Die Macht des Moralischen

Kriegsende in Europa

von J. R. von Salis

Mit einem Gefühl unaussprechlicher Erleichterung haben die Völker des alten Erdteils die Kunde vom Kriegsende vernommen. Und es ist wohl selbstverständlich, dass die Menschen von Dankbarkeit erfüllt waren, als sie sich an den denkwürdigen Tagen des 8. und 9. Mai 1945 auf diese Kunde hin von einer feierlichen und freudigen Stimmung ergreifen liessen. Der Kriegsgott musste endlich nach einer über alle Massen fürchterlichen Zeit unumschränkter Herrschaft abdanken und freundlicheren Gottheiten das Feld überlassen. Fünf Jahre und acht Monate hatte die europäische Menschheit unter den Willkürgesetzen des totalen Krieges zugebracht. In ihrer Proklamation an das holländische Volk sagte die tapfere Königin Wilhelmina, es gebe «keine Worte in unserer Sprache», die ihre Gefühle der Dankbarkeit für die Befreiung ihres so lange unterjochten und drangsalierten Volkes auszudrücken vermöchten. Warum sollten wir Schweizer uns nicht mit den Holländern von Herzen mitfreuen dürfen? Haben sie nicht trotz Hunger, Armut, Leiden aller Art und Trauer um die Opfer des unbarmherzigen Unterdrückers ihrem Jubel freien Lauf gelassen? Haben nicht die Dänen und die Norweger ein gleiches getan? Hat nicht in würdevoller Bescheidenheit der Vorsitzende des englischen Unterhauses bei einem Dankgottesdienst dem Höchsten zwar nicht für den «Sieg», wohl aber für die «Erlösung aus den Händen des Feindes» gedankt? Hat sich nicht das Volk von Paris wie das Volk von Moskau, die jedes auf seine Art die Entbehrungen, Schrecken und Bitternisse eines langen Krieges bis zur Unerträglichkeit ausgekostet hatten, sich einer überbordenden Festfreude hingegeben? Wer hätte denn ein so enges Herz, es ihnen zu verdenken? Doch wohl nur jene gotteslästerlichen Zyniker, die den letzten, verzweifelten Propaganda­schlager aus der Teufelsküche des Dr. Goeb­bels nachbeteten, der folgendermassen lautete: «Geniesst den Krieg; denn der Friede wird fürchterlich sein!» Den Krieg geniessen hiess, sich darüber freuen, dass täglich Tausende oder gar Zehntausende Soldaten und Zivilisten diesem Krieg zum Opfer fielen, dass Städte und Dörfer in Schutt und Asche sanken, dass ganze Völker der ärgsten Unterdrückung wehrlos preisgegeben waren, dass in Konzentrationslagern unzählige Menschen die grausamsten Quälereien und den schrecklichsten Tod erleiden mussten.
Es ist nicht wahrscheinlich, dass der Grossteil des deutschen Volkes den Frieden, selbst nach einer vollständigen Niederlage, fürchterlicher finden wird als den Krieg. Das Aufhören der Bombardierungen wurde bereits vor Kriegsende in den von den Alliierten besetzten Gebieten Deutschlands von der Bevölkerung als Erleichterung empfunden. Nun ist zunächst auch für diese deutschen Menschen alles vorüber. Alles hatte getrogen, was man ihnen eingeredet und eingetrichtert hatte, und sie sind von einer Führung, die als «einmalig», «genial» und «unfehlbar» gepriesen wurde, um alles betrogen worden. «Wir haben alles von vornherein einkalkuliert», war einer der berühmtesten Aussprüche Hitlers. Also wohl auch den Untergang. Denn nie war eine Politik so abenteuerlich und unrealistisch wie diejenige, die sich für höchste «Realpolitik» ausgab. Es ist eine vollkommene Täuschung, ja die grösste Utopie, eine Politik einzig und allein auf Macht aufbauen zu wollen; denn reine, unbeschränkte, gänzlich amoralische und bloss materielle Macht hat niemals Dauer. Sie ruft nach Gegenkräften, anderen Mächten, und nur diejenige Politik ist wahrhaft realistisch, die an sich selbst den Massstab vernünftiger Kritik anzulegen vermag, die das Vorhandensein anderer Völker, Strömungen, Gedanken wahrzunehmen und mit ihnen zu rechnen versteht, und die weiss, dass zwar die Macht des Amoralischen in der Welt gewaltig ist, dass jedoch auch die moralischen Mächte als ein unberechenbarer, aber manchmal unerwartet mächtig auftretender Faktor in den Ablauf der Menschheitsgeschichte einzugreifen vermögen.

Auszug aus: J. R. von Salis. Kriegsende in Europa, Mai 1945; in: J. R. von Salis. Kriege und Frieden in Europa. Politische Schriften und Reden 1938–1988, Zürich 1989; zuerst erschienen in: Neue Schweizerische Rundschau vom Mai 1945