Zwei kuriose Engadiner Naturwunder

Weltgrösstes Reptil und skurriler Wind

von Heini Hofmann

Das Engadin als das grösste und längste ganzjährig besiedelte Alpen-Hochtal gilt als Vorgarten zum Paradies. Seine Naturschönheiten sind weltberühmt und medial omnipräsent. Doch ob solchem Füllhorn voller Naturpreziosen gehen zwei ganz spezielle, einzigartige, um nicht zu sagen abartige Phänomene beinahe vergessen: Malojaschlange und Malojawind.

Das Vorkommen von Drachen in den Alpen hat sich zwar bereits vor Jahrhunderten als irrige Annahme erwiesen. Trotzdem existiert im Engadin heute noch ein Mammutreptil, nämlich die grösste Riesenschlange der ganzen Welt, und es erstaunt, dass bei so vielen cleveren Kurdirektoren keiner auf die Idee gekommen ist, sie ins Guinnessbuch der Rekorde eintragen zu lassen.

Malojaschlange – kein Fabeltier

Die Rede ist von der Malojaschlange, dem – neben dem Malojawind – anderen spektakulären Naturphänomen im Engadiner Luftraum. Es handelt sich dabei um extrem langgezogene Wolkenbänke in Form einer überdimensionalen, kilometerlangen albinotischen Boa constrictor, die im Zeitlupentempo den Talhängen entlang oder – falls das Kondensationsniveau unterhalb von Maloja liegt – über den Talboden hinweg talauswärts gleitet.
Im Gegensatz zum Malojawind, der nur in der warmen Jahreszeit und bei schönem Wetter in Erscheinung tritt, kann die Maloja­schlange im Sommer und im Winter, bei Schön- und Schlechtwetter, beobachtet werden. Typische Schlangenwitterung sind grossräumige Schlechtwetterlagen mit Südwestwind. Im oberen Talabschnitt macht sich die Malojaschlange aber auch häufig gegen Abend bei Malojawind bemerkbar.

Herpetologische Irrlehre

Die Einheimischen kennen die Maloja­schlange bestens. Trotzdem scheinen sie ihre herpetologischen Kenntnisse etwas adjustieren zu müssen; denn die Engadiner Wetterregel «La serp da Malögia porta plövgia» («Die Malojaschlange bringt Regen») kann, muss aber, wie gesehen, längst nicht immer zutreffen, da das Malojariesenreptil Regen und Sonne liebt. Sie gehört somit in die Kategorie jener Bauernregeln, die sich unter dem Schmunzelprinzip «Das Wetter bleibt schön – ausser es regnet …» subsummieren lassen.
Und solche gibt es – neben sehr zutreffenden wohlverstanden – etliche. Während beispielsweise die Wetterregel «Je mehr Donnerwetter, je fruchtbarer das Jahr» den Nagel auf den Kopf trifft, da Gewitter das für den Pflanzenwuchs lebensnotwenige Regennass mit sich bringen, könnte die Befolgung der Volksmund-Regel für das Verhalten bei Blitzschlag recht böse Folgen haben: «Vor den Eichen sollst du weichen, doch die Buchen sollst du suchen.»
Diese irrige Auffassung stammt daher, weil man die Blitzeinschläge und deren Kanäle an glatten Baumstämmen mit dünner Tapetenrinde stets weniger gut sah als solche an Bäumen mit borkiger Rinde, welche beim Blitzschlag in grossen Fetzen weggefegt wird. Daraus schloss man irrtümlich, Buchen seien weniger gefährdet als Eichen. Das stimmt keineswegs. Richtig ist, während eines Gewitters überhaupt nicht unter Bäume zu stehen, schon gar nicht unter freistehende. Darum: Vorsicht bei Blitzen und Himmelsschlangen (vgl. Kasten rechts)!

Falschdrehender Malojawind

Ein Typikum grösserer Alpentäler sind an sonnigen Tagen die Berg- und Talwinde, von denen es schon in der Schule hiess: Tagsüber streichen sie bergwärts, nachts dagegen talwärts. Motor solch tageszeitlich wehender Winde ist die Sonne. Bescheint sie die Talflanken, steigt die erwärmte Luft. Die das Tal himmelwärts in Form von Hangwinden verlassenden Luftmassen werden vom Talausgang her durch horizontal nachströmende Luft ersetzt. Diesen Nachschub besorgt der Talwind. Nachts ist es umgekehrt. Die abgekühlte Talluft sinkt und fliesst als Bergwind talauswärts.
Man nennt das auch die Atmung des Gebirges – mit täglich einem Atemzug, einatmen tags, ausatmen nachts. Zwischen Tag- und Nachtwind vollzieht sich der Richtungswechsel gewöhnlich einige Stunden nach Sonnenaufgang beziehungsweise nach Sonnenuntergang. Der tagsüber aktive Talwind nimmt an Stärke rasch zu und erreicht sein Maximum am frühen Nachmittag. Der nächtliche Bergwind ist deutlich schwächer und weht weniger regelmässig als der Talwind.
Doch keine Regel ohne Ausnahme! Das Wetterphänomen des Oberengadins, der Malojawind, ist solch eine magische Spielerei der Natur. Denn er streicht nicht, wie andere Talwinde, bergwärts, sondern bläst talauswärts, weht also sozusagen in die falsche Richtung. (Analoge Sonderlinge gibt es am Berninapass, im Davoser Hochtal und am Arlberg.) Bezüglich Bioexzentrik entspricht der Malojawind dem Schneckenkönig, dessen Häuschen nicht wie bei allen anderen nach rechts, sondern – als Ausnahme unter vielen tausend Individuen – nach links gewunden ist, vergleichbar dem Situs inversus beim Menschen (mit beispielsweise rechts liegendem Herz).

Himmlisches Schönwetterkind

Die Andersartigkeit des Malojawindes, eines der stärksten Lokalwinde der Alpen, fiel bereits 1879 Julius von Hann auf, der feststellte, dass er sich «ganz abweichend von dem gewöhnlichen Verhalten» manifestiere. Noch früher, 1877, hatte der Engadiner Arzt J. M. Ludwig vermerkt, dass im Sommer «der sogenannte Thalwind bläst, ein lokaler Wind, der in der Flussrichtung von Maloja nach Scanfs mitunter recht lebhaft streicht. Er fehlt am Morgen, bläst am stärksten in den warmen Mittagstunden und verliert sich gegen Abend allmählich.»
Sogar schon im 18. Jahrhundert hat der Zürcher Arzt und Naturgelehrte Johann Jacob Scheuchzer festgestellt, «wann der Nord- und Westwind gegeneinander streiten, so ist der Champ de bataille bey dem Berg Maloja, auf denen Gränzen des Engadeins und Bergeller-Thals». Und weiter schreibt er: «Ueberwindet der Westwind (gemeint war wohl der Südwestwind), so wird Engadein befeuchtet.»
Schon damals waren also zwei Südwestwinde bekannt, der von Scheuchzer erwähnte, der als Schlechtwetterwind im Sommer Regen und im Winter Schnee bringt, und der von Ludwig beschriebene Malojawind, der in der warmen Jahreszeit als Schönwetterkind auftritt. Er setzt, wie Windmessungen in Sils ergaben, um etwa 10 Uhr ein, erreicht sein Maximum mit einer mittleren Windgeschwindigkeit von 25 km/h am Nachmittag, um im Laufe des Abends abzuflauen. Nach Mitternacht setzt bei Sils dann meist der talaufwärts wehende, viel weniger starke Gegenwind ein.

Drei Theorien für einen Wind

Den Einheimischen sind solche Talwinde vertraut, weshalb sie ihnen Namen geben, die sich auf das geografische Vorkommen beziehen («Malojawind» im Oberengadin, «Vaudaire» im Unterwallis, «Ober- oder Unterwind» im St. Galler Rheintal), auf ihre Regelmässigkeit («Zehnerli» in Bludenz und Feldkirch, «Ora» im Etschtal) oder auf ihre Verbindung zu Schönwetter («Heiter» oder «Heiterwind» im Vorarlberg). Der bekannteste und wohl eigenwilligste dieser Talwinde ist jedoch derjenige von Maloja. Er ist zugleich auch einer der stärksten Lokalwinde der Alpen schlechthin.
Deshalb hat er seit je Heerscharen von Meteorologen aus dem In- und Ausland beschäftigt, die verschiedene Theorien aufstellten. Die älteste besagt, dass die Luftmassen auf der Alpensüdseite durch Erwärmung über die Malojapasshöhe gehoben werden und sich so ins Engadin ergiessen. Eine zweite Theorie betrachtet den Malojawind als Fortsetzung des Bergeller Talwindes, der, weil eine wirksame Talscheide fehlt, «übers Ziel hinausschiesst» und sich den Weg durchs Engadin bahnt.
Die dritte, neuere Theorie sieht die Ursache der Entstehung des Malojawindes im Engadin selber. Die starke Erwärmung tagsüber lässt die Luft in Form von Hangwinden aufsteigen, was horizontale Nachschubströmung auslöst. Warum diese im Engadin aus der «falschen» Richtung erfolgt, geht aus der Topografie hervor: Der Nachschubweg aus dem Bergell ist viel kürzer als er durchs ganze Inntal wäre, das zudem durch seinen Knick unterhalb von Zernez noch sogmindernd wirken täte.

Wegen fehlendem Talabschluss

In einem sind sich die Meteorologen jedoch einig: Die seltsamen Windverhältnisse korrespondieren mit der ungewöhnlichen Geländekammerung. Weil dem Oberengadin in Richtung Bergell ein Talabschluss fehlt, wird das Engadin für den Wind aus dem Süden zum Schengenraum – mit freiem Zutritt. Julius von Hann lag somit schon 1879 richtig, wenn er argumentierte: «Es besteht kein Zweifel, dass, wenn das Oberengadin den gewöhnlichen Talabschluss durch höhere Berge (oder einen höheren Pass) hätte, es auch seinen aufsteigenden Talwind haben würde.»
Die Theorie vom Luftansog aus «falscher» Richtung bestätigen Höhenwindmessungen, die zeigen, dass der Bergeller Talwind eine Doppelschichtung aufweist mit einem Geschwindigkeitsmaximum in Bodennähe und einem anderen in der Höhe, das mit dem des Malojawindes übereinstimmt, also durch dessen Sogwirkung bestimmt wird. Doch lustigerweise spielt das Prinzip «keine Regel ohne Ausnahme» selbst innerhalb der Ausnahme: Neben dem abnormalen Talwind weht im Engadin auch ein normaler aus Nordost talaufwärts, die «Brüscha», allerdings mehr im Unter- als im Oberengadin, und nur dann, wenn über den Alpen eine kräftige Nordostströmung dominiert.

Gratis-Grastrocknungsanlage

Der Malojawind manifestiert sich vor allem in den Sommer- und Herbstmonaten, und das ist gut so. Denn bereits 1933 schrieb Bäderarzt Paul Gut: «Wäre der sommerliche Schönwetter-Malojawind, in der warmen Jahreszeit ein erwünschter, kühlender Reizfaktor, auch im Winter aktiv, was er zum Glück nicht ist, könnte man das Oberengadin als Winterdestination vergessen.» Als stärkster Talwind der Alpen hat er in der warmen Jahreszeit einen grossen Einfluss auf das Klima.
Empfunden wird er als kühl, was weniger auf die Lufttemperatur als auf die Windgeschwindigkeit zurückzuführen ist. Solche Abkühlung ist in der Tagesmitte willkommen. Heiss geliebt wird der Malojawind von den Seglern; sie haben, wenn im Unterland an heissen Sommertagen kein Lüftchen weht, auf den Engadiner Seen pralle Segel. Auch Segelflieger nutzen im Engadin den Malojawind.
Eine weitere positive Eigenschaft dieses regelmässigen Schönwetterwindes wissen die Bauern zu schätzen. Dank viel Sonnenschein und wenig Luftfeuchtigkeit wird aus dem am Morgen geschnittenen Gras bis am Abend trockenes Heu. Der Malojawind ist sozusagen ihre biologische und zudem kostenfreie Grastrocknungsanlage. Das Haar in der Suppe der Malojawind-Positivmeldungen sind gewisse Wuchsdeformationen an Bäumen, die man dem himmlischen Kind zuschreibt.    •

Malojaschlangen- Würgegriff

HH. Riesenschlangen sind bekanntlich nicht giftig, aber unheimlich kräftig im Würgegriff. So brachte es 1974 eine Malojaschlange zustande, die Herrenabfahrt der Skiweltmeisterschaften von St. Moritz nachhaltig zu stören und das hochkarätige Organisationskomitee schachmatt zu setzen.
Der geneigte Leser merkt: Naturphänomene, selbst solche scheinbar harmloser Art, zeigen mitunter dem Zauberlehrling Mensch, wo seine Grenzen liegen.

Einfluss auf Reizstufen-Rating

HH. Je nach Heilfaktoren werden die Klimakurorte der Schweiz in verschiedene Reizstufen eingeteilt. Dabei spielen Reizfaktoren wie Höhenlage, Besonnung und Strahlung, aber auch Schonfaktoren wie relative Stabilität der Witterung oder Schutz vor stärkeren Winden eine Rolle. Deshalb verwundert es nicht, dass sich der Malojawind aktiv auf das klimatologische Rating der Kurorte auswirkt.
Je nach Gewichtverteilung in den beiden Waagschalen für Reiz- und Schonfaktoren werden die Kurorte in vier Reizstufen eingeteilt. Die dem Malojawind ausgesetzten Ortschaften St. Moritz, Silvaplana und Sils werden der höchsten Reizstufe zugeordnet, Pontresina dagegen, das vom Malojawind kaum tangiert wird, findet sich eine Stufe unter dem Reizmaximum. Solche Unterschiede können sogar von Vorteil sein, da sie den Gästen eine echte Auswahl bieten.