«Du sollst nicht töten – Mein Traum vom Frieden»

Buchbesprechung von Dr. phil. Henriette Hanke Güttinger

Auf Jürgen Todenhöfer wurde ich aufmerksam anhand seines Berichtes aus dem letzten Krieg gegen Gaza. Er schrieb über die Folgen der Bombardierungen für Kinder, Frauen und Männer, eine Schilderung, wie man sie nur in wenigen Medien findet. Sie berührt zutiefst und lässt nachempfinden, was solche Angriffe für das Leben jedes Einzelnen bedeuten. Im März fand ich in einer Auslage Todenhöfers Taschenbuchausgabe «Du sollst nicht töten – Mein Traum vom Frieden». Wann immer ich etwas Zeit fand, habe ich darin gelesen. In Jürgen Todenhöfer finden wir einen Menschen, dessen tiefste Überzeugung sich in den schlichten Zeilen des Buchtitels ausdrückt. Die Entwicklung, die zu seinem beherzten Einstehen gegen den Krieg und für eine friedlichere Welt geführt hat, wird bei der Lektüre für den Leser emotional nachvollziehbar. 1940 geboren, hat er die Schrecken des Krieges erlebt: «Was ich nie vergessen werde, ist das Beben der Erde, die brennenden Menschen, die blutrot leuchtende, sterbende Stadt meiner Eltern. Das ist also Krieg. Wir Deutschen haben ihn angefangen. Aber darf man deshalb Städte verbrennen und Kinder töten? […] Vielleicht ahnte ich damals zum ersten Mal, dass es keine anständigen Kriege gibt.» (S. 34)
Die Frage von Krieg und Frieden hat Todenhöfer ab da immer bewegt und begleitet. Als er als Student in Paris die massiven Auseinandersetzungen für und gegen die französische Kolonialpolitik in Algerien miterlebte, reiste er 1960 nach Algerien, um sich «vor Ort ein Bild von der Lage zu verschaffen». (S. 35) Im Zug von Algier nach Constantine hörte er mit, wie sich deutsche und englische Fremdenlegionäre mit ihren Massakern an der algerischen Bevölkerung und den FLN-Rebellen brüsteten, was ihn zutiefst erschütterte: «‹Warum ist das, was im eigenen Land ein schändliches Verbrechen ist, ausserhalb der Grenzen eine Heldentat?› Das wurde zu einer der wichtigsten Fragen meines Lebens.» (S. 39)
Als 1973 in der «Londoner Times» über ein Armeemassaker in der portugiesischen Kolonie Mosambik berichtet wurde, reiste der Bundestagsabgeordnete Todenhöfer hin und recherchierte vor Ort. Zurück in Deutschland bestätigt er die Verantwortung der Armee für das Massaker. Gleichzeitig verurteilt er aber auch die Gewaltakte der Befreiungsbewegung Frelimo gegenüber der Zivilbevölkerung. Auch wer für eine gerechte Sache kämpfe, habe das Humanitäre Völkerrecht zu achten – so die Einsicht von Todenhöfer. (S. 45–49)
Anhand weiterer Reisebeschreibungen zeichnet Todenhöfer die wechselvolle Geschichte Afghanistans nach – seit dem Einmarsch der Sowjets von 1979 bis in die heutige Zeit – und bettet sie ein in den geo­politischen Zusammenhang westlicher Interessen. (S. 64–67) Todenhöfer sucht immer das Gespräch mit den Menschen vor Ort. Damit gibt er dem Leser berührende Einblicke in das Leben, Denken und Fühlen der afghanischen Bevölkerung und in ihr unermessliches Leiden. Dabei bleibt er jedoch nicht stehen. Immer leistet er einen konstruktiven, in die Zukunft gerichteten Beitrag zur Verbesserung wie folgende Beispiele zeigen.
2008 liest Todenhöfer in Kabul in einer afghanischen Zeitung, dass die US-Armee in Asisabad 30 Taliban getötet habe. Bilder des afghanischen Fernsehens zeigen ein anderes Bild; getötete Kinder und Greise. Da der Sprecher der US-Armee bei seiner Darstellung bleibt, recherchiert Todenhöfer selber und erfährt, dass im Dorf Asisabad eine Gedenkfeier für den Bruder von Gul Ahmad stattfinden sollte, der vor einiger Zeit von Isaf-Truppen getötet worden war. In der Nacht vor der Gedenkfeier sei das Dorf mit «Granaten und Raketen» beschossen worden. «Dann seien GI’s gekommen. Stundenlang hätten sie die Überlebenden daran gehindert, den Verletzten zu helfen und die Toten aus dem Schutt zu graben.» – so Gul Ahmad, der in dieser Nacht 75 Angehörige verloren hat. Am Tag darauf spricht Todenhöfer mit Präsident Karsai, den er seit 1989 persönlich kennt, und fordert ihn auf, bei den Amerikanern gegen solche Massaker zu protestieren. «Von diesem Tag an protestiert Karsai bei Angriffen der Nato auf afghanische Zivilisten noch kompromissloser. Und von da an bezeichnen ihn führende amerikanische Politiker zunehmend als Problem.» (S. 71)
2009 bleiben zwei Tanklastzüge, die die Taliban gekapert haben, in einer Furt des Kunduz stecken. Aus den umliegenden Dörfern laufen Erwachsene und Kinder herbei. Im nahegelegenen Bundeswehrcamp verfolgt Oberst Klein, «Kommandeur des ‹regionalen Wiederaufbauteams›» den Vorgang am Bildschirm. «Er meldet wahrheitswidrig ‹Feindkontakt› und fordert US-Bomber an. Die Jets übertragen in Echtzeit Filmaufnahmen auf Kleins Kommandostand. Der Oberst sieht, dass sich zwischen den beiden Tanklastwagen viele Menschen aufhalten. Zeitweise sind es mehrere hundert bettelarme Afghanen – Erwachsene und Kinder. Es gibt Treibstoff. Viele können sich so etwas schon lange nicht mehr leisten. Aus über einem Dutzend Dörfern sind sie herbeigeeilt. Fünfmal schlagen die Besatzungsmitglieder der US-Jets vor, die Menschen durch Tiefflüge zu vertreiben.» Oberst Klein lehnt ab und besteht auf Bombardierung. Später meldet er, man habe 54 Aufständische getötet. Zivilisten seien nicht betroffen. (S. 84) Todenhöfer hat diesen ungeheuerlichen Vorgang anlässlich einer Talkshow des deutschen Fernsehens anhand von Fotos dokumentiert: «Ich habe die Fotos in jener Sendung hochgehalten, um das wahre Bild des Krieges zu zeigen. […] Der ‹Kollateralschaden› ist das wahre Gesicht des Krieges. Oberst Klein ist inzwischen zum Brigadegeneral befördert worden. Welch unglaubliche Verhöhnung der Opfer, der Grundwerte unseres Landes und der Bundeswehr! […] Bis heute war kein Mitglied der Bundesregierung bei den Opferfamilien von Kunduz. Kein Minister hat sich jemals bei den Angehörigen entschuldigt. Welche Schande!» (S. 87) Damit begnügt sich Todenhöfer aber nicht. Er sieht sich mit in der Verantwortung, einen Beitrag zur Wiedergutmachung zu leisten. Er veranlasst den Bau von Waisenhäusern in Kabul. 2012 kann das zweite mit dem bezeichnenden Namen «Haus der Hoffnung» bezogen werden «von 13 Mädchen und 17 Jungen, die ihre Väter oder Brüder bei dem von Oberst Klein befohlenen Luftangriff auf Kunduz verloren hatten». (S. 98) Bei der Einweihung berichtet Todenhöfer den Kindern, dass «viele Menschen in Deutschland traurig seien über den Angriff in Kunduz.» «Im Namen dieser Menschen entschuldige ich mich. […] Dann sage ich ihnen, was ich von ihnen erwarte: Fleiss und Freundlichkeit gegenüber ihren Mitmenschen. Ich bitte sie mitzuhelfen, eine schönere Welt aufzubauen.» (S. 106)
Um zwischen den Kriegsparteien Friedensgespräche zu vermitteln, führte Todenhöfer Gespräche mit Präsident Karsai und suchte verschiedene Führer der Taliban auf. (S. 76–82) Es ist diese zukunftsgerichtete Haltung von Todenhöfer, die für den Leser eine seelische Wohltat ist und ihn darin bestärkt, Missstände nicht nur zu beschreiben, sondern sich auch aktiv für eine Veränderung einzusetzen.
Todenhöfers ausführliche Beschreibung der Reisen in die Kriegsgebiete in Libyen und Syrien sowie nach Ägypten und nach Iran geben wichtige Einblicke sowohl in ­politische Zusammenhänge wie auch in den dortigen Alltag. Todenhöfer beschreibt auch seine Bemühungen, zwischen den USA und Iran zu vermitteln. Ebenso sind Todenhöfers Gespräche mit dem syrischen Präsidenten Assad über eine mögliche Friedenslösung Thema.
Obwohl Todenhöfer die Fakten in den Kriegsgebieten ungeschönt darlegt und seine Reisenbeschreibungen unter anderem im kriegsgeschüttelten Syrien und Libyen das grosse Leid der Zivilbevölkerung zum Thema haben, ist «Du sollst nicht töten» ein zutiefst ermutigendes Buch. Mit Todenhöfers gelebtem Nein zu Krieg und Gewalt, mit seinem Einstehen dafür, dass Konflikte am Verhandlungstisch gelöst werden müssen, werden beim Leser Mut und Zuversicht gestärkt, dass eine friedlichere Welt möglich ist und jeder dazu seinen Beitrag leisten kann. Das entspricht auch dem optimistischen Ausblick Todenhöfers: «Wir haben die Sklaverei, die Hexenverbrennung, den Kolonialismus, den Rassismus und die Apartheid überwunden. Wenn es uns gelingt, auch noch den Krieg zu ächten, hat die Menschheit einen grossen Schritt nach vorne getan.»    •

Jürgen Todenhöfer. Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden. München 2015.
ISBN 978-3-442-74866-2

«Die Dämonisierung des Gegners»

«Die Vorbereitung eines Krieges beginnt meist mit der Dämonisierung und Kriminalisierung des Gegners. […] An der Dämonisierung von Gegnern wird oft jahrelang systematisch gearbeitet. Vor allem wenn das ‹Hauptverbrechen› des Feindes darin besteht, dass er sich nicht den strategischen Zielen des US-Imperium unterwirft. […] Oft werden ganze Völkergruppen und Kulturen dämonisiert. Früher Juden, heute Muslime. Obwohl kein muslimisches Land in den letzten 200 Jahren jemals den Westen angegriffen hat […].» (Du sollst nicht töten, S. 114)