Griechenland kommt nicht raus aus der Tragödie

Euro-Europa zeigt immer mehr die Fratze der Diktatur

von Karl Müller

Pro memoria: Nur etwas mehr als einen Monat ist es her, dass die Euro-Gruppe mit einer ­politökonomischen Intervention und einer Nötigung der griechischen Regierung und des griechischen Parlaments staatsstreichartig über ein eindeutiges Volksvotum der Griechen, das erst eine Woche alt war, hinweggegangen ist. Wer spricht heute noch davon?
Jetzt geht es um Geld. Um viel Geld. Man spricht von einem neuen «Hilfs»- oder gar «Rettungs»-Programm für Griechenland. Knapp 90 Milliarden Euro, für die der Steuerzahler haften soll, sollen über einen Zeitraum von 3 Jahren für Griechenland bereitgestellt werden – vor allem, damit Griechenland alte Schulden zurückzahlen kann und griechische Banken zahlungsfähig bleiben können.
Die deutsche Regierung und die deutsche Politik geben sich kritisch. Alles soll genau geprüft werden, bevor das deutsche Parlament zur Abstimmung schreitet. Die Bedingungen für die Griechen sind fürchterlich. Für die meisten Griechen wird alles nur noch schlimmer werden als bisher schon: noch mehr Steuern, noch weniger Staatsausgaben, noch weniger Renten usw. Wirtschaftlich kann sich Griechenland so nicht erholen. Die neuen Belastungen sind «erdrückend». Das sagt selbst die ehemalige Aussenministerin der griechischen «Nea Dimokratia», Dora Bokayannis. Aber das ist nicht der Grund für die deutschen Vorbehalte.
Das griechische Parlament hat nach einer Nachtdebatte am 14. August «mit grosser Mehrheit» – so titeln ausländische Medien – zugestimmt, allerdings ohne eine Mehrheit der Regierungsparteien. Die Abgeordneten hatten eigentlich gar keine Zeit, die mehr als 400 Seiten, die zur Abstimmung standen, zu lesen, geschweige denn zu studieren. Aber das ist wohl der heutige Stand parlamentarischer Demokratien in EU-Europa. Die Abgeordneten werden genötigt, ja zu sagen, weil sonst Unheil angedroht ist. «Alternativlos» hat die deutsche Kanzlerin diese Politik genannt, ähnlich wie schon Margret Thatcher den Weg in den neoliberalen Raubtierkapitalismus in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals hiess es: «There is no alternative», kurz: Tina.
Mit allen Mitteln werden alle Gedanken auf die Frage nach dem Geld gelenkt. Was, soviel Geld sollen wir geben? Können das die Griechen überhaupt jemals zurückzahlen? Und … ist den Griechen überhaupt zu trauen? Kaum einer denkt über die politischen Folgen nach. Und das Gift, das immer wieder gestreut wird.
Am 7. August war das Schwerpunkt-Thema beim Sommerfestival des Hamburger Unternehmens Kampnagel* Griechenland gewidmet (http://www.kampnagel.de/de/programm/this-is-not-greece/). «This is not Greece» war der englische Titel der Diskussionsveranstaltung. Die Kuratorin dieses Schwerpunktes, Margarita Tsoumou, eröffnete die Diskussionen auf Englisch: «The Greek was finally portayed as lazy and greedy. As a ‹Trickser›, a swindler, a ‹Betrüger›, ‹ein unaufrichtiger Kleinkrimineller›, a corrupt little criminal. And also as an undisciplined schoolchild, ein ‹undiszipliniertes Schulkind›.» Und dann fügte sie hinzu: «‹This is not Greece!› This is a phantasma. This is a myth. The facts state the opposite! No! This is not Greece!»
Andere Gesprächsteilnehmer schlossen sich an. Der Deutsche Harald Schumann zum Beispiel, seit 32 Jahren Journalist, mehrfach ausgezeichnet, und Buchautor («Die Globalisierungsfalle»): «Ich bin seit 32 Jahren Journalist. Und was da passiert ist, habe ich in 32 Jahren nicht erlebt. Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, sämtliche deutschen Qualitätsmedien – von der Tagesschau über die ‹FAZ›, der ‹Süddeutschen› und meiner eigenen Zeitung, dem ‹Tagesspiegel› – würden über mehrere Monate journalistische Standards brechen – also, nicht mal ausnahmsweise … das passiert andauernd – also bei einem Thema kontinuierlich journalistische Standards brechen, dann hätte ich gesagt: ‹Ey Alter, lass die Kirche im Dorf! Wir sind schlecht! Aber so schlecht sind wir auch nicht!›»
Aber die Leitmedien waren derart «schlecht». «Geschätzte, kritische Kollegen hätten plötzlich den differenzierten Blick auf die Dinge verlernt, ausgeblendet, und hätten die Sicht der deutschen Regierung auf die Krise eins zu eins übernommen», wird Schumann vom Deutschlandradio Kultur am 7. August zitiert.
Warum?
Weil es so gewollt wurde! Wahrheit, Recht und Demokratie sind als Massstäbe ignoriert worden. Im Machtkampf gegen die neue griechische Regierung und gegen das griechische Volk, aber auch im Machtkampf innerhalb der Euro-Gruppe und der EU hat man die Hüllen fallengelassen und die Fratze der Diktatur gezeigt. Mit Blick auf die Medien sprach man früher von «Gleichschaltung». Wie weit sind wir davon noch entfernt?
«Tragödie» nannten die Griechen der Antike dramatische Handlungen, in denen die Hybris zu einem tiefen, unausweichlichen und von den Göttern gewollten Fall des oder der «Helden» führte. Die Tragödie Griechenlands erniedrigt und entmündigt die Griechen, verletzt ihre Würde und stösst sie in die Verarmung, in Not und Elend. Aber die Hybris ist in den Regierungen anderer Euro-Staaten zu finden. Und es sind auch keine Götter mehr, die das so wollen. Dahinter stecken andere. Und … unausweichlich ist dieser Absturz auch nicht mehr. Heute haben es Menschen in der Hand. Es muss nur anders gewollt werden.    •

*    Die ehemalige Hamburger Kranfabrik Kampnagel wurde 1984 in einen für vielfältigste Veranstaltungen zu nutzenden Bühnenkomplex umgebaut. Dieser umfasst heute sechs Bühnen, ein Kino, neun Probenräume und ein Restaurant. Kampnagel ist Deutschlands grösste freie Spiel- und Produktionsstätte und zählt zu den international bedeutendsten Bühnen für darstellende Künste. Zu den alljährlich stattfindenden Veranstaltungen gehört das über mehrere Wochen gehende Sommerfestival, das rund 150 000 Besucher hat und in das immer auch gesellschaftspolitische Themen eingebaut sind. Materiell gefördert wird das internationale Sommerfestival von zahlreichen öffentlichen Einrichtungen und privaten Sponsoren. Genauere Angaben unter: www.kampnagel.de