Ein Stück Schweizer Kulturgeschichte

Die Bedeutung des Freilichtmuseums Ballenberg für die heutige Schweiz

von Thomas Kaiser

Wer das Freilichtmuseum auf dem Ballenberg besucht, macht ein eindrückliches und nachhaltiges Erlebnis. Zusätzlichen Reiz bekommt der Besuch, wenn er an einem ersten August stattfindet. Die Festansprachen umrahmt von Schweizer Kulturgut verleihen dem Ganzen eine Stimmung, die einen in der Seele berührt – so erlebt in diesem Jahr. Das Museum auf dem Ballenberg ist keine Swiss miniature, aber auf 66 ha erhält der Besucher einen Eindruck von der traditionellen Bau- und Handwerkskunst der Eidgenossen aus den letzten nahezu 700 Jahren. Mit Respekt und Hochachtung steht man vor den Leistungen, die die Vorväter erbracht haben.
Das älteste dort ausgestellte Haus stammt aus dem Kanton Schwyz und feiert demnächst sein 700jähriges Bestehen.1 Eine Leistung, die schon eine gewisse Ehrfurcht vor den Fähigkeiten unserer Vorfahren aufkommen lässt. Wer sich Zeit nimmt und die Bauern- und Wohnhäuser aus den verschiedenen historischen Epochen und unterschiedlichen Landesteilen der Schweiz betrachtet und sich innerlich in die damalige Zeit zurückversetzt, erhält einen Eindruck von der enormen Vielfalt der Schweiz, ihrer Baukunst und der Geschicklichkeit der Menschen. Was hier auf kleinstem Raum dargestellt wird, widerspiegelt das, was Nationalrat Ruedi Lustenberger, Präsident des Patronatskomitees des Freilichtmuseums Ballenberg, in seiner Rede zum 1. August zum Ausdruck gebracht hat: «Hier, auf diesem 66 ha grossen Gelände, begegnen wir der Eidgenossenschaft in ihrer vielfältigen Geschichte und in ihrer mannigfaltigen Kultur. Jeder Kanton findet sich mindestens in einem historisch wertvollen Objekt. Jeder Schweizer, jede Schweizerin fühlt sich an ein Objekt besonders herangezogen – so habe ich beispielsweise das Escholzmatter Bauernhaus noch gekannt, als es an seinem originalen Standort war. Man fühlt sich hier im Freilichtmuseum zu Hause und ist stolz auf die eigene regionale, kantonale und vor allem auf die nationale Geschichte.»2

Die Weitsicht scheint abhanden gekommen zu sein

Was damals die Menschen geleistet haben, ist mit unserem heutigen Standard und unseren technischen Möglichkeiten kaum zu ermessen. Wer heute ein Haus oder eine Scheune aufrichtet, wird das in den seltensten Fällen auf ein-, zwei- oder gar dreihundert Jahre hinaus tun. Häufig werden Wohnhäuser, Büro­gebäude oder andere moderne Bauwerke bereits nach 20, 30, 40 Jahren wieder abgerissen, weil sich die Nutzungsvorschriften geändert haben oder weil man Baumaterialien verwendet hat, die sich inzwischen als giftig herausgestellt haben. In der Landwirtschaft müssen häufig alte Ställe neuen weichen, weil sie für die Nutztiere nach den EU-Normen (!) einige Zentimeter zu klein sind und daher abgerissen oder komplett umgebaut werden müssen. Die Weitsicht, die die Menschen vor drei-, vierhundert Jahren noch besassen, scheint abhanden gekommen zu sein, alles ist auf Schnelligkeit und Kurzlebigkeit ausgerichtet. So werden kaum solche typischen und guterhaltenen Häuser aus der heutigen Zeit der Nachwelt überlassen bleiben.
Die Bauten auf dem Ballenberg wurden an ihrem ursprünglichen Standort zerlegt, an ihren neuen transportiert und dort wieder originalgetreu aufgebaut, so dass wir als Besucher die Möglichkeit haben, auf kleinen Fusswegen innert kurzer Zeit von einem Kanton zum anderen zu wandern und dadurch diese Vielfalt der Baukunst hautnah miterleben zu können.

Den Geist der Vergangenheit spüren

Bei der Verwendung der Baumaterialien fällt auf, dass Häuser aus Holz nicht weniger langlebig sind als diejenigen aus Stein. Die Grösse der Häuser war vor 300 Jahren ähnlich wie heute bereits Ausdruck von gewissem Wohlstand, auch wenn sich das nicht direkt mit der Situation von heute vergleichen lässt. Neben den Bauernhäusern und Stallungen, die je nach Region in Architektur und Bauweise völlig unterschiedlich sind, stellten in fast allen Häusern die Küche und die gute Stube den zentralen Ort dar. Hier spielte sich vornehmlich das häusliche Leben ab. Je nach Alter sorgte ein Kachelofen oder eine offene Feuerstelle für behagliche Wärme und diente den Menschen gleichzeitig zum Räuchern der Würste. Bis heute wird diese Form der Konservierung auf dem Ballenberg praktiziert, und der Geruch der geräucherten Fleischwaren ist äusserst appetitanregend. Die übrigen Räume der meisten Häuser waren unbeheizt beziehungsweise wurden durch die aufsteigende Wärme etwas überschlagen. Durch das Prinzip «der offenen Tür» kann sich der Besucher selbst ein Bild vom Lebensstil der damaligen Zeit machen. Beim Betreten der Räumlichkeiten meint man fast, den Geist der vergangenen Zeit spüren zu können.
Um das Überleben in der häufig von Krankheit und Armut gezeichneten Zeit zu sichern, waren vor allem lebenspraktische Fähigkeiten gefragt. So steht man mit einer gewissen Beschämtheit vor den Werkzeugen und Hilfsmitteln, die sich die Menschen damals ohne Maschinen oder gar Computer geschaffen haben, um die Aufgaben des täglichen Lebens zu bewältigen. Über 45 000 Gegenstände sind dort ausgestellt. Ein besonderes «Prunkstück» stellt die Sammlung verschiedener «Spezial»-Werkzeuge dar. Sie gehörten zum Beispiel dem Fahrenden Karl Rudolf, Charly genannt, der sich durch seine handwerkliche Virtuosität auszeichnete und dementsprechend eine Vielzahl unterschiedlicher Werkzeuge besass. Kurz vor seinem Tod 1997 vermachte er einige Gegenstände aus seiner Berufstätigkeit dem Ballenberg, was ihm ein besonderes Anliegen war.3

Die überlieferten Fertigkeiten nicht vergessen

Neben dem Betrachten der vielen Gebäude und ihrer inneren Gestaltung kann der Besucher auch einen Einblick in die Handwerkskunst der damaligen Zeit nehmen. Es findet sich dort unter anderem eine Schreinerei oder auch eine Drogerie, und überall gibt es aussergewöhnliche Raritäten zu bewundern. An bestimmten Orten können die Menschen selbst Hand anlegen und sich an der Bearbeitung eines Holzstücks oder Gewebes versuchen. Es ist sinnvoll, auch im digitalen Zeitalter die überlieferten Fertigkeiten, die vor allem von der Fähigkeit des einzelnen abhängen, nicht zu vergessen, sie zu praktizieren und weiterzutragen. Sollte für einmal das Stromnetz, aus welchen Gründen auch immer, ausfallen oder andere Energieträger sich verknappen, dann werden all diese Fertigkeiten gefragt sein. Besondere Details über Essen, Trinken, Leben, Kochen usw. kann man direkt von den Mitarbeitern des Museums Ballenberg erfahren, die dem Besucher vor Ort alles genauestens und spannend erklären. Ob es sich um das Räuchern von Würsten handelt, um das Trocknen von Flachs, die Züchtung von Seidenraupen, das Käsen, das Decken von Strohdächern und vieles mehr, das Wissen ist immens. Auch über die Bauweise der Häuser und deren Alter lässt sich so vieles erfahren, was dem einzelnen ohne die sachkundige Erklärung verborgen bleibt.
Auch setzt man in der Landwirtschaft teilweise Tiere statt Maschinen ein. Ob es das Pflügen oder Heuwenden mit Pferden ist, Hermes Thöni, der im landwirtschaftlichen Team des Museums angestellt ist, bringt zum Ausdruck, was es dazu braucht: «Es braucht gut ausgebildete Tiere und sehr, sehr viel Geduld, dann kann man auch schwierigere Aufgaben angehen wie zum Beispiel pflügen… Die Arbeit ist streng für die Tiere. Zudem ist es gar nicht so einfach, die Furchen gerade hinzukriegen. Da muss das Gespann gut harmonieren.»4 Hermes Thöni liegt die traditionelle Arbeitsweise sehr. Abgesehen davon, dass er vom Wert der Pferde beispielsweise in der modernen Forstwirtschaft überzeugt ist, schätzt Thöni die alte Mechanik, die einfacher nachzuvollziehen ist als computergesteuerte Hightech-Lösungen.
Tierhaltung war in den meisten Fällen nicht nur ein Erwerb, sondern auch ein wichtiger Teil der Selbstversorgung. Hier sind die Tiere vor Ort, 250 an der Zahl, und können von den Besuchern betrachtet werden. Die Rassen sind vornehmlich Schweizer Rassen, die zum Teil vom Aussterben bedroht sind. Es besteht aus diesem Grund eine enge Zusammenarbeit mit Pro specie rara. Den Sommer verbringen die Tiere auf dem Ballenberg, im Winter gehen sie zurück zu ihren Besitzern.

Autonomie der Gemeinden erlaubt bürgernahe Lösungen

Nach einem Tag voller spannender und auch bewegender Eindrücke hat man nur einen Bruchteil dessen gesehen, was dem Besucher auf dem Ballenberg alles zur Verfügung steht. Nur ein kleiner Ausschnitt der kulturellen Vielfalt der traditionellen Schweiz kann an einem Tag erfasst werden. Eine Vielfalt, die sich letztlich in der politischen Ausgestaltung der Schweiz widerspiegelt. Dazu gehört in erster Linie, wie Ruedi Lustenberger in seiner 1. August-Ansprache formulierte, der Föderalismus. Durch die weitgehende politische und kulturelle Souveränität der Kantone konnte sich diese Vielfalt entwickeln und erhalten. Die grosse Autonomie der Gemeinden erlaubt bürgernahe Lösungen, was wiederum die Identifikation und Zufriedenheit der Menschen fördert.
«Wir haben es geschafft, ein System mit eigenen Werten zu bauen und die vielfältige, farbige Schweiz so zum Erfolgsrezept zu machen. Wir vereinen auf einer kleinen Fläche vier Landessprachen, eine grosse Kulturvielfalt und pflegen eine einmalig grosse Autonomie der Gemeinden und der Regionen. Unser Erfolg ist massgebend begründet im Umgang mit unserer grossen Vielfalt, die sich über die Zeit kontinuierlich auch verändert. Seit den ersten Bündnissen der alten Eidgenossen 1291 befindet sich die Schweiz stetig in einem Integrationsprozess. Diesen Prozess hat sie bis anhin ganz gut bewältigt.»5
Wenn die Schweiz ihre Besonderheiten, wie oben beschrieben, aufgibt oder durch mangelndes Bewusstsein verliert, wird sie, wie Simon Geissbühler in seinem Buch «Die Schrumpfschweiz» prognostiziert, in die Mittelmässigkeit absinken und von den übrigen Staaten nicht mehr zu unterscheiden sein6. Das wäre das Ende eines einzigartigen ­politischen und kulturellen und letztlich demokratischen Modells. Im vielfach beschworenen «Zeitalter der Globalisierung», was nichts anderes bedeutet als weltweite Kapitalverkehrs- und Handelsfreiheit, bestimmt die Wirtschaft und die Finanzoligarchie, wie die Politik zu laufen hat, nicht mehr die Staatsbürgerinnen und -bürger in ihren Ländern. Alles wird dem wirtschaftlichen und finanziellen Nutzen unterstellt, der Mensch taucht, wenn überhaupt, nur noch als wirtschaftlicher Faktor auf, der möglichst viel konsumieren soll.

Gemeinsames Bewältigen der anstehenden Aufgaben

Wer sich mit offenen Sinnen auf dem Ballenberg bewegt, kann etwas anderes erleben. Das menschliche Leben besteht nicht aus Gewinnmaximierung und wirtschaftlichem Nutzen. Primär ging es darum, die Ernährung und das Überleben zu sichern. Nicht das grosse Geld stand im Vordergrund, sondern das menschliche Miteinander, das gemeinsame Bewältigen der anstehenden Aufgaben. Ein Besucher erzählte, dass er in jungen Jahren im Sommer bei der Heuernte mithelfen «musste», während seine Schulkollegen ins Schwimmbad gehen konnten. Das habe ihn damals sehr beschäftigt. Rückblickend muss­te er jedoch feststellen, dass das gemeinsame Arbeiten mit den Geschwistern und Erwachsenen, der gemeinsame Znüni und Zvieri sowie das Einbringen der Ernte ihn schon damals mit Stolz und Genugtuung erfüllt hätten, auch wenn er das damals nicht habe zugeben wollen. So weckt der Besuch auf dem Ballenberg auch eigene Erinnerungen und regt an, über das heutige Dasein vertieft nachzudenken. Beatrice Tobler, die seit 2012 im Freilichtmuseum Ballenberg arbeitet und die Leiterin Wissenschaft ad interim ist, formuliert das so: «Von den Lebensweisen und Strategien der Menschen früherer Zeiten kann einiges für uns heute oder in der Zukunft interessant sein. Ich denke da an Handwerks- und Bautechniken, aber auch an Umgang mit Ressourcen ganz allgemein. ­Populäre Stichworte dazu sind Nachhaltigkeit, Urban gardening, Recycling und Nachbarschaftshilfe.»7
Wer ein Stück Schweizer Kulturgeschichte erleben und sich mit dem Land und seinen Besonderheiten sowie mit seinen Bewohnerinnen und Bewohnern mehr verbunden fühlen möchte, der muss das Freilichtmuseum am Ballenberg besuchen.    •

1    Edwin Huwyler: Ballenberg. Schweizerisches Freilichtmuseum für ländliche Kultur, Bern 2008, S. 38
2    Ruedi Lustenberger: Rede zum 1. August 2015
3    Der Ballenberger 1/15 Jahreszeitschrift, S. 6ff.
4    ebd. S. 15
5    Ruedi Lustenberger: Rede zum 1. August 2015
6    Simon Geissbühler: Die Schrumpfschweiz, 2014
7    Der Ballenberger 1/15 Jahreszeitschrift, S. 4f.

Ein Besuch auf dem Ballenberg mit Schülerinnen und Schüler lohnt sich. Wenn man etwas Spezielles erleben möchte, steht eine ganze Palette von Angeboten zur Verfügung: So gibt es für Schulklassen und Gruppen besondere Thementage oder auch Fortbildungsveranstaltungen. Die auf ein Thema ausgerichteten Erlebnistage erlauben es dem Besucher, in das Leben der damaligen Zeit einzutauchen und traditionelle Fertigkeiten zu erwerben. Man kann sich aktiv am Brotbacken, Holzschnitzen und sogar am Häuserbauen beteiligen. Mehr Informationen erhalten Sie unter www.ballenberg.ch.