Wo sind die Stimmen des humanitären Gewissens der Menschheit?

Thierry Meyssan zeigt in seinem Artikel (Zeit-Fragen vom 26. Mai) auf, dass die aktuellen Konflikte im Nahen und Mittleren Osten geplant und gewollt sind. Mit den Dokumenten der amerikanischen Organisation Judicial Watch liegt das schwarz auf weiss auf dem Tisch: Die Westmächte, die Türkei und die Golf-Staaten, die sich gerne als «Freunde Syriens» bezeichnen, haben die Errichtung eines islamistischen Regimes im Osten Syriens unterstützt – angeblich, um die offizielle, durch das syrische Volk gewählte Regierung unter Baschar al-Asad zu stürzen, und zwar gemeinsam mit der Terrorgruppe al-Kaida: «The West, Gulf countries and Turkey support the opposition […]. Al Qaeda Iraq (AQI) supported the Syrian opposition from the beginning, both ideologically and through the media […]. If the situation unravels there is the possibility of establishing a declared or undeclared salafist principality in eastern Syria (Hasaka and Deir Zor), and this is exactly what the supporting powers to the opposition want, in order to isolate the Syrian regime.» (Der Westen, die ­Golf-Staaten und die Türkei unterstützen die Opposition […]. Al‑Kaida Irak unterstützte die syrische Opposition von Anbeginn an sowohl ideologisch als auch medial […]. Wenn sich die Situation entflechtet, dann besteht die Möglichkeit der Schaffung eines deklarierten oder undeklarierten salafistischen Fürstentums im Osten Syriens – Hasaka, Deir Zor –, und das ist es genau, was die die Opposition unterstützenden Mächte wollen, um das syrische Regime zu isolieren).1,2 Damit ist klar, dass wir es im aktuellen Konflikt in Syrien wie auch im Irak mit einem Vorgehen zu tun haben, das von aussen unterstützt wurde und immer noch wird.
Uns weismachen zu wollen, es handle sich in Syrien und im Irak um einen religiösen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, der schon seit Jahrhunderten schwele, ist eine Verkennung der historischen Tatsachen und nicht haltbar. Tatsache ist, dass die beiden Gruppen trotz religiöser Differenzen doch überwiegend in Frieden und in gegenseitiger Achtung miteinander gelebt haben.
Nach ihren Untaten in Afghanistan, dem Irak und Libyen mit einem Blutzoll von mehreren hunderttausend Menschen haben die oben genannten Mächte so ein weiteres Mal ein Land destabilisiert, anarchische Zustände hervorgerufen und die Bevölkerung einem beispiellosen Terror ausgeliefert. Sie haben sich damit massiver Verletzungen der Menschenrechte schuldig gemacht. Wenn nun als Ergebnis dieser ­Politik die Terrormilizen in der Levante an Boden gewinnen, dann darf dies aber nicht als Vorwand benutzt werden, die verfehlte Politik des Interventionismus weiterzuführen, wie es uns in vielen Medienberichten der letzten Tage in manipulativer Weise nahegelegt wird. Unsere Mitmenschen in der Levante dürfen nicht weiter als blosse Schachfiguren in einem geopolitischen Manöver angesehen werden, in dem man intervenieren kann, wenn es den eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen zugute kommt. Nein, die Einmischung von aussen hat zu stoppen.
Es muss alles getan werden, um einen Dialog der Konfliktparteien zu ermöglichen, wie es die Genfer Konferenz schon angedacht hat. Die Krise muss am Verhandlungstisch mit allen gelöst werden, nur das kann den Boden für einen nachhaltigen Frieden bereiten.
Die verantwortlichen Eliten der den Terror unterstützenden Staaten gehören vor den Menschenrechtsgerichtshof in Den Haag. Sie werden sich für ihre Straftaten verantworten müssen.
Die Medien in den westlichen Ländern, deren Aufgabe es wäre, offen und ehrlich zu informieren, müssen innehalten und darüber nachdenken, wo sie sich manipulieren liessen und warum sie in einem internen Konflikt, der von Anfang an sehr undurchsichtig war, nicht mehr dem Prinzip «audiatur et altera pars» – auch die andere Partei muss angehört werden – gefolgt sind. Das Prinzip «audiatur et altera pars» wäre darüber hinaus auch auf die Berichterstattung über andere Krisenherde wie zum Beispiel die Ukraine zu empfehlen3 und würde einen Beitrag zum Weltfrieden darstellen.
Wir Bürger dieser westlichen Staaten, die den Terror in der Levante mitfinanzieren und unterstützen, müssen unaufhörlich gegen dieses Vorgehen protestieren, mit allen Mitteln, die wir zur Verfügung haben. Wir müssen verlangen, dass diese Unterstützung des Terrors aufhört, damit unsere Brüder und Schwestern im Nahen Osten – der Wiege unserer Zivilisation – nicht weiter mit unseren Steuer­geldern gefoltert, vergewaltigt, ethnisch gesäubert, mit Bomben überzogen und ihres gesamten kulturellen Erbes beraubt werden.
Jede Stimme, die sich gegen diese Barbarei und ihre Unterstützer in der westlichen Welt erhebt, ist eine Stimme des humanitären Gewissens der Menschheit. Der neueste Spin, dass die Regierung Asad Nutzniesserin des IS sei und diesen unterstütze, ist unhaltbar. Die Taktik, den Bock zum Gärtner machen zu wollen, zieht nicht mehr.

Leserzuschrift
Carola und Johannes Irsiegler, Gräslikon

1    http://www.globalresearch.ca/defense-intelligence-agency-create-a-salafist-principality-in-syria-facilitate-rise-of-islamic-state-in-order-to-isolate-the-syrian-regime/5451216 ; 22.5.15
2    http://www.judicialwatch.org/press-room/press-releases/judicial-watch-defense-state-department-documents-reveal-obama-administration-knew-that-al-qaeda-terrorists-had-planned-benghazi-attack-10-days-in-advance/ ; 18.5.15
3    siehe auch Krone-Schmalz, Gabriele: Russland verstehen, München 2014