«Einen guten Kontakt zu den Menschen in äusserst schwierigen Lebensumständen»

Interview mit Jean Mohr

Zeit-Fragen: Wie sind Sie dazu gekommen, Bilder in dieser menschlich ansprechenden Art zu machen?

Jean Mohr: Ich habe an der Universität in Genf das Studium der Volkwirtschaftslehre mit dem Lizenziat abgeschlossen und danach ein Jahr in der Werbebranche gearbeitet. Das hat mir überhaupt nicht zugesagt. Meine Freizeit verbrachte ich damals häufig mit Freunden in den Bergen. Einer meiner Freunde arbeitete damals beim IKRK und fragte mich, wie es mir bei meinem neuen Job gehe. Ich sagte ihm, dass ich nicht glücklich sei. Daraufhin fragte er mich, ob ich mir vorstellen könne, für das IKRK in den Nahen Osten, genauer gesagt, nach Palästina zu gehen. Ich habe sofort zugesagt und zwei Monate später war ich zuerst in Beirut in Libanon und dann in Jericho und Hebron in Palästina.

Dort sind Sie dann zur Fotografie gekommen?

Nein, in dieser Zeit habe ich davon geträumt, Kunstmaler zu werden. Ich dachte absolut nicht an Fotografie. Ich hatte aber die Gelegenheit, für wenig Geld eine Kamera zu erwerben.

Sie waren damals noch jung, haben Ihre Eltern diesen Schritt unterstützt?

Mein Vater, der 16 Sprachen übersetzen konnte, arbeitete bei der ILO, der Internationalen Labour Organisation. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er zunächst 15 Jahre beim Roten Kreuz. Wir waren zu Hause 6 Kinder, und er hatte nie die Gelegenheit, andere Länder zu bereisen. Deshalb hat er meinen Wunsch, in den Nahen Osten gehen zu wollen, sehr unterstützt, und er freute sich sehr darüber. Aber ich musste ihm versprechen, jede Woche einen Brief zu schreiben, in dem ich über meine Erlebnisse im Nahen Osten berichten sollte. Ein Jahr lang habe ich das gemacht. Aber nachdem ich diesen Fotoapparat erworben hatte, sagte ich mir, dass es doch viel leichter sei, ein oder zwei Fotos zu machen und diese dann zu schicken. Für mich war das damals nur eine Art Tagebuch ohne künstlerisches Interesse.

Was haben Sie nach Ihrem Aufenthalt in Palästina gemacht?

Als ich in die Schweiz zurückkam, hatte ich etwas Geld gespart, das ich dazu verwendete, in Paris fast zwei Jahre eine Schule für Kunstmalerei zu besuchen. Dort habe ich viel gelernt, aber auch herausgefunden, dass meine Kunstwerke zwar technisch sehr gut waren, aber nicht so, wie sie sich das in der Malschule vorstellten.
Als ich zu meinen Eltern zurück nach Genf musste, weil ich kein Geld mehr hatte, fing ich an, es mit der Fotografie zu versuchen.

Ihre Bilder haben eine starke Ausstrahlung, sie berühren das Gemüt der Menschen.

Das war am Anfang sehr unbewusst. Ich habe aber mit der Zeit herausgefunden, dass ich einen guten Kontakt zu den Menschen dort habe, und zwar mit Menschen, die sich in äusserst schwierigen Lebensumständen befinden.

Was hat diese Erkenntnis bewirkt?

Ich habe begonnen, für internationale Hilfsorganisationen zu arbeiten und gleichzeitig mit einem Freund Bücher zu schreiben. Sein Name ist John Berger. Wir haben 3, 4 Bücher zusammen publiziert. Auch mit Edward Said habe ich publiziert.

Ihre Bücher sind bekannt und werden heute noch gelesen.

Das erste war über einen Landarzt. Das zweite über Immigranten. Menschen, die ihre Länder aus ökonomischen Gründen verlassen. Ein drittes Buch wird heute noch in China verlegt. Darin geht es um das Leben der Bergbauern in China. Es freut mich natürlich, dass 40 Jahre nach dem Erscheinen meine Bücher immer noch gelesen werden.

Das ist beeindruckend. Nochmals zurück zu Ihren Fotos, diese sprechen das menschliche Gefühl an und bringen den Betrachter zum Nachdenken. Man spürt Ihr humanitäres Anliegen und Ihr menschliches Ethos …

… ja, ich hoffe das, ich hoffe das sehr. Das ist das, was ich erreichen möchte. Während 40 oder 50 Jahren habe ich für internationale Organisationen wie das Rotes Kreuz, die WHO, das UNWRA usw. gearbeitet. Aber das war mehr oder weniger anonym. Durch die Bilder bin ich nicht bekannt geworden, erst durch die Bücher, und das hat mir dann einen Namen auch im Bereich der Fotografie gegeben.

Herr Mohr, vielen Dank für das Gespräch.    •
(Interview Thomas Kaiser)