Die scheinbare Ohnmacht des Westens

von Stefan Haderer*

Jeden Tag aufs neue wird man mit Schreckensmeldungen über die Greuel des IS, den Bürgerkrieg in Syrien und die damit verbundene Flüchtlingstragödie überflutet. Doch es sind keine Hiobsbotschaften, die die westlichen Regierungen vor unvorhersehbare Entwicklungen stellen. Gerne versuchen manche Medien, Europa in einem Zustand zunehmender Ohnmacht darzustellen. Durch eine fast endlose Berichterstattung zur Unterbringung von Flüchtlingen in Europa gelingt es, die Bevölkerung von den eigentlichen Ursachen – nämlich vom syrischen Kriegsschauplatz – abzulenken. Dabei wird verschwiegen, dass die aktuellen Ereignisse mitunter die Folgen einer bewussten Interventions­politik sind, mit denen sich jetzt die Europäer, ob sie wollen oder nicht, abfinden müssen.
Nur vage, wenn überhaupt, erinnern sich manche an eine Schlagzeile, die ironischerweise am 11. September 2013 in der «Washington Post» erschien: «CIA beginnt Waffenlieferung an syrische Rebellen.» Mit dem Ziel, Syriens Präsident Bashar al-Assad zu stürzen, rüsteten die USA zum Teil radikalisierte Widerstandskämpfer mit Waffen aus, ohne auch nur von einem einzigen EU-Diplomaten kritisiert zu werden.
Diese Art der Intervention «im Namen der Gerechtigkeit» ist keineswegs neu. Die «Operation Cyclone» wurde zwischen 1979 und 1989 von der US-Regierung ins Leben gerufen und verfolgte den Zweck, afghanische Mudschahedin gegen die Vorherrschaft der Sowjets militärisch zu versorgen. Aus den Partisanenkämpfern in den unwirtlichen Bergen und Tälern des Hindukusch formierten sich nach dem Ende des Kalten Krieges terroristische Splittergruppierungen, von denen die berüchtigtste al-Kaida ist. Mit Hilfe des Westens hatte man ein Schreckgespenst, einen Phantomgegner erschaffen, der die Welt bis heute in Atem hält und dem man – unter anderem mit deutschen Bundeswehrsoldaten – einen aussichtslosen «Krieg gegen den Terror» erklärt.
Mittlerweile scheint al-Kaida durch den IS abgelöst worden zu sein – zumindest medial. Sein Aufkommen allerdings weist frappante Ähnlichkeiten zum Terrornetzwerk auf, denn wiederum greifen westliche Regierungen auf eine bewährte Strategie zurück: die Aufrüstung fanatischer Rebellen, sei es im Irak oder in Syrien, um sich unliebsamer Machthaber zu entledigen.
Dass dies zu Lasten der Zivilbevölkerung passiert, ist logisch und absehbar, aber offensichtlich Nebensache. Die Verantwortungslosigkeit der involvierten Kriegsakteure – der USA, Grossbritanniens und Frankreichs – im Umgang mit Flüchtlingen spricht jedenfalls Bände.
Verantwortung kann vielerlei bedeuten. Länder können etwa für die Unterbringung von Flüchtlingen sorgen. Wenn aber Regierungen an einer Lösung der Konflikt­ursache keinerlei Interesse zeigen und einen Dialog mit Assad weiterhin ablehnen, werden die furchtbaren Auswirkungen unlösbar sein, und jede Art humanitärer Hilfeleistung bleibt, was sie ist: ein Tropfen auf dem heissen Stein.    •

* Stefan Haderer ist Kulturanthropologe und Politikwissenschafter. Der Text erschien zuerst in der «Wiener Zeitung» vom 26.8.2015 (www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/770884_Die-scheinbare-Ohnmacht-des-Westens.html).