«Washingtons unverhohlene Scheinheiligkeit»

von Paul Craig Roberts
Der Präsident im Weissen Haus hat wiederholt irrtümlicherweise und töricht erklärt, dass es «gegen Internationales Recht» sei, wenn die Krim Selbstbestimmung ausübt. Selbstbestimmung, wie sie von Washington angewendet wird, ist ein Propagandabegriff, der Washingtons Imperium dient, realen Völkern aber nicht gestattet ist. Am 6. März rief Obama Putin an, um dem russischen Präsidenten wieder zu sagen, dass nur Washington das Recht hat, sich in die Ukraine einzumischen, und gegen alle Logik darauf zu bestehen, dass nur die durch den von Washington organisierten Staatsstreich in Kiew installierte Regierung «rechtmässig» und «demokratisch» sei.
Anders gesagt, die gewählte Regierung der Krim, die von den Bewohnern der Krim gedrängt wird, ihnen eine Stimme für ihre Zukunft zu verleihen, ist «undemokratisch» und «unrechtmässig», aber eine nicht gewählte, von Washington eingesetzte Regierung in Kiew ist die Stimme der Selbstbestimmung und Rechtmässigkeit.
Washington ist so arrogant, dass es den überheblichen Narren nie dämmert, was die Welt über Washingtons unverhohlene Scheinheiligkeit denkt.
Seit dem Clinton-Regime hat Washington nichts getan, als das Internationale Recht zu brechen – Serbien, Kosovo, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Iran, Pakistan, Jemen, Somalia, Honduras, Venezuela, Ecuador, Bolivien.
Hat Russland ein Afrika-Kommando? Nein, aber Washington hat eines.
Umstellt Russland die Vereinigten Staaten von Amerika mit Militärbasen? Nein, aber Washington hat die Organisation Nato, deren Existenzgrundlage vor 23 Jahren verschwunden ist, dazu benützt, um das westliche, östliche und südliche Europa zu einer imperialen Armee zu strukturieren mit Brückenköpfen an Russlands Grenzen. Washington ist entschlossen, die Grenzen einer nordatlantischen Verteidigungsorganisation auszuweiten, nach Georgien, in Zentralasien und in die Ukraine am Schwarzen Meer. Beide, Georgien und die Ukraine, sind ehemalige Bestandteile sowohl Russlands als auch der Sowjetunion.
Dasselbe betreibt Washington gegenüber China und Iran. Washington arbeitet daran, neue Luftwaffen- und Marinestützpunkte auf den Philippinen, in Südkorea, Vietnam, Thailand, Australien zu errichten, um von dort aus die Zufuhr von Erdöl und anderen Rohstoffen nach China zu blockieren. Iran ist umstellt von rund 40 Militärbasen der Vereinigten Staaten von Amerika und hat Flotten der Vereinigten Staaten von Amerika vor seinen Küsten stationiert.
In Washingtons Propaganda wird dieser ungehemmte Militarismus präsentiert als «Verteidigung der Demokratie».
Die russische Regierung handelt weiterhin so, als könnten Washingtons Stösse gegen Russlands Unabhängigkeit und strategische Interessen mit Humor und gutem Willen entschärft werden. Washington jedoch hat nichts von beidem.
Seit dem Clinton-Regime befindet sich Washington in den Händen einer Sammlung von Ideologen, die überzeugt sind, dass die Vereinigten Staaten von Amerika das «aussergewöhnliche und unentbehrliche Land» sind mit dem Recht auf die Beherrschung der Welt. Alles, was Washington im 21. Jahrhundert gemacht hat, hat mit diesem Ziel zu tun.
Washington beabsichtigt, die Russische Föderation selbst aufzubrechen. Washington schickt riesige Geldbeträge an NGOs in Russ­land, die als fünfte Kolonnen Washingtons fungieren und Hand in Hand mit Wa­shington arbeiten, um freie russische Wahlen zu diskreditieren, um Putin und die russische Regierung zu dämonisieren, um antirussische Propaganda und Agitation zu verbreiten. Es ist erstaunlich, wie viele Russen tatsächlich der westlichen Propaganda glauben.
Washington arbeitet auch daran, China mit der transpazifischen Partnerschaft zu isolieren, ist aber zurzeit in erster Linie darauf konzentriert, Russland zu destabilisieren und zu isolieren. Washington ist verzweifelt darauf aus, BRICS zu zerbrechen, die wachsende Organisation von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Mit den gröss­ten Ländern und der halben Weltbevölkerung wächst BRICS zu einer politischen und wirtschaftlichen Macht heran, besonders mit dem Plan der Organisation, mit der Benützung des US-Dollars als Reservewährung aufzuhören. Die Umstellung Russlands mit Raketenstellungen der Vereinigten Staaten von Amerika beeinträchtigt Russlands Souveränität und Unabhängigkeit und schwächt somit auch BRICS als Kraft, die Washington entgegenwirkt.
Viele sind von Washingtons Propaganda getäuscht worden. Die Welt wacht langsam auf. Aber noch rechtzeitig?
Die Medien der Vereinigten Staaten von Amerika und ein grosser Teil der europäischen sprechen mit einer Sprache, indem sie Washingtons Propaganda nachplappern, Wa­shingtons Angriffsziele dämonisieren und unbekümmerte westliche Bevölkerungen auf mehr Krieg vorbereiten. Wie den westlichen Regierungen fehlt den westlichen Medien jede Integrität.     •

Quelle: http://antikrieg.com/aktuell/2014_03_08_obama.htm  vom 7.3.2014


«Bei der öffentlichen Diskussion um die Ukraine geht es immer um Konfrontation. Aber wissen wir, wohin wir gehen? In meinem Leben habe ich erlebt, wie vier Kriege mit grossem Enthusiasmus und öffentlicher Unterstützung begannen. Bei ihnen allen wussten wir nicht, wie sie beenden, und aus dreien sind wir einseitig abgezogen. Die Bewährungsprobe der Politik liegt darin, wie sie endet, nicht darin, wie sie beginnt.»
Henry Kissinger in der «Washington Post» vom 5. März 2014