«Dieses selbstorganisierte Lernen besteht aus einem endlosen Ausprobieren»

Was Schüler über selbstorganisiertes Lernen denken

von Susanne Lienhard

Die Einführung des bereits in der Erarbeitungsphase sehr umstrittenen Lehrplans 21 liegt nun in der Kompetenz der Deutschschweizer Kantone. Die Opposition dagegen ist gross. In verschiedenen Kantonen haben Bürger Initiativen lanciert, die verlangen, dass die Einführung des Lehrplans 21 vom Parlament und nicht wie bisher von der Erziehungsbehörde beschlossen werden muss. Den Bürgern wird dadurch die Möglichkeit gegeben, falls nötig, das Referendum dagegen ergreifen zu können. Der Lehrplan 21 orientiert sich am OECD-Modell einer standardisierten Bildung, es werden nicht mehr fachspezifische inhaltliche Jahrgangsziele definiert, sondern schulische Inhalte in Tausende von Teilkompetenzen zerstückelt, die mittels flächendeckender Tests überprüfbar sein sollen. Die Kompetenzorientierung geht einher mit der Auflösung der bisherigen Fächer zu Gunsten von Sammelgefässen wie «Natur, Mensch und Gesellschaft» und der Einführung von Zyklen auf Kosten der bisherigen Jahrgangsziele. Ein Klassenunterricht, in dem der Lehrer mit allen Kindern seiner Klasse die altersentsprechenden Jahresziele erarbeitet, würde definitiv der Vergangenheit angehören, da die Heterogenität der Klassen stark zunähme und individualisierte Lernformen, zum Beispiel «selbstorganisiertes Lernen», zwingend eingeführt werden müssten.

Am 17. November berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» über zwei Schulen, die bereits jetzt auf individualisierte Lernformen setzen. Anhand dieser Beispiele wird gezeigt, wie dort das sogenannte «selbstorganisierte oder selbstentdeckende Lernen» in Lernateliers oder Lernlandschaften umgesetzt wird. Die Klassenstrukturen sind teilweise oder ganz aufgelöst, jeder Schüler arbeitet alleine an seinem eigenen Arbeitsplatz, der vorne, rechts und links mit einem Sichtschutz versehen ist, damit sich jeder konzentrieren und sein individuelles Lernprogramm abarbeiten kann. Im Schulzimmer, das einem Grossraumbüro ähnelt, herrscht absolute Ruhe. Die Lehrer müssen sich zurücknehmen, dürfen den Schülern höchstens Hinweise geben, wo und wie sie Antworten auf ihre Fragen zum Beispiel im Internet finden können, sollen ihnen aber keine fertigen Antworten liefern und ihnen schon gar nicht den Lernstoff erklären. Sie werden zu sogenannten «Lernbegleitern» oder «Lerncoaches» reduziert. Schüler sollen so zu mehr Disziplin, Motivation und Verantwortungsbewusstsein erzogen werden, Fähigkeiten, die in der Wirtschaft besonders gefragt sind. Ein pikantes Detail: Beraten werden beide Schulen von einer privaten Einrichtung aus Deutschland, die ihre Vorstellungen von selbstorganisiertem Lernen als Marke verkauft und sich damit auf dem Weiterbildungsmarkt offenbar finanzieren kann.

Da ich mit einer Gymnasialklasse (10. Schuljahr) im Deutschunterricht gerade den Unterschied zwischen sachlich informierenden und kommentierenden Textsorten erarbeitet hatte, bot sich die Gelegenheit, den Schülern den oben erwähnten Bericht der «Neuen Zürcher Zeitung» über das «selbstorganisierte Lernen» vorzulegen und sie dazu einen Kommentar schreiben zu lassen. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache.

Maria schreibt: «Dass Kinder so selbständiger werden, bezweifle ich. Gerade auch der soziale Umgang wird extrem reduziert. Ein lebendiges Klassenklima motiviert Kinder mehr, als wenn sie ein Thema nach dem Kurzinput des Lernbegleiters nur halbwegs verstanden haben und dann sich selbst überlassen sind bei der weiteren Bearbeitung des Themas. Im herkömmlichen Klassenunterricht wird das Verständnis des Lernstoffes alleine schon dadurch erleichtert, dass rund 20 andere Schüler vielleicht dieselben, aber vielleicht auch andere Fragen haben, von denen jeder einzelne Schüler profitieren kann. Muss das Thema aber selbst erarbeitet werden, können nur die individuellen Fragen geklärt werden. Müsste meine Schwester selbstorganisiert lernen, sähe ich keine Chance für sie, da sie womöglich verzweifeln würde, wenn sie etwas nicht verstünde. Sie würde sich wahrscheinlich fast ein wenig schämen, eine Frage zu stellen, da sie dächte, die anderen Schüler verstünden schon alles.»

Lukas teilt die Bedenken von Maria, wenn er schreibt: «Das selbstorganisierte Lernen gibt scheuen Schülern, die sich nicht getrauen, Fragen zu stellen, nicht einmal mehr die Gelegenheit, die Fragen der Mitschüler und die jeweiligen Antworten des Lehrers zu hören, was ihnen im bisherigen Klassenunterricht eventuell weitergeholfen hat.»

Anika meint: «Für mich persönlich war ein guter Klassenzusammenhalt für ein gutes Lernklima immer sehr wichtig. Dieser kann nicht entstehen, wenn jeder für sich sein individuelles Programm abarbeitet. Die zwischenmenschlichen Werte werden mit dem selbstorganisierten Lernen wegrationalisiert.»

Michael gibt zu bedenken: «Für die obligatorische Schulzeit ist diese Unterrichtsform keine gute Lösung, da dadurch die Leistungsunterschiede sehr gross werden.»
Niki fragt sich: «Was ist pädagogisch wertvoller, eine Klassengemeinschaft oder ein Lernen in Einsamkeit? Wie sollen Kinder, die selbstorganisiert lernen müssen, Sozialkompetenz erwerben? Wenn ich meine Eltern und Grosseltern frage, woran sie sich aus ihrer Schulzeit gerne erinnern, erzählen sie immer Erlebnisse mit den Klassenkameraden. Also hat das soziale Umfeld während der Schulzeit doch einen grossen Einfluss auf das Erleben der Schulzeit. Beim selbstorganisierten Lernen werden diese sozialen Bindungen nicht vollständig unterbrochen, aber stark reduziert. Dies hat mit grosser Wahrscheinlichkeit Auswirkungen auf das spätere Sozialleben.»

Theo berichtet von seinem jüngeren Bruder, der die erste Klasse der Sekundarschule besucht und in einer Lernlandschaft «selbstorganisiert lernen» muss: «Luc ist durchaus ein guter und ambitionierter Schüler, der jedoch Mühe hat, sich Themen selber zu erarbeiten. Genau dies ist die Achillesferse des selbstorganisierten Lernens. Luc hat vor jedem Test keine Ahnung vom Thema, obwohl er mehrere Übungsblätter dazu abgearbeitet hat. Mein Vater oder ich setzen uns nun Abend für Abend mit ihm hin, um den nicht verstandenen Stoff aufzuarbeiten. Wir machen das, was eigentlich der Job des Lehrers wäre. Für mich ist das zwar kein Problem, da ich den Stoff vor kurzem auch gelernt habe. Wenn jedoch Eltern keine Zeit haben, mit ihren Kindern zu lernen, oder ganz einfach nicht über die nötige Kompetenz verfügen, so sind die Kinder verloren. Und dies in einer sehr zukunftsprägenden Phase ihres Lebens.»

Katharina thematisiert Widersprüche in der Argumentation der Befürworter des selbstorganisierten Lernens: «Im NZZ-Bericht ‹Lerne zu lernen› wird wiederholt gesagt, das selbstorganisierte Lernen käme den schwächsten Gliedern der Klasse zugute, da die Lehrer mehr Zeit für sie hätten. Gleichzeitig wird aber auch gesagt, dass der Lehrer gar nicht wirklich helfen dürfe, sondern nur Tips geben, wie sie es selber schaffen können. Das ist, wie wenn ich einem Laien auf hoher See ein Seil gäbe und ihm sagte: ‹Wenn du es verknotest und daran ziehst, wird ein Segel hochgezogen.› Er wird an verschiedenen Stellen versuchen, das Seil zu befestigen. Im Idealfall findet er per Zufall die richtige Stelle. Klappt es jedoch nicht, ist er demotiviert und verliert jede Lust. Dieses selbstorganisierte Lernen besteht aus einem endlosen Ausprobieren.»

Sarah bestätigt diese demotivierende Wirkung: «Meine eigenen Erfahrungen als Schülerin zeigen, dass die Motivation bei eintöniger Unterrichtsgestaltung schnell sinkt und dass Misserfolge beim alleinigen Lösen von Schulaufgaben deprimieren, statt zu weiteren Versuchen anzuspornen. Misserfolge sind jedoch garantiert, da es beim selbstorganisierten Lernen an Erklärungen mangelt. Dadurch sinkt wiederum das Interesse der Schüler, was schlussendlich zu einer Verschlechterung ihrer Leistungen führt.»

Reto gibt zu bedenken: «Auch für viele Lehrer ist dieses Konzept mit Sicherheit nicht wünschenswert, da sie Spass am Unterrichten haben. Lediglich Tips zur selbständigen Erarbeitung geben zu dürfen, stört einige Lehrer, zumal sie teilweise in Fächern weiterhelfen sollen, die sie selbst nicht unterrichten. Der Schulbetrieb soll angeblich flexibler werden, doch wird er das wirklich, wenn die Lehrpersonen nicht hinter der neuen Idee stehen? Wohl eher nicht, denn unmotivierte Lehrer schaffen kaum motivierte, selbständige oder verantwortungsbewusste Schüler.»

Julia meint schliesslich: «Wie soll man etwas lernen, ohne dass es tatsächlich gelehrt wird? Man setzt einen Fahrschüler ja auch nicht einfach ans Steuer in der Hoffnung, er würde sich das Autofahren schon selbst beibringen können. Der Unfall wäre garantiert. Deshalb nehmen die Fahrschüler zuerst Unterricht, bekommen Erklärungen und üben mit dem Lehrer. Genauso sollte es auch in der Schule sein.»

Die Äusserungen stammen von Jugendlichen, die den herkömmlichen Klassenunterricht noch kennen, über einige Jahre Lernerfahrung verfügen und bereits mit dem Konzept des selbstorganisierten Lernens konfrontiert wurden. Sie zeigen ein feines Sensorium für die Voraussetzungen erfolgreichen Lernens: eine gute Klassengemeinschaft als Voraussetzung eines guten Lernklimas, Wissensvermittlung und Anleitung durch den Lehrer, motivierte Lehrer, gemeinsames Erarbeiten des Stoffes im Klassenverband, Anregung durch Fragen anderer und soziale Gerechtigkeit usw.

Lino Guzzella, Präsident der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), bestätigt die Aussagen der Gymnasiasten: «Kreatives, kritisches, selbständiges Denken, das muss man üben wie Geigenspielen. Und dieses Üben findet nicht über das Internet statt, sondern vor allem über direkte Kontakte mit anderen Menschen. Lernen auf hohem Niveau, echtes Lernen, denken lernen – das ist ein Prozess, der sozial und emotional bestimmt ist. […] Der Moment, in dem Ideen entstehen, der Moment der Erkenntnis, ist etwas vom Schönsten, das ein Mensch erleben kann. Und dieses Erlebnis findet nur im persönlichen Austausch mit Menschen statt. Lernen ist, etwas pathetisch gesagt, eine Kommunion zwischen Schüler und Meister. […] Die Idee, dass man einen Text liest oder eine Webseite anschaut und verstehen soll, was gemeint ist, ist eine Illusion. Das funktioniert in meinen Augen nicht. Lernen ist ein Prozess, in dem sich Schüler und Lehrer psychisch und physisch einbringen müssen. Es braucht das Echte, nicht die Konserve.»1

Der Widerspruch zu dem im Lehrplan 21 postulierten Programm könnte grösser nicht sein. Mit ihm werden keine kreativ, kritisch und selbständig denkenden Persönlichkeiten herangebildet, die in der Lage sind, als Bürger unsere direkte Demokratie verantwortungsbewusst mitzugestalten. Dieser Lehrplan erfüllt den Bildungsauftrag der Volksschule, wie er in der kantonalen Gesetzgebung festgelegt ist, also nicht.2     •

1 «Lernen ist Magie», Interview mit Lino Guzzella. In: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag vom 28.12.2014. http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/lernen-ist-magie-1.18451751  (1.1.2015)
2 vgl. Zeit-Fragen Nr. 6 vom 6.2.2013: In dieser Ausgabe wurden die Bildungsartikel aller Kantone zusammengestellt.

Kantonale Bildungsartikel

Die Bildungshoheit liegt in der föderalistischen Schweiz bei den Kantonen. Liest man die Bildungsartikel der verschiedenen Kantone2, so kommt in je eigener Formulierung zum Ausdruck, dass die Aufgabe der Schule eine viel umfassendere ist, als die Kinder auf testkompatible «Kompetenzen» abzurichten. Die Schule hat die Kinder und Jugendlichen auf ihre zukünftigen Aufgaben als Mitmenschen und Staatsbürger unserer direkten Demokratie vorzubereiten. Als ein Beispiel sei hier der aktuell gültige Bildungsartikel des Kantons St. Gallen wiedergegeben:

Volksschulgesetz vom 13. Januar 1983

Der Grosse Rat des Kantons St.Gallen erlässt in Anwendung von Art. 2 bis 8 der Kantonsverfassung vom 16. November 1890 als Gesetz:

Erziehungs- und Bildungsauftrag

Art. 3

1 Die Volksschule unterstützt die Eltern in der Erziehung
   des Kindes zu einem lebensbejahenden, tüchtigen und
   gemeinschaftsfähigen Menschen. Sie wird nach
   christlichen Grundsätzen geführt.

2 Sie fördert die unterschiedlichen und vielfältigen
   Begabungen und die Gemütskräfte der Schülerin und des
   Schülers. Sie vermittelt die grundlegenden Kenntnisse
   und Fertigkeiten, öffnet den Zugang zu den
   verschiedenen Bereichen der Kultur und leitet zu
   selbständigem Denken und Handeln an.

3 Sie erzieht die Schülerin und den Schüler nach den       
   Grundsätzen von Demokratie, Freiheit und sozialer
   Gerechtigkeit im Rahmen des Rechtsstaates zu einem
   verantwortungsbewussten Menschen und Bürger.

Lehrplan 21 auch im Aargau vors Volk!

Ende Dezember ist im Kanton Aargau die Volksinitiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» zustandegekommen. Das Aargauer Komitee konnte mitteilen, dass sich schon nach nur 4 Monaten über 3000 Stimmberechtigte für eine Volksabstimmung ausgesprochen hatten, die sich gegen die stillschweigende Einführung des Lehrplans 21 wendet.

Quelle: www.lehrplan21-nein.ch