Literatur ist Kultur … und gehört nicht auf die Deponie

Peter Sodann sammelt Bücher aus der DDR

von Moritz Nestor, Klaudia und Tankred Schaer

Als Peter Sodann uns begrüsst, denken wir sofort an den Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher. Sodann hat die Rolle des Dresdner Kommissars, der immer eine Aktentasche trägt, sich nie aus der Ruhe bringen lässt und die kompliziertesten Fälle löst, viele Jahre lang mit grossem Erfolg gespielt.
Wir treffen uns mit ihm, um die von ihm gegründete Peter-Sodann-Bibliothek zu besuchen. Sie befindet sich auf einem kürzlich renovierten Rittergut in Staucha im Freistaat Sachsen. Hier in dieser Ecke Sachsens haben ungefähr 4 000 000 Bücher aus der DDR eine Bleibe gefunden. Sodann hat erlebt, wie nach der Wende aus den Buchhandlungen und Bibliotheken Bücher lastwagenweise zur Deponie gebracht wurden. Und er erzählt:
«1989 kam ein kleines Mädchen zu mir und sagte: ‹Meine Eltern schicken mich, und Sie möchten bitte einmal zum Gewerkschaftshaus gehen.› Es ging um die Gewerkschaftsbibliothek Halle an der Saale. Da standen zahlreiche Lkw, und alles sollte raus, und da habe ich ihnen gesagt: ‹Ihr werft aber Eure Vergangenheit weg.› Da haben die zu mir gesagt, das wäre ihnen egal. Ich soll ihnen nicht im Weg stehen, sonst würde etwas passieren. Da bin ich natürlich weggegangen, und ab diesem Tag habe ich begonnen zu sammeln, weil ich meine Vergangenheit behalten möchte.»
Peter Sodann hat sich vorgenommen, etwas dagegen zu tun, dass ganze Bibliotheken kurzerhand vernichtet werden sollten. «Wir können doch nicht unsere eigene Geschichte entsorgen», sagt Sodann. 1989 rief er dazu auf, die Bücher nicht zu vernichten, sondern aufzubewahren. Viele Menschen folgten diesem Aufruf, und seitdem lagern Tausende von Büchern in Bananenkartons. Heute befindet sich das Motto «In den Bananenkisten des Westens schlummert das Wissen des Ostens» in dem kleinen Theater, das Peter Sodann in Staucha betreibt.
Es geht Peter Sodann darum, dass die Menschen die Geschichte nicht vergessen: «Das Vergessen ist die Mutter der Verwahrlosung». Viele seiner Freunde hätten zu Zeiten der DDR Bücher geschrieben, und nun seien sie schon in Vergessenheit geraten. Die Buchlandschaft in Ostdeutschland hat sich seit 1990 radikal verändert. Von den ehemals 150 staatlich lizenzierten Verlagen der DDR existiert in eigenständiger Form kaum noch ein Dutzend. Die Mitarbeiterzahl ist unter ein Zehntel gefallen. In diesem Teil Deutschlands wird heute weniger als ein Prozent des deutschen Buchumsatzes erzeugt.
Ist Peter Sodann nur ein alt gewordener, rückwärtsgewandter Kommunist mit DDR-Nostalgie? Lange Zeit ist Sodann gemeinsam mit Norbert Blüm aufgetreten. In vielen Punkten gibt es Parallelen in der Lebensgeschichte des Politikers Blüm und des Theaterintendanten Sodann:
«Also, der Blüm ist auch Werkzeugmacher, wie ich. Ich habe gelernt in den Elektrowerken Sonnewitz, das war ein volkseigener Betrieb, er hat bei Opel Werkzeugmacher gelernt.»
Beide haben viel über die Geschichte der DDR diskutiert. Peter Sodann erinnert sich an die Gespräche mit Norbert Blüm, daran, was er Blüm gesagt hat:
«Ich weiss um die vielen Fehler, die wir gemacht haben. Du weisst um die Fehler, die ihr gemacht habt. Wir werden eine lange Zeit brauchen, denn das, was wir erreichen wollen, hängt mit Bildung und Kultur zusammen. Es gab Ansätze in der Deutschen Demokratischen Republik, Ansätze in der Sowjetunion, Ansätze, überall da, wo etwas kommunistisch gedacht wurde oder zumindest in sozialistischem Sinn Gedachtes entstanden ist, da sind Ansätze vorhanden gewesen, ein gebildetes Volk, ein kluges Volk zu haben. Ich durfte von ganz unten noch einmal studieren. Da bin ich dem Staat dankbar, deswegen kann ich den nicht verdammen. Dass er mich dann noch eingesperrt hat und zu mir gesagt hat, ich sei ein Konterrevolutionär, wo ich doch keiner war, das ist eine andere Frage. Das kann ich denen sogar heute wieder verzeihen, so ist das. – Wenn ihr aber immer daran arbeitet, etwas gut zu machen, was nicht gut zu machen ist, weil es mit Geld zusammenhängt, und mit der Börse und mit einer Landverteilung, die gar nicht aufgehen kann … Darüber haben wir uns immer unterhalten.»
Peter Sodann nennt sich einen betenden Kommunisten:
«Warum soll ich denn nicht an Gott glauben? Wenn ich nach den 10 Geboten leben würde, dann würde ich Gott achten, denn der hat doch diese Erde geschaffen. Die ist rund und hat Seen und Flüsse und alles Mögliche. Und dann das Geschenk, das er uns gegeben hat, das muss man doch ordentlich behandeln. Na gut, dann lebe ich nach Gott, dann bete ich auch.»
Peter Sodann ist zuerst einmal Schauspieldirektor, Intendant und Schauspieler, kein Bibliothekar. Dennoch macht er sich an die Aufgabe der bibliographischen Erfassung der Titel aller Verlage in der DDR in allen Auflagen. Jedes Buch wird in zwei Exemplaren gesammelt: eines als Präsenzexemplar, das andere zum Verleihen. Die Bücher sind nach Verlagen geordnet. In der DDR gab es 150 staatlich lizenzierte Verlage. Peter Sodann hat damals ausgerechnet, wie viele Regalmeter man für die gesamte Buchproduktion dieser Verlage benötigt: Es sind zehn Kilometer Regale. Durch einen glücklichen Zufall konnte er die benötigten Regale ersteigern. Die deutsche Nationalbibliothek in Leipzig wurde umgestaltet. Da waren die alten Regale übrig und billig zu haben – Sodann musste nur etwas mehr bieten als die Schrotthändler.
Noch gibt es viele nicht ausgepackte Bücherkisten, und für das Projekt wäre viel Hilfe notwendig. Rechnet man das gesamte Lager mit, sind es um die vier Millionen Bücher. Mittlerweile sind 600 000 Bücher digital erfasst.
Im Jahre 2007 gründete sich der Verein «Peter-Sodann-Bibliothek e.V.». Zweck des Vereins ist die Förderung, Erhaltung und Erweiterung einer Sammlung von in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR von 1945–1990 erschienener Literatur. Diese soll in einer Präsenzbibliothek einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein. Der Verein tritt dafür ein, dass der fortlaufende Schwund durch die Vernichtung von Publikationen wie Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur, Wissenschaft, Kultur und Sport und vielem anderen aus der Zeit von 1945–1990 verhindert wird, und setzt sich für seine Erhaltung und Aufbewahrung ein.
Im März 2007 haben 15 Arbeitskräfte im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmassnahme begonnen, die Sodannsche Büchersammlung zu ordnen und zu katalogisieren. Im November 2007 begann ein zweites Projekt mit den gleichen Mitarbeitern.
Jetzt hilft ein junger Mann als Mitarbeiter des Bundesfreiwilligendienstes bei der Katalogisierung der Bücher. Obwohl noch viel zu tun ist, erhält der Besucher dennoch einen guten Einblick in die Struktur der Bibliothek. Man möchte gerne in die Tiefe der Bibliothek eintauchen und die Literatur begutachten.
Heute wird versucht, die Finanzierung der Bibliothek über den Verkauf von Büchern sicherzustellen (www.antiquariat-peter-sodann.de). Es gibt Bücher zu kaufen, die mehrfach vorhanden sind oder die nicht zum Sammlungsgebiet gehören, die also vor 1945 oder nach 1990 erschienen sind.
Auch heute noch liegt Peter Sodann das Theater ganz besonders am Herzen. Er war viele Jahre lang Schauspieldirektor des Theaters in Halle und baute über mehr als 20 Jahre eine Kulturinsel im Herzen der Stadt auf.
Hier in Staucha zeigt Sodann uns sein Theater in der Provinz, das ein politisches Theater sein soll. Die gesamte Decke ist mit alten Lampen aus DDR-Produktion vollgehängt. Sodann weiss, was im Zuschauerraum passiert, wenn das Licht angeht: Die Besucher erinnern sich an «ihre» Lampe, sie werden offen für die Vergangenheit und stellen sich auf das Theater ein.
Es ist zu hoffen, dass die geplante «Akademie gegen das Vergessen» demnächst mit ihrer Arbeit beginnen kann. Dann wird es auch in Staucha eine Kulturinsel mit Bibliothek, Theater und Forschungsstätte geben, die weit über den regionalen Bereich hinaus ihre Ausstrahlung haben wird. 25 Jahre nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des westdeutschen Grundgesetzes ist es an der Zeit, die DDR nicht weiter schwarz-weiss zu malen, sondern genauer hinzuschauen – den Menschen in der DDR und deren Leistungen gegenüber gerecht und gleichwertig gegenüberzutreten, ohne Besserwisserei. Das würde allen Deutschen guttun. «Kritische Aufarbeitung» heisst Ehrlichkeit und Respekt im Umgang mit der Geschichte und den kulturellen Leistungen der anderen. Uns war es eine Freude, Peter Sodann kennengelernt zu haben.    •

Den Menschen Hoffnung geben

«Den Menschen Hoffnung geben, aber nicht die Hoffnung der Wahlplakate, sondern die auf ein friedliches Leben ohne Terror und Gewalt, die Hoffnung auf ein Leben in tiefer Harmonie mit dieser Welt, das können und müssen wir. Wenn es denn diese Hoffnung noch gibt. Und es gibt sie, die Utopien für ein friedliches Zusammenleben der Menschen, davon bin ich fest überzeugt. Die einzige Möglichkeit, diese Welt aus der Misere von Kriegen, Hunger und Elend herauszuführen, ist Bildung und Kultur. Das ist keine bescheidene Aufgabe, aber eine notwendige.»

aus: Peter Sodann: Mai-Reden und andere Provokationen, März 2002: Bibliothek gegen das Vergessen, Stuttgart, ­2. ­Auflage 2008, aus dem Kapitel «Fragen eines ­lesenden Arbeiters», Seite 151

Bibliothek gegen das Vergessen

«Ich komme aus einem Leseland. Literatur war eine Enklave für Hoffnungen, Träume, Ideale. In den Büchern fanden die Auseinandersetzungen statt, die im wirklichen Leben gern verhindert wurden. Literatur wollte aufklären, stellte Zusammenhänge her, wo besser keine sein sollten. Bücher beschrieben den Alltag jenseits schönfärbender Ideologie. Die Autoren und Dichter wurden geachtet. Sie erhielten Preise und Auszeichnungen und Stasiakten, die mitunter mehr Seiten enthielten, als der Dichter je geschrieben hatte. So viel Aufmerksamkeit wurde ihnen gewidmet. Vielleicht zu Recht, denn in den guten Büchern, auch denen sowjetischer Autoren (wie Valentin Rasputin, Tschingis Aitmatow oder Wassili Schukschin), wurde schon gedacht und erzählt, was dann 1989 zur Wende führte.
Was einmal gedacht war, liess sich nicht verbieten, es war in der Welt und blieb in der Welt. Den Gedanken folgten Taten. Dann kam die Wende über Deutschland, das geteilte Vaterland wurde durch den Osten endlich wieder eins. Aber was geschah mit der Literatur des Ostens? In Halle an der Saale gab es ein Klubhaus der Gewerkschaften mit einer grossen Bibliothek, es gab ein Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft mit Bibliothek, es gab die Zweigstellen der Stadtbibliothek. Wichtig daran waren aber nicht die gesammelten und katalogisierten Bücher, sondern die Immobilien, die begehrt waren und verkauft werden sollten. Die Literatur war keine Lust mehr, sondern wurde zur Last. Lkw fuhren vor, wurden vollgeladen mit dem bedruckten und nun auf einmal wertlosen Papier und donnerten zur städtischen Müllkippe. Vorwärts und nicht vergessen? Damals kam mir die Bücherverbrennung der Nazis in den Sinn. Der Vorgang jetzt war allerdings viel unspektakulärer. Wen hat das schon interessiert? Es geschah in aller Stille, ohne Widerstand. Ich habe versucht, diesem Treiben Einhalt zu gebieten, aber es hat niemand auf mich gehört. Deshalb habe ich damals beschlossen, in irgendeiner Zeit und wenn es irgendwie geht, eine Bibliothek aufzubauen, in der alle Bücher stehen, die in der DDR seit dem 8. Mai 1945 bis zu Schabowskis bestem und vernünftigstem Ausspruch: «Die Mauer ist geöffnet», über oder unter den Ladentisch gegangen sind.»

aus: Peter Sodann: Mai-Reden und andere Provokationen, März 2002: Bibliothek gegen das Vergessen, Stuttgart, 2. Auflage 2008, Seite 130f.