«Als Menschen sind wir für das Wohl aller verantwortlich»

von Thomas Kaiser

Die Jahrestagung der Humanitären Hilfe und des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe führte einer grossen Zuhörerschaft vor Augen, was von der offiziellen Schweiz im Bereich der nationalen Hilfeleistung international geleistet wird. Die Schweiz ist in fragilen Kontexten, das heisst in Ländern, in denen die grundlegendsten Aufgaben eines Staates nicht mehr oder noch nie funktionierten, tätig. In diesem Zusammenhang muss auch die Öffnung einer Schweizer Botschaft in Somalia verstanden werden. Nach nahezu dreissig Jahren eröffnet die Schweiz wieder eine Botschaft in Mogadischu und wird in einem Land tätig, das jahrelang als failed state bezeichnet wurde.
Doch darf sich die Schweizer Hilfe nicht nur in fragilen Kontexten abspielen, wie Botschafter Martin Dahinden äusserte, sondern es muss auch an der Fragilität gearbeitet werden. Das bedeutet nichts anderes, als nicht nur die Not zu lindern, sondern auch langfristig am Abbau von Notlagen zu arbeiten. Die Humanitäre Hilfe der Schweiz tut das in verschiedenen Regionen der Welt mit Konsequenz, Ausdauer und Erfolg. Verschiedene Beispiele von erfolgreicher Hilfe wurden an dieser Jahrestagung präsentiert. So wird das vom jahrelangen Bürgerkrieg gebeutelte Sri Lanka von der DEZA und der Humanitären Hilfe der Schweiz vermehrt unterstützt.
Vor allem in den Tamilengebieten im Norden der Insel gibt es Schweizer Hilfsprojekte, die beim Wiederaufbau nach Tsunami und Bürgerkrieg segensreiche Hilfe leisten. Ein Tropfen auf den heissen Stein? Nein, auch wenn die finanziellen Mittel begrenzt sind, sind es immer Menschen, denen die Hilfe zukommt. Und es berührt einen zutiefst, wenn man trotz bescheidener Hilfe die Dankbarkeit der Menschen spürt. Ein Schwerpunkt liegt zum einen im Aufbau von Schulen und Häusern. Menschen, die durch den Tsunami und/oder Bürgerkrieg alles verloren haben und unter unvorstellbaren Umständen leben müssen, schöpfen, wie sie selbst in einem Filmbeitrag zum Ausdruck brachten, wieder Hoffnung, obwohl die Lage nach Auskunft von Experten für die Tamilen nach wie vor äusserst prekär ist. Die von Mahinda Rajapaxe versprochene Aussöhnung mit den Tamilen, die er zur Beruhigung der Weltöffentlichkeit nach der Beendigung des Bürgerkriegs versprochen hatte, blieb aus. Im Gegenteil, anstatt dem Land föderale Strukturen zu geben, zentralisierte er die Strukturen weiter. Faktisch ist es eine Diktatur der 5 Rajapaxe-Brüder, die sich die Macht untereinander aufteilen. In dieser Situation Hoffnung für die Menschen, im besonderen den Tamilen, zu vermitteln, ist anspruchsvoll. Der Ansatz der Schweizer Entwicklungshilfe leitet sich letztlich aus den drei Selbst des Genossenschaftswesens ab, Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Konkret werden in Zusammenarbeit mit der notleidenden Bevölkerung die Projekte durchgeführt. Sie ist sowohl an der Lösungsentwicklung als auch an deren Umsetzung eng beteiligt. So sind in der letzten Zeit im Norden von Sri Lanka 25 Schulen und 30 Kindergärten aufgebaut worden.
Die Förderung von Bildung ist ein grundsätzlicher Ansatz der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Wenn man der Jugend eine Zukunft bieten möchte, dann braucht sie eine gute Grundbildung und eine seriöse Berufsausbildung. Was sich in unserem Land bewährt hat, das duale Bildungssystem, kann, angepasst an die Bedürfnisse und Umstände, auch in anderen Ländern erfolgreich sein.
Jordanien, das auf Grund der grossen Zahl syrischer Flüchtlinge viele Kinder und Jugendliche in seiner Obhut hat, steht vor der Herausforderung, die vielen fremden Kinder in sein Schulsystem zu integrieren und diesen eine angemessene Bildung zukommen zu lassen. Die Schulgebäude sind häufig in einem schlechten Zustand und werden meist als Not­unterkünfte für Flüchtlinge gebraucht. Die Schulen, die für den Unterricht genutzt werden, sind hoffnungslos überfüllt. Da es trotz zunehmender Erfolge der syrischen Armee im Kampf gegen vor allem vom Ausland finanzierte Rebellengruppen noch längere Auseinandersetzungen geben wird, sollten die Flüchtlinge in dieser Zeit ein menschlich würdiges Leben führen können. Um so wichtiger ist es, dass einigermassen erträgliche Zustände herrschen. Hier setzt die Schweizer Entwicklungshilfe, unterstützt vom Fürstentum Liechtenstein, ein. Beide Länder leisten in Jordanien Hilfe beim Bau neuer und bei der Renovation bestehender Schulen. Wenn die Jugend eine Zukunft haben soll, dann vor allem mit einer guten Ausbildung.
Die Veranstaltung veranschaulichte in eindrücklicher Weise, wie sich gelebte Solidarität auf das Wohl der Menschen auswirkt. Manuel Bessler, Leiter des Humanitären Hilfekorps, schilderte, wie die Hilfe der Schweiz vor Ort auch Signalwirkungen hat. Helfen steckt an. In vielen Gebieten, in denen die Schweiz tätig war, kamen Einheimische hinzu und wollten ebenfalls einen Beitrag leisten. «Die Hilfe muss spontan und vom Herzen kommen, dann ist sie erfolgreich.» Darin sieht Martin Dahinden auch einen Teil des Schweizer Selbstverständnisses. Das Bild vom Tropfen auf den heissen Stein hat in diesem Selbstverständnis keinen Platz. Jeder, dem man helfen kann, ist ein Mensch mehr, der weniger Not leiden muss. Das ist die Motivation und dafür steht die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Rahmen der DEZA und das humanitäre Wirken des Schweizerischen Humanitären Hilfekorps.    •

Das Humanitäre ist Teil unseres schweizerischen Selbstverständnisses

Auszug aus der Rede von Botschafter Martin Dahinden, Direktor der DEZA, an der Jahrestagung der Humanitären Hilfe in Lausanne am 14. März 2014

«[…] Viele von Ihnen haben in Konflikten und in fragilen Kontexten gearbeitet. Sie haben damit das Überleben von Menschen ermöglicht und etwas gegen die unmittelbare Not dieser Menschen getan.
Diese Arbeit wird auch in Zukunft wichtig sein. Sie ist die Kernkompetenz der Humanitären Hilfe. Es wird in Zukunft aber wichtiger werden, nicht nur im Konflikt und in der Fragilität zu arbeiten, sondern auch am Konflikt und an der Fragilität.
Mit anderen Worten: Wir müssen bei unserer Arbeit verschiedene Aspekte der Hilfe und der Zusammenarbeit miteinander verknüpfen. Wir müssen – Herr Bundespräsident Burkhalter hat dies bereits gesagt – Brücken bauen zwischen Instrumenten und Massnahmen. Und wir dürfen und sollen ambitionierter werden und uns zum Ziel setzen, prekäre Verhältnisse nicht nur zu lindern, sondern sie auch nachhaltig zu überwinden.
Dazu ist es wichtig, dass wir in der Humanitären Hilfe über Grenzen hinaus denken und arbeiten. Ich denke dabei vor allem an die Grenzen zur langfristig ausgerichteten Entwicklungszusammenarbeit. Ich denke aber auch an die Schnittstellen zu anderen Tätigkeitsfeldern der Aussenpolitik, vor allem zur Diplomatie und zur Konfliktbearbeitung. […]
Das Humanitäre ist, wie es auch der Bundespräsident mit seinen Worten zum Ausdruck brachte, ein Teil unseres schweizerischen Selbstverständnisses. Die humanitären Prinzipien prägen unser Denken und Handeln als Schweizerinnen und Schweizer auch dann, wenn es nicht um Humanitäre Hilfe im engen Sinne geht. Das Humanitäre ist ein Teil unserer Identität und deshalb auch eine grosse Verpflichtung.»