«Das Scheitern der neuen Lernkultur»

Bildungsforscher fordert: «Diesen Irrweg unverzüglich aufgeben!»

von Karl Müller

Mit den Vorgaben der OECD und gepaart mit der «Kompetenzorientierung» bestimmt an den staatlichen Schulen in ganz Europa mehr und mehr die «neue Lernkultur» das Unterrichtsgeschehen. Zu dieser «neuen Lernkultur» gehört vor allem das «selbstgesteuerte», «individuelle» Lernen, konkret: Jeder Schüler soll einen vermeintlich ganz auf ihn zugeschnittenen individuellen Lernplan haben, den er vor allem mit Hilfe von Arbeitsblättern (sowie Computerprogrammen) und auf sich allein gestellt abarbeiten soll. Der Lehrer soll sich aus dem Lerngeschehen in der Schule weitgehend zurückziehen und nur noch «Lernbegleiter» und «Coach» sein.
Erfahrene Lehrer, ältere wissenschaftliche Studien und vor allem auch die Ergebnisse der Meta-Forschungen von John Hattie versehen diese «neue Lernkultur» schon seit 20 Jahren mit Fragezeichen. An der Bildungspolitik hat dies bislang nichts geändert. Nun aber nimmt die Kritik massiv zu, weil selbst diejenigen Forschungseinrichtungen, die Befürworter des «neuen» Lernens sind, eingestehen müssen, wie fragwürdig das Konzept ist.

Mitten in den Sommerferien in Baden-Württemberg veröffentlichte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» am 17. August 2015 einen Beitrag ihrer seit vielen Jahren für Bildung zuständigen Redakteurin Heike Schmoll. «Schwäbisches Himmelfahrtskommando» lautet der gewählte Titel, und im Vorspann heisst es: «Ein Gutachten stellt dem Vorzeigeprojekt Gemeinschaftsschule ein vernichtendes Urteil aus. Vor allem das individuelle Lernen erweise sich als denkbar ineffektiv.»
Die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen war 2012 von der grün-roten Landesregierung im Eiltempo im Schulgesetz des Landes festgeschrieben worden. Das Markenzeichen dieser neuen Schulart ist die «neue Lernkultur».
Heike Schmoll schreibt, dass das Gutachten unter Verschluss gehalten wird, der Zeitung aber vorliegt. Das Gutachten gehört zur Begleitforschung der neu eingerichteten sogenannten Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg – «sogenannt», weil diese neue Schulart mit den klassischen Gemeinschaftsschulen nichts mehr zu tun hat und das Kernkonzept der neuen Schulart gerade der Gemeinschaftsbildung entgegensteht.
Formal betrachtet betrifft das Gutachten nur eine Schule, eine Gemeinschaftsschule in Tübingen. Diesem Gutachten, so der Zeitungsartikel, ist zu entnehmen, «dass weder die neue Unterrichtsform des selbständigen Lernens mit Lernbegleitern noch die Inklusion oder die besondere Förderung der Schwächsten und Stärksten» gelingt. «Ausgerechnet das individuelle Lernen» habe sich als «denkbar ineffektiv erwiesen».
Die von den Forschern befragten Schüler, Lehrer und Eltern, so zitiert die Zeitung das Gutachten wörtlich, «waren sich darüber einig, dass die Lernzeiten nicht effektiv genutzt werden und zu wenig gearbeitet würde». Da das Lernen, so der Zeitungsartikel weiter, «entweder im Gruppenraum, im Lernatelier oder gar auf dem Flur stattfindet, mangelt es an Disziplin». Nochmals zitiert der Artikel aus dem Gutachten: Die aktive Lernzeit sei «sehr gering und in diesem Fall häufig auch das Ausmass der Störungen entsprechend hoch». Gerade die schwächeren Schüler würden «noch mehr ins Hintertreffen als ohnehin schon» geraten.
Den Lehrern in den untersuchten «Lerngruppen» «fehlt der Überblick, welcher Schüler woran arbeitet, welche Fortschritte er macht, und die Kontrolle der Ergebnisse kommt zu kurz». Bei der Beurteilung durch die Lehrer werde «die inhaltliche Qualität der Schülerarbeiten hintangestellt».
Anstatt das Gutachten der Öffentlichkeit vorzulegen und inhaltlich auf dessen Ergebnisse einzugehen, reagierten das zuständige Ministerium und die Forschergruppe selbst mit Kritik an der Veröffentlichung der Ergebnisse. Vier Professoren der Forschergruppe aus den Pädagogischen Hochschulen des Landes in Freiburg, Heidelberg und Weingarten legten am 18. August sogar eine «Richtigstellung» vor. Diese geht allerdings gar nicht inhaltlich auf die genannten Punkte ein. Statt dessen wird behauptet, das Gutachten beziehe sich lediglich auf den «Entwicklungsstand einer einzelnen Schule» und sei «nicht exemplarisch für die Praxis der Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg».
Tatsache ist allerdings, dass die untersuchte Schule als Vorzeige-Gemeinschaftsschule gilt und die im Gutachten angesprochenen Kritikpunkte genau dem entsprechen, was man von anderen Gemeinschaftsschulen im Land hört und was wohl eine logische Folge des pädagogischen Konzeptes ist. Das machte ein anderer Erziehungswissenschaftler, Matthias Burchardt, deutlich. Er forscht und lehrt an der Universität Köln, dort im Schwerpunktbereich Allgemeine Pädagogik und Bildungspolitik, und war im Studienjahr 2012/2013 Lehrstuhlvertreter an der Pädagogischen Hochschule im baden-württembergischen Ludwigsburg. In einem Interview mit den «Stuttgarter Nachrichten» vom 27. August 2015 nahm er Stellung.
Matthias Burchardt konnte in das der Öffentlichkeit bislang nicht zugängliche Gutachten Einblick nehmen und unterscheidet zwischen den Ergebnissen, die alleine die untersuchte Schule betreffen, und solchen, die verallgemeinerungsfähig sind und deshalb wohl für alle Gemeinschaftsschulen gelten.
Matthias Burchardt wird gefragt, was aus seiner Sicht das zentrale Ergebnis des Gutachtens sei. Seine Antwort: «Das Scheitern der neuen Lernkultur».
Er erläutert: «Lehrer und Schüler sind vielfach mit den neuen Lernformen überfordert. In dem Gutachten wird zum Beispiel geschildert, wie die Schüler weitgehend damit beschäftigt sind, Lernpakete abzuarbeiten. Das sind also kopierte Zettel oder Aufgaben, die man selbständig und ohne Lehrer oder einen Mitschüler erledigt, das Ganze idealerweise in einem hohen Tempo. Die uns allen aus der eigenen Schulzeit vertraute Klassensituation, bei der ein Lehrer vorne steht und den Schülern etwas erklärt oder mit ihnen diskutiert, so dass eine Gemeinschaftssituation entsteht, bildet nicht mehr den Kern des pädagogischen Handelns. Statt dessen ist jeder Schüler im Lernen isoliert.» Und er fügt hinzu: «Der Lehrer kontrolliert nur, wie viele Aufgabenpakete erledigt wurden, aber nicht, was tatsächlich gelernt wurde. Das Gutachten zeigt, dass die Lehrer es nicht mal geschafft haben, die inhaltlichen Fehler in den Lernpaketen zu korrigieren. Der Schüler weiss also nicht, ob er es richtig oder falsch gemacht hat.»
Gefragt nach den Konsequenzen, die er aus dem vorliegenden Gutachten ziehen würde, antwortet Matthias Burchardt: «Aus meiner Sicht müsste dieser Irrweg unverzüglich aufgegeben werden.» Er wundere sich, dass die Forschergruppe statt dessen noch mehr neue Lernkultur vorschlägt: «Aber es darf doch nicht darum gehen, mit allen Mitteln eine neue Methode zum Erfolg zu bringen, sondern den Kindern muss zum Erfolg verholfen werden.» Das aber schaffe man «auf den bewährten Wegen des Schulsystems mit Sicherheit besser als auf diesen Pfaden in einer Gemeinschaftsschule.»
Matthias Burchardt hält es für «sehr gefährlich, eine ganze Generation von Schülern einem unausgegorenen System anzuvertrauen, in dem vieles darauf hindeutet, dass es scheitern muss». Und: «Die Politik müsste eingestehen, dass dieses System gescheitert ist.»
Noch aber fehlt dieses Eingeständnis. Deshalb ist Matthias Burchardt der Auffassung, es handele sich um ein ideologisches Projekt. Das merke man daran, dass es keine Bereitschaft zum Einlenken und keine Sachlichkeit gibt: «Es ist erschreckend, dass man nicht in der Sache argumentiert, sondern Kritiker persönlich attackiert.»
In der Tat, die Ideologie dominiert auch beim neuesten Projekt der grün-roten Landesregierung, bei der Schulgesetzänderung zur Umwandlung der bislang sehr erfolgreichen Realschulen des Landes. Trotz enormen Drucks des Ministeriums war von diesen Realschulen bislang kaum eine bereit, Gemeinschaftsschule zu werden. Nun sollen sie per Gesetz in eine «Gemeinschaftsschule light» zwangsumgewandelt werden. Auch dort soll die «neue Lernkultur» der Standard werden, auch hier gegen alle Bedenken, die seit Monaten schon und zuletzt wieder bei der öffentlichen Anhörung im zuständigen Ausschuss des Landtags am 22. Juli 2015 deutlich wurden. Selbst das Amtsblatt der Regierung, der Staatsanzeiger des Landes, musste am 23. Juli schreiben: «Viel Kritik zu Plänen für Realschule bei Anhörung im Landtag».    •