«Ein angemessener Goldbestand gibt einem Staat eine grosse Unabhängigkeit»

Interview mit Gotthard Frick*

Zeit-Fragen: Warum ist die Golddeckung unserer Währung nicht nur eine finanzpolitische, sondern auch eine sicherheitspolitische Frage?

Ein angemessener Goldbestand gibt einem Staat eine grosse Unabhängigkeit. Gold ist besonders in einer grossen Krise, wie zum Beispiel in einem Krieg, aber nicht nur dann, ein ganz wichtiges Zahlungsmittel oder ein hinter dem gedruckten Geld stehender Wert. Man hat das besonders im Zweiten Weltkrieg gesehen, als man uns 6 Milliarden Gold- und Devisenreserven weggenommen bzw. blockiert hat, damals ein enormer Betrag. Damals muss­ten von der Schweiz wichtige Lieferungen in Gold bezahlt werden. Wenn man das Gold im eigenen Land gelagert hat, kann es niemand anders nehmen.

Wann und wie war das, als man das Gold blockiert hat?

Am 21. Juni 1941 haben die USA die bei ihnen liegenden Gold- und Devisenreserven sämtlicher nicht Krieg führender europäischer Staaten, also auch der Schweiz, blockiert. Die Schweiz war zu diesem Zeitpunkt sehr auf diese Reserven angewiesen, um ihre überlebenswichtigen Importe zu bezahlen. Wir waren zu dem Zeitpunkt in der sogenannten Anbauschlacht, dem Aufbau des Plans Wahlen, der die 50 %-Abhängigkeit von Importen in der Lebensmittelversorgung reduzieren sollte. Wir mussten auch alle Brenn- und Rohstoffe, Halbfabrikate und vieles andere aus der ganzen Welt importieren. Wir sind in dieser Situation unter einem ungeheuren Druck beider Kriegsparteien gestanden. Jede hat verlangt, dass wir den Handel mit ihrem Feind einstellen sollten, trotz des Neutralitätsrechtes, das die Neutralen dazu verpflichtet, alle Parteien gleich zu behandeln. Aber wir mussten unbedingt Handel treiben können, um unsere Wirtschaft am Leben zu erhalten, die Arbeitsplätze zu sichern und unser Volk am Leben zu erhalten. Durch die Blockierung der in den USA liegenden Reserven wurde uns schlagartig der Zugriff auf einen grossen Teil der Mittel entzogen, die wir für das Finanzieren des Überlebens brauchten.

Was wäre also heute zu tun?

Man sollte einen vernünftigen Betrag an Gold irgendwo im Land lagern, natürlich nicht in Bern, sondern möglichst dezentral in den Bergen, an sicheren Orten, aber auf keinen Fall im Ausland.

Wo sehen Sie heute die Parallele zur damaligen Zeit?

Die Welt ist heute – für jedermann ersichtlich – in einer sehr gefährlichen Situation. Die Spannungen steigen überall. Viele, sogar auch sehr prominente Europäer (Jean-Claude Juncker, Helmut Schmidt, Egon Bahr) haben von der Möglichkeit eines Krieges, auch in Europa, gesprochen. Wir alle hoffen, das werde nicht eintreten. Aber die Gefahr für die Gold- und Währungsreserven besteht auch im tiefsten Frieden. Wir haben in jüngster Zeit ja auch selber erlebt, wie zum Beispiel die USA rücksichtslos ihre ganze Macht einsetzten, um uns zu erpressen, im amerikanischen Interesse zu handeln und US-Gesetze und -Vorschriften zu übernehmen.

Was ist zu tun?

Als erstes brauchen wir wieder eine schlagkräftige kriegsverhindernde Armee, die wir heute nicht mehr haben. Zweitens müssen wir uns wirtschaftlich so vorbereiten, dass man uns weniger leicht erpressen kann. Es ist wohl jedermann klar, wenn wir das Gold in den USA oder wie aktuell anscheinend in England und Kanada haben, dann könnten diese Staaten jederzeit mit einer Blockade drohen, um uns gefügig zu machen. Oder es uns in einer Krise oder einem Krieg, ohne uns zu fragen, «abkaufen» oder beschlagnahmen und sagen, nach dem Krieg bekommt ihr es dann wieder zurück. Uns steht es dann in einer Krise nicht mehr zur Verfügung.

Gold hat also eine ganze entscheidende Bedeutung in einer Krisenzeit?

Ja, aber da ist noch ein anderer Aspekt. Wenn wir genügend Gold haben, dann bestehen auch alle unsere Reserven nicht nur noch aus bedrucktem Papier oder magnetisierten Teilchen im elektronischen System. Denn es hat seit Urzeiten einen realen Wert, auch wenn manche das bestreiten, weil man Gold nicht essen könne.
Ich kenne Asien sehr gut. Alle Familien streben dort nach Gold. Die Frauen in Indien und Pakistan sind mit Gold behangen. Das sehen sie als Anlage, als Sicherheit. Der Wert des Goldes schwankt natürlich. Dessen Besitz bringt in der Buchhaltung gelegentlich Gewinne, gelegentlich Verluste, aber das gilt noch viel mehr für die Devisen. Die Devisenbestände der Schweiz sind gegenwärtig astronomisch hoch. Je nach der weiteren Entwicklung könnten diese Bestände der Schweiz enorme Verluste bescheren. Dieses Risiko ist um ein Vielfaches höher als jenes, welches sich aus dem schwankenden Preis eines auf 20 % beschränkten Anteils von Gold an den Reserven der Nationalbank ergibt.

Kaufen die Asiaten das Gold, das wir verkaufen?

Ich kenne die Politik der asiatischen Nationalbanken zu wenig. Aber seit es den Chinesen erlaubt ist, kaufen jetzt auch sie in grossem Umfang Gold. Man hat auch schon davon gesprochen, dass China im stillen eine grosse Goldreserve im Hinblick auf die von ihm angestrebte Ablösung des Dollars als Weltleitwährung aufbaue. Ob das stimmt, weiss ich nicht.

Das Gold wird auch als Garant gegen eine Inflation verstanden. Welche Bedeutung hat es zur Abfederung einer Inflation?

Früher ist das Gold der Wertmassstab gewesen. Nehmen wir an, die Nationalbank habe ein Kilo Gold, und es sei gesetzlich festgelegt, dass 1 Gramm Gold den Wert von 35 Franken habe. Damit wird auch festgelegt, dass die Nationalbank mit einem Kilo Gold höchsten 35 000 Franken Papiergeld drucken darf. So kann nicht mehr Geld gedruckt werden, als es dem Wert des von ihr gehaltenen Goldes entspricht. So war es während der Golddeckung …

… und heute?

Heute ist es so, dass die Zentralbanken, aber auch die Europäische und die US-Zentralbank, Geld nach Belieben und ohne irgendeinen Gegenwert «drucken» können (wobei drucken heute auch ein elektronischer Vorgang sein kann). Wie hat zum Beispiel die Schweizerische Nationalbank die weit über 500 Milliarden Franken an Devisen finanziert, die sie aufgekauft hat, um den Kurs von 1.20 Franken für 1 Euro zu stützen? Sie hat diesen Betrag in Franken «gedruckt».
Die USA standen vor rund einem Jahr vor der Zahlungsunfähigkeit, weil die Obergrenze der Staatsverschuldung erreicht war. Erst als der Kongress das Gesetz anpasste, wurde das Land wieder zahlungsfähig – weil es noch mehr Schulden machen durfte oder konkreter, weil es seither noch mehr Dollars drucken darf.
Dazu kommt noch, – was wohl viele nicht wissen –, dass das meiste Geld nicht von der Nationalbank, sondern von den Banken, vom Finanzsystem geschaffen wird.

Wie muss man sich das als Laie vorstellen?

Das System ist ganz einfach zu verstehen. Wenn ich 1000 Franken, die die Nationalbank gedruckt hat, auf mein Sparheft bringe, ermöglicht das der Bank, einer Firma einen Kredit von etwa 900 Franken zu geben. Die Firma, die den Kredit erhält, überweist es auf das Konto eines Lieferanten bei einer anderen Bank. Diese Bank gewährt einer dritten Firma damit einen Kredit von 810 Franken und so weiter. Das gibt dem System eine ungeheure Hebelwirkung. Aus den von der Nationalbank gedruckten 1000 Franken sind im Beispiel insgesamt schon 2710 geworden.

Es ist erstaunlich, dass das schon so lange praktiziert wird.

Das funktioniert, weil die Erfahrung zeigt, dass nur ein kleiner Teil der auf den Bankkonten liegenden Mittel zu irgendeinem Zeitpunkt bar abgehoben wird. Den Rest setzen die Banken für ihre Geschäfte ein. Aber selbstverständlich schulden die Banken jedem Sparer zu jeder Zeit den vollen Betrag auf seinem Konto. Das geht gut, solange die Menschen dem auf dem Papier aufgedruckten «Wert» und den Banken vertrauen. Aber kommen Zweifel auf, rennen alle gleichzeitig auf die Banken und wollen ihr Geld abheben.

Womit muss man dann rechnen?

Die Banken haben das Geld gar nicht mehr. Bei Störungen in irgendeiner Form im System des Geldes kommt es immer zu sehr extremen Entwicklungen, wie zum Beispiel 1923 die Hyperinflation in Deutschland, als 1 US-Dollar 4000 Milliarden (!) Reichsmark «wert» war. Oder man verbietet den Banken, die Schalter zu öffnen, wie Anfang des 21. Jahrhunderts in Argentinien oder kürzlich zum Beispiel auf Zypern. Heute zieht die EU ja in Betracht, beim Zusammenbruch grosser Banken den Kontoinhabern einen Teil ihrer Guthaben wegzunehmen, um die Schulden zu zahlen. Auch diese Methode wurde auf Zypern bereits angewendet.
Die Kombination dieser beiden Systeme – grenzenloses Drucken von Geld durch die Zentralbanken und Geldschöpfung durch das Finanzsystem – führt dazu, dass heute der «Wert» des weltweit im Umlauf befindlichen Geldes den realen Wert aller Güter auf dem Planeten Erde um ein Vielfaches übertreffen soll. Bei uns gibt es eine politische Bewegung, die das im Auge hat. Sie will das Schöpfen von Geld durch die Banken verunmöglichen.
Falls die Nationalbank im Falle der Annahme der Gold-Initiative verpflichtet wird, 20 % ihrer Reserven in Gold zu halten, trägt das langfristig zur Stabilität des Frankens bei und schafft Vertrauen, auch wenn der Goldpreis einmal fällt und dann wieder steigt …

… langfristig hat Gold nach Ihren Schilderungen im Vergleich zu wertlosen Devisen immer Vorteile?

Ich habe vor kurzen mit einem der grössten Goldhändler der Welt gesprochen. Er hat gesagt, dass der weltweite Goldbestand sehr klein sei. Wenn man alles Gold zusammenlegte, ergäbe das einen Würfel mit einer Kantenlänge von 40 Metern. Das ist sehr wenig für die ganze Welt. Schon alleine diese Knappheit des Goldes macht es wertvoll. Die Devisen, also Geldscheine, können grenzenlos gedruckt werden.

Welchen Schluss kann man daraus ziehen?

Die meisten Menschen, die nicht mehr in Armut leben, halten immer noch einen Teil ihres oft bescheidenen Vermögens in Gold. Das gibt ihm natürlich eine sehr grosse Stabilität. Warum soll das ein Staat nicht tun?

Man kann also den Vorwurf der Nationalbank, dass Gold mit grossem Risiko behaftet sei, so nicht gelten lassen?

Wie ich schon sagte, schwankt auch der Kurs des Goldes. Sein Buchwert in der Bilanz der Nationalbank kann deshalb fallen oder steigen. Fällt er, kann das zu einem Verlust führen. Aber der steht nur auf dem Papier, wie auch ein Gewinn bei einem steigenden Goldpreis. Deshalb will die Gold-Initiative den Verkauf der 20prozentigen Goldreserve ja auch verbieten. Das Gold soll ausschliesslich der langfristigen Stabilität und dem Vertrauen dienen. Es soll auch den Umfang, in dem Geld gedruckt werden kann, etwas reduzieren, da ja 20 % der zusätzlichen Geldmenge in Gold angelegt werden müssen.
Die Gegner der Initiative reden natürlich bewusst nicht über das unendlich viel grössere Risiko, das die Nationalbank mit dem Halten riesiger Devisenbestände eingegangen ist, wobei ich festhalten möchte, dass sie so, wie die rechtlichen und anderen Voraussetzungen im Moment sind, wohl keine andere Wahl hatte. Die Gold-Initiative will das ändern.

Nach Ihren Ausführungen sind Sie sicher für die Annahme der Gold-Initiative?

Ich habe mein «Ja» bereits mit der Post abgeschickt.

Herr Frick, vielen Dank für Ihre Ausführungen.    •

*    Gotthard Frick hat an der Universität Paris (Sorbonne und «Sciences Po») Civilisation française, Volkswirtschaftslehre und Business Administration studiert. Viele Jahre war er mit grossen Infrastrukturprojekten (Kraftwerken, Hochspannungsleitungen, Strassen, Tunnels, Bewässerungsanlagen) in der Schweiz und in Übersee befasst. 1968–2004 widmete er sich dem Aufbau und der Führung einer Beratungs-, Management- und Schulungsfirma mit angeschlossener englischsprachiger Fachhochschule, die weltweit für alle Entwicklungsbanken, Uno-Organisationen (ILO, WTO, UNDP), OECD, die Schweizer und mehrere andere Regierungen und Unternehmen tätig war. Heute weilt er oft in China. Er war Infanterie-Bataillonskommandant. Dank seiner Besuche bei fremden Armeen (Deutschland, Pakistan), der Nato sowie der US-Airforce-Basen in Deutschland und Panama verfügt er über ein breites militärisches Hintergrundwissen. Gotthard Frick ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz.

«Goldreserven verleihen dem Land und seiner Währung Glaubwürdigkeit»

Eine der drei Sachfragen, zu denen am 30. November eine eidgenössische Volksabstimmung stattfinden wird, ist die Volksinitiative «Rettet unser Schweizer Gold!», welche die Einführung eines neuen Artikels in die Bundesverfassung vorschlägt:
«Art. 99a (neu) Goldreserven der Schweizerischen Nationalbank
1    Die Goldreserven der Schweizerischen Nationalbank sind unverkäuflich.
2    Die Goldreserven der Schweizerischen Nationalbank sind in der Schweiz zu lagern.
3    Die Schweizerische Nationalbank hat ihre Aktiven zu einem wesentlichen Teil in Gold zu halten. Der Goldanteil darf zwanzig Prozent nicht unterschreiten.»
[…]
In der Folge des amerikanischen Druckes auf die Schweiz im Rahmen der nachrichtenlosen jüdischen Vermögen (Ende der 1990er Jahre) ist das Nationalbankgesetz abgeändert worden, und die SNB hat 1500 von 2500 Tonnen des Goldes, das sie besass, verkauft, und das zum tiefsten Kurs, womit sie ihre Aktionäre, welche zu zwei Dritteln die Kantone sind, um Dutzende von Milliarden gebracht hat.
Offensichtlich war das verkaufte Gold im wesentlichen dasjenige, das die SNB bei der amerikanischen Federal Reserve gelagert hatte. Gemäss den Erklärungen des Präsidenten der SNB, Thomas Jordan – dessen Aussagen wir gezwungenermassen glauben müssen – sind 70 % der 1000 Tonnen Gold, die uns bleiben, in der Schweiz gelagert, 20 % bei der Zentralbank Englands und 10 % bei der Zentralbank Kanadas. Nichts mehr also bei der FED.
Haben die amerikanischen Behörden, um die Schweizer Behörden dazu zu bringen, diesen Berg von Gold zum niedrigsten Kurs zu verkaufen (An wen eigentlich?), diesen zu verstehen gegeben, dass sie dieses Gold sowieso nie mehr sehen würden, oder gar, dass es sich gar nicht mehr in den Tresoren der FED befände? Was einem berechtigten Anlass gibt, diese Frage zu stellen, ist das endgültige Nein, das die Amerikaner vor kurzem den Deutschen entgegenhielten, welche die 1500 Tonnen Gold, die auch sie bei der FED im Depot hatten, ins eigene Land zurückzuholen wünschten.
[…]
Goldreserven verleihen dem Land und seiner Währung Glaubwürdigkeit. Im Falle einer grösseren Krise oder gar eines Zusammenbruchs des Finanzsystems – möglich, um nicht zu sagen wahrscheinlich angesichts der höllischen Spirale der «quantitativen Lockerungen» und anderer «unkonventioneller geldpolitischer Massnahmen» – könnte eine Goldbindung dem Schweizerfranken erlauben weiterzubestehen oder, wenn der Schweizerfranken mit dem Euro, an den er seit drei Jahren angebunden ist, untergehen müsste, eine neue und, weil durch Gold gestützt, glaubwürdigere Währung einzuführen. Schon in normalen Zeiten ist eine Währung, die – im Verhältnis zur Grösse des Landes und zur Geldmenge, die eine Zentralbank emittiert – durch bedeutende Goldreserven gestützt ist bei ansonsten gleichen Bedingungen glaubwürdiger als eine Währung, die eine geringere Deckung geniesst.
[…]
Um die vor rund 15 Jahren begangenen schweren Irrtümer wieder gutzumachen und vor allem, um den Schweizerfranken in Voraussicht der Finanzstürme, die sich ankündigen, zu stärken, stimmen wir Ja zur Initiative «Rettet unser Schweizer Gold».

Quelle: La Nation Nr. 2004 vom 31/10/14
(Übersetzung Zeit-Fragen) von Denis Ramelet, Lausanne