Wie Samedan den Flaz Mores lehrte

Erste Gebirgsflussverlegung – heute internationales Vorzeigestück

von Heini Hofmann

Samedan im Engadin, bekannt durch seinen Gebirgsflugplatz und das höchstgelegene Akutspital Europas, hat noch einen weiteren Trumpf: Im Rahmen des Hochwasserschutzes wurde hier alpenweit die erste Gebirgsflussverlegung realisiert, ein spektakuläres Jahrhundertbauwerk mit Signalwirkung, das rückblickend zeigt, dass da, wo ein gemeinsamer Wille, auch ein Weg ist.
«Il fö e l’ova sun buns servituors, ma noschs patruns» («Das Feuer und das Wasser sind gute Diener, aber schlechte Herren»), sagt eine alte romanische Weisheit. Will heissen: So wie ohne Wasser kein Leben möglich ist (Wassernot), so können entfesselte Wasser Tod und Zerstörung bringen (Wassersnot). Das weiss man in Samedan, das sinnigerweise den Wassermann in seinem Wappen führt, aus bitterer Erfahrung.
Deshalb musste gehandelt werden: Mutige Entscheide sowohl der Verantwortlichen als auch der Bevölkerung liessen in nur vier Jahren (2002–2006) ein wasserbautechnisches Jahrhundertwerk realisieren, das, wie der damalige Gemeindepräsident und Promotor Thomas Nievergelt heute nicht ohne Stolz vermerkt, «vorbildhaft für Sicherheit, Lebensqualität und Natur steht».

Zwei extrem ungleichartige Flüsse

Die Gründerväter von Samedan hatten etwas überlegt, als sie für ihr Dorf eine Terrasse über der Ebene wählten, geschützt vor Lawinen und Hochwasser. Hier war man sicher. Doch das änderte sich anfangs des 20. Jahrhunderts, als man die Gefahren zu unterschätzen begann und sich die Siedlung in die Ebene ausdehnte. Denn hier bahnten sich auch zwei ganz unterschiedliche Gebirgsflüsse ihren Weg, der abgeklärte Inn und der ungebärdige Flaz.
Während der Inn, abtempiert durch die Engadiner Seen, nur mit gedämpften Hochwasserspitzen aufwartet und praktisch kein Geschiebe mitführt, transportiert der Flaz aus der Bernina-Region, gespiesen durch Bernina- und Rosegbach, grosse Mengen an Sand und Steinen. Er ist denn auch verantwortlich für die fast 70 Meter mächtige Schwemmebene von Samedan, entstanden durch unzählige Hochwasserereignisse seit der letzten Eiszeit.
Grosse Gefahr für Samedan bestand vor allem dann, wenn – gewöhnlich im August oder September – grossräumige, überregionale Niederschlagsereignisse eintraten, die den Flaz zum wilden Wasser werden liessen. Ein Ausbruch des Gletscherwassers unterhalb des Roseggletschers konnte zudem, wie 1954, die Situation noch zusätzlich verschärfen.

Katastrophen selten, aber verheerend

Während die Einzugsgebiete von Inn und Flaz flächenmässig nicht gross divergieren, ist der Gletscheranteil in demjenigen des Flaz gut achtmal grösser. Gletscher vermögen grosse Wassermengen zu speichern und dämpfen dadurch die Hochwassergefahr. Wenn jedoch extreme Niederschläge mit einer Periode intensiver Eisschmelze zusammenfallen, steigt die Hochwassergefahr massiv. Auch klimabedingter Gletscherschwund erhöht sie. Umgekehrt führt schwindender Permafrost zu vermehrten Murgängen und dadurch zu mehr Geschiebe im Fluss.
Extreme, schadstiftende Hochwasser sind wohl selten; aber sie treten meist unerwartet und verheerend auf. In den letzten 200 Jahren lag deren Kadenz bei etwa 15 bis 20 Jahren. Die schlimmsten Hochwasser ereigneten sich 1888 und 1954, gefolgt von jenen von 1834 und 1868 sowie zuletzt demjenigen vom 18. Juli 1987, als der Inn beinahe über die Dammkronen schwappte.

Frühe Idee für Konzeptwechsel

Dammbauten von anfangs 20. Jahrhundert erwiesen sich bereits bei den verheerenden Überschwemmungen in den zwanziger Jahren als ungenügend. Deshalb schlug der Gemeinderat schon 1932 einen grundsätzlichen Konzeptwechsel vor mit Einbau eines Überlaufs für den Flaz und Ersatz des Bahndamms durch Brücken. Das aber fiel in Bundesbern, wo die hohen Herren «von Ursache und Wirkung der infolge höherer Gewalt geschaffenen Umstände keine Belehrung annehmen» auf taube Ohren …
Doch ein langer und konsequenter politischer Entscheidungsprozess führte dann 1995 zur Auftragserteilung umfassender Studien an die ETH-Zürich, deren Resultate die Hochwassergefährdung Samedans deutlich belegten und zur Folge hatten, dass der Kanton 1997 – ironischerweise im Bereich der am dichtesten besiedelten Gebiete von Samedan – «höher gefährdete Bereiche» ausschied, diese mit Bauverbot belegte und damit die Gemeinde in die Pflicht nahm. Jetzt war definitiv Handlungsbedarf angesagt.

Pilotprojekt Verlegung Gebirgsfluss

Am 15. Juni 2000 fiel – trotz höherer Baukosten – der weitsichtige Entscheid zugunsten einer zukunftsweisenden, ganzheitlichen Lösung. Anstelle lediglich bautechnischer Sanierung der bestehenden Schutzbauten entschied man sich für die Verlegung des Gebirgsflusses Flaz, des problematischeren der beiden Fliessgewässer, ein in dieser Art erstmaliges Pilotunterfangen.
Die Bevölkerung und vor allem auch die betroffenen Landwirte bewiesen Weitsicht und sanktionierten an der Gemeindeversammlung diesen Antrag des Gemeinderates mit 128 zu 6 Stimmen, und an der Urnenabstimmung im Herbst wurde der happige Bruttokredit von 28,4 Mio. Franken (mit einem Nettokredit von 6,6 Mio. Franken zu Lasten der Gemeinde) mit 459 Ja- gegen 145 Neinstimmen komfortabel abgesegnet. Die Gemeinde entschied sich für eine sichere Zukunft auch folgender Generationen und erkannte die Chancen in ökologischer und touristischer Hinsicht.
Das Bundesamt für Wasser und Geologie, erfreut ob dem nachhaltigen Pilotprojekt von Kanton und Gemeinde, hat dann zum maximalen Subventionssatz für den Kanton von 39 % ausnahmsweise einen Zuschlag von 11 % gewährt, das heisst, den Subventionssatz auf 50 % oder 14,2 Mio. Franken erhöht. Und alle waren glücklich! Diese Geschichte erinnert fast ein bisschen an die Taktik der positiven Obstruktion eines Danilo Dolci: zuerst realisieren, dann kassieren.

Was brachte die mutige Übung?

Mit diesem Jahrhundertbauwerk wurden zentrale Vorgaben des modernen Hochwasserschutzes erfüllt: Das Siedlungsgebiet mit seinem hohen Schadenspotential ist von Gefahr befreit, und die Überflutungszone liegt jetzt in einem weniger sensiblen Bereich. Aber auch die Natur hat gewonnen: Dank dem neuen Flaz, dem Rückbau des alten Flaz-Gerinnes und dem renaturierten Inn entstanden neue, vernetzte Lebensräume für Flora und Fauna.
Kurz: Dieses mutige, in Rekordzeit realisierte Hochwasserschutz-Pilotprojekt, das den Stier bei den Hörnern packte, brachte eine – auch aus touristischer Sicht – wertvolle ökologische Aufwertung der Landschaft und sicherte die Lebensgrundlage in der Talebene auf Generationen hinaus: eine Win-win-Situation für Mensch und Natur. Oder anders gesagt: Ein Musterbeispiel dafür, was erreicht werden kann, wenn alle Beteiligten Konsensfähigkeit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit an den Tag legen und wenn eine aktive und offene Informationspolitik Vertrauen schafft.
In einer Zeit, in der Neid, Angst und fehlender Optimismus grosse Würfe oft verhindern, war es nur dank mutigem Handeln und Willen zur Kooperation möglich, dieses Mammutprojekt zu realisieren. Das Resultat beweist augenfällig, dass sich Sicherheit mit ökologischen Anliegen kombinieren lässt, was ihm sogar internationale Beachtung und Nachahmung eintrug. Hier lebte der alte Pioniergeist des Oberengadins wieder auf. Nüchterne Beurteilung rückblickend: ein Unterfangen, das die Höchstnote verdient.    •

Wandel im Hochwasserschutz

HH. Das kostbare Gut Wasser kann vom Segen zum Fluch mutieren, wenn es in entfesselten Bächen und Flüssen über die Ufer tritt, Verwüstungen anrichtet oder sogar Tod bringt. Deshalb wurden – immer im Wissen darum, dass es keine absolute Sicherheit gibt – die Mass­nahmen zur Risikoverminderung entsprechend dem Wissensstand ständig verbessert, mit Bannwaldpflege, Bauzonen-Vorschriften und Schutzbauten.
Doch bald zeigte sich, dass ausgeräumte und kanalisierte Fliessgewässer gerade den gegenteiligen Effekt haben können, nämlich Kumulierung der Hochwassergefahr. Mit Dämmen und Wuhren allein ist es also nicht getan. Nachhaltiger Hochwasserschutz stellt einem Fliessgewässer auch Überflutungsflächen zur Verfügung, das heisst, es geht um ein Abwägen zwischen wirtschaftlichen Nachteilen und ökologischen Vorteilen.
In Samedan ist dies mit der Verlegung des Flaz und der Renaturierung des Inn beispielhaft gelungen, mit einem Mehrfachnutzen für Mensch und Natur. Und das Spezielle daran: Das menschengemachte Bauwerk ist zwar fertig; doch die «Abschlussarbeiten» besorgt jetzt die Natur. Sie wird der neugestalteten Talebene von Samedan langfristig ihren Stempel aufdrücken – zur Freude der Bewohner und der Touristen.

Ein Bauprojekt nicht wie andere

HH. Solch ein Jahrhundertbauwerk war auch für die Fachleute etwas Besonderes, allein schon bezüglich der Fläche von 100 ha. So musste etwa das Flaz-Projekt in 12 Baulose unterteilt werden mit 5 Brücken- und 4 Wasserbauobjekten, einer provisorischen Strassenverlegung und einem Renaturierungsprojekt.
Auch die Umsetzung dieses Gross­projektes zusammen mit einer ökologischen Begleitgruppe, den kantonalen Ämtern, allen Fachstellen, Interessenvertretern und Anrainern stellte hohe Anforderungen an die Konsensfindung. Doch am Schluss waren alle stolz auf das Vollbrachte.
Das kommt besonders schön zur Geltung im Fazit eines Baggerführers: «Das war einmalig. Man konnte an die Grenzen der Maschinen gehen. Jeder hatte Interesse daran, hier zu arbeiten. Auf kleineren Baustellen gibt es immer wieder Wartezeiten. Hier war das nicht der Fall. Die Aufschüttung der Dammkrone wäre ein sinnloses ‹Gebastel› gewesen. Jetzt haben wir eine saubere Lösung». Sagt´s und geht mit seiner Familie auf dem neuen Wanderweg spazieren…