«Humanitäre Hilfe – das Herzstück unserer schweizerischen Werte»

Jahrestagung der Humanitären Hilfe und des Schweizerischen Humanitären Hilfekorps SKH

von Thomas Kaiser

Wer die Jahrestagung der Humanitären Hilfe und des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe SKH besucht hat, erlebt an einem Nachmittag den Geist, der die humanitäre Schweiz ausmacht, wo ihr Engagement liegt und welche Erfolge sie bei dieser in unserer Welt so dringend notwendigen Aufgabe hat. Die Zahl der Katastrophenopfer ist in den letzten Jahren weltweit gestiegen. Auf Grund dieser Entwicklung stellt sich zunehmend die Frage: Gibt es Möglichkeiten, Risiken frühzeitig zu erkennen und diesen effektiv und erfolgreich entgegenzuwirken? Der Titel der Jahrestagung der Humanitären Hilfe lautete denn auch: Versorgen, bevor die Katastrophe eintritt.
Eingeführt ins Thema hatte der Chef des SKH, Manuel Bessler. Er erklärte die Bedeutung der Risikovorsorge in einer Welt, die regelmässig von Katastrophen jedwelcher Art heimgesucht wird. Neben den ­politisch-militärischen Krisen, die das letzte Jahr beherrscht haben, spielten Naturkatastrophen wie Erdbeben oder schwere Überschwemmungen eine untergeordnete Rolle. Eine besondere Herausforderung stellt aktuell das Flüchtlingselend in und um Syrien dar. Das brachte auch Bundesrat Didier Burkhalter in seiner Rede zum Ausdruck. Für ihn ist die «humanitäre Hilfe eine Herzensangelegenheit: Sie ist das Herzstück unserer schweizerischen Werte; sie steht im Zentrum Ihres Engagements, Ihrer Tätigkeit, wie auch im Zentrum des heutigen Zusammentreffens.» Besonders betroffen zeigt sich Didier Burkhalter über die Situation in Syrien. Die Zahl der leidenden Menschen, besonders Frauen und Kinder, ist immens und das Elend unvorstellbar. Sie sind das Opfer widerstrebender Interessen der Grossmächte. Burkhalter hofft auf den Uno-Sicherheitsrat, der hier die nötigen Schritte zu einer friedlichen Lösung einleiten sollte. Der Konflikt könne nicht mit humanitärer Hilfe gelöst werden, sondern nur politisch. Weitere Konflikte betreffen die internationale Gemeinschaft. Dazu gehören die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Zentralafrika, im Süd-Sudan, in der Ukraine und seit neuestem auch im Jemen, wo etwa 16 Millionen Menschen auf Grund der wirtschaftlichen Krise und mangelnder Wasserversorgung auf Unterstützung angewiesen sind.
Doch neben den politisch-militärischen Katastrophen beschäftigen auch die negativen Auswirkungen des Klimawandels, von dessen Auswirkungen laut der Uno ungefähr 20 Millionen der weltweiten Flüchtlinge betroffen sind. Insgesamt sind 55 Millionen Menschen auf der Flucht, ihnen fehle es am Notwendigsten: Das ist siebenmal die Bevölkerung der Schweiz. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren nie wieder so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Didier Burk­halter stellte die Frage nach dem Beitrag der Schweiz, die über sehr viel Erfahrung und die entsprechenden Instrumente verfüge, um hier konzentriert und erfolgreich Hilfe zu leisten: mit dem «Herzen und mit dem Verstand». Er sprach von einem «Paradigmenwechsel im humanitären Engagement», bei dem man vermehrt auf Prävention setzt und versucht, Massnahmen zu ergreifen, bevor die Katastrophe eingetreten ist. Nach Schätzungen der Uno beläuft sich die Schadenssumme, die jährlich durch Naturkatastrophen entsteht, auf 300 Milliarden Dollar. An der Uno-Konferenz in Sendai/Japan, einer Stadt, die beim Erdbeben 2011 und dem nachfolgenden Tsunami schwer zerstört wurde, diskutierte man über die Reduktion der Katastrophenrisiken. Hier nimmt die Schweiz eine führende Rolle ein, die Schweizer Experten sind weltweit angesehen und «geniessen einen guten Ruf». Die Erfahrungen im eigenen Land mit einer schwierigen Topographie liessen die Menschen in der Schweiz im Umgang mit Naturgewalten wertvolle Erfahrungen sammeln. So hatte die Schweiz bereits 1876 ein Waldgesetz, was einmalig für Europa war. Burkhalter lobte «das hochentwickelte Bevölkerungsschutzsystem», in dem «der Katastrophenvorsorge ein hoher Stellenwert» zukommt. Diese Erfahrungen der Schweiz haben sowohl bei den Sendai-Vorbereitungskonferenzen, die in Genf stattfanden, als auch an der Sendai-Konferenz selbst eine zentrale Rolle gespielt. So hat die Schweiz beispielsweise Schutzbauten gegen Zyklone, die mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Stundenkilometern über das Land fegen, in den betroffenen Gebieten errichtet.
Auch baute die DEZA in Pakistan mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung an Steilhängen Schutzverbauungen und Mauern, die ein Ausschwemmen des Bodens und nachfolgende Erdrutsche verhindern können. Es war zunächst eine schwierige Arbeit, die Menschen davon zu überzeugen, dass Verbauungen hoch oben am Hang verhindern, dass das Dorf weit unten im Tal geschützt ist. Aber durch die enge Zusammenarbeit zwischen der DEZA und einheimischen Helfern konnte dieses Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden.
Im Rahmen der Risiko-Minderung startete die DEZA zusammen mit der marokkanischen Regierung in einer Erdbebenzone ein Projekt zur Katastrophen-Vorsorge. Die Schweiz hat mehrmals bei Katastrophen in Marokko Einsatz geleistet, und so war es naheliegend, dass die marokkanische Regierung 2008 die Schweiz beim Aufbau eines nationalen Rettungsteams um Unterstützung bat. Die DEZA übernahm zusammen mit der Rettungskette diese Aufgabe. Die Schweizer Rettungskette verfügt über eine «Zertifizierung der Internationalen Beratungsgruppe für Such- und Rettungsdienste (INSARAG)», die bestätigt, dass ein Such- und Rettungsteam in der Lage ist, bei grösseren Katastrophen, besonders nach grossen Erdbeben, Einsätze zu leisten. Im Rahmen der Ausbildung fanden realitätsnahe Übungen in Marokko und in der Schweiz statt, um das Team von ungefähr 100 Spezialistinnen und Spezialisten auf die anspruchsvolle Aufgabe und die Zertifizierung vorzubereiten. Nach einer 70stündigen Prüfung bekam Marokko das internationale Zertifikat als 40. Staat weltweit und erster afrikanischer Staat. Damit darf dieses Team bei Katastrophen in anderen Ländern offizielle Hilfe leisten.
Neben diesem Team von professionellen Helfern, das von der Schweiz ausgebildet wurde, unterstützt die DEZA die Ausbildung von 800 marokkanischen zivilen Freiwilligen zur Stärkung der nationalen Sicherheit. Die freiwilligen Helfer sollen schneller in den Einsatz kommen und beispielweise in den engen Gassen der marokkanischen Städte, wie Fes oder Sefrou raschen Einsatz leisten, bevor die professionellen Kräfte vor Ort sind. Sie werden mit wichtigem Material wie Uniform, Handschuhen, Feuerlöschern, Hydraulikpumpen, Erste-Hilfe-Koffern usw. ausgerüstet und nehmen dieses teilweise mit nach Hause.
An der Veranstaltung in Bern war der marokkanische Botschafter anwesend, der sich sehr für das Schweizer Engagement bedankte und die grossartige Leistung der Schweiz hervorhob. Ihr Engagement für den Zivilschutz und die humanitäre Hilfe, so der marokkanische Botschafter, habe nicht nur Auswirkungen auf sein Land, sondern werde den Zivilschutz weltweit stärken. Auch zeigte er sich erfreut über das gute Abschneiden sowohl des professionellen Rettungsteams als auch über die Organisation von freiwilligen Helfern, die sofort bei einer Katastrophe in den Einsatz kommen können.
Am Ende der Jahrestagung betonte Manuel Sager, Direktor der DEZA, dass die Katastrophenvorsorge ein integraler Bestandteil der nachhaltigen Entwicklung sei. «Die Katastrophenvorsorge bildet die Brücke zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit», die dazu beitrage, nicht nur die Lebensgrundlage der Menschen, sondern auch Entwicklungsfortschritte vor Naturkatastrophen zu schützen. Der humanitäre Einsatz, der von der Schweiz auf allen Kontinenten unseres Globus’ geleistet wird, ist immens. Neben der langfristigen professionellen Hilfe der DEZA gibt es für spontane Einsätze in einem Katastrophengebiet das Schweizerische Katastrophenhilfekorps, das sich vornehmlich aus freiwilligen Helfern rekrutiert. Die Einsätze sind zeitlich begrenzt und sollen nach einem Erdbeben wie vor einigen Jahren in Haiti oder einer Hochwasserkatastrophe wie in Pakistan oder anderen Ländern dieser Welt mit Soforthilfe die grösste Not lindern, bevor dann langfristige Aufbauhilfe geleistet werden soll. Ohne die freiwilligen Helfer wäre diese segensreiche Aufgabe nicht zu bewältigen. Catherine Leutenegger ist eine Freiwillige und sie gibt im folgenden Interview darüber Auskunft, was sie bewogen hat, sich beim Schweizerischen Katastrophenhilfekorps zu melden, und welche Folgen das für sie und ihr Leben hatte.    •