Lehrplan 21: Medien und Informatik – wo bleibt die Medienkompetenz?

von Dr. phil. Bernadette Fontana

Medien gehören heute zum Lebensalltag. Sie bieten viele Möglichkeiten, beinhalten aber auch grosse Risiken und Gefahren. Damit müssen heutige Kinder und Jugendliche zurechtkommen. Auch die Schule muss sich der Aufgabe stellen und – in Unterstützung und Zusammenarbeit mit dem Elternhaus – den Heranwachsenden helfen, eine eigene, innerlich gefestigte Position für einen verantwortungsbewussten, nutzbringenden Umgang mit Medien zu entwickeln.

Je früher desto besser?

Schon früh wurde in die öffentliche Diskussion das Argument eingespeist, die rasante Entwicklung der neuen Technologien mache es nötig, den Kindern und Jugendlichen von frühester Kindheit den Umgang damit beizubringen, sonst hätten sie später Nachteile in ihrer beruflichen Laufbahn. Dazu gehört auch die seit längerem kursierende Redewendung der sogenannten «Halbwertszeit des Wissens», die den Lernprozess letztlich darauf beschränke, zu wissen, wo man etwas nachschaut. Angesichts der globalen wirtschaftlichen Entwicklung und der Sorge um Arbeitsplatz und Zukunft hat dieses Argument bei vielen Erziehenden gegriffen und ist auch heute noch – oft unhinterfragt – diskussionsbestimmend.

Lehrplan 21 – Medien und Informatik

Der Erwerb von Medienkompetenz ist als fächerübergreifender Modullehrplan «Medien und Informatik» im Lehrplan 21 enthalten mit folgender Zielsetzung:

«Sie [die Schülerinnen und Schüler, A. d.V.] können sich in einer rasch ändernden, durch Medien und Informationstechnologien geprägten Welt orientieren, traditionelle und neue Medien und Werkzeuge eigenständig, kritisch und kompetent nutzen und die damit verbundenen Chancen und Risiken einschätzen. Sie kennen Verhaltensregeln und Rechtsgrundlagen für sicheres und sozial verantwortliches Verhalten in und mit den Medien.»
Modullehrplan Medien und Informatik, Zielsetzungen1

Ein hoher Anspruch! Und wie ist der Weg dahin? Sind die Anforderungen des Lehrplans auf die entwicklungspsychologischen Gegebenheiten der Kinder und Jugendlichen abgestimmt? Gibt der Lehrplan 21 darauf schlüssige Antworten, oder bleiben die Formulierungen leere, ideologiegeprägte Worthülsen?

Anwendungskompetenzen genügen nicht!

Im Lehrplan 21 nehmen die sogenannten Anwendungskompetenzen den vorrangigen Platz ein. Dabei geht es um technische Aspekte der «Handhabung», «Recherche und Lernunterstützung» und «Produktion und Präsentation», die zum grossen Teil anhand von Themen und Projekten in Deutsch oder Natur, Mensch und Gesellschaft und Gestalten erworben werden sollen. Schon im Zyklus 1 (Kindergarten und 1. + 2. Klasse) sollen die Kinder erste Schritte in der Bedienung der Geräte machen. («Bereits zu Beginn des ersten Zyklus eröffnen analoge und digitale Medien vielfältige kreative Möglichkeiten», Didaktische Hinweise, Schwerpunkte zu Beginn des 1. Zyklus) Bereits sind Versuche mit Tablets in dieser Altersstufe – gesponsert von Samsung –, am Laufen (vgl. Zeit-Fragen 9/10, 31. März). Für die heutige Generation, die sogenannten Digital natives, ist das wohl das kleinste Problem. Wischen und tippen können bereits Dreijährige. Das macht sich die Medienindustrie schon lange zunutze, zum Beispiel bei der Vermarktung vom iPod-Touch. Auch das Eingeben von Suchbegriffen zur «Recherche und Lernunterstützung», wie es im Lehrplan 21 genannt wird, dürfte, ausser bei der Rechtschreibung, kein Problem sein. Die Frage ist jedoch, wie ein Kind mit den über zwei Millionen Internetquellen, die zum Beispiel unter dem Suchbegriff «Pinguin» angegeben werden, zurechtkommt und welche es für sein Referat sinnvollerweise nutzt. Dieser Anspruch ist ein Grundanspruch für Mittelstufenschüler (2. Zyklus: «Schülerinnen und Schüler […] können Informationen aus verschiedenen Quellen gezielt beschaffen, auswählen und hinsichtlich Qualität und Nutzen beurteilen», MI 1,2e). Um diese Fähigkeit zu erwerben, würde ein Kind entsprechende Vergleichsmöglichkeiten brauchen; es müsste die Zuverlässigkeit von Quellen abschätzen und vor allem den Text verstehen und gedanklich durchdringen können.
Aber gerade durch den frühen Einsatz der Technik in der Schule wird es den Kindern immer schwerer gemacht, diese Vergleichs­erfahrungen zu sammeln. Ihre Welt ist nicht weiter, sondern enger geworden. Sie brauchen uns Erwachsene beim Aufbau und der Entwicklung einer gesunden Urteilsfähigkeit. Das gehört zur Fürsorgepflicht und Verantwortung von uns Erwachsenen und kann nicht an Schutzprogramme delegiert werden. Anwendungskompetenzen, wie sie im Lehrplan 21 betont werden, genügen deshalb nicht und sind nur ein verschwindend kleiner Bruchteil von Medienkompetenz.

Digitale Medien als Werkzeug für das selbstorganisierte Lernen

Genauso wie alle anderen Gebiete im Lehrplan 21 steht auch der Modullehrplan «Medien und Informatik» vor dem ideologischen Hintergrund des pädagogischen Konstruktivismus; das heisst selbstorganisiertes Lernen und Kompetenzen sind die zentralen Elemente des Lernens. So heisst es unter anderem in den didaktischen Hinweisen: «Im Informatikunterricht hat das selbständige Entdecken einen ebenso grossen Stellenwert wie die Vermittlung von Wissen und Methoden.» (vgl. Informatik, Selbständiges Entdecken fördern) Man stellt – bildlich gesprochen – einen Nichtschwimmer an den Rande eines tiefen Wasserbeckens und sagt: «Spring mal ins Wasser und finde deinen persönlichen Weg, wie du schwimmen kannst!»
Entsprechend ist auch der Kompetenzaufbau vom Kindergarten bis zum Schulabschluss von der Idee des selbstorganisierten Lernens geprägt. Herumpröbeln am Computer und Fischen im Internet anstelle der Anleitung und mitmenschlichen Begleitung durch eine Lehrperson – ein Weg in die Einsamkeit mit all ihren psychischen Folgen, wie zum Beispiel dem nicht unerheblichen Risiko einer Suchtentwicklung. Aber für solche Probleme sind die Eltern zuständig: «Die erzieherische Verantwortung für die Mediennutzung der Kinder und Jugendlichen ausserhalb der Schule liegt bei den Eltern und Erziehungsberechtigten.» (vgl. Didaktische Hinweise, Medien)

Es beginnt mit Kochen, Backen und Tanzen …

«Die Schülerinnen und Schüler können einfache Problemstellungen analysieren, mögliche Lösungswege beschreiben und in Programmen umsetzen», der Aufbau dieser Kompetenz im Bereich Informatik beginnt bereits im Kindergarten und der Unterstufe beim Kochen, Backen, Spielen:
«… können formale Anleitungen erkennen und ihnen folgen (zum Beispiel Koch- und Backrezepte, Spiel- und Bastelanleitungen, Tanzchoreographien).» (vgl. MI 2.2 a)
Und wo bleibt da die Kindergärtnerin oder Unterstufenlehrerin, welche die Kinder bei diesen vergnüglichen und lehrreichen Tätigkeiten anleitet, dabei das gemeinschaftliche Tun pflegt und ihnen zeigt, wie man Freundschaften pflegt und im Team zusammenarbeitet? Wo ist die Klassengemeinschaft, die zusammen den Kuchen isst, den Eltern ein Tänzchen vorführt oder sich über die glänzenden Augen von denjenigen freut, die ihre Bastelarbeit erhalten haben. Werden hier kindliche Bedürfnisse und Entwicklungsaufgaben für den Aufbau computertechnischer Fertigkeiten instrumentalisiert?
Es geht mit den Schülerinnen und Schüler der 3. bis 6. Klasse weiter:
«… können Programme mit Schleifen, bedingten Anweisungen und Parametern schreiben und testen.» (vgl. MI 2.2 f)
Schliesslich endet dieser Kompetenzaufbau mit dem Grundanspruch an die Achtklässler:
«… können selbstentwickelte Algorythmen in Form von lauffähigen und korrekten Computerprogrammen mit Variablen und Unterprogrammen formulieren.» (vgl. MI 2.2 h)
Hier stellt sich zentral die Frage, ob der «Unterbau» für diese Fertigkeiten überhaupt vorhanden ist.

Medienkompetenz heisst nicht, den Computer «gebrauchen» können

Für einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem Computer braucht es weit mehr als die technische Handhabung. Das Interview mit Uwe Buermann (Seite II) zeigt deutlich, wie komplex die Anforderungen sind, denen sich ein Nutzer der digitalen Medien stellen muss. Bereits heute sind viele Schulen damit beschäftigt, die unerwünschten Folgen des Internetgebrauchs ihrer Schülerinnen und Schüler (wie zum Beispiel Cybermobbing) in den Griff zu bekommen. Selbstverständlich finden sich auch dazu Kompetenzstufen im Lehrplan 21, zum Beispiel für den 2. Zyklus:
«Die Schülerinnen und Schüler können Folgen medialer und virtueller Handlungen erkennen und benennen (zum Beispiel Identitätsbildung, Beziehungspflege, Cybermobbing).» (vgl. M 1.1 c)
Daraus würde sich bestimmt eine Testfrage fürs geplante Bildungsmonitoring ergeben. Wie hingegen die gefühlsmässigen Grundlagen dafür geschaffen werden, ist leider nicht zu finden.
Da hilft auch der Querverweis zu einer Kompetenzstufe aus «Natur, Mensch und Gesellschaft» nicht weiter, anhand welcher Themen sie diese Kompetenz erwerben können: «Schülerinnen und Schüler können Stereotypen und Vorurteile über Menschen mit anderen Lebensweisen hinterfragen, zum Beispiel auf dem Pausenplatz, in Medien, Politik». (vgl. NMG 7.1 e)
Medienerziehung ist eine wesentlich komplexere Angelegenheit. Soll sie nicht an der Oberfläche bleiben und sich auf theoretisch abfragbares Wissen beschränken, muss auf die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen in der Persönlichkeit des Kindes und Jugendlichen und die Reifeentwicklung der jeweiligen Altersstufe abgestimmt sein. Leider sucht man sie im Modullehrplan «Medien und Informatik» vergeblich!

Medienkompetenz geht nicht ohne Kulturfähigkeit und seelische Reife

Medienkompetenzerziehung ist anspruchsvoll und die eigenständige Nutzung des Internets steht am Ende dieses Prozesses. Die Voraussetzungen dafür können nicht am Computer erworben werden, sie sind aber das Fundament, ohne das es nicht geht. Medienkompetenz wird oft als «neue Kulturfähigkeit» bezeichnet. Uwe Buermann schreibt dazu:
«Wenn man die Medienkompetenz als neue Kulturfähigkeit bezeichnet, bedeutet dies nicht, dass die alten Kulturfähigkeiten damit überflüssig wären. Es ist wichtig, die Reihenfolge zu beachten: Nach der Ausbildung der klassischen Kulturfähigkeiten ist Medienkompetenz eine notwendige Fähigkeit der Gegenwart. Wie gezeigt wurde, ist die Ausbildung anderer Fähigkeiten ein wesentlicher Baustein der Medienkompetenzerziehung. Wer den Kindern von heute den Einstieg in die Zukunft sichern will, muss darauf achten, dass die Grundfähigkeiten ausgebildet werden! Natürlich gehört der Computer in die Schule, aber nicht als Ersatz für bisherige Erziehungskonzepte, sondern als Ergänzung im Jugendalter.»2
Das heisst, ein stabiles Fundament in Deutsch, Mathematik und ein gutes Allgemeinwissen sind Voraussetzungen dafür, dass junge Menschen mit einem guten Bildungsrucksack und erweiterten Interessen für die Menschen und die Welt heranwachsen. Dazu gehören gesicherte Grundlagen in der Mathematik, die das Verständnis für die Gesetzmässigkeiten der Computer ermöglichen. Genauso wichtig ist das souveräne Beherrschen der Muttersprache und eine breite Allgemeinbildung, die weit mehr umfasst als abfragbares Anwenderwissen. Ähnliches gilt auch für die Handschrift, eine wichtiges Kulturgut, womit nicht nur die Verbindung zum Mitmenschen in sehr persönlicher Art gestaltet werden kann, sondern auch eigene Gedanken spontan geordnet und entwickelt werden können. Die Ausbildung dieser Grundfähigkeiten (Schreiben, Lesen, Rechnen, eigenständiges Denken) ist also ein wesentlicher Bestandteil der Medienkompetenzerziehung und muss unabhängig vom Computer zentraler Inhalt schulischer Bildung bleiben. Genauso wenig können Sozialkompetenz, Verantwortungsbewusstsein, Empathie, Kreativität an den Medien gelernt werden, sondern sie brauchen die gefühlsmässige Auseinandersetzung in der Beziehung zum Du. Hier haben Elternhaus und Schule eine gemeinsame Aufgabe. Wir Erwachsenenen müssen den Heranwachsenden die Zeit und die Möglichkeit geben, sich diesen Entwicklungsaufgaben zu stellen. Schluss­punkt einer solchen Entwicklung ist Medienkompetenz, die ihren Namen verdient.

Zurück auf Feld 1

Medienerziehung beinhaltet deshalb als erstes den sorgfältigen Aufbau von intellektuellen und emotionalen Grundfähigkeiten. Der Computer kann dann zur Bewältigung komplexerer Aufgaben verwendet werden. Wird dieser Schritt zu früh oder auf einem löchrigen Fundament gemacht, so ist das ein Eigentor für alle, die den frühen Einsatz von digitalen Medien in den Schulen als Zukunftsmodell fordern, wie das der Lehrplan 21 macht. Damit wäre auch den Lehrmeistern und Arbeitnehmern mehr gedient, auch wenn die Arbeit am Computer heute bei vielen Berufen dazugehört (was zur Forderung nach frühem Computergebrauch in der Schule verleitet). Der Lehrplan 21 hat die Chance zu einer kompetenten Medienerziehung verpasst, und man kann nur sagen: Zurück auf Feld 1! Vielleicht würde es sich in einem zweiten Anlauf lohnen, über den Tellerrand zu schauen auf das Medienkonzept der Stadt Wil3, das ausgereift alle diese Aspekte berücksichtigt und bereits 2012 zur Erprobung bereitstand.    •

1    Die Zitate aus dem Lehrplan 21 sind stets dem Modullehrplan «Medien und Informatik» entnommen, fortan werden nur noch die Detailbezeichnungen aufgeführt.
2    www.erziehung-zur-medienkomptenz.de  (abgerufen 24.4.2015)
3    Schulrat der Stadt Wil. Konzept Medienkompetenz an den Schulen der Stadt Wil. Basisinformationen und Massnahmen für eine sinnvolle Nutzung neuer Medien zu Hause und in der Schule. Wil 2012. www.erziehung-zur-medienkomptenz.de (abgerufen 24.4.2015)
Verwendete und weiterführende Literatur und Internetseiten:
Lehrplan 21, Medien und Informatik. www.lehrplan.ch
Schlussbericht der Arbeitsgruppe zu Medien und Informatik im Lehrplan 21. www.lehrplan.ch 
Buermann, Uwe. Aufrecht durch die Medien. Chancen und Gefahren des Informationszeitalters und die neuen Aufgaben der Pädagogik. 2007. Verlag Flensburger Hefte. ISBN 978-3-935679-38-1
www.erziehung-zur-medienkomptenz.de  (Homepage von Uwe Buermann, hier finden sich diverse seiner Artikel, abgerufen 21.4.2015)
https://soundcloud.com/stadtfilter/computer-schon-im-kindergarten   (Interview Uwe Buermann zum LP21, abgerufen am 21.4.2015)
Bergmann, Wolfgang. Die Welt der neuen Kinder. Erziehen im Informationszeitalter. Düsseldorf 2000. ISBN 3-530-30061-6
Jugend und Medien. Nationales Programm zur Förderung von Medienkompetenzen (Hrsg.) Eukids Online: Schweiz. Schweizer Kinder und Jugendliche im Internet: Risikoerfahrungen und Umgang mit Risiken. März 2013. www.jugendundmedien.ch/de/speziell/suche.html?q=eukids (abgerufen 21.4.2015)
Felber, Ursula und Eliane Gautschi. Die Trojanische Maus. Lernen für die Zukunft. Komitee für eine demokratische Volksschule Zürich. 2002.
www.geschichtenausdeminternet.ch
Görig, Carsten. Gemeinsam einsam. Wie Facebook, Google & Co. unser Leben verändern. Zürich. 2011. ISBN 978-3-280-05422-2.
Greenwald, Glenn. Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen. München 2014. ISBN 978-3-426-27635-8
Heuer, Stefan und Pernille Tranberg. Mich kriegt ihr nicht! Gebrauchsanweisung zur digitalen Selbstverteidigung. Hamburg 2013. ISBN 978-3-86774-243-6
Schulrat der Stadt Wil. Konzept Medienkompetenz an den Schulen der Stadt Wil. Basisinformationen und Massnahmen für eine sinnvolle Nutzung neuer Medien zu Hause und in der Schule. Wil 2012. www.erziehung-zur-medienkompetenz.de (abgerufen 24.4.2015)
Stoll, Clifford. Logout. Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien. Frankfurt am Main. 2001.
ISBN 3-10-040220-0
Turkle, Sherry. Die Wunschmaschine. Der Computer als zweites Ich. Hamburg 1986