitungen verglich man die Serben mit den Nazis, und die Leser sind in diese Grube gefallen.
Hierher zum menschlichen Fehlverhalten gehört auch ein zweites Objekt, das Dannecker nach Pieter Bruegel gestaltet hat: Die Gier. Eine kleine Gouache zeigt Zwei angekettete Affen nach Pieter Bruegel d. Ä. Die Affen sind an eine Kette mit Knebelschloss gelegt; sie könnten sich also leicht befreien, wenn sie einen Verstand gebrauchen könnten. Mit ihrem schönen auffällig rötlich braunen Fell sitzen sie in einer Maueröffnung. Der eine ist zum Betrachter gewandt, während der andere im Profil zu sehen ist, wie er seine leeren Nussschalen betrachtet. Durch die Maueröffnung blicken wir hinaus in eine helle Stadtlandschaft am Fluss. Am Himmel fliegen zwei Vögel, deren freier Flug einen auffälligen Kontrast zu den angeketteten Affen bildet, die ihre Freiheit verloren, weil sie ihrer Gefrässigkeit, ihrer Gier nachgaben und Nüsse gestohlen haben. Davor, auf einem Ständer gefangen unter einer Plexiglaskuppel, sitzt ein modernes Paar, plastisch geformt aus Lehm, in Gold, Hellblau und Rosa herausgeputzt, umgeben von Goldbarren, aber angekettet wie die Affen. Mehr noch als die beiden Affen, die ja nur zwei Nüsse gestohlen haben, sind sie ganz offensichtlich Gefangene ihrer Gier. Dannecker hat hier die Frage von Bruegel, ob es sich lohnt, für einen Gewinn von zweifelhaftem Wert die Freiheit aufzugeben, aufgegriffen.
Den Kontrapunkt zu den Angeketteten bilden jene Menschen, die uns Theo Dannecker in seinem bekannten Atelierbild vorstellt, die sich mit Wort und Schrift, Feder und Pinsel für die Volksbildung, die Entwicklung der Menschenrechte und des Völkerrechts, für politische Unabhängigkeit und für ein gewaltloses Zusammenleben eingesetzt haben.

Die kleinbäuerliche Landwirtschaft

Konkrete Voraussetzung für den Frieden ist aber auch eine sichere Existenzgrundlage. Hierfür steht Die kleinbäuerliche Landwirtschaft, Bleistiftzeichnungen einer Bäuerin und eines Bauern; dazwischen steht in veritablem Stroh eine Gouache, die ihren Sohn bei der Arbeit im Kuhstall zeigt, davor auf einer Metallplatte eine kleine Farbstiftzeichnung einer Sense – einem wichtigen Instrument in der Landwirtschaft – mit Wetzstein und dazugehörendem Wasserkrug. Der Installation beigeordnet ist der Weltagrarbericht der Uno von 2008, aus dem deutlich hervorgeht, dass nicht die globalisierte, industrialisierte Herstellung von landwirtschaftlichen Gütern, sondern die regional ausgerichtete, kleinbäuerliche Landwirtschaft die richtige Antwort auf das Welthungerproblem ist. In der überarbeiteten Fassung des Berichtes von 2013 heisst es jedoch, dass das schwächste Glied in der Kette der Nahrungsmittelproduktion, der Verarbeitung und des Verkaufs heute die Bauern sind, die die Lebensmittel produzieren. Durch die Konzentrationsprozesse in der Nahrungsmittelproduktion, die Saatgut-Patente, die Verdrängung vom Land, unfaire Arbeitsbedingungen und zu niedrige Preise geraten sie immer mehr unter Druck und unsere Ernährungssouveränität damit in immer weitere Ferne.

Genossenschaft

Zum Thema Genossenschaft kennen wir bereits kleinere Studien von Dannecker. Die Collage in Adliswil baut auf zentralen Kreisfiguren, vertikaler und horizontaler Mittelachse auf, ist eine sehr harmonisch entwickelte Komposition und strahlt diese ursprünglichste Form des Zusammenarbeitens, die auf dem Prinzip der Gleichberechtigung aller Mitglieder beruht, förmlich aus. Sie vergegenwärtigt eine Situation kurz vor Beginn der Mitgliederversammlung, dem obersten Organ einer Genossenschaft. Der Sitzungspräsident mit roter Krawatte und blauem Jackett ruft an einem Tisch im Hintergrund über Mikrofon «Bitte nämed Platz, mir fanged a», «s’Mikrofon isch frei» und «de Paul schribt hüt s’Protokoll». Im Vorder- und Mittelgrund stehen die Genossenschafter in Komplementärfarben rot-grün, blau-gelb oder in braun-blau gekleidet an runden Tischen in kleinen Grüppchen zusammen und diskutieren die Papiere, die behandelt werden müssen. Ihre im Bild dokumentierten «einfachen» Redebeiträge «aber vermöged mir das?», «ich finde, das mir das bruched», «es mues für alli stimme, suscht gits Unfriede», «dä Punkt isch heikel», «also lose, was di andere meined», «das isch mir sehr wichtig», «eine allei schafft das nöd» zeugen von einem Dialog, bei dem alle auf Grund eines gemeinsamen Kenntnisstandes mitsprechen können, Grundvoraussetzung einer funktionierenden Genossenschaft und einer funktionierenden Demokratie. Um auf diese grundlegende wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung des Genossenschaftsmodells aufmerksam zu machen, hatte die Generalversammlung der Uno 2012 zum Jahr der Genossenschaften gemacht und dann sogar unser Jahrzehnt zu dem der Genossenschaften erklärt: Genossenschaften tun etwas gegen die Armut, schaffen Arbeitsplätze und fördern die soziale Integration.6 Politisch spielen die Genossenschaften bei der Entstehung der Schweiz eine wichtige Rolle wie René Roca jüngst mit seinem Buch «Wenn die Volkssouveränität wirklich eine Wahrheit werden soll...»7 aufgezeigt hat, das in der Installation Eid-Genossenschaft unter dem Röpke-Brevier aufliegt.

Eid-Genossenschaft

Die Installation zu Wilhelm Röpke gilt einem grossen Ökonomen und Freiheitsdenker des 20. Jahrhunderts, der für eine menschenwürdige Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft steht, der den Aufbau der Schweiz, der Eid-Genossenschaft sehr gewürdigt hat. Dannecker hat seinen schönen Kopf aus Ton geformt und auf einen roten Backsteinsockel gesetzt, Backstein, das Baumaterial Norddeutschlands; Röpke kommt aus der Lüneburger Heide. Der Kopf steht natürlich für seine Gedanken, die durch das Röpke-Brevier «Das Mass des Menschlichen» zitiert werden; eine vergrösserte Textstelle daraus wird auf einem eigenen Sockel hervorgehoben. Als 18jähriger junger Mann im Ersten Weltkrieg verletzt, sieht er den Krieg als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und wird Zeit seines Lebens zu einem unerschrockenen Kämpfer für Frieden und Freiheit. Als Ökonom sieht er seine Rolle darin «vor allem die wenig ruhmvolle, aber desto nützlichere Aufgabe zu haben, […] die Logik der Dinge sprechen zu lassen, die unbequemen Tatsachen und Zusammenhänge ans Licht zu ziehen, alles mit abwägender Gerechtigkeit an seinen Platz zu stellen, […] Seifenblasen anzustechen, Illusionen und Konfusionen zu entlarven […]».8 Darüber hinaus ist er der Meinung, dass ein Ökonom, der nur Ökonom ist, kein guter Ökonom sein kann. Als junger Ordinarius in Marburg warnt er seine deutschen Mitbürger bereits vor den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 in einem Flugblatt: «Niemand, der am 14. September nationalsozialistisch wählt, soll später sagen können, er habe nicht gewusst, was daraus entstehen könnte. Er soll wissen, dass er für den Krieg nach innen und aussen, für sinnlose Zerstörung stimmt.»9 Und als er am 8. Februar 1933, acht Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am Grab seines Lehrers eine Rede hält, in der er davon spricht, «[…] dass ein Massenaufstand gegen die letzten Grundlagen alles dessen angebrochen ist, was wir Kultur nennen: ein Massenaufstand gegen Vernunft, Freiheit, Humanität und gegen jene geschriebenen und ungeschriebenen Normen, die in Jahrtausenden entstanden sind, um eine hoch differenzierte menschliche Gemeinschaft zu ermöglichen, ohne die Menschen zu Staatssklaven zu erniedrigen»,10 wird er fristlos entlassen und nimmt noch im gleichen Jahr eine Einladung Kemal Atatürks an die Universität Istanbul an. Im Wintersemester 1937/38 folgt er einem Ruf als Professor für internationale Wirtschaftsfragen an das Institut Universitaire de Hautes Etudes Internationales in Genf. In der Nachkriegszeit steht er in regem Kontakt mit Ludwig Erhard und ist am marktwirtschaftlichen Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland beteiligt, ja er gilt als der geistige Vater der sozialen Marktwirtschaft. Gleichzeitig übt er scharfe Kritik an der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, in der die «Ökonomokraten» Europa nach ihren kollektivistischen Idealen auszugestalten begännen. Nach Röpke sollte auch Europa – wie jeder einzelne Staat – aus dem Subsidiaritätsprinzip entstehen und langsam von unten her zusammenwachsen. Sein Ideal gesellschaftlicher Organisation geht aus vom Föderalismus, von kleinen dezentralisierten Lebensformen, kleinräumigen Strukturen, geprägt vom Einzelnen, der Familie, von kleinen und mittleren Unternehmen, von regionalen Strukturen, die zu nationaler und dann zu internationaler Vernetzung führen.11 Bei der Gründung einer «Europaföderation» warnt er davor, dass die Akteure die Komplexität des Ganzen nicht genügend verstünden. Der Föderalismus sei eine politische Philosophie, eine geistig-moralische Entscheidung, zu der man erzogen werden müsse. Dabei müsse die Verbundenheit mit der eigenen Heimat der Achtung vor den anderen die Waage halten. Dazu schreibt er: «Sie hantieren mit dem Begriff Föderation, als ob es sich um die einfachste Sache der Welt handele. Sie ahnen nicht, dass eine so edle Frucht nicht mühelos gepflückt werden kann, sondern an viele und schwere Bedingungen geknüpft ist […]. Sie wissen nicht, dass diese Frucht nur auf dem Humus einer Gesellschaft gedeihen kann, die noch eine Gliederung in echte kleine Gemeinschaften aufweist, und die Philosophie der Toleranz, des liberalen Geltenlassens, des Respektes vor dem anderen, der Liebe zum Kleinen und Mannigfaltigen und der gegenseitigen Rücksichtnahme voraussetzt. Föderalismus müsse wie die Wohltätigkeit zu Hause beginnen. Es ist ein Aufbauprinzip der Gesellschaft, das auf den höheren Stufen nur möglich ist, wenn es auch für die unteren gilt».12 Seine Vorstellungen waren stark vom Aufbau der Schweiz geprägt, mit der er sich intensiv auseinandergesetzt hat und der er den Text «Die Schweiz als Muster»13 widmete, den Dannecker auf einem eigenen Backstein-Sockel hervorgehoben hat (siehe Kasten).

Alle Länder sind gleichwertig, jedes Land ist einzigartig

Im Sinne der «Schweiz als Muster» für die Welt beschliesst Dannecker die Ausstellung mit der Installation Alle Länder sind gleichwertig, jedes Land ist einzigartig. Er breitet eine Weltkarte mit 196 Staaten vor uns aus, bei der jedem Land eine andere Farbe zugeordnet wurde, und zwar so, dass farblich ein harmonisches Bild entsteht. So hat jedes Land eine individuelle und besondere Bedeutung und ist unentbehrlich im ganzen Harmoniegefüge. Im Zentrum steht in Rot das Beispiel Schweiz. In einzelnen Über- und Unterschriften sagt uns Dannecker, was er damit meint: Der Konzeptkünstler breitet seine Botschaft klar vor uns aus, er überlässt nichts dem Interpreten: «Die Erde beherbergt heute 196 Staaten mit ca. 8 Milliarden Menschen», «Sie alle haben und tragen das gleiche Recht, damit die Welt eine Zukunft hat», «Die Schweiz ist ein Beispiel dafür, dass die direkte Demokratie verwirklicht werden kann. Tragen wir Sorge zu ihr», «Alle Länder sind gleichwertig, jedes Land ist einzigartig. Grund genug, um sich die Hände zu reichen und sich gegenseitig zu ermutigen, die anstehenden Probleme zu lösen». Im Blinklicht eines Leuchtturms, der dem Seefahrer seit Jahrhunderten den Weg weist, heisst es: «Es ist das Gewissen, das uns die Orientierung gibt.» Ein Ständer mit der Umrisszeichnung eines menschlichen Kopfes in der Art von Munchs Schrei, Die Not genannt, und ein anderer mit der Zeichnung eines Hundekopfes, der Die Wache heisst, stehen vor der Landkarte und verdeutlichen, dass heute einerseits in vielen Ländern die Menschen Not leiden und dass wir andererseits auf unsere Errungenschaften wie zum Beispiel die direkte Demokratie achten müssen. Ein Wecker zeigt an, es ist fünf Minuten vor 12 Uhr, diese Probleme zu lösen. Dannecker nimmt uns in die Pflicht: Noch nie wurden so viele Kriege geführt wie heute. Aber: Die Menschen können aufeinander zugehen und Frieden schaffen. Noch nie war der Aufruf «Frieden schaffen» nötiger als heute.    •

1    Heinz Binder: Adliswil – eine Stadt mit Zukunft. Adliswil 2000. S. 316. Die «Iisscharrete» war ein besonderes Naturereignis, das heute nur noch selten vorkommt: Wenn nach einer längeren Kälte­periode die Sihl bis zu 60 cm zugefroren war, bildete sich bei starker Erwärmung und gleichzeitig starkem Regenguss ein Eisgang, der aus massiven Eisplatten bestand, die sich zu einer Lawine entwickelten und bis zum Platzspitz hinunterdonnerten.
2    Max Stiefel: Chronikblätter zur neueren Geschichte Adliswils. Horgen 1981. S. 71 ff.
3    In: Vollständige Beschreibung des Schweizerlandes oder geographisch-statistisches Handlexikon über alle in gesammter Eidgenossenschaft befindlichen Kantone, Bezirke, Kreise, Aemter sowie aller Städte, Flecken, Dörfer, Schlösser, Klöster auch aller Berge, Thäler, Seen, Flüsse, Bäche und Heilquellen nach alphabetischer Ordnung. Verlag: Aarau 1827. Zit nach Heinz Binder a.a.O., S. 24
4    vgl. Heinz Binder a.a.O., S. 20
5    vgl. Jörg Becker und Mira Beham: Operation Balkan. Werbung für Krieg und Tod. 2. Aufl. Nomos 2008. Vgl. auch Helmut Scheben: PR-Aufträge für Hass und Tod. In: Neue Rheinische Zeitung vom 15. Oktober 2014. www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20861
6    vgl. UN-Resolution A/RES/64/136
7    René Roca: Wenn die Volkssouveränität wirklich eine Wahrheit werden soll .... Zürich 2012
8    Sara Warneke: Die europäische Wirtschaftsintegration aus der Perspektive Röpkes. Stuttgart 2013., S. 7
9    a.a.O., S. 8
10    http://de.wikipedia.org/wiki/ Wilhelm-Röpke
11    vgl. Sara Warneke a.a.O., S. 14 ff.
12    Zit. nach Sara Warneke a.a.O., S. 65
13    Das Mass des Menschlichen. Ein Wilhelm-Röpke-Brevier. Hrsg. von Gerd Habermann. Bern 2009 S. 47 f.