Das duale Berufsbildungssystem – eine segensreiche Errungenschaft für die Gesellschaft und für die einzelnen Menschen

von Dr. iur. Marianne Wüthrich, ehemalige Berufsschullehrerin

Das neue Buch des Schweizer Nationalökonomen, früheren Nationalrates und Preisüberwachers Rudolf H. Strahm, «Die Akademisierungsfalle» (zitiert: Strahm 2014) verdient ebenso wie sein früheres Werk «Warum wir so reich sind» (zitiert: Strahm 2010) gröss­te Aufmerksamkeit. Hauptschwerpunkt beider Werke ist die unschätzbare Bedeutung der dualen Berufsbildung für den Zustand eines Landes und für die Lebensqualität der dort lebenden Menschen – und zwar nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht: «Das Berufsbildungssystem ist ein zentraler Faktor der Produktivität und Konkurrenzfähigkeit. Es ist aber auch das wichtigste Moment der sozialen Integration, des gesellschaftlichen und nationalen Zusammenhalts und der Verhinderung oder zumindest Begrenzung der Armut.» (Strahm 2010, S. 43) Der Autor, der selbst einen Bildungsweg von der Berufslehre bis zum Universitätsabschluss durchlaufen hat, gibt dem Leser in beiden Büchern einen Einblick in die Problematik – in einer Reichhaltigkeit, die ihresgleichen sucht, und belegt durch zahlreiche Grafiken.1
Die Jugendarbeitslosigkeit in den EU-Ländern erreichte im Jahre 2012 durchschnittlich 23 Prozent, in den südeuropäischen Ländern sogar bis 55 Prozent! Dabei beträgt die Maturitätsquote zum Beispiel in Italien 75, in Frankreich 53 Prozent. Eine gut gebildete Jugend ohne Arbeit – wie passt das zusammen? Im Gegensatz dazu hat die Schweiz eine rekordtiefe Maturitätsquote: 20 Prozent der Jugendlichen schlossen im Jahre 2011 eine gymnasiale Matura ab, weitere 10 Prozent machten eine Berufsmatura. Wie ist es zu erklären, dass die Jugendarbeitslosigkeit trotzdem in keinem Land so tief ist wie in der Schweiz? Warum ist in allen fünf europäischen Ländern mit einer dualen Berufsbildung eine markant tiefere Jugendarbeitslosigkeit festzustellen, nämlich 8 Prozent in Deutschland und der Schweiz, nur wenig mehr in Österreich, den Niederlanden und Dänemark? (Strahm 2014, S. 14–16)

«In den Berufsbildungsländern wurden weniger Menschen aus dem Produktionsprozess hinausgedrängt, denn sie konnten umgeschult oder besser und anders qualifiziert werden.» (Strahm 2014, S. 54)

Es ist bekannt, dass die westlichen Grosskonzerne seit längerer Zeit einen grossen Teil der Produktion von Konsumgütern, von Kleidern und Schuhen bis zu Haushalts- und elektronischen Geräten nach Asien ausgelagert haben, mit der Folge, dass die aufstrebenden Industrienationen Asiens einen grossen Teil der industriellen Produktion übernommen haben und gleichzeitig die Industrie in Europa stark geschrumpft ist. (Strahm 2014, S. 48–51) Strahm weist darauf hin, dass der Strukturwandel hin zu mehr Arbeitsplätzen in Dienstleistungsberufen zwar auch in den fünf Staaten mit einem dualen Berufsbildungssystem stattgefunden hat. «Doch hier, in den Berufsbildungsländern, wurden weniger Menschen aus dem Produktionsprozess hinausgedrängt, denn sie konnten umgeschult oder besser und anders qualifiziert werden.» (Strahm 2014, S. 54) Als in diesen Ländern die Produktion auf High-Tech-Produkte wie Textilmaschinen, Roboter und Medizinaltechnik oder auf Nischenprodukte umgestellt wurde, erwarben sich die Berufsleute, die von ihrer Lehre her ans Lernen gewöhnt waren, das nötige Zusatzwissen und -können und fanden dann mehrheitlich einen entsprechenden Arbeitsplatz. Im Alter von 24 Jahren arbeiten nach Strahm bereits 35% aller Schweizer Erwerbstätigen nicht mehr im ersten gelernten Beruf. Wer eine Lehre absolviert hat, nimmt auch die Hürde eines Berufswechsels mit entsprechend notwendiger Weiterbildung eher in Angriff. (Strahm 2010, S. 182)
Im Gegensatz dazu gibt es in den Ländern mit einem einseitig schulischen Bildungssystem viel zu wenig Stellen für die jungen Leute, die von den Gymnasien und Hochschulen kommen. Viele von ihnen arbeiten schliesslich – wenn sie überhaupt eine Stelle finden! – in Arbeitsbereichen, die keinerlei Zusammenhang mit ihrem Studium haben, oft sogar in Niedriglohn-Berufen. Dies wird am Beispiel eines griechischen Studenten der Politikwissenschaft gezeigt (Strahm 2014, S. 52f.). Aber auch in der Schweiz finden Universitätsabgänger, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften, schwerer eine Stelle als Absolventen einer Fachhochschule, die mit einer Berufslehre begonnen haben, also neben der theoretischen auch eine gründliche praktische Ausbildung mitbringen. (Strahm 2014, S. 160f.)

«Es gibt keinen wichtigeren Faktor für die Arbeitsmarktintegration und zur Verminderung und Verhinderung von Arbeitslosigkeit als die Berufslehre.» (Strahm 2010, S. 46; vgl. auch Strahm 2014, S. 20ff.)

Denn das duale Berufsbildungssystem ist der «Schlüssel zur Beschäftigung», so Strahm. Aus meiner dreissigjährigen Erfahrung als Berufsschullehrerin kann ich ihm nur zustimmen: Wer sich bereits mit 15 oder 16 Jahren um eine Lehrstelle bemühen muss, wer sich während der zwei bis vier Jahre dauernden Lehrzeit an jedem Arbeitstag (drei bis vier Tage pro Woche) zu bewähren hat, wer auch eine genügende Leistung in der Berufsschule erbringen muss, und wer schliesslich seine Lehre mit einer schulischen und praktischen Abschlussprüfung erfolgreich abschliesst, der wird in der Regel «arbeitsmarktfähig». Das heisst, er wird frühzeitig mit den Realitäten des Lebens konfrontiert, er hat gelernt, dass es im Berufsalltag häufig Situationen gibt, in denen man sich besonders einsetzen und anstrengen muss.
Der Zusammenhang zwischen Berufsbildung und Arbeitsmarktfähigkeit ist nicht nur statistisch erfassbar, sondern reicht viel tiefer, ja, die Entwicklung der ganzen Persönlichkeit wird durch den Weg vom Schulabgänger bis zum erfolgreichen Lehrabschluss wesentlich beeinflusst: «Wie fördert man Arbeitsmarktfähigkeit? Wie kommt ein junger Mensch dazu, fleissig zu sein, Exaktheit zu üben, Termintreue zu praktizieren – also in modernster Sprechweise die Tugenden der ‹Swissness› zu praktizieren? Wie fördert man die Liebe zur Arbeit respektive zum erlernten Beruf? Oder anders gefragt: Weshalb definieren sich in der Schweiz so viele Menschen so stark über ihre Arbeit und ihre Stellung im Arbeitsleben?»
Strahm beantwortet diese Fragen eindeutig: «Es ist offensichtlich, dass gerade das historisch gewachsene Berufsbildungssystem in der Schweiz (und zwar vorherrschend in der Deutschschweiz) eine entscheidende Rolle für diese Faktoren gespielt hat und heute noch spielt. Dieses System führt zu einer frühen Einführung in die Arbeitswelt schon im Alter von 15 oder 16 Jahren, es verhilft sogar auch Jugendlichen mit einer Schulschwäche oder aus bildungsfernen Schichten zur ausserschulischen Entwicklung handwerklicher Fähigkeiten, und es konfrontiert den jungen Menschen früh mit der wettbewerblichen Härte des Arbeitsmarktes. […] Doch bei aller Härte […], das Resultat ist eine höhere Arbeitsmarktfähigkeit und ein höherer Standard von Qualität und ‹State of the Art› (Regeln der Kunst) in jeder Berufsbranche.» (Strahm 2010, S. 68/69)

Berufslehre als Grundlage der Armutsbekämpfung und zur Integration von Ausländern

Strahm belegt, dass die Berufsbildung die beste Versicherung gegen Armut und Arbeitslosigkeit ist, denn gelernte Berufsleute finden eher eine Stelle als Ungelernte, verdienen im Durchschnitt mehr und werden weniger häufig arbeitslos. Deshalb auch seine Warnung an die staatlichen Behörden: «Die Gesellschaft trägt die sozialen Folgelasten der Ausbildungslosigkeit in Form von Sozialhilfeleistungen, Arbeitslosenversicherung, Prämien- und Steuerausfällen. […] Jeder Jugendliche, der eine Berufslehre absolvieren kann, vermindert die potentiellen sozialen Folgelasten.» (Strahm 2014, S. 72)
Dass 60 Prozent aller Sozialhilfeempfänger in der Schweiz Menschen oder Familien mit Migrationshintergrund sind, ist nach Strahm nicht ein «Ausländerproblem», sondern in erster Linie ein «Ausbildungsproblem» (S. 206f.) Denn ein Grossteil der Zugewanderten aus Balkanländern oder aus Südeuro­pa kam ohne berufliche Ausbildung in die Schweiz und findet deshalb bei Stellenverlust und Umstrukturierung nur schwer wieder einen Arbeitsplatz. Ihre Kinder dagegen absolvieren bereits zu 60 Prozent eine berufliche Grundbildung (Kinder mit Schweizer Eltern zu 68 Prozent, also unwesentlich mehr; S. 209)
Strahm kommt zum logischen Schluss, dass Armutsbekämpfung und Integrationspolitik in erster Linie Bildungspolitik sein muss: Berufliche Grundausbildung für die jungen, Weiterbildungsprojekte für die älteren Menschen. (S. 222f.) Wie das konkret aussehen kann, wird am Beispiel einer Kosovarin dargestellt, die mit 18 Jahren ohne Deutschkenntnisse in die Schweiz kam und nach einigen Sprachkursen eine Lehre als Floristin machen konnte; oder an einem Familienvater aus Mazedonien, der nach 12 Jahren als Hilfsarbeiter mit Unterstützung seines Arbeitgebers eine Ausbildung zum Produktionsmechaniker in Angriff genommen hat (S. 36f. und S. 210f.).

Berufslehre als einer der wichtigsten Standortfaktoren

Aber nicht nur für die einzelnen Menschen und für das Sozialwesen ist die duale Berufslehre von Vorteil, sondern auch für den Bestand und die internationale Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Unternehmen. Nur dank der hohen Arbeitsproduktivität ihrer Berufsleute kann sich die Schweizer Exportwirtschaft auf den Weltmärkten behaupten – trotz den im internationalen Vergleich hohen Löhnen. (Strahm 2010, S. 127 und S. 132) In einer Befragung von 3 000 internationalen Managern «steht die Qualität der beruflich ausgebildeten Fachkräfte […] gleich an zweiter Stelle nach der politischen Stabilität der schweizerischen Institutionen», sogar vor den tieferen Steuern! (Strahm 2014, S. 31f.)
Ein anderer Massstab für den hohen Ausbildungsstandard ist die Tatsache, dass in Berufsweltmeisterschaften Schweizer Berufsleute regelmässig in der Spitzengruppe zu finden sind: An der World Skills Competition 2013 in Leipzig mit 1 000 Teilnehmern unter 24 Jahren aus 54 Nationen holten die Schweizer 17 Medaillen und 18 Diplome. (Strahm 2014, S. 32).
Ausserdem besteht die Schweizer Wirtschaft natürlich nicht nur aus exportorientierten Unternehmungen. Mindestens zwei Drittel aller Branchen arbeiten für die Binnenwirtschaft, wie Bäcker und Metzger, ­Polizisten, Coiffeure, Krankenpfleger, Automechaniker und viele mehr. Ein grosser Teil dieser Betriebe bildet Lehrlinge aus.

Der Fachkräftemangel in der Schweiz ist hausgemacht

Hochinteressant sind die Informationen im 5. Kapitel «Fachkräftemangel und Bildungspolitik», auch hier mit reichhaltigen Grafiken belegt (Strahm 2014, S. 170–200). An dieser Stelle sollen nur einige Fakten herausgegriffen werden:

  • Zum viel beklagten Ärztemangel in der Schweiz äussert sich der Autor kurz und bündig: «Der Grund für die Medizinerlücke ist hundertprozentig hausgemacht, und zwar durch den Numerus clausus […]» (Strahm 2014, S. 175) Von 4 000 Schweizer Maturanden, die sich für ein Medizinstudium gemeldet hatten, erhielten 2011 nur gerade 1 173 einen Studienplatz!
  • Auch der Mangel an Pflegepersonal in den Spitälern ist, wie der Autor belegt, hausgemacht. Durch die Zentralisierung der Pflegeberufe (Berufsbildungsgesetz BBG von 1996) wurden die Kantone und das Schweizerische Rote Kreuz aus der Pflegeausbildung, die sie vorher im föderalistischen Rahmen bestens bewältigt hatten, hinausgedrängt. Als Folge entstand eine grosse Lücke in der Ausbildung, die erst zehn Jahre später durch die Einführung der neuen Lehrberufe FaGe (Fachangestellte Gesundheit) und FaBe (Fachangestellte Betreuung) in Angriff genommen wurde, und zwar sehr zögerlich. 2013/14 haben rund 4 500 Jugendliche keine Lehrstelle im Gesundheits- und Sozialbereich gefunden. (Strahm 2014, S. 179–183)
  • Der MINT-Fachkräftemangel (Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschafter, Techniker-Ingenieure) ist in aller Munde. Auch er ist laut Strahm hausgemacht. So haben in diesem Jahr 500 Schweizer Jugendliche, die gerne Informatiker werden würden, keine Lehrstelle gefunden. (Strahm 2014, S. 184)

Lösungsvorschläge zu den Mangelberufen

  • Hausärztemangel: «17 Prozent der Hausärzte und über 50 Prozent der Spitalärzte sind im Ausland ausgebildet worden. […] Jahrelang hatte man sich über die einheimische Ausbildungslücke mittels Rekrutierung von Ärzten im Ausland hinweggeholfen.» (S. 175) Als Gegenmittel sind mehr Studienplätze besonders für Allgemeinmediziner zu schaffen, statt dass die Lücken ganz einfach mit ausländischen Ärzten gefüllt werden.
  • Pflegeberufe: Die Spitäler müssen in Zukunft weit mehr Lehrstellen und Nachholbildungen (zum Beispiel für Wiedereinsteigerinnen oder Migrantinnen) anbieten, statt die Pflegeberufe zu akademisieren, wie dies vor allem in der Romandie üblich ist. (S. 181)
  • Technische Berufe: Dem Mangel an Ingenieuren ist nicht durch mehr Maturitäts- und Universitätsabschlüsse beizukommen, sondern zum Beispiel durch mehr Polymechaniker- und Informatiker-Lehren mit Berufsmaturität und anschliessender Fachhochschulbildung. Denn Berufsleute mit Lehre und Fachhochschulabschluss im technischen Bereich sind auf dem Stellenmarkt viel begehrter als Uni- oder ETH-Absolventen ohne gründliche praktische Erfahrung. (Strahm 2014, S. 147ff. und S. 171) Laut Strahm müssten die ICT-Unternehmungen in Zukunft deutlich mehr Lehrstellen anbieten. Arbeitgeber und -nehmer, Kantone und Bund müssen zusammen mit den Berufsfachschulen Vorbereitungen für ein vollschulisches Basisjahr treffen, so dass die Jugendlichen für die anspruchsvollen technischen Berufe bereits einige Grundlagen ins 2. Lehrjahr mitbringen. (Strahm 2014, S. 185) Auch sollten Berufsmaturanden, die gerne ein Fachhochschulstudium anschliessen möchten, leichter zu einem Stipendium kommen. (Strahm 2014, S. 189)

Eine besonders interessante Bemerkung macht der Sozialdemokrat Strahm zur Masseneinwanderungsinitiative, die bekanntlich am 9. Februar vom Schweizervolk angenommen wurde. Dass in Zukunft nicht mehr alle Fachkräftelücken über die Personenfreizügigkeit bequem im Ausland gedeckt werden könnten, habe zu einer produktiven Debatte geführt, meint Strahm. Er schlägt vor, dass die Zuteilung von Ausländerkontingenten mit einer Ausbildungspflicht verbunden werden könnte, zum Beispiel acht Lehrstellen auf 100 Vollzeitstellen in den Spitälern, um ein entsprechendes Kontingent zu erhalten. (Strahm 2014, S. 196)

Zusammenschau

Die beiden Bücher von Rudolf H. Strahm sind jedem gesellschaftspolitisch interessierten Leser, besonders aber jedem Bildungs­politiker dringend zu empfehlen. Vieles konnte hier nur skizziert werden, was durch die Lektüre im Zusammenhang, unterstützt durch die Fülle der statistischen Grafiken, genauer erfasst werden kann. Von der Darstellung des unschätzbaren Wertes der dualen Berufsbildung in dieser Zeitung erhoffe ich mir vor dem Hintergrund meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Schweizer Berufsschullehrerin, dass gerade auch Bildungspolitiker und Arbeitgeber in anderen Ländern hellhörig werden und in einem gemeinsamen Aufbau – der nicht so rasch möglich sein wird! – einen schrittweisen Einstieg in eine Berufsbildung mit Lehrbetrieben und Berufsschulen an die Hand nehmen. Eine Hilfe kann jedem Willigen auch das 3. Kapitel der «Akademisierungsfalle» sein, wo das Berufsbildungssystem Schweiz im einzelnen dargestellt wird.
Denn was Rudolf H. Strahm mit viel persönlichem Engagement nachweist, kann ich aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung hundertprozentig unterstützen: Es gibt keine bessere Einführung Jugendlicher in ein Leben als verantwortungsbewusste, aber auch mit Lebensmut erfüllte Berufsleute und Bürger als die duale Berufslehre. Viele, sehr viele meiner ehemaligen Schüler, gerade aus Familien, in denen die Eltern selbst wenig Schulbildung hatten und kaum Deutsch verstanden, hätten vielleicht Schiffbruch erlitten, wenn sie nicht in der entscheidenden Lebensphase zwischen 15 und 20 Jahren in einen Lehrbetrieb und die Berufsschule eingebunden gewesen wären. Und ebenfalls sehr viele besonders gute und tüchtige Jugendliche gewannen in der Lehre neues Selbstvertrauen und besuchten anschliessend weiterführende Schulen.
Der Jugend Europas und der ganzen Welt gönne ich es von Herzen, wenn die verantwortlichen Erwachsenen in ihren Ländern auch ihnen die Wohltat einer dualen Berufslehre ermöglichen werden.     •

1    Selbstverständlich ist jedes der beiden Bücher in sich abgeschlossen und kann auch einzeln gelesen werden.

Der Autor Rudolf H. Strahm stellt sich vor

«Ich habe eine Berufslehre als Laborant, eine Ingenieurschule als Chemiker und eine Universitätsausbildung als Nationalökonom durchgemacht. Fünf Jahre Industriepraxis, zwanzig Jahre leitende Funktionen in Verbänden, sieben Jahre Wirtschaftsberatung, dreizehn Jahre im eidgenössischen Parlament als Wirtschaftspolitiker und vier Jahre in der Verwaltung als Preisüberwacher inspirierten mich zum Anliegen, das wirtschaftliche Grundwissen stärker auf die praktizierte Wirtschaftspolitik und die Arbeitswelt in der Realwirtschaft auszurichten.» Strahm 2010, S. 8)

«Warum wir so reich sind»

Natürlich wegen der Banken – wird mancher Zeitgenosse nicht nur ausländischer Herkunft antworten. Diesen Irrtum korrigiert der Autor gleich zu Beginn seines gleichnamigen Buches: Lediglich 9,2% des Bruttoinlandprodukts (BIP) erwirtschafteten die Schweizer Banken vor der Finanzkrise von 2008, nachher waren es sogar nur noch 7,6%. Denn die Schweizer Wirtschaft besteht aus einer Vielfalt von Branchen. Von zentraler Wichtigkeit für die Stärke des Standortes sind an erster Stelle die Klein- und Mittelunternehmen (KMU), also Betriebe mit weniger als 250 Mitarbeitern. 99,6% aller Schweizer Unternehmen sind KMU, sie stellen das «Rückgrat der Beschäftigung in der Schweiz» dar und bieten rund zwei Drittel aller Arbeitsplätze an. Und – besonders beeindruckend – 80% aller Lehrstellen! (Strahm 2010, S. 25 und S. 152)
Der Reichtum der Schweiz basiert gemäss Rudolf Strahm in erster Linie darauf, dass hier so viele junge Menschen eine Berufslehre absolvieren – rund 70 % der Schulabgänger sind es in der Deutschschweiz! (Strahm 2010, S. 54) Deshalb hat die Schweiz die höchste Erwerbsquote und die tiefste Arbeitslosenquote der OECD-Staaten, und sie hat vor allem die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit. Denn dank der hohen Arbeitsproduktivität – das heisst dank der Spitzen-Leistungsfähigkeit der Berufsleute – kann die Schweizer Exportwirtschaft trotz hoher Löhne auch auf dem internationalen Markt bestehen. (Strahm 2010, S. 126ff.)
«Das Hochlohnland Schweiz ist extrem konkurrenzfähig», bestätigt der Autor 2014 seinen Befund und weist die «weltweite[n] klischeehafte[n] Wahrnehmung der Schweiz als Land der Banken und des Tourismus (‹Banken, Matterhorn und Toblerone›)» energisch zurück. (Strahm 2014, S. 34f.)