Kriegsende 1945 – die «Schweizer Spende» hilft, wo es geht

Auszüge aus einem der Wahrheit verpflichteten Geschichtsbuch für Berner Sekundarschüler von 1954

von Dr. phil. Peter Küpfer

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Wir wissen nicht, wo überall in der Welt aus diesem Anlass die Kirchenglocken erklangen. Wir wissen jedoch, dass an diesem denkwürdigen Tag die Glocken von allen Schweizer Kirchtürmen herunter läuteten. Dies ist durch getreue Geschichtsschreiber zur Erinnerung an die Nachwelt in ihren Werken festgehalten. So etwa nachzulesen in der Darstellung des Schweizer Historikers Arnold Jaggi in seinem Buch «Von der Gründung der Eidgenossenschaft bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges». Es handelt sich um eine einbändige Überarbeitung der umfassenden «Welt- und Schweizergeschichte» des Autors, die der Berner Historiker 1954 als Geschichtsbuch für die bernischen Sekundarschulen herausgab. Damals mutete man den Schweizer Schülern der Sekundarstufe noch umfassendes historisches Wissen über ihr Land und die Welt zu. Der Verfasser schreibt dazu in seinem Vorwort: «Wie der einzelne Mensch in den entscheidenden Stunden seines Lebens so muss sich auch ein ganzes Volk von Zeit zu Zeit fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin soll ich gehen und was habe ich zu tun? […] Je mehr es einzelne verstehen, [die Geschichte] zu Rate zu ziehen, desto besser ist das betreffende Volk den Erprobungsstunden gewachsen.» Er schliesst sein Vorwort mit dem Satz, den sich gewisse Schweizer Historiker der ganz jungen Generation, die solche Erprobungsstunden für ihr Land nur vom Hörensagen kennen, hinter die Ohren schreiben sollten: «Die unvoreingenommene Beschäftigung mit der Geschichte, so hoffen wir, vermag etwas zur Schärfung des Sinnes für Wahrheit und verborgene innere Zusammenhänge beizutragen.»
Für mehr historische Wahrheit
Heute sind es 70 Jahre, dass auch unsere Bevölkerung in einer ihrer schwersten Bewährungsproben stand. Hat sie in diesen auch für die Schweizer Bevölkerung bangen Jahren nur sich gesehen, die Schweiz und die Schweizer, ihr Überleben und – wie einige der genannten Historiker heute unter Mediensukkurs lauthals unterstellen – nur den eigenen Profit?
Es genügt, nur einige Seiten des zitierten Buches von Arnold Jaggi über diese Jahre zu lesen, um sich eines Besseren zu belehren. Jaggi erinnert da beispielsweise in lebhaften Worten an das Wirken des international anerkannten Schweizer Juristen Max Huber. Der Rechtsprofessor an der Universität Zürich war während neun Jahren Präsident des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges hat er als Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz alles getan, um das Unheil zu bekämpfen und das Leid zu mildern. Es war in den Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges in besonderem Masse dem Roten Kreuz und seinen Mitarbeitern zu verdanken, dass so viele Verschollene und Kriegsgefangene nach unsäglichen Leiden den Weg zurück zu ihren Familien gefunden haben.
Als Abschluss seines Buches widmet Jaggi einen eindrücklichen Abschnitt auch der «Schweizer Spende», die in der Zeit der deutschen Kapitulation – und dies schon lange vor dem 8. Mai 1945 – überall in Europa segensreich wirkte – mit Hilfe und Unterstützung der Schweizer Bevölkerung.
Zum Gedenken an sie und zur Korrektur verzerrter Bilder über die Schweiz von damals seien hier einige Auszüge aus Jaggis Geschichtsbuch für die Jugend zitiert:
Von der «Schweizer Spende»
«Am 8. Mai 1945 erschollen im ganzen Schweizerlande die Kirchenglocken. Sie verkündeten, dass das Morden in Europa ein Ende gefunden habe. Wie andere Völker, so atmeten auch die Schweizer auf.
Sie hatten noch vor der deutschen Kapitulation den Entschluss gefasst, zum Dank für die wunderbare Verschonung den Notleidenden in Europa eine Handreichung zu tun. Im Dezember 1944 beschlossen National- und Ständerat einstimmig, die Eidgenossenschaft solle zu diesem Zwecke 100 Millionen als sogenannte Schweizer Spende entrichten. Später, als sich zeigte, dass die Not noch immer sehr gross blieb, bewilligte die Bundesversammlung wiederholt neue Gelder. Im ganzen brachte die Eidgenossenschaft beinahe 153 Millionen für das schöne Werk auf. Die einzelnen Bürger und Bürgerinnen griffen aber auch in die Tasche. So kamen durch Staat und Volk rund 206 Millionen Franken zusammen.
Das war für unser kleines Land eine beträchtliche Summe. Im Vergleich zur Grösse des Elends aber war es sehr wenig. Darum strebten die Schweizer, die mit der Durchführung des Werkes betraut wurden, danach, auf eine möglichst kluge und wirksame Weise zu helfen. Sie schickten im März 1946 zum Beispiel Eisenbahnwagen mit Saatkartoffeln und zwei Eisenbahnwagen mit Gemüse­samen in die Steiermark, um den dortigen Anbauplan zu fördern. Anderswohin sandten sie Pflüge, Eggen, Düngemittel und Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen. In Gegenden, die sozusagen keine Ackergeräte mehr besassen, erschienen Schweizer Mechaniker und Landwirte mit grossen Reparaturwagen und einer Reihe von leistungsfähigen Traktoren. Diese verteilten sie auf die Dörfer und pflügten mit ihnen vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Ja dort, wo die Not am grössten war, arbeiteten sie im Lichte von Scheinwerfern ganze Nächte durch.
Den zerstörten Ortschaften lieferte die Schweizer Spende vor allem Werkzeuge, sowie Glas, Dachpappe und Schieferplatten. Zuweilen schickte sie auch Handwerker, welche zuerst die Hütten und Häuser reparierten, die am leichtesten instand gestellt werden konnten.
Die Schweizer Spende sandte ferner ungefähr tausend Baracken ins Ausland. Sie wurden zum Teil als Wohnungen, zum Teil als Schulen, Kindergärten und Notspitäler benutzt. In den Kriegsgebieten waren die meisten Krankenhäuser zerstört, ausgeraubt oder sonst unbrauchbar. Da und dort arbeiteten Schweizerärzte in neu eingerichteten Spitälern mit Instrumenten, Apparaten, Verbandstoffen und Medikamenten, die ebenfalls unserem Lande entstammten.
Schliesslich nahm unser Land rund 6200 lungenkranke Erwachsene und 6950 tuberkulosegefährdete Kinder in Sanatorien, Hotels oder Privathäusern in Arosa, Davos, Leysin, Adelboden, Wengen, Beatenberg und Pontresina auf.
Anfänglich lieferte die Schweizer Spende fertige Kleidungsstücke, um der allergröss­ten Not sogleich abzuhelfen. Dann aber sandte sie Nadeln, Scheren, Nähmaschinen, Faden und Stoffe und richtete in den Städten Nähstuben ein. In diesen arbeiteten bald Hunderte von einheimischen Töchtern und Schweizerinnen zusammen. Überaus wichtig waren natürlich die Speisungen.
Um eine Million Kinder während sechs Wochen vor dem Hunger zu bewahren, gewährte die Eidgenossenschaft im Jahre 1946 einen neuen besonderen Kredit. Bald rollten über ‹2400 Eisenbahnwagen mit Lebensmitteln im Wert von weit mehr als 20 Millionen Franken über unsere Grenze in die Hungergebiete› von Deutschland, Österreich und Ungarn. Überdies unterhielt die Schweiz Kantinen und Suppenküchen, zum Beispiel im Elsass und in Italien; im fernen Finnland schenkte sie Milch aus.
Die Schweizerhilfe hat trotz ihrer bescheidenen Mittel ungezählte leidende und oft auch verzweifelnde Menschen mit neuem Lebensmut und neuem Vertrauen in die Zukunft erfüllt. Das war vielleicht das Wichtigste. Sie schloss ihre Tätigkeit erst im Sommer 1948 ab.
Zu Beginn der Sammlung schrieb ein wackerer Spender: ‹Wir danken dem Schicksal, dass wir zu jenen gehören dürfen, die geben können und nicht empfangen müssen.› – Dieses Wort wollen wir nie vergessen.»    •

Quelle: Arnold Jaggi. Von der Gründung der Eidgenossenschaft bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Aus Welt- und Schweizergeschichte. Ein Volksbuch. Bern, Verlag Paul Haupt, 1954, S. 374f.