«Elf Freunde müsst ihr sein» von Sammy Drechsel

von Reinhard Koradi

Sammy Drechsel, ein bekannter Rundfunk-Reporter in den 50er Jahren, gelingt es, den Leser in die damalige Zeit zurückzuführen. Es ist weit mehr als ein Buch für Fussballfreunde. Am Beispiel der Schülermannschaft der 2. Klasse in der 5. Volkschule Berlin-Wilmersdorf zeichnet der Erzähler ein eindrückliches Bild über den Schultag, den nicht immer ganz einfachen Beziehungen zwischen den Schülern und ihren Lehrern sowie den Alltag einer normalen Berliner Familie. Sammy Drechsels Schilderungen erlauben einen Blick in eine Zeit, in der Bescheidenheit, Verzichten und die eigene Leistung zum normalen Leben gehörten, um Engpässe zu überwinden. So schlossen sich die jugendlichen Fussballfreunde zusammen, um während der Ferien das Geld für das Mannschaftstenue zusammenzutragen. Während der Ferien sammelte Heini auf dem Tennisplatz Bälle ein, um sich das Geld für die neuen Fussballschuhe zu verdienen, weil den Eltern das Geld fehlte. Dieser Aktion schlossen sich dann einige Mitspieler an, um so das notwendige Geld für Stulpen, Hosen und Jersey für alle Mitspieler zu verdienen. Bemerkenswert, dass letztlich einer der Lehrer den noch fehlenden Restbetrag aus der eigenen Tasche beisteuerte.
Auch eine im Buch beschriebene Spiel­szene bleibt im Gedächtnis haften: «Heini, der Mittelstürmer der Wilmersdorfer Schülermannschaft, schoss in einem entscheidenden Spiel das erste Tor. Ein Gegenspieler reklamierte, da Heini das Tor mit der Hand erzielte. Das Tor wurde vom Schiedsrichter bereits anerkannt. Der Schiedsrichter fragte: ‹Wer hat das Tor geschossen?› Heini hob zögernd die Hand. Womit hast du das Tor geschossen? Mit dem Kopf oder …? 21 Spieler warteten gespannt auf die Antwort des Torschützen. Heini nestelte an dem Gummiband seiner Turnhose. Sein Blick blieb einen Augenblick auf dem Ball hängen. Dann gab er sich einen Ruck. Er klemmte den Ball unter den Arm, lief damit zum gegnerischen Tor und legte ihn an die Stelle, an der er ihm entgegengesprungen war, auf den Boden. Dann kehrte er zum Schiedsrichter zurück und sagte mit tränenerstickter Stimme: ‹Freistoss für die andern!›» Ein geglücktes Plädoyer für fairen Sport.
Auch der durch die Überlegenheit des Teams eingekehrte Übermut und die dadurch verlorene Konzentration wird ebenso anschaulich erzählt wie die durch die Unterschätzung des Gegners erlittenen Niederlagen. Es folgte die Uneinigkeit im Team, und schon begannen die Chancen auf einen Gewinn der Berliner Schulmeisterschaft erheblich zu sinken.
Die Spieler fanden sich aber wieder und realisierten, dass Streit in der Mannschaft den Erfolg gefährdet. Durch den Lehrer darauf aufmerksam gemacht, besannen sie sich auf die Inschrift, die auf dem Siegerpokal der Deutschen Fussballmeisterschaft der Männer eingraviert war: «Elf Freunde müsst ihr sein, wenn ihr Siege wollt erringen.» Die Spieler fanden sich wieder, und der Erfolg kehrte zurück.
In der damaligen Zeit war es nicht selten, dass Eltern und auch Lehrer dem Fussball keine guten Seiten abgewinnen konnten. Die wieder gefundene Spielstärke brachte das Team in die Endrunde und viel Sympathien für die Schülerelf. Selbst der Rektor, der bis anhin die Fussballspieler in der Klasse gar nicht mochte, entwickelte ein Interesse an der Schülermeisterschaft und dem Erfolg «seiner Mannschaft».
Gefördert durch einen zuversichtlichen Trainer, der den jungen Spielern aber auch Verantwortung übertrug, und dem Rückhalt durch Rechenlehrer Peters, schaffte das Team den unerwarteten Titelgewinn. Am Schluss der Siegesfeier dankte der Spielführer Heini den beiden treuen Begleitern ihres Siegeslaufes, Turnlehrer Bernburg (Trainer) und Rechenlehrer Peters herzlich. Peters freute sich sehr über den Dank und fragte Heini, ob er denn das Geheimnis des Erfolges seiner Mannschaft noch einmal vorlesen möchte?
Heini las mit klarer Stimme: «Elf Freunde müsst ihr sein, wenn ihr Siege wollt erringen.»
Das Buch «Elf Freunde müsst ihr sein» hat mich als 13jährigen Buben schon sehr begeistert. Ich habe es mehrmals gelesen und schenkte es als Grossvater einem meiner Enkel.    •