Ehrliche Politiker – Conditio sine qua non der Demokratie

Gedanken nach der Lektüre von Stefan Zweigs biographischem Roman «Joseph Fouché» aus dem Jahre 1929

von Thomas Schaffner

Erasmus von Rotterdam oder Machiavelli und Hobbes – hat der Mensch eine Sozialnatur und ist er ein Gemeinschaftswesen – oder ist der Mensch des Menschen Wolf, immer auf der Hut, vom Bösen im Gegenüber nicht gemeuchelt zu werden? Dieses Gegensatzpaar ist nicht nur historisch zu verorten, sondern stellt jeden Menschen immer wieder auf die Probe und letzten Endes vor die Grundsatzfrage: Welchen Weg gehe ich? Wie sehe ich meine Mitmenschen, und wie verhalte ich mich? Stelle ich mein Ego über alles, lechze nach Macht, Einfluss und Mammon und baue einen Schutzwall um mich auf, weil ja die Mitmenschen angeblich gleich Übles anstreben? Oder wende ich mich dem anderen zu, unterstütze ihn auf seinem Weg, ohne den meinen zu vernachlässigen, und lebe ein Leben in Würde und Mitmenschlichkeit, geprägt von Einfühlungsvermögen, ausgerichtet auf das Gemeinwohl, das Bonum commune?
Gilt, was im engsten Kreis der Familie lebt, auch in der grösseren Gemeinschaft? Oder wird da Erasmus von Machiavelli zurückgedrängt? Gilt das personale Menschenbild nur in der Familie, bei den Nächsten, die man nie als Mittel zum Zweck missbrauchen würde? Wenn es sich ausserhalb der Familie auf die Genossenschaft übertragen lässt, geprägt von den drei «Selbst», der Selbstverantwortung, der Selbsthilfe und der Selbstverwaltung, gilt dies auch für den Aufbau eines staatlichen Gemeinwesens? Oder auch der Wirtschaft im allgemeinen? Der Aufbau zum Beispiel der Eidgenossenschaft von unten nach oben, das Subsidiaritätsprinzip und der Föderalismus lassen da hoffen. Doch sobald man sich mit anderen Staaten abgibt, ist da nicht doch besser Machiavellismus angesagt? Da, wie uns Geostrategen à la Zbigniew Brzezinski erklären, Staaten nie Freunde sein können, sondern immer nur Interessen haben? Deswegen das Schweizer Modell der immerwährenden bewaffneten Neutralität? Oder folgt die genannte Staatsmaxime der Schweiz nicht eher doch dem Pfad von Erasmus? Die menschliche Würde betonend, die sich aber, in Bedrängnis, notfalls auch kräftig zu wehren weiss?
Zu all diesen Überlegungen wird man gedrängt, wenn man die Biographie von Stefan Zweig über Joseph Fouché zur Hand nimmt. In bedrängter Zeit, 1929, erschienen, gibt das Werk Einblick in die Charakterstruktur eines Mannes, dem es gelang, die Wirren der Französischen Revolution zu überleben, obwohl immer oder fast immer in der Rolle des Polizei­ministers: Wer einen Robespierre und einen Napoleon überlebt, mit denen er eng zusammenarbeitete, muss wohl ein besonderes Händchen für Intrigen bzw. einen unwahrscheinlichen Überlebensinstinkt haben. Wer innerhalb von dreissig Jahren vom Priester zum Atheisten und schliesslich die letzte Ölung Empfangenden, vom Republikaner und Königsmörder zum Bonapartisten, Antibonapartisten und Royalisten, vom Verfasser des ersten kommunistischen Manifests zum Multimillionär und zweitreichsten Mann Frankreichs werden kann, vom «Massenmörder von Lyon» zum «frommen Lamm» in Triest – der muss jedem Nachgeborenen schwer aufliegen. Wer Stefan Zweigs meisterhaft formulierter Biographie seine Zeit widmet, kommt nicht umhin, heutige Grössen der Politik vergleichend ins Auge zu fassen. Stimmt es, was der Klappentext des Fischer Verlags suggeriert, dass Zweig in Fouché «nicht nur den Wendehals und Opportunisten, sondern den Politiker per se» erkannt hat? Verwies Zweig implizit auf den 1929 sich im Aufstieg befindenden selbsternannten Führer einer Partei, die allen alles versprach und von Hintergrundkreisen kräftig finanziert wurde, so denkt man heute an Menschen, die in ihrem Werdegang die politische Ausrichtung mehrmals wechselten. Nicht, dass ein Mensch in seiner Entwicklung nicht klüger werden dürfte und seine Überzeugungen justieren können sollte – die Frage stellt sich eher, ob man Machiavelli und Hobbes oder Erasmus folgen will: Fouché setzte eindeutig auf das Prinzip von Machiavelli: All seine Haken und Winkelzüge, sein Verrat an seinen Mitstreitern und sein oberstes Ziel, nur sich selber zu dienen, lassen sich effektiv bei so manchem heutigen Politiker wiederfinden. Nicht, dass dies zwangsläufig so sein muss, wenn man sich politisch betätigt. Der andere Weg ist gangbar, dies beweisen all die Menschen, die auf den Spuren von Erasmus und letzten Endes der Mitmenschlichkeit wandeln, sei dies nun in Form der christlichen Nächstenliebe, des Prinzips des Satyagrahas wie Mahatma Gandhi und vieler anderer.
Fouché, der Intrigant, der Spieler, dem selbst Napoleon mit einer eigens auf ihn als Polizeiminister angesetzten Geheimpolizei nicht Herr werden konnte, da diese Bespitzeler der Bespitzeler wiederum bespitzelt wurden …, Fouché bleibt für jeden Menschen guten Willens, der von einem personalen Menschenbild ausgeht und die Würde des Menschen, durchaus auch wehrhaft verstanden, in den Mittelpunkt seines Schaffens und Strebens stellt, eine grosse Herausforderung. Wie Machiavelli begegnen, wenn nicht mit Machiavelli? Dass dieser Weg nicht gangbar ist, hat wie oben beschrieben, selbst der «grosse» Napoleon Bonaparte erleben müssen, der im Gestrüpp der diversen Geheim­polizeien Genarrte und Übertölpelte. Der Auffassung, dass der Mensch von Natur aus fies, hinterhältig und gemein sei, kann das Konzept nicht nur der deutschen Klassik entgegengehalten werden – in Goethes fordernden Worten: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut». Seine Figur Iphigenie im Drama «Iphigenie auf Tauris» setzt denn auch ganz auf Offenheit und Ehrlichkeit – und kommt so weiter, gewinnt so den Tyrannen Thoas zu mitmenschlichem Tun – statt ihren vom Tantalidenfluch gezeichneten Bruder Orest und dessen Gefährten Pylades der heimischen Gottheit zu opfern, lässt er die Kinder Agamemnons in Frieden ziehen.
Offenheit und Ehrlichkeit, zwei Eigenschaften, die Fouché die Haare zu Berge stehen lassen würden. Doch auch wenn er es schafft, den Kopf auf den Schultern zu behalten und nicht guillotiniert zu werden, das Los des Machiavellisten ist Borniertheit und eine selbstverschuldete Einsamkeit. Auch wenn nach dem Tod der ersten Frau wiederverheiratet, kann er, der Multimillionär, nicht davon ausgehen, dass seine 30 Jahre jüngere Frau ihn seinetwegen und nicht des Geldes wegen geehelicht hat. Am Schluss seines Lebens, von Metternich gnädig ins Exil nach Triest eingeladen, wird er verlacht, verhöhnt, gemieden. Was nützen da die Millionen an Vermögen, wenn der jungen Ehefrau Bettgeschichten mit anderen Männern nachgesagt werden, wenn das einzige, was für die Nachwelt bleibt, der Ruf dessen ist, der Abgefeimteste der Abgefeimten gewesen zu sein, der Belzebub, der selbst seine Teufel Robespierre und Napoleon auszutricksen wusste. Ob Fouché von Alpträumen geplagt wurde, lässt Zweig unerwähnt. Doch es kann gar nicht anders sein, dass die Weltsicht als Machiavellist, weil der Natur des Menschen zuwiderlaufend, seinen Träger nicht ruhig schlafen lässt.
Was Kinder nicht ruhig schlafen lässt und verfolgt, was Erwachsene in ihren persönlichen und beruflichen Beziehungen umtreibt und sich psychisch, somatisch oder in einer Kombination auswirken kann, soll das bei Menschen anders sein, die sich politisch betätigen und dort täuschen, lügen, fremden Herren dienen? Wer seine Seele verkauft, hat einen andern Gesichtsausdruck, einen anderen Blick. An den Augen erkennt man sie.
Zweig ist es mit seinem biographischen Roman gelungen, dem Leser einen Einblick in die Geschichte zu geben, aber auch dem eigenen Zeitalter und deren Bewohnern einen Spiegel vorzuhalten. Am Ende des Buches ist man aufgewühlt, sieht seine Welt und auch das eigene Leben mit anderen Augen als zuvor. Und der Schluss kann nur sein: So nicht, nicht bei einem selber, aber das darf man auch bei den Mitmenschen nicht geschehen lassen, auch nicht bei Politikern – zum Schutz der Allgemeinheit, aber auch für deren eigenes Seelenheil. Gedankt hätte ein Fouché einem dafür wohl kaum – und heutige Politiker?    •