Die Sprache als Brücke zum Mitmenschen

von Dr. Eliane Gautschi, Sonderpädagogin und Psychologin, Zürich

Aus Sicht eines personalen Menschenbildes verbindet sich der Mensch mittels der Sprache mit seinen Mitmenschen. Sie ist weit mehr als die Mitteilung von Bedürfnissen bei der Gestaltung des Lebensalltags. Darauf wies bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts der Wiener Psychologe Alfred Adler hin: «Die Sprache ist ein Band zwischen zwei oder mehr Menschen, um zu vermitteln, was sie meinen. Dieses Kunstwerk verdanken wir der Gesamtheit und können verstehen, dass es nur entwickelt werden konnte, wo Interesse für den andern bestand.»1 Unsere Sprache bildet die Brücke zu unseren Mitmenschen und befähigt uns, Gedanken, Gefühle und Absichten auszudrücken und anderen mitzuteilen. Mit den Begrifflichkeiten fassen wir innerlich unsere Gedanken und strukturieren sie. Je feiner wir eine Sprache kennen, desto besser können wir etwas genauso ausdrücken, wie wir es meinen. Wir sind aber auch in der Lage, unsere Mitmenschen in ihren mündlichen und schriftlichen Äusserungen differenziert zu verstehen. Sie ermöglicht uns den vertieften Dialog mit unseren Mitmenschen. Sprache und Sprachfähigkeit sind deshalb sehr wesentlich für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen. Für die Lebensqualität und das Lebensgefühl eines Menschen ist es wichtig, dass er sich der Sprache mächtig fühlt und sich ihrer bedienen kann. Stört man ein Kind bei der Entwicklung dieser Fähigkeiten, so beraubt man es eines wichtigen seelischen Werkzeugs seiner Persönlichkeitsentwicklung. Diese Sicht verweist darauf, dass Sprachunterricht – sei es in der Mutter- oder in einer Fremdsprache – das Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen aufbauen hilft – wenn er mit diesen Zielsetzungen aufgebaut ist.

Beziehung als Basis

Der Spracherwerbsprozess ist komplex. Die biologischen Voraussetzungen dafür bringt ein Kind zwar mit; ohne sprachliche Umwelt wäre es ihm jedoch nicht möglich, eine Sprache zu lernen. Dazu braucht es seine Mitmenschen. Die Mutter2 schafft über den Dialog eine erste gemeinsame Erfahrungswelt mit dem Kind. Sie schlägt eine Brücke und zeigt ihm den Weg zur Welt. Sie interpretiert sein Verhalten und reagiert darauf. Dadurch ermöglicht sie es dem Säugling, sich die Basis für den Spracherwerb zu schaffen. Im Vordergrund steht vorerst nicht, dem Kind die Sprache beizubringen, sondern die Mutter stellt eine positive, gefühlsmässige Beziehung her und macht das gegenseitige Verstehen möglich. Eine erste Abgrenzung sozialer Rollen lernt ein Kind, weil beispielsweise der Vater anders zu ihm spricht. Mit der Sprache beginnt sich das Kind auch zunehmend in seiner Kultur zu verwurzeln und sich mit ihr zu identifizieren.
Erst etwa im dritten und vierten Lebensjahr nimmt die Mutter die Aufgabe einer «Sprachlehrenden» ein. Sie wiederholt dann zum Beispiel die Sätze des Kindes in korrekter Form. Dadurch gibt sie ihm die Möglichkeit, die bereits vorhandenen Satzmuster in richtige zu transformieren. Es ist der zwischenmenschliche Bezug, der den Spracherwerb möglich macht, der niemals durch Medien (zum Beispiel durch Lernprogramme am Computer oder durch Fernsehfilme) ersetzt werden kann.

Die Muttersprache – eine gefühlsmässige Heimat

Eine spezielle Bedeutung kommt der Muttersprache zu. Sie ist mehr als einfach eine Sprache, denn sie ist eingebunden in die Beziehung zu einem oder mehreren Menschen, die dem Kind eine gefühlsmässige Heimat geben. Die Muttersprache in ihren ganzen Feinheiten zu beherrschen bedeutet deshalb mehr, als sie einfach in ihrer kommunikativen Funktion wahrzunehmen. Sie ist Teil der Persönlichkeitsgeschichte des Sprechenden. Interessant ist auch, dass Kinder, die zweisprachig aufwachsen, oft diejenige Sprache lieber und besser lernen, die jener Elternteil spricht, der ihnen gefühlsmässig positiv nähersteht.
Es ist naheliegend, dass die Muttersprache einer besonderen Pflege bedarf und von jedem Menschen möglichst gut und differenziert beherrscht werden sollte. Sie muss im Bildungsprozess von Kindern eine hervorragende Bedeutung haben und in der Schule speziell aufmerksam gepflegt werden.

Ein anspruchsvoller Lernprozess

In den letzten Jahrzehnten wurde im Bereich der Sprache und des Spracherwerbs intensiv geforscht.3 Vieles, was früher als gesichert galt, wurde in Frage gestellt oder widerlegt. Trotz allem Bemühen weiss man heute eher, wie Sprache nicht erworben, als wie sie erworben wird. So gilt es als gesichert, dass ein kleines Kind seine Sprache nicht einfach durch Imitieren lernt, sondern dass es ein sehr komplexer fortlaufender Prozess ist, bei dem das Kind die Strukturen der Sprache sucht und bildet. Beim kleinen Kind ist dies kein bewusster Lernprozess. Kinder vermögen diese komplexe Aufgabe in einem Alter zu lösen, in dem sie zu vergleichbar komplexen Leistungen in anderen Bereichen des Denkens noch nicht in der Lage sind. Den Spracherwerb bei einem Kind mitzuerleben, gehört zu den eindrücklichsten Erlebnissen während seines Entwicklungsprozesses. Am deutlichsten ersichtlich ist für seine Beziehungspersonen, welche Wörter das Kind kennt, wie es sie anwendet und was es jeweils Neues dazulernt. Und das lässt einen staunen! Mit 2 Jahren kennt es bereits etwa 200 Wörter; es lernt täglich annähernd 9 Wörter neu dazu.
Mit 6 Jahren sind es bereits etwa 2500 Wörter, die ein Kind kennt. Es hat Regeln verinnerlicht und beginnt sie anzuwenden, macht dabei aber Fehler. Es erkennt falsch formulierte Sätze und korrigiert sich, ohne bewusst zu wissen, warum es anders tönen muss. Erst mit etwa 8 Jahren denkt es ge­nauer über sprachliche Zusammenhänge nach und kann sie erklären. – Im Laufe seiner Kind- und Jugendzeit wächst der Wortschatz erstaunlich. Im Alter von 16 Jahren verfügen Jugendliche über einen passiven Wortschatz von etwa 60 000 Wörtern.
Der Aufbau eines differenzierten Wortschatzes ist aber nur ein Bestandteil des Spracherwerbs, der in seiner Ganzheit wesentlich vielschichtiger ist. Ein Kind muss zum einen lernen, die Sprache zu verstehen, zum anderen auch, sie zu produzieren. Es wird in eine sprechende Umwelt hineingeboren. Heute ist es nicht nur von der Sprache der Eltern, Geschwister und anderer Personen umgeben, sondern auch von der Sprache, die aus dem Radio und dem Fernseher kommt. Aus diesem Strom der gehörten Sprache muss es Wörter isolieren und mit Bedeutungen verknüpfen, es muss erkennen, in welcher Weise die Wörter in Sätzen verbunden sind und welche Bedeutung bestimmten Endungen und Betonungen zukommt. Es muss die Struktur von Texten kennenlernen und die Situationsabhängigkeit des Sprach­gebrauchs erfahren. Um gut sprechen zu können, muss ein Kind die Kategorien und Regelmässigkeiten, die einer Sprache zugrunde liegen, aus den gesprochenen Äusserungen abstrahieren und für sich ein Regelwerk herstellen, nach dem sich Sprache offenbar aufbaut. «Wüssten die Kinder über die Komplexität ihrer Erwerbsaufgabe, so würden sie ganz bestimmt erst gar nicht damit anfangen», meint die Spracherwerbsforscherin Rosmarie Tracy. Und dieser Vorgang ist entscheidend an die Beziehung zu den Mitmenschen geknüpft.
Die wichtigste Voraussetzung beim Fremdsprachenlernen ist das sichere Beherrschen der Muttersprache.4    •

1    Adler, Alfred. Der Sinn des Lebens. In: Adler, Alfred. Psychotherapie und Erziehung. Band II: Ausgewählte Aufsätze 1930. 1932, Frankfurt am Main 1982, S. 74
2    Oder eine andere Beziehungsperson, die diese Aufgabe übernimmt, falls die Mutter aus irgendeinem Grund ausfällt.
3    Eine zusammenfassende Übersicht zum Forschungs­stand ist nachzulesen in: Rolf Oerter & Leo Montada. Entwicklungspsychologie. Basel/ Weinheim 2002.
4    Vgl. Kübler, Markus et al. Fremdsprachenunterricht in der Volksschule. Ein Überblick über die Argumente und den Forschungsstand.
www.lehrerverein.ch