Der Westen verspielt den Frieden in Europa

von Willy Wimmer*

In diesen beiden Jahren 2014 und 2015 zieht wieder der ganze Schrecken des vergangenen Jahrhunderts an uns vorüber. Es sind die Jahreszahlen, die von den Verheerungen künden: 1914 und 1919, 1939 und 1945. Es ist eine fürchterliche Abfolge von Ereignissen, die man fortschreiben könnte, weil sie bis heute und weit in die Zukunft unser Leben bestimmen. In diesem kalenderbestimmten Elendszug gab es einen Lichtblick, und das waren die beiden Jahre 1989 und 1990. Beide ein guter Anlass, sich nicht nur festlich zu erinnern, sondern die damals empfangenen Talente im biblischen Sinne zu mehren. Natürlich ein Grund zu feiern, alleine schon wegen der Auswirkungen auf uns, die Deutschen. Vielmehr aber für den geschundenen Kontinent, für den das verheissungsvolle Bild vom «gemeinsamen Haus Europa» mehr zu sein schien als nur eine vage Utopie. Verhandeln, statt zu schiessen und zu töten, das schien plötzlich möglich zu sein. Heute, wo wir feiern müssten, kann allerdings nur eines festgestellt werden: Aus dumpf-dreister Arroganz wird alles unternommen, die Erinnerung an 1990 und 1989 verblassen zu lassen. Wir sind, wenn wir die von uns wesentlich mitgestaltete Politik seit dieser Zeitenwende Revue passieren lassen, den Möglichkeiten nicht gerecht geworden, die sich aus diesem weltpolitischen Umbruch ergeben hatten. Im Gegenteil: Wir sind mitten darin, sie nach Kräften zu verraten. Wie der völkerrechtswidrige Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien und der Bürgerkrieg in der Ukraine nachdrücklich gezeigt haben, sind das Schiessen und damit der Tod wieder die bestimmende Perspektive in Europa geworden. Wann sollte man bei dieser schiefen Ebene innehalten, wenn nicht jetzt?
Rolf Hochhuth hat seinen 84. Geburtstag zum Anlass genommen, am 1. April 2015 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm vor dem 3. Weltkrieg mitfühlend und hinreissend zu warnen. Dabei muss man sich schon fragen, ob diese Worte wenige Meter weiter im Schloss Bellevue oder gar im Plenum des Deutschen Bundestages am 8. Mai 2015 gänzlich ungehört verhallt sein werden. Die bisherigen Reden in diesem Zusammenhang, die der Herr Bundespräsident, auch im vergangenen Jahr in Polen, gehalten hat, lassen dies wahrscheinlicher werden, als uns in Deutschland und Europa lieb sein kann. Die bisher festzustellende Stossrichtung des für die Gedenkveranstaltung im Reichstagsgebäude am 8. Mai 2015 vorgesehenen Redner lässt zudem vermuten, dass gegen die Russische Föderation und vor allem den jetzigen Präsidenten Putin im wahrsten Sinne des Wortes «blank gezogen wird». Die Bilder der Vergangenheit werden sowohl vom Hitler-Stalin Pakt bestimmt als auch von dem grenzenlosen und millionenfachen Leid, das durch diesen Krieg verursacht worden ist, eben und gerade auch in Russland, wie es bis zum Zerfall der Sowjet­union bestanden hatte. Es spricht alles dafür, dass wir unsere Chance nachhaltig verspielen. Statt das Ende des Kalten Krieges zum Ausgangspunkt einer auch zukünftigen deutschen Politik zu machen, schliesst der Westen und damit zwangsläufig auch wir zum 8./9. Mai 1945 auf. Der Reichstag als Sitz des Deutschen Bundestages ist ein Parlamentsgebäude und keine Oper.
Ganz Europa hält die Luft an, wenn an Minsk II zu denken ist. Europa hat nicht die Probleme gelöst, sondern nur Zeit gekauft. Zeit, die zwischen uns und einem möglichen Kriegsausbruch grösserer Art in Europa liegt. Es ist die hohe Zeit der Propaganda, und man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Dieses Staunen bezieht sich auf das deutsche und westliche Vorgehen in Sachen Ukraine seit Jahr und Tag, das in dem schändlichen Schweigen und der verwerflichen Untätigkeit in Sachen Maidan-Massaker, Brandopfer im Gewerkschaftshaus von Odessa und Verhalten in Zusammenhang mit den Hunderten von Toten beim Absturz der malaysischen Maschine über dem Territorium der Ukraine gipfelte. Ganz zu schweigen von dem Sturz einer zuvor noch verhandlungswürdigen und zudem frei gewählten ukrainischen Regierung, gegen die von innen und aussen geputscht worden war.
Der Westen hat nicht nur gezündelt, dass es so gekracht hat. Nach deutschen Pressebildern bleibt das angebliche Auftreten amerikanischer Söldner in der Ostukraine in nachhaltiger Erinnerung, die die Ostukraine im Frühjahr 2014 nach Kräften aufgemischt haben. Aber eine westliche und damit auch deutsche Verhaltensweise in diesem Zusammenhang ruft politisches Entsetzen hervor: die Fähigkeit nämlich, bei russischem Vorgehen das vorgeschaltete eigene Tun völlig vergessen zu machen. Es müsste den Verantwortlichen in Berlin doch zu denken geben, was die ehemaligen Bundeskanzler oder langjährige Brüsseler Grössen zu der verheerenden westlichen Politik gegenüber der Russischen Föderation öffentlich haben verlautbaren lassen.
Was soll man in Moskau eigentlich denken, wenn man den Herrn Bundespräsidenten in Polen reden hört? Was soll man in Moskau tun, wenn nur eines nach Ende des Kalten Krieges eindeutig und klar ist: Die kalte Schulter gilt Moskau und der Russischen Föderation, dem heutigen Russland. Man kann doch die Entwicklung seit 1992 nachvollziehen. Man wollte und will die Russen nicht am europäischen Tisch sitzen haben und schon gar nicht in einer eigenen Wohnung im gemeinsamen «Haus Europa». Heute sind wegen der von uns im Westen konsequent verfolgten Politik nur zwei Dinge klar: In dem Land, das einfach nicht dazugehören darf, stellt man sich auf diese Lage ein, und die Verwerfungen bleiben innerstaatlich dann nicht aus. Das ist aber bei uns auch nicht anders, wie wir an den ständigen Aufforderungen zu höheren Militärausgaben durch die letzten beiden Nato-Generalsekretäre feststellen können. Nachdem die Menschen in Westeuropa durch die in den USA in Gang gesetzte Enteignungspolitik nur noch ärmer gemacht worden sind, soll jetzt das letzte Hemd für höhere Militärausgaben ausgezogen werden, die durch uns selbst verursacht worden sind.
Die Herren aus Norwegen und Dänemark sind im Nato-Wetterhäuschen seltsame Gestalten. Als die Not in Europa wegen eines befürchteten sowjetischen Angriffs besonders gross gewesen ist, glänzten diese beiden Länder mittels ihrer offiziellen Vertreter durch Fussnoten gegen Nato-Beschlüsse und Wegducken. Heute geht es ihnen nicht schnell genug, an der russischen Grenze das aufzuziehen, was schon Japan in den Krieg getrieben hatte: die erkennbar werdende Strangulierung durch Nachbarn, die zu Feinden werden. Wir mögen die Geschichte ausblenden wollen, obwohl sie uns immer wieder einholt. Warum sollte Russland Napoleon und Hitler vergessen?
Und das Gedenken an all das Elend? Die «Süddeutsche Zeitung» titelte am Ostersamstag treffsicher von einem «Missbrauch des Gedenkens» und meinte damit – das war überhaupt nicht zu ahnen und noch weniger als eine Überraschung – natürlich Moskau mit seiner Militärparade, an der in den letzten Jahren durchaus deutsche Bundeskanzler teilgenommen haben. Das Bild aus Moskau bot sich offenbar an, eine Rede im Deutschen Bundestag dagegen zu setzen. Jüngste Beispiele von solchen Veranstaltungen lassen vermuten, welchen Bildern man sich dabei aussetzen kann. Aber die «Süddeutsche Zeitung» springt zu kurz. Im offiziellen Berlin bleibt es nicht bei einer Rede. Stilsicher wie immer lässt die Bundesverteidigungsministerin die Armee tanzen. «Alles Walzer» heisst es am 9. Mai, dem Tag der Kapitulation der Wehrmacht vor der Roten Armee beim «Ball des Heeres» in Berlin, vermutlich in Berlin-Karlshorst.    •

* Willy Wimmer war 33 Jahre lang, von 1976–2009, in seinem Wahlkreis immer direkt gewählter Bundestagsabgeordneter der CDU, von 1985–1988 verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, von 1988–1992 parlamentarischer Staatssekretär beim deutschen Bundesverteidigungsministerium und von 1994–2000 Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE. Willy Wimmer hat den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Nato gegen Jugoslawien 1999 öffentlich kritisiert und setzt sich wegen der wiederholten Völkerrechtsbrüche durch die USA und ihre Nato-Verbündeten unermüdlich für die Einhaltung des Völkerrechts ein, auf das auch Deutschland nach seinem Grundgesetz verpflichtet ist.