Götterspeise Honig – materialisierter Bienenfleiss

Die kleinsten Haustiere und ihr grosser Nutzen

von Heini Hofmann  

Als Sinnbild für Fleiss und Spenderin des süssen Goldes hat die Honigbiene innige Beziehung zu unserer Kulturgeschichte. Doch weil der Stachel nicht weit vom Honig ist, blieb das kleinste aller Nutztiere immer etwas auf Distanz, im eigenen Häuschen, abseits von Haus und Hof.
Machen wir ihr dort einen Besuch und schauen wir ihr bei der Honigproduktion über die Flügel, erleben wir Wunder über Wunder! Die Organisation im Bienenstock fasziniert uns, weil wir darin einen Staat und in den Bienen dessen Bürger sehen. Doch der Vergleich hinkt. Die Spielregeln im Bienenstaat sind unbarmherzig hart. Das Individuum bedeutet wenig, die Gemeinschaft alles.

Gelée royale und Bienenbrot

Im Bienenstaat finden sich drei ganz verschiedene Bienenwesen, vergleichbar mit drei Kasten: die übergrosse Königin, das einzig weibliche Geschlechtstier, die dicklichen männlichen Drohnen, die nur ein bis drei Prozent der Gesamtpopulation ausmachen, und schliesslich der Hauptharst der emsigen Arbeiterinnen, denen nur ein kurzes Leben beschieden ist, nämlich drei bis vier Wochen für die Frühsommer- und wenige Monate für die Wintergeneration.
Ihre ersten Lebenstage nach dem Schlüpfen aus der sechseckigen wächsernen Wiege verbringt die Arbeiterin als Putzfrau mit Zellenreinigung, um dann zum Mädchen für alles zu avancieren, beginnend als Babysitterin: Aus ihren Kopfspeicheldrüsen produziert sie den Weiselfuttersaft, auch Gelée royale genannt, der zur Fütterung der Königin und als Ammenmilch für die Brut dient. Bekommt eine Larve nur Gelée royale gefüttert, wird aus ihr eine Königin; erhält sie daneben aber auch Pollen mit Nektar vermischt, sogenanntes Bienenbrot, entsteht daraus eine Arbeiterin.

Nektar und Honigtau

Doch kaum hat die ehemalige Raumpflegerin ihren Dienst als Amme angetreten, übernimmt sie schon wieder eine neue Aufgabe als Bauarbeiterin; denn mittlerweile sind die zwischen den Chitinringen an der Unterseite des Hinterleibes gelegenen Wachsdrüsen funktionstüchtig geworden. Aus diesen werden feine Wachsplättchen ausgeschwitzt, Baustoff für die Waben.
Einer Berufslehre bedarf es nicht, das Know-how für den Wabenbau ist vorprogrammiert.
Nach rund drei Lebenswochen, wenn nicht schon früher, beginnt für die Arbeitsbiene – das Alter. Und wieder muss sie sich umstellen, wechselt von der Stockbiene zur Sammlerin, vom Innen- zum Aussendienst. Jetzt fliegt sie ins anstrengende und gefährliche Leben ausserhalb des schutzbietenden Stocks. Als Sammelbiene ist sie für die Beschaffung der Lebensmittel verantwortlich: Nektar, Honigtau, Pollen (Blütenstaub) und Wasser.
Zur Herstellung der Leckerspeise Honig dienen den Bienen zwei flüssige Rohstoffe, für den Blütenhonig der zuckerhaltige Blütensaft Nektar, ein Sekret der Nektarinen (Honigdrüsen der Blüten), und für den Waldhonig der Honigtau. Dieser wird – im Wald, aber auch in Schilfgürteln und auf einer Vielzahl krautiger Pflanzen – von saugenden Insekten (Blatt-, Rinden- und Schildläusen) erzeugt, die sich vom Siebröhrensaft der Pflanzen ernähren, indem sie den überschüssigen, zuckerhaltigen Anteil aus ihrem Verdauungssystem ausscheiden und in Form glänzender, tauähnlicher Tröpfchen auf Nadeln und Blätter verspritzen.

Vorverdaut und vorgekaut

Nektar und Honigtau werden von den Sammelbienen mit dem Rüssel aufgesaugt und in einem speziellen Organ, dem Kropf oder Honigmagen, transportiert. Dies ist sozusagen der öffentliche Magen. Will die Biene daraus für sich selbst konsumieren, öffnet sie eine Klappe, worauf eine Portion in ihren Darm übertritt. Bis zu 1500 Kleeblüten muss ein Bienlein anfliegen, um diesen Honigmagen zu füllen (womit er fast gleich schwer wiegt wie die «leere» Biene), und fünf Dutzend solcher Magenfüllungen ergeben knapp einen Fingerhut voll Honig – eine Sisyphusarbeit!
Zurück im Stock wird der Honigmagen durch Auswürgen in eine Zelle entleert. Jüngere Stockarbeiterinnen sorgen dann für das Eindicken des Nektars, indem sie diesen mit ihren Mundwerkzeugen mehrmals aufnehmen und auf ihrer Zunge hin- und herbewegen, damit Wasser daraus verdunstet. Der köstliche Honig ist also – von den Bienen liebevoll vorverdaut, ausgewürgt und vorgekaut – total biologisch ...
Während der Mundmanipulation werden aus den Futtersaft- und Speicheldrüsen antibiotisch wirkende Stoffe (Inhibine) und Fermente beigemischt. Honig ist somit wesentlich mehr als eine gewöhnliche Zuckerwasserlösung. Ist der Wassergehalt des Honigs auf achtzehn Prozent gesunken, werden die Vorratszellen verschlossen, dies jedoch – im Gegensatz zu den Brutwaben – mit einem luftundurchlässigen Deckel.

Phänomen Pollenhöschen

Pollensammlerinnen verfügen über eine noch ausgeklügeltere Arbeitstechnik als Nektarbienen. Das mehlartige Pulver, gebildet in den Staubgefässen der Blüten, das der Brut als Nahrung dient, wird beim Sammeln «gehöselt». Die gleichartige Farbe dieser Pollenhöschen, die je nach den visitierten Pflanzen von Zitronengelb (Raps) über Orange, Rot, Blau und Grün bis Grauschwarz (Mohnpollen) variieren kann, zeigt, dass die Biene blütenstet ist. Immen sind keine leichten Falter!
Mit einem Bürstchen an der Ferse der Hinterbeine wird der haftengebliebene Blütenstaub aus dem Haarkleid des Körpers gebürstet. Dann werden – durch Reiben der Hinterbeine aneinander – die in den Bürstenborsten verfangenen Körnchen mit einem Kamm am Unterschenkel herausgelöst und mit Nektar als Klebemittel vermischt. Der im Kamm an der Beinaussenseite angesammelte Blütenstaub wird schliesslich mit dem zu einem Schieber umgewandelten Fersenteil durch Hebelbewegungen in das aussen am Unterschenkel befindliche Körbchen bugsiert, wo der Pollen durch lange Randhaare festgehalten wird.
Auf diese Weise gelangt der Blütenstaub der rechten Bürste ins linke Körbchen – und umgekehrt. Zum Entleeren der Tracht in die Vorratszellen dient ein Sporn am mittleren Beinpaar, mit welchem die Höschen aus dem Körbchen gestossen werden. Soweit die Anatomie einer genialen Funktion, oder anders gesagt, eines jener kleinen Wunder, die unseren flüchtigen Blicken entgehen.

Propolis und Kühlwasser

Neben Nektar und Pollen tragen die Flugbienen auch noch andere Dinge ein: Kittharz (Propolis) zum Beispiel, Baumharz also, das zum Einbalsamieren eingedrungener und abgestochener, aber fürs Wegschaffen zu schwerer Fremdlinge wie Totenkopffalter oder Spitzmäuse dient, ferner zum Verstärken von Zellrändern oder zum Einengen des Fluglochs.
Zur Aufrechterhaltung der Lebensvorgänge im Volk und zum Kühlen des Stockes im Sommer wird auch Wasser benötigt. Abkühlung zu verschaffen versuchen die Stockbienen zwar vorerst mit Belüftung, erzeugt durch zirrendes Fächeln der Flügel, Sterzeln genannt. Genügt das nicht, muss Wasser zur Verdunstung in den Stock geflogen werden. Honigproduktion ist also ein komplexer Vorgang, ausgeführt von winzigen Wesen mit bloss stecknadelkopfgrossem Gehirn!

Vom Honigräuber zum Imker

Die ersten Honigliebhaber unter den Menschen pflegten die wilden Bienenvölker in hohlen Baumstämmen oder Felsritzen auszurauben. Erst mit zunehmender Kultur realisierte das Herrentier Mensch, dass man von den Bienen nur profitieren kann, wenn man ihnen das zum Überleben Notwendige belässt. So entstand die Praxis der Bewirtschaftung, wobei man anfänglich die Bienenvölker noch in Strohkörben hielt.
Lange Zeit lag die Imkerei dann in den Händen der Landwirtschaft. Das Bienenhaus gehörte zum Bauernhof wie Speicher und Stöckli. Die Bienenhaltung war ein bescheidener Nebenerwerb mit Mehrfachnutzen: Blütenbestäubung, Honig und Wachs. Doch für beschauliche Beschäftigung, wie sie die Imkerei nun mal ist, war in der modernen Agrarwirtschaft kein Platz mehr; zudem fielen die Spitzen der Feldarbeit mit den dringlichen imkerlichen Pflegemassnahmen zusammen.
Deshalb hat sich die Bienenhaltung von der Landwirtschaft immer mehr zu den Hobby­imkern verlagert. Heute zählt die Schweiz rund 20 000 Imker mit im Schnitt 10 Völkern. Allerdings bleiben beide aufeinander angewiesen; die Landwirtschaft liefert den Bienen die Futtertracht, und die Immen revanchieren sich mit dem Bestäubungsservice. Neben dem Honig als direktem Ertrag steht nämlich der unendlich viel grössere volkswirtschaftliche Nutzen durch die Blütenbestäubung im Pflanzen- und Obstbau; denn ohne Bienen gäbe es weder Früchte noch Gemüse!    •

Honig ist Natur pur!

Hauptbestandteil des Honigs ist Invertzucker, das heisst ein Gemisch aus Glukose, Fruktose, Rohr-, Malz- und anderen Zuckern. Ungefähr 95 Prozent der Honigtrockensubstanz bestehen also aus Kohlehydraten. Die restlichen 5 Prozent enthalten organische Säuren, Proteine, Aminosäuren, Aromastoffe, Mineralstoffe, Lipide und Vitamine.
Ob und wann Honig kristallisiert, hat – entgegen weit verbreiteter Meinung – nichts mit seiner Echtheit zu tun. Je grösser der Glukose- und je kleiner der Fruktoseanteil, desto schneller kristallisiert der Honig; Rapshonig zum Beispiel schon nach der Ernte, Akazienhonig dagegen erst nach Jahren. Honig wird am besten an kühlem, trockenem und dunklem Ort aufbewahrt. Wärme über 40 °C und Mikrowellen zerstören wertvolle Inhaltsstoffe.
Honig ist aber nicht nur Nahrungs-, sondern auch Heilmittel. Niedriger Wasser- und hoher Zuckergehalt sowie Wasserstoffperoxid («Honig-Inhibin») und andere antibakterielle Stoffe verhindern mikrobielles Wachstum. Honig wird daher bei vielen Indikationen eingesetzt, von kindlichem Asthma bis zu schwerheilenden Wunden. In der Apitherapie kommen ausser Honig auch noch andere Bienenprodukte wie Bienengift, Propolis, Bienenwachs und Pollen zum Einsatz.

Die Ausstellung zum Thema

Das Bündner Naturmuseum an der Masanserstrasse 31 in Chur zeigt vom 29. April bis 20. September 2015 die Sonderausstellung «Wunderwelt der Bienen», die sowohl den Honig­immen als auch den über 600 in der Schweiz vorkommenden Wildbienenarten gewidmet ist.
(www.naturmuseum.gr.ch )