Kraftwerk Schweiz

von Dr. Ing. Ernst Pauli

Anton Gunzinger* hat in seinem Buch «Kraftwerk Schweiz – Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft» nachgesehen und nachgeforscht, was es mit der Energiestrategie der Schweiz auf sich hat. Er hat sich als Bürger, als fähiger Ingenieur und realistischer Unternehmer selber den Auftrag gegeben, die Szenarien einer zukünftigen Energiestrategie durchzudenken und durchzurechnen.
Zunächst schildert er seinen persönlichen Werdegang, seinen Weg von einem Bauernhof im Jura zu internationaler Anerkennung als Wissenschaftler und Ingenieur und zur Führung eines Unternehmens im Bereich der Informationstechnologie. Dieser Werdegang erklärt seine persönliche immer noch bodenständige Werthaltung. Er sieht die Verpflichtung, die Ressourcen dieser Welt gegenüber kommenden Generationen zu schonen. Nicht zuletzt kommt seine menschliche Haltung in der sehr ansprechenden Gestaltung des Buches zum Ausdruck. Zwischen den Kapiteln sind von seiner Frau und einem Freund gestaltete «Intermezzi mit schönen Texten und Bildern» eingefügt, die «wie kleine Ruhe­inseln im komplexen Meer der Energiematerie zum Innehalten und Verlüften des Kopfes einladen». In seiner Rolle als ETH-Professor und Unternehmer mit Tätigkeiten in der Software-Entwicklung für komplexe Systeme konnte er zusammen mit seinen Mitarbeitern dieses Buch erarbeiten. Er möchte «zum selber Denken und insbesondere selber Handeln» anregen, dann habe sich «unsere Arbeit mehr als gelohnt».
Gunzinger konzentriert sich, anders als viele andere zu diesem Thema, zunächst einmal auf ethische Fragen. Er stösst in seiner Auseinandersetzung mit der Energiestrategie auf die Frage der Gemeingüter und die Arbeiten von Elinor Ostrom. Die Gemeingüter oder Allmenden, das sind Öl, Gas, Kohle und Uran, unsere Luft und unser Wasser. Er betrachtet die Energieversorgung und Stromwirtschaft aus diesem Blickwinkel. So bleibt er nicht bei den in der öffentlichen Diskussion der Energiewende gewälzten Fragen von Kosten, Profit und der Sicherung unseres energieintensiven bequemen Lebensstandards stehen, sondern ordnet die Fragen auf eine verständliche und nachvollziehbare Art in einem Gesamtkontext ein.
Es öffnet den Blick, wenn Gunzinger feststellt und anhand von Daten belegt, dass die Sonneneinstrahlung pro Fläche in den Schweizer Bergen der Sonneneinstrahlung in der Sahara durchaus vergleichbar ist. Photovoltaik in der Schweiz ist also nicht weniger sinnvoll als in der Sahara. Er zeigt auch in seinen Modellrechnungen auf, dass die Schweizer Speicherseen bei gezieltem und klug verwaltetem Wasserverbrauch erheblich zur Stromversorgung der Schweiz beitragen können. Mit weiterem Ausbau der erneuerbaren Energien lässt sich durchaus eine Selbstversorgung erreichen. Es fehlt hier nicht der Hinweis, dass unsere Vorfahren die Gegebenheiten des Landes klug zu nutzen wussten und mit der Wasserkraft wesentliche Grundsteine für die Energieversorgung gelegt haben. Man versteht, dass für Gunzinger eine Wende zu erneuerbaren Energien, ein Kraftwerk Schweiz ohne Kernkraftrisiken oder fossile Energieerzeugung, ein realistisches, erreichbares Ziel ist.
Seine Modellrechnungen gehen weit über die Ziele der Energiestrategie 2050 hinaus: Unter anderen sieht er eine mögliche Reduktion des Verbrauches an nicht erneuerbaren fossilen Energien auf 10 % des heutigen Wertes als machbar an. Er stellt dies sehr anschaulich dar: Der Heizöltank des Einfamilienhauses wird nur noch alle 10 Jahre zu füllen sein und das Auto wird nur noch alle 5 Monate betankt. Er sieht eine Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien von heute 20 % auf 90 % auch im Bereich der Hausheizungen und des Verkehrs ausschliesslich auf der Basis von heute verfügbaren Technologien als machbar an. Und natürlich ist ihm klar, dass bei zunehmender Knappheit von Öl und Gas mit stetig steigenden Marktpreisen und steigender Abhängigkeit vom Ausland eine Wende zu erneuerbaren Energien im Vergleich kostengünstig sein wird und die Souveränität der Schweiz sichern hilft. Nicht zuletzt biete sich die Chance für eine Technologieführerschaft für die Schweiz, Grundlage für wirtschaftliches Wohlergehen.
Gunzinger vermittelt in einigen technischen Kapiteln, lesbar für den Laien, wie der Strom erzeugt wird, wie das «System Stromerzeugung» mit Kraftwerken, Stromnetzen und Stromverbrauchern heute und in Zukunft aussehen kann. Kern des Buches sind verschiedene Modellrechnungen zur Stromproduktion in der Schweiz, die vom Fachmann für Systemdesign mit den entsprechenden Annahmen, «Spielregeln», übersichtlich vorgestellt werden. Grundlastkraftwerke, Laufwasser, Kehrrichtverbrennung und Kern­energie (so lange sie noch am Netz ist) liefern permanent ins Netz. Biomasse-Kraftwerke liefern nur im Winter, da das Brennmaterial gespeichert werden kann. Photovoltaik-Strom wird gebraucht, wenn er da ist. Speicherung soll vor allem mit Batterien und erst sekundär mit Pumpspeicherwerken erfolgen. Erst zum Schluss wird das Wasser aus herkömmlichen Stauseen angezapft. So steht der Gedanke des sparsamen Umgangs mit Ressourcen und nicht der maximale Profit aus dem Betrieb der Anlagen im Vordergrund.
Die Modellrechnungen starten beim «weiter wie bisher» und beziehen sukzessive und jeweils zusätzlich Photovoltaik, Windenergie, Biomasse und Stromspeicherung mit ein. Reine Solartechnik reicht unter den Modellannahmen nicht aus, um die Schweiz mit Strom zu versorgen, aber bereits in der Rechnung «gut ausgebauter Photovoltaik (18 GW installierte Leistung) und mässig ausgebauter Windkraft (4,5 GW)» wäre sommers wie winters die Stromversorgung der Schweiz sichergestellt. In den weiteren Rechnungen ist die Stromversorgung der Schweiz immer möglich, und es fällt wegen der breiteren Erzeugungstechnik weniger nicht verwertbarer Spitzenstrom an. Besonders durch dezentrale Speicherung von erzeugtem Strom in Batterien und die «smarte» Beeinflussung des Stromverbrauchs wird das System stabiler.
40 Seiten Anhang mit vielen detaillierten technischen Informationen geben dem technisch Interessierten Hintergrundwissen, über die Risiken der Kernenergie, die Endlichkeit der Ölvorräte und viele Aspekte der Energiewende, so dass eine breite, ausgewogene Sicht der Dinge entstehen kann.
Gunzingers Buch sticht aus den Darstellungen der eifrigen Systemverteidiger, aus den Darstellungen der eifernden Umweltschützer heraus mit breiten, ausgewogenen und sachlichen Überlegungen, Szenarien und nicht zuletzt mit einem ethisch klaren Standpunkt. Seine Lektüre ist deshalb mehr als nur Information.    •
Anton Gunzinger, Kraftwerk Schweiz – Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft, Zytglogge (Mai 2015), ISBN 978-3729608887

* Anton Gunzinger, geboren 1956 in Welschenrohr SO, absolvierte das Studium zum Elektroingenieur an der ETH auf dem zweiten Bildungsweg. Seine Dissertation schrieb er zum Thema «Parallele Bildverarbeitungsrechner». Für diese Arbeit wurde er mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Als Oberassistent der ETH Zürich entwickelte er mit seinem Team das Multiprocessor System with Intelligent Communication (Music-System) und war damit im Final der Weltmeisterschaft der schnellste Rechner der Welt, um den Gordon Bell Award. 1993 gründete er die Firma Supercomputing Systems AG, scs, mit Sitz im Technopark Zürich.