«Anderen Menschen zu helfen, und das ist ein wichtiger Teil der Schweizer Tradition, war immer eine Motivation in meinem Leben»

Gespräch mit Catherine Leutenegger, Mitglied des Swiss-Care-Teams und ehemaliges Mitglied des Schweizerischen Katastrophenhilfekorps

Zeit-Fragen: Was hat Sie veranlasst, sich freiwillig beim Schweizerischen Katastrophenhilfekorps anzumelden?

Catherine Leuteneggger: Grundsätzlich bin ich ein hilfsbereiter Mensch. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich eine ausgebildete Pflegefachfrau bin. Hier ist es die Aufgabe, anderen Menschen zu helfen, das Leiden zu lindern. In meiner späteren Tätigkeit als Flight-Attendant war ich ebenfalls immer im Kontakt mit anderen Menschen und da, um zu helfen.

Gab es ein Ereignis, das Sie dazu angeregt hat?

Ja, das war die Invasion Saddam Husseins in Kuwait. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dort gelebt. Nach dem Einmarsch des Iraks bin ich in die Schweiz zurückgekehrt und konnte 10 Monate nicht nach Kuwait, bis der Krieg zu Ende war. Zudem war ich ohne Arbeit. Bei der Swissair hatte ich als Aushilfs-Flight-Attendant gearbeitet, die aber zu diesem Zeitpunkt keine Einsatzmöglichkeiten für mich hatte. So stand ich da im Winter ohne Kleider, ohne Hab und Gut, ich kam mir vor wie ein Flüchtling in der wohlhabenden Schweiz. Das war eine ganz schwierige Zeit für mich. Beruflich hatte ich keine Arbeit, und in der privaten Beziehung ging es auch nicht gut. Ich bin jeden Tag von meinem pied-à-terre, den ich in Zürich gehabt habe, am Platzspitz vorbeigelaufen. In meiner zunächst aussichtslosen Situation überlegte ich mir, ob ich hier nicht aushelfen könnte, um ein kleines Taschengeld zu verdienen. Sie haben mich tatsächlich genommen und so bin ich vom November 1990 bis im Februar 1991 auf dem Platzspitz gewesen und habe versucht, den Süchtigen zu helfen.

Was haben Sie nach dem Februar 1991 gearbeitet?

Ich habe einen Arzt gekannt, der bei der Sozial- und Präventivmedizin gearbeitet hat und ein Arbeitskollege von Felix Gutzwiller gewesen ist. Durch ihn bekam ich dann eine Stelle beim Impfzentrum. Hier sind verschiedene Personen geimpft worden, die auch bei der Humanitären Hilfe gearbeitet haben. So kam ich mit Toni Frisch, dem späteren Direktor der Humanitären Hilfe, und anderen, die sich bei uns impfen liessen, bevor sie in internationale Einsätze gingen, in Kontakt. So ist bei mir der Wunsch entstanden, bei solchen humanitären Einsätzen auch mitzuhelfen.

Wie kommt man dann zum Schweizerischen Katastrophenhilfekorps?

Dadurch, dass über mein Arbeitsfeld ein Kontakt zur DEZA entstanden ist, habe ich mich dort für einen Einsatz beworben. Man hat mich aufgenommen und dem Bereich Medical zugeteilt. Daraufhin habe ich Weiterbildungen besucht. Um mich besser auf meine Aufgabe vorzubereiten und um zu testen, ob ich im Notfall bei einem Erdbebeneinsatz der Aufgabe gewachsen wäre, entschloss ich mich, angeregt durch eine Patientin im Impfzentrum, nach Pakistan zu reisen und in einem Lepra-Spital zu arbeiten. Ich habe meine Stelle bei der Sozial- und Präventivmedizin gekündigt und bin nach Pakistan gereist. Zuerst arbeitete ich in der Provinz. Das war bedrückend: Umgeben von grosser Armut, Dreck, Krankheit, und das alles bei Temperaturen um 40°C, natürlich ohne Klimaanlage und voller Mücken, war eine grosse Herausforderung.

Sie sind dann länger dort geblieben?

Nein, ich habe darum gebeten, dass man mich in die Stadt Karachi in ein Spital versetzt. So bin ich dann in das Lepra-Spital gekommen. Das war im September, und es war auch dort extrem heiss. Hier traf ich die Ärztin und katholische Ordensschwester Ruth Pfau; sie ist vergleichbar mit der Mutter Theresa, aber in Pakistan. Sie hat das Lepra-Spital aufgebaut und sich in der «Fieldwork» engagiert, das heisst, sie reiste in die Täler von Pakistan bis nach Afghanistan und bildete junge Assistenten aus, die sie bei dieser Arbeit begleiteten. Seit nahezu 50 Jahren macht sie das. Sie ist Jahrgang 1929.

Sie sind dann nach Karachi gekommen. Hat Ihnen das mehr entsprochen?

In einer Abteilung des Spitals hatte ich ein Zimmer. Das Problem in Pakistan ist, dass Frauen nicht arbeiten dürfen, deshalb sind sie auf Helfer aus dem Ausland angewiesen. Ich habe dann dort mit den Lepra-Assistenten die Slums von Karachi besucht und geschaut, ob es Frauen gibt, die bereits Symptome dieser Krankheit haben. Dort habe ich die Slums gesehen, und das hat einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen.

Wie haben Sie sich mit den Menschen verständigt?

Weil ich Urdu nicht konnte, sondern nur Englisch, und die Menschen dort nur Urdu sprechen, konnte ich mich nicht näher mit ihnen unterhalten. Ich habe dann den Blutdruck und den Puls gemessen. Das waren aber keine schwerkranken Menschen. Sie bekommen sehr günstig Tuberkulose-Medikamente und sind so recht gut versorgt. Ich habe mich als gut ausgebildete Krankenschwester etwas unterfordert gefühlt. Nach einer gewissen Zeit habe ich den Eindruck bekommen, dass ich dort nicht das machen kann, was ich gerne geleistet hätte. So habe ich mich entschlossen, in meinem Salwar Kameez (Gewand) ganz alleine in ganz Pakistan herumzureisen, nach Islamabad, nach Peshawar bis nach Chitral an der afghanischen Grenze. Ich hatte nur ein Nessessaire, ein Buch und ein Kissen dabei. Ich bin alleine herumgereist, das wäre so heute unmöglich.

Konnten Sie Ihr Erlerntes später anwenden?

Nach meiner Rückkehr habe ich wieder als Flight-Attendant gearbeitet und stand auch der Humanitären Hilfe Schweiz wieder zur Verfügung. Leider bin ich aber dort nicht in einen Einsatz gekommen. Es gab dort eine Umstrukturierung. Die Aufgabengebiete waren komplexer geworden. Wenn man in einem Erdbebengebiet in den Einsatz kommt, muss man heute doch sehr viel Fachwissen haben über Medikamente und deren Wirkungsweise. Dort muss man selbst die Infusionen zusammenstellen. Das ist schon eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Als Toni Frisch dann Chef der Humanitären Hilfe war, hatte ich ihn öfters als Passagier bei der Swissair oder der Swiss und habe ihm gesagt, dass ich mich gerne weiter engagieren würde.

Sie haben später auch noch beim Swiss-Care-Team gearbeitet.

Ja, das Care-Team ist nach dem Hatshepsut-Massaker im Jahre 1997 gegründet worden. Im Jahre 1998 bin ich beim Absturz der Swiss­air in Halifax direkt in den Einsatz gekommen und ein Jahr später, 1999, als Crew nochmals nach Halifax geflogen. Im Jahre 2000 ist der Absturz in Nassenwil gewesen. Da war ich ebenfalls im Einsatz. Seitdem habe ich keinen direkten Einsatz mehr gehabt. Wenn ich Spanisch könnte, wäre ich jetzt wahrscheinlich in Barcelona im Einsatz. Ich bin auf alle Fälle auf Abruf.

Was war Ihre Aufgabe nach dem tragischen Absturz der MD 11?

Da ich gut italienisch kann, durfte ich ein italienisches Ehepaar betreuen, die ihren einzigen Sohn verloren hatten, der von den USA in die Schweiz fliegen wollte. Gleichzeitig leistet man menschliche Hilfe bei den Kolleginnen und Kollegen, wir waren alle schwer betroffen, denn wir hatten mit der Crew der MD 11 Kolleginnen und Kollegen verloren. Auch gab es am Flughafen für die Opfer ein riesiges Blumenmeer. Ich wollte nicht, dass diese so schnell verwelken, und habe so am ganzen Flughafen Vasen zusammengesammelt, damit diese Blumenpracht noch lange erhalten blieb. Auch waren wir im Care-Center immer im Einsatz, denn wenn jemand das Bedürfnis hatte, sich an uns zu wenden, waren wir vor Ort.

Warum sind Sie 1999 nochmals nach Halifax geflogen?

Nach einem Jahr war dort eine grosse Trauerfeier mit allen Angehörigen und dem ganzen Swissair-Management. In einem Jumbo flogen die Angehörigen und ich als Crew-Mitglied nach Halifax. Es gab eine grosse Gedenkfeier. An dieser standen wir Flight-Attendants Spalier. Als das Ehepaar aus Italien mich entdeckte – sie waren mit einem anderen Flugzeug nach Halifax geflogen – kamen sie spontan auf mich zu und umarmten mich und liessen mich nicht mehr los. Das ging mir sehr unter die Haut. Es war ein bewegendes Erlebnis, und es war schwer, hier nicht die Fassung zu verlieren. Erst viel später konnte ich dann bei mir selbst Trauerarbeit leisten, als ein mir sehr nahestehender Verwandter gestorben ist. Das ist auch der Grund, warum mir der Absturz vor drei Wochen in den französischen Alpen sehr nahe geht.

Sie haben immer wieder Herausforderungen gesucht, bei denen Sie anderen Menschen etwas geben können, helfen oder unterstützen.

Ja, sicher, man muss sich immer wieder fragen, was ist meine Motivation, warum mache ich so etwas? Vielleicht hat es bewusst oder unbewusst mit einer persönlichen Anerkennung zu tun.

Warum nicht?

Ja, warum nicht? Ein Teil ist die Anerkennung, die man sich im stillen selbst gibt, das weiss niemand von mir. Das liegt in unsrer Familie. Jeder von uns Geschwistern hat eine starke Aktivität. Bei meinem Bruder, der erst beim Fernsehen gewesen ist, dann im Nationalrat und jetzt im Stadtrat von Zürich ist das sehr offensichtlich. Auf der humanitären Basis bringe ich das Wissen mit. Ich habe keine Familie und bin in gewissem Sinne frei. Warum soll ich mich dann nicht für andere Menschen engagieren?

Das ist doch eine Qualität. Ein anderer, der in einer ähnlichen Lebenslage ist, entscheidet sich dann für etwas anderes, geht auf Reisen, macht dieses oder jenes, aber Sie haben sich für die Unterstützung von anderen Menschen, die in Not sind, entschieden.

Das hat sicher damit zu tun, dass ich als Flight-Attendant in der ganzen Welt herumgekommen bin. Zwar ist man dann in den Grossstädten, aber auch in Karachi sieht man die Armut und das Elend der Menschen.
Andere Menschen sehen diese Armut auch, aber sie sagen sich dann, zum Glück kann ich in der Schweiz leben.
Diese Menschen haben vielleicht Ängste, und das ist aber anders bei mir. Angst kenne ich in diesem Sinne nicht. Zum Beispiel habe ich in jungen Jahren das Segelflug-Brevet gemacht. Ich habe mir gesagt, wenn ich in einem Spital arbeite, dann verstehe ich auf Grund meiner Ausbildung auch etwas von Medizin. Wenn ich als Flight-Attendant unterwegs bin, muss ich auch etwas von der Fliegerei verstehen. Ein Motorflugbrevet konnte ich mir nicht leisten. Damals verdiente ich Fr. 2800.– brutto. Das Segelflugbrevet habe ich finanziell gerade noch so geschafft.

Ist das Helfen auch etwas, was in Ihrer Familie gelebt hat?

Das ist entstanden, als ich in die Schweiz gekommen bin. Mein Vater hat bei der FAO [Food and Agricultural Organization] gearbeitet. Vielleicht hat das unbewusst auch etwas abgefärbt. Das könnte gut sein. Mein Vater ist relativ früh gestorben, er hatte MS, und ich bedauere es sehr, dass ich mit ihm nicht über all diese Fragen sprechen konnte. Anderen Menschen zu helfen, und das ist ein wichtiger Teil der Schweizer Tradition, war immer eine Motivation in meinem Leben.     

Frau Leutenegger, vielen Dank für das Gespräch.    •
(Interview Thomas Kaiser)