Das Ende der praktischen Hauswirtschaft?

Lehrplan 21

von Elisabeth Willi, Gockhausen

«Sie, machen wir auch einmal selber Knöpfli oder Pizza, einen Kuchen?» Das fragten mich meine Schüler nach der Einführung in das Fach Hauswirtschaft und die Einführung in die Schulküche. Selbstverständlich machten wir dies und auch sehr vieles andere, und zwar von Grund auf selbst. Auch weniger schnelle, unkonzentrierte Schüler waren mit Freude dabei, wenn es ums Kochen ging. Man lernt Arbeitstechniken, man muss zusammenarbeiten und am Schluss sitzt man gemütlich beim Essen zusammen und kann miteinander reden. Etwas, das viele von Zuhause kaum noch kennen. Was die Schüler in diesem Fach gar nicht gerne haben, das ist zu viel Theorie, sie wollen etwas tun.
Mit dem Lehrplan 21 soll dies nun alles gründlich auf den Kopf gestellt werden. Das Fach soll umbenannt werden in «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt». Das gezogene Fazit der Lehrmittelsituation von der interkantonalen Lehrmittelzentrale verrät, worum es gehen könnte: «Im Fachbereich Wirtschaft, Arbeit, Haushalt besteht grosser Handlungsbedarf, da die Ansprüche des Lehrplans 21 mit den bestehenden Lehrmitteln nicht erfüllt werden können. Neuentwicklungen sind nötig; allenfalls können Teile aus bestehenden Lehrmitteln der Reihe Perspektive 21 (Konsum, Arbeitswelten) weiterentwickelt werden.»
Das beliebte Lehrmittel «Tiptopf» oder eine anderes Kochbuch findet man nicht in der Liste der Lehrmittel. Der praktische Teil soll auf ein Minimum gekürzt werden. Auf den Punkt gebracht, es geht nur darum, die Schüler auf den richtigen Konsumkurs zu bringen: natürlich, bewusst und nachhaltig. Sie lernen nicht mehr, wie man etwas macht. Hat Beat Kappeler etwa recht, wenn er in der «Basler Zeitung» vom 10. Oktober 2013 schreibt: «Die Kinder lernen nur die passive Seite (der Wirtschaft) kennen, also wie man kauft, frisst, mietet, wegwirft und nirgends, wie man produziert.»
Das erste Mindestziel des Lehrplanes 21 weist in die neu angestrebte Richtung: Schülerinnen und Schüler «können für Alltagssituationen gesundheitsfördernde Handlungsmöglichkeiten formulieren, diese erproben und Erfahrungen reflektieren (zum Beispiel täglicher Flüssigkeitsbedarf und Umgang mit zuckerhaltigen Getränken, Erhöhung der Bewegungsaktivitäten im Tagesverlauf)». Soll die Praxis des Kochens unter den Tisch fallen? Dazu das zweite Mindestziel: Schülerinnen und Schüler «können Essen und Trinken der Situation entsprechend sowie variantenreich gestalten». Oder «können individuelle Entscheidungen bei der Wahl von Nahrungsmitteln nach lokalen und globalen Wirkungen analysieren (zum Beispiel Fleisch, Fisch, Gemüse, Früchte)». Das heisst also, Schülerinnen und Schüler werden nicht mehr praktisch arbeiten dürfen.
Der hauswirtschaftliche Unterricht wurde in der Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt, um der Armut entgegenzuwirken und die Schweizer Bevölkerung gesund zu ernähren.
Die Vorstellungen der Lehrplaner führen in Bälde zu Zuständen wie in den USA: Man kocht nicht mehr selbst, ernährt sich von Fertiggerichten oder grilliert. Das gemeinsame Essen am Familientisch wird abgelöst durch die Selbstbedienung aus dem Kühlschrank. Wo bleibt da das gemeinsame Gespräch und der Zusammenhalt zwischen Mann und Frau, Mutter und Kindern, der Familie, wie auch immer sie zusammengesetzt sein möge? Wo es kein gutes, gesundes und mit einer gewissen Liebe zubereitetes Essen gibt, da is(s)t man nicht gerne.
Wollen wir das wirklich? •