Frieden und Zusammenarbeit für ganz Europa

von Prof. Dr. habil., Oberst i.G.a.D. Wjatscheslaw Daschitschew*, Russische Akademie der Wissenschaften

Die Entwicklung Europas ist durch eine fürchterliche Besonderheit gekennzeichnet – den unaufhörlichen Kampf um die Vorherrschaft zwischen Frankreich, Deutschland und Russland bzw. der Sowjetunion. Ein Kampf, der Jahrhunderte dauerte, die Grenzen Europas überschritt und sich zu Weltkriegen ausweitete. Er brachte den Völkern in regelmässigen Zeitperioden schreckliche Leiden, Opfer und Zerstörungen. Die USA zogen aus dieser «europäischen Konfrontation» gewaltige geopolitische und wirtschaftliche Vorteile. Sie gestattete es ihnen schliesslich, Westeuropa in ihren Erbhof zu verwandeln, es gegenüber Russland in Stellung zu bringen und die Europäer zu Beginn des 21. Jahrhunderts in eine politische Vorkriegskrise zu stürzen. Die Aufrechterhaltung und nötigenfalls die Verschärfung dieser «europäischen Konfrontation» wurde zu einer der wichtigsten Aufgaben der Globalpolitik der USA. Auch Grossbritannien nutzte den Zusammenprall der französischen, deutschen und russischen Interessen für seine Zwecke aus.
Sobald eine der genannten drei Mächte nach der Vorherrschaft zu streben begann, schlossen sich die beiden anderen gegen sie zusammen. So traten Russland und Preussen gegen das napoleonische Frankreich auf den Plan, als es die Eroberung Europas begonnen hatte. Im Ersten Weltkrieg vereinten Frankreich und Russland ihre Kräfte gegen Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg kämpften erneut die Sowjetunion und Frankreich gegen die drohende Gefahr einer Vorherrschaft des nazistischen Deutschlands. Ihnen schlossen sich die USA und Grossbritannien an.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die Stalinsche Führung als Bannerträger der Hegemonialpolitik auf. Angetrieben von einem expansiven kommunistischen Sendungsbewusstsein, von der Klassenkampf-Ideologie, die im Widerspruch zu den Gesetzen der Geopolitik stand, errichtete sie während des Krieges und gleich danach ihre Kontrolle über Mittel- und Südosteuropa und zwang den Ländern dieser Region das sowjetische Gesellschaftssystem auf. Von Anfang an erblickten die Westmächte darin eine grosse Verletzung des geopolitischen Kräftegleichgewichts in Europa und in der Welt sowie eine äusserst ernste Bedrohung ihrer Interessen und ihrer Unabhängigkeit. Auf diesem Boden gedieh der Zusammenschluss der Kräfte der USA und der westeuropäischen Staaten in Frontstellung zur Sowjetunion. Mit Freuden übernahm die herrschende amerikanische Elite die Rolle, Garant und Retter der westlichen Staaten vor «der Gefahr aus dem Osten» zu sein. So entstand eine weltweite Antisowjet-Koalition. Die Sowjetunion erwies sich als in einer ausserordentlich schwierigen und verwundbaren Lage. Die USA aber erhielten die Möglichkeit, ihre Herrschaft den Ländern Westeuropas aufzudrängen.

Spaltung Europas für die USA vorteilhaft

Man muss eingestehen, dass dies durch schwere Fehlkalkulationen und unsinnige Entscheidungen der damaligen sowjetischen Führung heraufbeschworen worden war. Anstatt alle Kräfte des Sowjetvolkes und die unglaublich reichen Bodenschätze des Landes im Innern auf die Stärkung und Vervollkommnung der Sowjetgesellschaft zu lenken, zogen die sowjetischen Führer das Land in eine überflüssige, zerstörerische und aussichtslose Auseinandersetzung mit allen Westmächten. Ganz zu schweigen davon, dass sie die Voraussetzungen dafür schufen, dass sich die USA in eine globale Supermacht, zu einem Anwärter auf die Weltherrschaft verwandelten, der den europäischen Staaten seinen Willen zu diktieren begann. Der periodisch entbrennende Kampf im Dreieck Frankreich-Deutschland-Russland bzw. Sowjetunion, der in den «Kalten Krieg» und in eine tiefe Spaltung Europas überging, erwies sich allein für die USA als vorteilhaft. Und deswegen erhoben sie zwei Prinzipien zur aussenpolitischen Doktrin der USA: «die Amerikaner in Europa halten» («to keep Americans in»), das heisst, die Herrschaft der USA dort bewahren, und «Russland von Europa fernhalten» («to keep Russia out»), das heisst, auf keinen Fall seine Annäherung und Zusammenarbeit mit den europäischen Staaten, besonders mit Deutschland, zulassen.

Perestroika und die Grundsätze einer neuen Aussenpolitik

Die Einsicht in die Schädlichkeit dieser Sackgasse in den internationalen Beziehungen in Europa und die Notwendigkeit, sie zu verlassen, dämmerte in der sowjetischen Politik während der Perestroika (Reformierung). Mit ihrem Beginn rückte für die sowjetische Führung das Problem in den Vordergrund, die Sowjetunion aus dem Zustand einer gefährlichen Konfrontation mit dem Westen herauszubringen, die nicht nur die Menschheit mit der Apokalypse bedrohte, sondern auch die besten Kräfte des Landes verschlang und die Lösung wichtigerer Aufgaben in der Innenpolitik verhinderte, besonders die Sicherung einer hohen Lebensqualität und eines hohen Lebensstandards für die Sowjetbürger.
Seit 1985 nahm sich die neue sowjetische Führung mit Michail Gorbatschow an der Spitze eben dieser Aufgabe an. In den Jahren der Perestroika wurden die wichtigsten Grundsätze des neuen Denkens in der sowjetischen Aussenpolitik ausgearbeitet. Zu seinen Grundzügen gehören folgende:
•    Absage an die Politik einer messianischen Herrschaft und ihre Verurteilung;
•    Ende der Ost-West-Konfrontation und des Wettrüstens;
•    Beachtung des Grundsatzes, nach dem in den internationalen Beziehungen nicht das Recht der Stärke, sondern die Kraft des Rechts herrschen soll;
•    Anerkennung des Rechtes jedes Volkes, seinen eigenen Entwicklungsweg zu wählen;
•    eine tiefgehende Demokratisierung und Humanisierung der internationalen Beziehungen;
•    Knüpfung eines unauflöslichen Bandes zwischen Politik und Moral;
•    Umwandlung des grossen Europas (EU) in ein vereintes Europa und Schaffung einer im Endergebnis gesamteuropäischen ­politischen, wirtschaftlichen Rechts- und Kulturlandschaft (Idee des «gemeinsamen Hauses Europa»);
•    Umgestaltung der OSZE in die handlungsfähige Hauptorganisation für Sicherheit und Zusammenarbeit der Staaten des neuen Europas;
•    allmählicher Abbau der Blockstrukturen der internationalen Beziehungen in Europa und Verbot von Einfluss- und Herrschaftssphären auf dem europäischen Kontinent.
Alle diese Grundsätze kennzeichneten das Wesen der neuen sozialistischen Aussenpolitik. Auf der Grundlage dieser Prinzipien vollzog sich die friedliche Vereinigung Deutschlands, ohne die eine Überwindung des «Kalten Krieges» nicht vorstellbar war. Die Länder Osteuropas erlangten ihre Unabhängigkeit. Der Krieg in Afghanistan wurde beendet, und die sowjetischen Truppen wurden abgezogen.

Die Charta von Paris – von Washington zum Vergessen bestimmt

Die Krönung der sowjetischen Aussenpolitik unter Michail Gorbatschow war der denkwürdige 21. November 1990, als die Vertreter aller europäischen Staaten einen grundlegenden internationalen Akt unterzeichneten – die Charta von Paris. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein gesamteuropäischer Konsens über Friedenswahrung, Sicherheit und Zusammenarbeit aller europäischen Staaten erreicht. Auch die USA unterschrieben mit Kanada die Charta von Paris. Sie konnten sich bei diesem gesamteuropäischen Drang nach Frieden und der Schaffung eines neuen Europas nicht abseits halten. Andernfalls drohte den USA dadurch der Verlust ihrer Glaubwürdigkeit. Deshalb taten sie diesen Schritt gezwungenermassen, obgleich die Grundsätze der Pariser Charta im Kern der amerikanischen aussenpolitischen Doktrin widersprachen, mit der sie auf die Spaltung Europas und die Vorherrschaft dort setzten. Aber nach dem Zerfall der Sowjetunion unternahm Washington alle Anstrengungen, damit die Pariser Charta von der europäischen Tagesordnung verschwand und in völlige Vergessenheit geriet. So ist es auch gekommen. Die europäische Sicherheit und die europäische Zusammenarbeit erlitten schweren Schaden.
Auf diese Weise wurde die herrschende amerikanische Elite schuldig daran, dass einer der wichtigsten internationalen Akte des 20. Jahrhunderts verschwand. Er hatte die eigentlichen Lebensinteressen aller europäischen Völker zum Ausdruck gebracht. Unter dem Druck aus Washington geriet er sogar in den westlichen Massenmedien in Vergessenheit. Es wirkt seltsam, dass nach 1991 selbst die Leiter der Aussenpolitik Russlands nicht ein einziges Mal an ihn erinnerten. Obwohl es in der Pariser Charta um das Schicksal Europas geht: «Wir, die Staats- und Regierungschefs der Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, sind in einer Zeit tiefgreifenden Wandels und historischer Erwartungen in Paris zusammengetreten. Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. Wir erklären, dass sich unsere Beziehungen künftig auf Achtung und Zusammenarbeit gründen werden. Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit. Durch den Mut von Männern und Frauen, die Willensstärke der Völker und die Kraft der Ideen der Schlussakte von Helsinki bricht in Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit an.»
Was für bemerkenswerte Worte! Es schien, als ob sich vor den europäischen Völkern, die im 20. Jahrhundert drei Weltkriege – zwei «heisse» und einen «kalten» – mit ihren unvorstellbaren Schrecken, Verlusten und Leiden durchlebt hatten, rosige Aussichten und Möglichkeiten eröffneten, ein vollkommen neues Europa des Friedens, der Stabilität und der Zusammenarbeit zu schaffen.

Die Grundsätze der Pariser Charta

Es lohnt sich, hier an die wichtigsten Grundsätze der Pariser Charta zu erinnern. Und das nicht nur einfach aus Interesse an der Geschichte, sondern deswegen, weil sie in einer neuen Art wiedergeboren und in der europäischen Politik angewandt werden müssen, um die Gefahren abzuwenden, die der Sicherheit des Alten Kontinents und der ganzen Welt erneut drohen. Denn wir hören nicht von ungefähr immer öfter aufgeregte Stimmen zu der Möglichkeit eines neuen Weltkrieges. Dies sind die grundlegenden Prinzipien:
•    Keine Handlungen zuzulassen, die gegen die territoriale Unversehrtheit oder die ­politische Unabhängigkeit von Staaten, auf die Drohung mit oder die Anwendung von Gewalt gerichtet sind, und alle anderen Handlungen, die mit den Prinzipien und Zielen der Charta der Vereinten Nationen und der OSZE unvereinbar und dem internationalen Recht zuwider sind.
•    Die Sicherheit Europas muss eine neue Qualität erreichen. Sie muss unteilbar und für alle Staaten gleich sein. Für die friedliche Regelung von Streitfragen und Auseinandersetzungen müssen entsprechende Verfahrensweisen und Einrichtungen geschaffen werden. Alle Länder sind verpflichtet, bei der Festigung von Vertrauen und Sicherheit zusammenzuarbeiten.
•    In Europa muss das Abrüstungsproblem und das der Rüstungskontrolle geregelt werden.
•    Alle Völker Europas müssen über das gleiche Recht auf Selbstbestimmung verfügen, aber auch auf das Recht auf territoriale Unversehrtheit in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen und den festgesetzten Normen des internationalen Rechts.
•    Es ist unerlässlich, die Überwindung des ewigen Misstrauens zwischen den Völkern und den Bau eines einheitlichen Europas durch gemeinsame Handlungen und eine Steigerung der gegenseitigen Abhängigkeit der Länder, welche die Pariser Charta unterschrieben, zu gewährleisten.
•    Die untrennbar miteinander verbundenen Grundsätze der OSZE bilden die Grundlage für die Zusammenarbeit der Unterzeichnerstaaten der Pariser Charta.
•    Europa muss bei der Suche nach Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft offen sein für das Gespräch mit anderen Ländern, einschliess­lich der USA und Kanadas.
Diese neuen Grundsätze des europäischen Zusammenlebens waren im Falle ihrer Verwirklichung dazu berufen, für immer Kriege auf dem europäischen Kontinent zu beenden. In ihnen war mit Blick auf das 21. Jahrhundert die neue Philosophie des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern festgeschrieben.1
Feindbild und Sanktionen – künstliche Entfremdung Russlands von Europa
Ohne die Pariser Charta versank Europa erneut in einen Zustand, dessen Merkmale lauteten: Teilung, Vorherrschaft der USA, Politik der Isolierung und allseitigen Schwächung Russlands, seine Verteufelung in den Augen der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit, Informationskrieg gegen dieses Land in einer bisher nicht erlebten durchtriebenen, raffinierten Art, eine heftige Verschärfung der antirussischen Ausrichtung in der Politik von Nato und EU. Hinzu kam die Durchführung «orangener» Staatsumwälzungen in den Ländern des postsowjetischen Raumes mit der Zielsetzung, dort amerikanische Statthalter an die Macht zu bringen, die auf die Konfrontation mit Russland ausgerichtet waren.
Nach der gemäss amerikanischem Drehbuch und mit amerikanischem Geld erfolgten Machtergreifung durch radikale Nationalisten in Kiew verschärfte sich die Lage in Europa ausserordentlich.2 Die Anführer des «Euro-Majdan» waren von Geheimdiensten der USA sorgfältig ausgewählt worden und begannen, alle ihre Aufträge strikt auszuführen. Ihre Politik betrieben sie von Anfang an unter der Parole der Russenfeindschaft und des Kampfes gegen Russland, worum sich auch die US-Strategen bemühten. Sie entfachten in der Ukraine einen grausamen brudermordenden Bürgerkrieg. In Washington rechnete man damit, dass Russland eingreifen und damit einen Vorwand liefern wird, um die ukrainische Krise in ein europäisches Blutbad zu verwandeln. Es gilt anzumerken, dass die Wiederbelebung der Prinzipien der Pariser Charta dazu dienen könnte, die ukrainische Tragödie zu beenden. Diese Einsicht gewinnt in den politischen Kreisen und in der Öffentlichkeit der europäischen Länder immer mehr an Boden.
Als wesentlicher Bestandteil der europäischen Krise wirkten die aus den USA breit gefächerten Sanktionen gegen Russland. Ihr Zweck besteht darin, Russland noch mehr Europa zu entfremden und die europäische politische Gesamtlage zu verschärfen. Sie sind auch dazu bestimmt, ein künstliches «Feindbild» von Russland als einer quasi aggressiven Grossmacht zu erzeugen.
Vernünftig denkenden und erfahrenen Politikern im Westen fällt es nicht schwer zu erraten, was sich hinter dieser bösartigen Entstellung von Russlands Wesen seitens der USA und ihrer europäischen Vasallen verbirgt. Der frühere Kanzler der Bundesrepublik Helmut Schmidt erklärte bereits in einem Interview in der Deutschen Welle vom 20.11.2007: «Von Russland geht keinerlei Gefahr aus. Die Gefahr kommt aus den USA.»

Ausweg aus der Sackgasse

Heute gewinnt die Wiedergeburt einer gesamteuropäischen Bewegung, die auf dem Fundament der Pariser Charta für ein neues Europa gegründet ist, vorrangige Bedeutung.3 Gerade die Beachtung der Prinzipien dieser Charta kann Europa aus der gefährlichen Sackgasse herausführen, in die es gebracht wurde. Die Charta entspricht den Lebensinteressen nicht nur Russlands, sondern aller europäischen Staaten.
Für eine Rückkehr zur Pariser Charta verwandte sich der erfahrenste europäische ­Politiker, Hans-Dietrich Genscher, 18 Jahre Aussenminister der Bundesrepublik. In seiner Rede am 10.11.2012 in Berlin im Willy-Brandt-Haus über das Thema «Die Verantwortung der Deutschen vor Europa» hob er besonders hervor, dass die dauerhafte Beendigung einer Politik der Beherrschung die wichtigste Bedingung für die Schaffung eines neuen Europas bilde. Noch früher, am 18. Mai 2012, hatte er in der BRD einen Aufsatz veröffentlicht: «Nicht Konfrontation, sondern Zusammenarbeit mit Russland».4 Darin schrieb er: «Heute geht es darum, dass Amerika, Europa und Russland zusammen ihre gemeinsamen Interessen bestimmen. Sie fallen viel mehr zusammen, als gewisse Sicherheitsbürokraten in Brüssel und ihnen vergleichbare in den Dienststellen Washingtons denken […]. Es geht auch um das Verhältnis zu unserem grossen Nachbarn im Osten und um die Nutzung der Chancen zur Ost-West-Zusammenarbeit. In einer sich schwieriger gestaltenden Lage ist staatsmännische Weisheit gefordert. Und das bedeutet, die Konfrontation zu beenden und die Gefahr einer neuen Konfrontation nicht zuzulassen […]. Und es ist wichtig, dass Europa die grossen Entwürfe der Europäischen Charta von 1990 erfüllt. [Hervorhebung durch W. D.] Das alles und die Lösung der grossen Probleme unserer Zeit ist gemeinsam mit Russland, aber in keinem Fall gegen Russland möglich.»5

Die Lehre aus dem 20. Jahrhundert: Eine Politik der Vorherrschaft ist rechtswidrig

Darin besteht eigentlich die Hauptschlussfolgerung aus der Geschichte der europäischen Entwicklung im 20. Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert bedarf es, um das Überleben zu sichern, einer neuen Philosophie des Friedens und der Zusammenarbeit, die eine Politik der Vorherrschaft für gesetzwidrig erklärt und feste Garantien gegen den Ausbruch eines Krieges in Europa und gegen seine Entfachung von aussen her schafft. Allem Anschein nach haben dies die Politiker vieler europäischer Staaten, unter ihnen auch der französische Präsident François Hollande und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, erkannt. Davon zeugt ein beispielloser Vorgang: Ihre gemeinsame Reise nach Moskau und die ständigen Kontakte mit Präsident Wladimir Putin bei der Ausarbeitung von Massnahmen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine, eines Krieges, der eine grosse Bedrohung für den europäischen Frieden in sich birgt. Es gibt allen Grund für die Hoffnung, dass dieser Besuch einen guten Boden bereite für die Zusammenarbeit zwischen Frankreich, Deutschland und Russland zur Festigung der Einheit Europas, der Sicherheit und des Wohlergehens aller europäischen Völker, ihres wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritts.

Zusammenarbeit statt Konfrontation zum Wohle der Völker Europas

Jetzt sind günstige Bedingungen für die Einberufung einer neuen gesamteuropäischen Versammlung herangereift, um Beschlüsse über die Rückkehr Europas zu den entsprechend den Anforderungen der Gegenwart erneuerten Grundsätzen der Pariser Charta zu fassen. Es ist das Gebot der Stunde, bevor es zu spät ist, den Irrweg der Konfrontation zwischen den europäischen Mächten zu beenden und an die Schaffung eines neuen Europas heranzugehen. Seinem Wohlergehen muss die enge Zusammenarbeit zwischen Frankreich, Deutschland und Russland dienen. Die Zusammenarbeit, die für ewig mit den Kriegen Schluss macht, unter denen die Europäer so schwer gelitten haben.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wie wird sich diese Zusammenarbeit auf den Status, die Tätigkeit und die geo­politische Rolle der Europäischen Union auswirken? Zweifellos wird sie erlauben, den Rahmen der EU wesentlich zu erweitern, die politische und wirtschaftliche Effektivität dieser supranationalen Organisation zu erhöhen. Es wird ein neuer gesamteuropäischer Integrationsraum von Lissabon und nicht bis zum Ural, wovon Charles de Gaulle träumte, sondern bis an die Küste des Stillen Ozeans entstehen. Das eröffnet vor den Ländern Europas nie dagewesene günstige Perspektiven der politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklung.
Dieser gesamteuropäische Integrationsraum wird zu einem Bestandteil einer neuen Weltordnung. Davon hat Franz Betschon – Oberst des schweizerischen Generalstabes – sehr interessant in seinem Buch geschrieben.6 Das Bild der Zukunft kann nach seinen Vorstellungen so aussehen: Europa und Asien wachsen zu einer wirtschaftlichen Einheit; der Begriff «der Westen» verliert seine Bedeutung; Westeuropa und Nordamerika hören auf, als etwas Einheitliches zu existieren; Kontinentaleuropa wird sich nach dem Osten orientieren; die USA verlieren ihre Dominanz; die EU und die Nato werden durch etwas anderes ersetzt.
Natürlich ist die Variante der globalen Entwicklung, dargestellt von Betschon, als eine entfernte Zukunft zu verstehen. Aber man muss zugestehen, dass er die Mega-Tendenzen des Werdegangs der neuen Weltordnung und den Platz Europas innerhalb dieser Ordnung im Grossen und Ganzen richtig aufgespürt hat. Die erfolgreiche Entwicklung dieser Tendenz ist im Interesse Russlands und anderer europäischer Länder.     •

*    Wjatscheslaw Daschitschew ist ein Sohn des Generals Iwan Fjodorowitsch Dschitschew (1897–1963). Er nahm 1943–1945 an der 4. Ukrainischen Front als Erkundungsoffizier am Zweiten Weltkrieg teil. 1945–1949 studierte er an der Lomonossow-Universität Neuere Geschichte und lehrte zugleich an der Militärakademie «M. W. Frunse». Bis 1953 setzte er sein Studium fort. Bis 1959 arbeitete er als Herausgeber der von der Abteilung für ausländische Militärtheorie veröffentlichten Zeitschrift Militärwissenschaft. 1959–1968 leitete er die Abteilung Ausländische Militärgeschichte des Militärhistorischen Magazins. 1973 promovierte er als Historiker. Bis 1990 leitete er die Abteilung für aussenpolitische Probleme am Institut für internationale wirtschaftliche und politische Studien der Russischen Akademie der Wissenschaften. Zu Beginn der Perestroika war er auch Professor der Diplomatischen Akademie des sowjetischen Aussenministeriums. Er fungierte für Michail Sergejewitsch Gorbatschow als aussenpolitischer Berater und galt als Wegbereiter der Ost-West-Entspannung, der Deutschen Einheit und ganz allgemein für Menschenrechte, Demokratie und Marktwirtschaft. 1991 lehrte er als Gastprofessor an der FU Berlin, 1992 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und 1996 an der Universität Mannheim. 1995 erhielt er den Friedrich-Joseph-Haass-Preis zur deutsch-russischen Verständigung. 1998 kehrte er nach Russland zurück und arbeitete bis 2006 am Zentrum für internationale ökonomische und politische Studien des Institutes für Wirtschaft der Russischen Akademie der Wissenschaften.

1    Die Pariser Charta ist im Internet in vielen Sprachen zu finden.
2    Genauer dazu siehe W. Daschitschew: «Die ukrainische Tragödie und der neue ‹Kalte Krieg› der USA gegen Russland», in: Sozial-humanitäre Kenntnisse, Nr. 4, 2004; Geopolitik, Nr. 1, 2014 (russisch)
3    Dazu verfasste ich eine Reihe von Aufsätzen. Siehe: «Es ist an der Zeit zu den Prinzipien der Pariser Charta zurückzukehren.» in: Geopolitika, 15.8.2012; im Sammelband «Geopolitik. Theorie, Geschichte, Praxis. Arbeiten der internationalen wissenschaftlich-praktischen Konferenz», wiss. Verlagszentrum «Raum und Zeit», Moskau 2012. «Die Pariser Charta – eine Zukunftschance für Europa», in: Wirtschaftliche und philosophische Zeitung, Nr. 36 (926), September 2012
4    Hans-Dietrich Gentscher: «Nicht Konfrontation, sondern Kooperation mit Russland», in: Tagesspiegel, 19.5.2012. Der Aufsatz wurde in Russland nachgedruckt in der Zeitschrift Raum und Zeit, Nr. 1, 2013
5    In der angegebenen Zeitschrift Raum und Zeit, S. 13
6    Franz Betschon. Das eurasische Schachturnier. Krisen, Hintergründe, Prognosen. Frankfurt/Main, 2009

«Im 21. Jahrhundert bedarf es, um das Überleben zu sichern, einer neuen Philosophie des Friedens und der Zusammenarbeit, die eine Politik der Vorherrschaft für gesetzwidrig erklärt und feste Garantien gegen den Ausbruch eines Krieges in Europa und gegen seine Entfachung von aussen her schafft.»

«Die Krönung der sowjetischen Aussenpolitik unter Michail Gorbatschow war der denkwürdige 21. November 1990, als die Vertreter aller europäischen Staaten einen grundlegenden internationalen Akt unterzeichneten – die Charta von Paris. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein gesamteuropäischer Konsens über Friedenswahrung, Sicherheit und Zusammenarbeit aller europäischen Staaten erreicht. Auch die USA unterschrieben mit Kanada die Charta von Paris. Sie konnten sich bei diesem gesamteuropäischen Drang nach Frieden und der Schaffung eines neuen Europas nicht abseits halten. Andernfalls drohte den USA dadurch der Verlust ihrer Glaubwürdigkeit. Deshalb taten sie diesen Schritt gezwungenermassen, obgleich die Grundsätze der Pariser Charta im Kern der amerikanischen aussenpolitischen Doktrin widersprachen, mit der sie auf die Spaltung Europas und die Vorherrschaft dort setzten.»