Lehrplan 21 vors Schwyzer Volk

rl. Im Kanton Schwyz wird das Stimmvolk über die Einführung des Lehrplans 21 befinden. Am 16. Dezember hat die Volks­initiative «Nein zum Lehrplan 21» 3038 Unterschriften eingereicht. Nötig wären 2000 Unterschriften.
Das Volksschulgesetz soll in drei Punkten geändert werden. Ein Paragraph soll gestrichen werden, der Schulversuche zulässt. Jahrgangsziele und Schulfächer sollen explizit aufgeführt werden. Ein neuer Passus sieht vor, dass das Volk in grundlegenden Schulfragen mitentscheidet. Gemäss der Initiative würden interkantonale Vereinbarungen zu Lehrplänen dem fakultativen Referendum unterliegen. Grundlegende Lehrplanänderungen müsste die Regierung dem Volk unterbreiten.
Die Initianten kritisieren den geplanten stark reduzierten Minimal-Lehrstoff in den Fächern Deutsch und Mathematik und das Verschwinden vieler Fächer. Weil Lerninhalte in Kompetenzen zerstückelt und keine Jahreslernziele mehr vorgegeben werden, fehlt eine strukturierte, solide Vermittlung von Grundwissen. Ausser­dem verursache die Einführung des Lehrplans 21 riesige Kosten zur Umschulung der Lehrpersonen, für neue Lehrmittel, Beurteilungssysteme und Schul-Infrastruktur.

Zum Volksschulauftrag – Wissen, Können und demokratische Werte

von Elsbeth Schaffner, Primarlehrerin

Am 7. November wurde der im stillen Kämmerlein überarbeitete Lehrplan 21 von der D-EDK den Kantonen übergeben. Damit ist er auf der Ebene der Bildungshoheit der Kantone angelangt. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Kantone darüber entscheiden, ob sie den Lehrplan 21 übernehmen wollen. Es gibt bekanntlich viele Kritiker aus Praxis, Wissenschaft und Wirtschaft, die schon während der Ausarbeitung des Lehrplans auf Schwachpunkte hingewiesen und wenig Gehör gefunden haben. Die Parlamente und die Bürgerinnen und Bürger sind gut beraten, sich mit dem Inhalt der Kritik sachlich auseinanderzusetzen. Es geht um sehr viel:
Lehrpläne setzen den Auftrag der Volksschule um. Dabei geht es um die Zukunft unserer Kinder. Werden sie als junge Erwachsene die beruflichen und zwischenmenschlichen Aufgaben bewältigen können? Werden sie sich für eine lebensbejahende Gesellschaft auf unseren christlich-abendländischen und demokratischen Grundlagen einsetzen können?
Eine Klärung dieser Fragen steht sicher an. Bereits heute ist eine gewisse Orientierungslosigkeit spürbar. Die in den letzten Jahren eingeführten Reformen wie zum Beispiel das altersdurchmischte Lernen (AdL) und die integrativen Schulmodelle haben die Situation in den Schulen verändert. Neue, zum Teil widersprüchliche Ansprüche beschäftigen die Lehrerinnen und Lehrer, die Eltern und die Gemeinden. Es gibt aktuell viele offene Problemfelder, denen mit Sachverstand, Realitätssinn und Menschlichkeit begegnet werden sollte. Viele heutige Schulkinder sind auffällig – zu still oder zu unruhig. In den Schulklassen lassen sich vermehrt versteckte und offene Gewalt und Mobbing beobachten. Zudem werden trotz der vollen Stundenpläne und zahlreicher unterstützender Massnahmen seit längerem mangelnde schulische Grundlagen, zum Beispiel im Lesen, Schreiben, Rechnen und in (lebens-)praktischen Fähigkeiten, festgestellt.
Die Forderung steht im Raum, dass ein Lehrplan, der den bestehenden ablöst, auf die anstehenden Fragen Antworten finden und beklagte Missstände beheben muss.
Die Tauglichkeit des Lehrplans 21 muss deshalb daran gemessen werden, ob er dem Auftrag der Gesellschaft an die Volksschule unter Einbezug der heutigen Situation gerecht wird. Dank unserem föderalistischen direktdemokratischen System finden die praktischen Erfahrungen der Eltern direkten Eingang in die inhaltliche Auseinandersetzung, und der Gefahr einer zentralen Verordnung von realitätsfremden Bildungszielen kann mit würdigen Mitteln begegnet werden. Mehrere Volksbegehren fordern, im neuen Lehrplan wieder die Jahrgangsziele und die Inhalte der einzelnen Fächer klar zu definieren. Auf Grund der aktuellen Gefahr einer dramatischen Verschlechterung der Volksschule wird ausserdem in immer mehr Kantonen die Genehmigung der Lehrpläne durch das Parlament verlangt.
Was ist der gesellschaftliche Auftrag der Volksschule? Der zentrale Sinn und Zweck ist die umfassende Bildung aller Kinder, damit sie später als mündige Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, sich aktiv an der direkten Demokratie zu beteiligen. Eine solche Bildung ist immer ausgerichtet auf das Gemeinwohl. Dafür wurde die Volksschule errichtet, und dies ist bis heute in den kantonalen Zweckartikeln gültig festgeschrieben. Unser bis vor kurzem herausragendes Bildungssystem schaffte nicht nur beste Voraussetzungen im Bereich Wissen und Können, sondern legte auch die Grundlagen der sozialen Verbundenheit. Zudem förderte es den Sinn für das Schöne und die Freude am Lebendigen. Nebst gut ausgebildeten Lehrkräften hat gerade das gemeinsame Lernen in Jahrgangsklassen dazu beigetragen.
Die pädagogischen Grundlagen unseres bewährten Bildungswesens haben Tradition. Diese beruht auf einem offenen Zusammenwirken aller Verantwortlichen und dem gesellschaftlichen Konsens über das demokratische Zusammenleben.
Der Lehrplan 21 entspringt jedoch einem ganz anderen Denken. Er setzt das Modell der Standardisierung der Bildung der OECD um und importiert dazu Konzepte wie die ungeklärte Kompetenzorientierung aus Schulplänen anderer europäischer Länder. Dadurch werden schulische Inhalte zerstückelt und auf digitalisierbare Lernziele reduziert (operationalisiert). Ein Klassenunterricht, in dem der Lehrer mit allen Kindern seiner Klasse die altersentsprechenden Jahresziele erarbeitet, würde damit Vergangenheit werden. Mit dem Paradigma der Heterogenität (Unterschiedlichkeit) wird die Klassengemeinschaft der Gleichaltrigen als Hemmschuh für die persönliche Entwicklung bezeichnet. Mit der Begründung, dass kein Kind über- beziehungsweise unterfordert werden dürfe, soll für jedes ein individuelles, seinem Entwicklungsstand angepasstes Lernprogramm erstellt werden. Die Schüler müssen alleine, das heisst selbstorganisiert lernen – häufig in sogenannten Lernlandschaften, die wie Grossraumbüros eingerichtet sind. Die Lehrpersonen werden zu «Coaches» oder «Classroom-Managern» gemacht, die didaktisches Material zur Verfügung stellen und die Schüler ab und zu bei ihren Arbeitsaufträgen beraten. Der Computer oder andere Schüler sollen dann den Klassenlehrer ersetzen. Diese Art von Individualisierung führt zu einem groben Mangel an Beziehung, der Entmutigung, Egoismus und Vereinsamung produziert. So würden viele Kinder um ihre Chancen gebracht, indem sie die Freude am Lernen verlieren oder gar nie erhalten. Praktiker und Wissenschaftler warnen deshalb schon heute vor einer zunehmenden Amerikanisierung der Bildung.
Viele Lehrerinnen und Lehrer wissen um die Bedeutung, die eine tragfähige Klassengemeinschaft für das einzelne Kind hat. Unter ihrer wohlwollenden Anleitung setzen sich die Schüler gemeinsam mit Lerninhalten auseinander und lernen dabei gleichwertig aufeinander einzugehen. Das spätere demokratische Zusammenleben kann nirgends so gut geübt werden.
Selbstredend muss die Lehrerausbildung sowohl in fachlicher und pädagogischer Hinsicht dem gesellschaftlichen Auftrag der Volksschule nachkommen. In den Händen der Lehrerinnen und Lehrer liegt nichts Geringeres als die Vermittlung unserer gemeinsamen kulturellen Grundlagen. Dazu gehören gerade in der vielfältigen Schweiz auch der Respekt und das Interesse gegenüber dem Fremden. Damit sie diese Anbindung an unsere Kultur leisten können, bräuchten die Lehrer dringend wieder besser strukturierte und inhaltlich wertvolle Lehrmittel.
Der sorgfältige Entwurf guter Lehrmittel darf weder abgehobenen Theoretikern noch kommerzorientierten «Bildungs»konzernen überlassen werden. Ein gutes Lehrmittel ist geprägt von der Fachkenntnis der Autoren sowie dem Wissen um die Bedeutung, die der Inhalt für das Gemeinwohl hat. Lehrmittel müssen dem Alter und dem Fassungsvermögen der Schülerinnen und Schüler angepasst sein. Das heute propagierte selbständige Lernen mit dem Laptop im Internet («Google-Lernen») wird solchen Ansprüchen nicht gerecht.
Viele unausgereifte Reformprojekte haben die Volksschule zu einer unendlichen Baustelle gemacht, deren Architekten mit ihren Plänen im Hintergrund bleiben wollen. Der Lehrplan 21 zwingt sie, sich der demokratischen Auseinandersetzung zu stellen. Diese sachlich zu führen bedeutet, sich im offenen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern darauf zu einigen, was unsere Volksschulbildung leisten soll. Wer diese Sachdiskussion unterdrücken will, muss sich die Frage nach seinem Demokratieverständnis gefallen lassen.    •