Der Jemen

Humanitäre Katastrophe und die Zerstörung von Weltkulturerbe

von Georg Wagner

Der Jemen wird mit einem erbarmungslosen Krieg überzogen. Saudi-Arabien und die Golf-Staaten bombardieren das ärmste Land der arabischen Welt seit sechs Monaten zurück in die Steinzeit. Angeblich wollen sie dem offiziellen Präsidenten Hadi wieder die Kontrolle über den ganzen Jemen verschaffen und Iran, dessen Beteiligung am Huthi-Aufstand herbeigeredet wird, zurückdrängen. Der Einsatz der saudischen Kampfflugzeuge erfolgt ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung im Jemen. Die Bombardierungen gleichen eher einem gezielten Massaker an den schiitischen Huthi als einer militärisch durchdachten Operation. Betreibt Saudi-Arabien unter dem Deckmantel einer militärischen Operation einen Genozid gegen unliebsame Andersgläubige?
Mehr als 5000 Menschen sind bisher gestorben, hauptsächlich Zivilisten. Mehr als 25 000 Verletzte, darunter Tausende von Kindern. 21 der fast 26 Millionen Jemeniten sind von Hilfslieferungen abhängig, 6,5 Millionen leiden akut an Hunger, mehr als 2 Millionen Kindern droht die Unterernährung.
Auch die ältesten Kulturschätze der arabischen Halbinsel – bedeutende Teile des Weltkulturerbes – werden zerstört.
Der Aufschrei der Welt bleibt aus. Angesichts der Flüchtlingskatastrophe in Syrien, die momentan die Medien beherrscht, kann dieses Schweigen nur als heuchlerisch bezeichnet werden. Und die USA unterstützen die Aggression Saudi-Arabiens. Auch in diesem Krieg wird das völkerrechtliche Prinzip der Schutzverantwortung auf den Kopf gestellt. Dieses Prinzip sollte das Eingreifen der internationalen Gemeinschaft ermöglichen, um Verbrechen an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Doch diesmal lässt die «offizielle Regierung» des Jemen (sprich Präsident Hadi) aus dem Exil heraus ihr eigenes Land bombardieren.

Die heutige Republik Jemen ist 530 000 km² gross, ungefähr eineinhalbmal so gross wie Deutschland. Sie ist ein arabischer Staat, der Islam ist Staatsreligion und die Grundlage der Rechtssprechung ruht laut Artikel 3 der Verfassung auf der Scharia. Die Hauptstadt Sana’a liegt 2300 m über dem Meeres­spiegel. Ihre prächtige Altstadt gehört zum Weltkulturerbe. Weitere bedeutende Städte sind Aden, Ta’izz, Hodeida und Makalla.
Der Jemen hat mehr als 25 Millionen Einwohner und ist im Unterschied zu seinen Nachbarstaaten ein dicht bevölkertes Land. Bei einer Fruchtbarkeitsrate von 6 Kindern pro Frau im Jahr 2009 wächst die Bevölkerung rasant und dürfte sich bis 2030 verdoppelt haben. Der Jemen gehört zu den ärmsten arabischen Ländern. 42 % der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Beim Human Development Index liegt der Jemen an 154. Stelle von 177 Ländern. Beim Human Poverty Indicator befindet sich der Jemen an 76. Stelle von 85 Ländern.
Im Norden grenzt der Jemen an Saudi-Arabien, im Osten an das Sultanat Oman und darüber hinaus an zwei Meere: im Westen an das Rote Meer, im Süden an den Golf von Aden, einem Nebenmeer des Indischen Ozeans. Dem Land gegenüber liegen Eritrea, Dschibuti und Somalia an der afrikanischen Küste.
Die Bewohner der Berge im Norden sind sa’iditische Schiiten, die Bewohner der Küsten­ebene im Süden und im östlichen Landesteil sind schafiitische Sunniten. Die meisten Jemeniten sind Bauern, die Ackerbau und Viehzucht betreiben. 70 % der Bevölkerung leben in Dörfern. Angebaut werden Kaffee, Weizen, Obst, Gemüse sowie Hirse. Dennoch deckt die Produktion des Landes nur ein Viertel seines Bedarfs, weshalb der Jemen auf internationale Lebensmittelhilfe angewiesen ist.

Erdöl und Erdgas

Der Jemen verfügt im Vergleich zu seinen Nachbarländern nur über kleine Erdöl- und Erdgasvorkommen. Zurzeit beschränken sich die Reserven auf Vorkommen bei Mar’ib, Schabwa und Hadramaut. Neue Vorkommen werden unter anderem in dem Gebiet, das durch die Neufestlegung der Grenze von Saudi-Arabien zum Jemen kam, vermutet. Allerdings wären erhebliche Investitionen erforderlich, deren Rentabilität nicht gesichert ist. Denn in der Region produzieren bereits Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate erhebliche Mengen an Flüssig-Erdgas.
Mehrere Mineralölkonzerne interessieren sich für den Jemen, wie Total aus Frankreich, Hunt Oil und Exxon aus den USA sowie Kyong aus Südkorea.
2009 wurde in Balhaf das Erdgasterminal fertiggestellt, um Flüssiggas exportieren zu können. Die Einkünfte aus der Öl- und Gasförderung machen drei Viertel der Haushaltseinnahmen und ein Viertel des BIP aus.

Die Droge Qat

Eine Besonderheit der jemenitischen Landwirtschaft ist der Anbau der Droge Qat. Die frisch gepflückten Blätter des Qat-Strauches werden gekaut. Nachmittags treffen sich die Jemeniten, um gemeinsam Qat zu kauen und zu diskutieren. Dies ist Teil der jemenitischen Kultur und ein regelrechter sozialer Brauch. Qat wirkt euphorisierend, unterdrückt das Hungergefühl, führt auch zu Angst und Halluzinationen. Der Verbrauch von Qat hat in den letzten Jahren stark zugenommen, der Anbau zahlt sich aus, fast 15 % der Bevölkerung leben davon. Allerdings nimmt der Qat-Anbau 30 % der Ackerbaufläche und fast 80 % der künstlichen Bewässerung in Anspruch, wodurch der Anbau von Getreide und Kaffee leidet. Und durch die starke Zunahme des Qat-Genusses geht die wirtschaftliche Aktivität des Landes zurück, ausserdem kommt es zu gesundheitlichen Problemen. Beim Kauen werden Pestizide aufgenommen.

Das Tor der Tränen

Seine Lage am Roten Meer verlieh dem Jemen seit jeher eine bedeutende Rolle für den Handel und seit der Fertigstellung des Suezkanals im 19. Jahrhundert für die Kontrolle der Seeschiffahrt. Denn durch die Meerenge Bab al-Mandab, das Tor der Tränen, verläuft eine der wich­tigsten Schiffahrtswege der Erde.
Auf dem Satellitenbild ist die jemenitische Insel Perim zu sehen, an der täglich etwa 50 Schiffe vorbeifahren. Dabei befördern sie mehrere Millionen Fass Rohöl nach Europa und Hunderttausende Container aus Asien. Ihre strategisch wichtige Lage könnte sich als Sicherheitsgarantie für den Jemen erweisen, aber dem ist nicht so. Von hier sind es nur 15 Seemeilen bis zur afrikanischen Küste, der Jemen liegt genau gegenüber von Somalia, einem Land, in dem seit 20 Jahren Krieg herrscht und aus dem zahlreiche Menschen fliehen. Dem UN-Flüchtlingskommissariat zufolge leben 170 000 Flüchtlinge im Jemen, laut Sana’a halten sich 700 000 Somalier im Jemen auf; das Land hat zwar die Genfer Flüchtlingskonvention ratifiziert, aber die hohe Anzahl der Flüchtlinge wirkt sich auf den Arbeitsmarkt, auf das Gesundheitswesen und auf die nationale Sicherheit aus. Denn der Mangel an Stabilität in Somalia führt nicht nur zu Flüchtlingsströmen, sondern auch zu einer Zunahme der Piraterie im Golf von Aden.

Arabia Felix – Glückliches Arabien

In der Antike hiess der Teil der arabischen Halbinsel, der heute Jemen heisst, Arabia Felix, glückliches Arabien, und zwar auf Grund des milden Klimas und der Fruchtbarkeit der Hochebenen, auf die Monsunregen fielen. Zweimal im Jahr bildeten sich dort reissende Flüsse. An diesen sonst trockenen Flussbetten, den Wadis, entstanden Oasen, in denen sich die Menschen im Laufe der Zeit niederliessen und Ackerbau betrieben. Seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. errichteten sie Deiche, um sich vor Überschwemmungen zu schützen. Ausserdem entwickelten sie ein System künstlicher Bewässerung für den Anbau von Kokos- und Dattelpalmen, Gemüsesorten sowie Bäumen zur Gewinnung der aromatischen Harze Weihrauch und Myrrhe.
Seit der Antike waren die Menschen im glücklichen Arabien sesshafte Bauern und nicht Beduinen. Der Stamm herrschte über sein Gebiet, schützte das gemeinsame Land, die Strassen und die Märkte. Und da es einen Ehrenkodex für alle Mitglieder des Stammes gab und es oft zu Konflikten kam, waren die Bauern auch Krieger. Heute noch trennen sich die Männer nie von ihrer Dschambija, einem am Gürtel getragenen Krummdolch und Symbol für die Ehre des Stammes.

Die alten Königreiche im Jemen

Aus den aufstrebenden Oasen entwickelten sich kleine Königreiche. Einige davon sind weniger bekannt, andere hingegen weltberühmt, wie Hadramaut und Saba.
Im 3. und 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung fielen die Äthiopier in dieses Gebiet ein, bevor die persischen Sassaniden am Ende des 6. Jahrhunderts die Äthiopier vertrieben.
Danach kam es durch die Entstehung des Islams im 7. Jahrhundert zu einer Wende. Ab 661 gehörte der Jemen zum Kalifat der Umayyaden. Von Mekka und Medina aus wurde die arabische Halbinsel nach und nach vereint. Übrigens bedeutet das arabische Wort «Yamin» soviel wie rechts, also Süden, wenn man von Mekka aus in Richtung Sonnenaufgang blickt. Nach mehreren 100 Jahren islamischer Herrschaft gewannen die jemenitischen Stämme allmählich ihre Unabhängigkeit zurück.
Seit dem 9. Jahrhundert errangen verschiedene Dynastien die Herrschaft im Land. Die bedeutendste Dynastie war die der Sa’iditen, die 901 ein Imamat begründeten. Die Sa’iditen sind eine Untergruppe der Schiiten; sie herrschten bis 1962 auf den Hochebenen des Nordens. Ihre Unabhängigkeit wurde auch durch einen wirtschaftlichen Aufschwung begünstigt, da der Seeweg von Indien über den Jemen nach Ägypten für den Ost-West-Handel erheblich an Bedeutung gewann.

Der Jemen und die Kolonialisierung

Nachdem die Osmanen 1517 Syrien und Ägypten erobert hatten, geriet der Jemen seit 1538 unter ihren Einfluss. Aden wurde zum osmanischen Flottenstützpunkt ausgebaut. Sana’a wurde 1546 erobert, und 1552 unterwarf sich der Imam der Sa’idten den Osmanen. Ende des 16. Jahrhunderts zwangen sa’iditische Truppen, die sich vor allem aus Stammeskriegern zusammensetzten, die Osmanen zur Räumung des Landes, und nach heftigen Kämpfen zogen die letzten osmanischen Truppen 1635 aus dem Jemen ab.
Zu Beginn des Zeitalters der Entdeckungen machten die portugiesischen Seefahrer an der jemenitischen Küste Halt und gründeten im 16. Jahrhundert eine Niederlassung auf Sokotra.
Im 19. Jahrhundert begannen die Briten auf Grund ihrer Präsenz in Indien, Stützpunkte für ihre Schiffe auf dem Weg nach England zu suchen. So geriet Aden 1839 unter britische Herrschaft. Dadurch kontrollierte Grossbritannien die Meerenge Bab al-Mandab, den Süden der arabischen Halbinsel und die Küste Somalias. Die strategisch wichtige Lage Adens wurde mit der Eröffnung des Suezkanals Ende des 19. Jahrhunderts noch deutlicher.
1872 eroberten die Osmanen die Hafenstadt Hodeida, damit kontrollierten sie den Norden des Landes, was ihnen bereits im 16. Jahrhundert gelungen war. Die Kolonialisierung durch die europäischen Mächte war somit ein Grund für die Spaltung des Landes, denn das osmanische und britische Reich teilten 1905 auf der Grundlage mehrerer bilateraler Abkommen das Land untereinander auf. Der Norden stand unter osmanischer Verwaltung, auch wenn sich die Stämme weiterhin zur Herrschaft des sa’iditischen Imams bekannten.

Die britische Hafenkolonie Aden

Auf der anderen Seite lagen die britische Hafenkolonie Aden und die beiden Protektorate West-Aden und East-Aden; alle drei Gebiete bildeten später gemeinsam den Südjemen. Lange Zeit gab es zwei jemenitische Staaten, was zum einen auf die religiöse Spaltung, zum anderen auf die britisch-türkische Kolonialisierung zurückzuführen war. Der Norden war von der Präsenz der Osmanen geprägt, der Süden blieb bis 1967 unter britischer Herrschaft. 1919, also nach dem Ersten Weltkrieg, zerfiel das osmanische Reich und der Nordjemen wurde unter dem Imam Yahya Muhammad Hamid ad-Din, dem Oberhaupt der sa’iditischen Dynastie, unabhängig. Er führte einen Guerillakrieg gegen das britische Protektorat und verteidigte das Land gleichzeitig gegen Ibn Sauds Eroberungszug auf der arabischen Halbinsel.

Der Vertrag von Taif

Schliesslich kam es 1934 zu einem Abkommen zwischen Saudis und Sa’iditen, dem Vertrag von Taif. Dabei wurde Saudi-Arabien die Herrschaft über die jemenitischen Provinzen Asir, Nairan und Jessan zugesprochen. Der westliche Teil der Grenze wurde festgelegt, das heisst der Abschnitt vom Roten Meer zum Dschebel at Thar. Weiter östlich konnte man sich nicht auf den Grenzverlauf einigen. Saudi-Arabien bestand ab 1935 auf der sogenannten Hamza-Linie, die der Jemen nicht anerkannte. Der Grenzverlauf war bis Juni 2000 nicht eindeutig festgelegt.

Die arabische Republik Jemen im Norden

Die Herrschaft der sa’iditischen Imame wurde 1962 durch einen Militärputsch gestürzt, und aus dem Nordjemen wurde die arabische Republik Jemen mit der Hauptstadt Sana’a. Es kam sofort zum Bürgerkrieg zwischen Royalisten und den Putschisten. Die Putschisten wurden von Ägypten unter Nasser mit 70 000 Soldaten unterstützt, während die Royalisten von Saudi-Arabien und Jordanien unterstützt wurden. Der Krieg dauerte bis 1967. Nach dem letzten Versuch der Royalisten, Sana’a einzunehmen, suchten die Konfliktparteien eine Friedenslösung, und Saudi-Arabien erkannte die Republik 1970 schliesslich an.
Die demokratische Volksrepublik Jemen im Süden
Im Süden wurde Grossbritannien etwa zur gleichen Zeit unter Protesten gegen die britische Präsenz gezwungen, das Land 1967 zu verlassen. 1970 entstand die demokratische Volksrepublik Jemen mit Aden als Hauptstadt. Eine marxistische Befreiungsfront übernahm die Macht und knüpfte Beziehungen zur Sowjetunion. Sokotra und Aden wurden sowjetische Militärstützpunkte. Und auf der anderen Seite wurde der Nordjemen im damaligen Kontext des Kalten Krieges zum Verbündeten der USA. Natürlich begünstigte das Ende des Kalten Krieges die Annäherung zwischen den beiden Staaten. Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 verlor der Süd­jemen seinen wichtigsten Geldgeber. So war es auch vor allem der Süden, der sich die Vereinigung mit dem Nordjemen wünschte, um gemeinsam die Erdölfelder ausbeuten zu können. Saudi-Arabien stand diesen Plänen eher misstrauisch gegenüber. Es zog zwei schwache jemenitische Staaten einem potentiell stärkeren und bevölkerungsreichen vereinigten Jemen vor.

Vereinigung des Jemens

Den sich Republik Jemen nennenden Staat gibt es seit Mai 1990, seit der Vereinigung der eher konservativ-traditionalistischen Arabischen Republik Jemen im Norden und der marxistisch-regierten Demokratischen Volksrepublik im Süden.
Im Zuge dieser Vereinigung wurden mehrere Grenzstreitigkeiten beigelegt, zunächst einmal zwischen dem Jemen und Oman. Dort war die Grenze von der britischen Kolonialmacht festgelegt worden. Der genaue Grenzverlauf zwischen den beiden Ländern wurde 1992 ohne grössere Probleme festgelegt, obwohl der Jemen einen kleinenTeil seines Staatsgebietes einbüsste.
Zwischen dem Jemen und Saudi-Arabien waren die Verhandlungen schwieriger. Erst im Mai 2000 wurden sich beide Länder einig. Im Vertrag von Dschidda verschwand das Dreieck an der Hamza-Linie, das in den Jemen eindrang. Dadurch vergrösserte sich das Staatsgebiet des Jemen erheblich, und zwar um 37 000 km², das entspricht etwa der Grösse Belgiens.

Der Jemen und der Golf-Krieg

Im Golf-Krieg von 1990–1991 entschied sich der Jemen dafür, den Irak zu unterstützen, um sich von Saudi-Arabien zu distanzieren, das wiederum die USA und Kuwait unterstützte. Das hatte schwerwiegende Folgen. Saudi-Arabien wies umgehend 800 000 jemenitische Arbeiter aus, und die anderen Golf-Monarchien stellten jegliche Wirtschafts- und Finanzhilfe für den Jemen ein. Die katastrophalen wirtschaftlichen Probleme sowie die Spannungen zwischen den ehemaligen politischen Führern des Nordens und des Südens führten schliess­lich 1994 zum Ausbruch eines Bürgerkriegs und dem Versuch der Abspaltung des Südjemens. Es kam zu heftigen Kämpfen in Aden und Makalla. Doch die Abspaltung schlug fehl, und die wirtschaftliche Lage war danach noch schlechter als zuvor.
Seither gerät der Jemen eigentlich nur noch wegen Touristenentführungen in die Schlagzeilen. Die meist drastischen Darstellungen in der hiesigen Presse lassen ausser acht, dass die jemenitische Gesellschaft nach anderen Regeln funktioniert als die unsere. Ein einheitlicher Staat ist in der Geschichte des Jemen ohne wirkliches Vorbild. In einem Land, in dem Acker- und Weideflächen rar sind, bot allein die Stammesgemeinschaft den Menschen eine Überlebenschance. Vor diesem Hintergrund sind Interessengegensätze zwischen der autokratischen Regierung Salihs und den autonomiegewohnten Stammesführern vorprogrammiert. Im Kampf gegen Benachteiligung und zur Durchsetzung ihrer Forderungen (zum Beispiel Bau von Strassen oder Gesundheitszentren) bedienen sich die Stämme dabei des Mittels der Geiselnahme. Opfer können Ausländer sein, da diese nach Stammesrecht als Gäste der Regierung gelten. Dasselbe Recht achtet aber zugleich Leib und Leben der Geiseln.

Der Jemen und der Kampf gegen den Terror

Ende der 90er Jahre kam es dann zu Anschlägen im Zusammenhang mit dem internationalen Terrorismus. Im Jemen war al-Kaida bereits seit den frühen 2000er Jahren aktiv.
Am 12. Oktober 2000 verübte al-Kaida auf den amerikanischen Zerstörer Cole im Hafen von Aden ein Selbstmordattentat. Bei der Explosion kamen 17 US-Soldaten ums Leben. Nach den Anschlägen vom 11. September verdächtigten dann die USA den Jemen, al-Kaida-Terroristen Unterschlupf zu gewähren. Die jemenitische Herkunft der Familie bin Ladens sowie die Gefangennahme Dutzender jemenitischer Kämpfer in Afghanistan bestärkten sie in ihrem Verdacht.
2008 kam es zu einem Anschlag auf die amerikanische Botschaft sowie in mehreren Fällen auf ausländische Touristen. Dadurch geriet der Jemen international immer mehr unter Druck, gegen al-Kaida vorzugehen. Nachdem sich der saudische und der jemenitische Zweig von al-Kaida im Januar 2009 unter dem Namen AQAP zusammengeschlossen hatten, entschloss sich die Regierung in Sana’a, sich dem Kampf gegen den Terrorismus anzuschliessen. Die Geiselnahmen wurden seitdem als terroristische Aktionen bezeichnet, worauf die Armee mit oft blutigen Folgen eingriff.
Diese neue Haltung war für die Regierung in Sana’a in zweierlei Hinsicht von Vorteil: Sie gab ihr Gelegenheit, ihre Autorität in den bisher nur ungenügend kontrollierten Stammesgebieten zu festigen, vor allem in den Regionen um Schabwa, Dschauf und Mar’ib. Ausserdem verhinderte man, dass der Jemen von Washington auf die Liste der Schurkenstaaten gesetzt wurde.
Inzwischen arbeiten Washington und Sana’a im militärischen Bereich eng zusammen. Die USA entsenden Militärberater, um die jemenitischen Spezialeinheiten auszubilden. Das FBI verfügt seit 2004 über eine ständige Niederlassung in Sana’a, und die Grenze in der grossen arabischen Wüste wird von Drohnen überwacht. Gesteuert werden diese von dem amerikanischen Stützpunkt in Dschibuti aus.

Der Huthi-Konflikt

Im Juni 2004 begann der Huthi-Konflikt, ein Aufstand, den der regierungskritische Geistliche Hussein Badreddin al-Huthi gegen die jemenitische Regierung unter Salih startete. Hussein al-Huthi wird im September 2004 nach drei Monaten der Rebellion getötet. Präsident Salih gewährte 2005 den inhaftierten Anhängern (mehr als 600) des sa’iditischen Predigers Amnestie, später kam es aber zu neuen Verhaftungen und Verurteilungen, auch zu Todesstrafen.
Die Sa’iditen leben seit mehr als tausend Jahren im Jemen. Sa’iditische Imame herrschten bis zur Revolution 1962 über den Nordjemen. In den 1990er Jahren fühlten sich die Sa’iditen angesichts des wachsenden Einflusses sunnitischer Fundamentalisten zunehmend an den Rand gedrängt. Hinzu kam die politische und wirtschaftliche Vernachlässigung der Provinz Sa’ada nach dem Bürgerkrieg der 60er Jahre durch die jemenitische Regierung, deren Bemühungen zur Staatsbildung sich auf die finanzielle Patronage von Stammesführern beschränkte, mit einer Ungleichverteilung von Reichtum und Ressourcen.
Das Aufbegehren der Huthi mündete 2004 in einen bewaffneten Konflikt mit der jemenitischen Armee. Der damalige Präsident Salih – selbst Sa’idit – brandmarkte die Huthi als «Terroristen» und bezichtigte Iran, die Aufständischen zu finanzieren. Die Huthi kämpfen gegen al-Kaida und Islamisten, doch Israel und Amerika betrachten sie auch als politische Feinde. Die jemenitische Regierung führte zwischen 2004 und 2011 sechs Kriege gegen die Huthi-Bewegung. Bis 2010 wurden Tausende getötet, Hunderttausende mussten fliehen.
Hinzu kommt der Antagonismus zwischen den regionalen Supermächten Saudi-Arabien und Iran, der sogenannte Kampf gegen den Terror und seine Auswirkungen auf die Innenpolitik des Jemen, die zu einem Anstieg des Anti-Amerikanismus führten. Dazu kommt der Widerstand gegen die beabsichtigte Befestigung der Grenzen zu Saudi-Arabien, was die Bewohner von ihren traditionellen Handels- und Versorgungslinien abzuschneiden droht. 2008 behauptete die Regierung, die Huthi wollten die Regierung stürzen und schiitisches religiöses Recht einführen, und unterstellte Iran, den Aufstand zu führen und zu finanzieren.
2009 kam es zu einer neuen Offensive gegen die Rebellen in der Provinz Sa’ada. 100 000 Menschen flüchteten vor den Kämpfen. Entlang der Grenze kam es zu Zusammenstössen zwischen den nördlichen Rebellen und saudischen Sicherheitskräften. Die Saudis starteten dann eine Anti-Huthi-Offensive, an der sich auch die USA mit 28 Angriffen ihrer Luftwaffe beteiligten. Nach einem Waffenstillstand Anfang 2010 flammten die Kämpfe erneut auf. Es fanden Gefechte in den Bezirken Sa’ada, Haddscha, Amran und al-Dschauf sowie der saudischen Provinz Dschazan statt.
Nach 2010 gelang es den Huthi, Allianzen und Zweckbündnisse mit lokalen Stämmen zu begründen. Viele von der Zentralregierung enttäuschte Stammesführer schlossen sich den Huthi an. Sowohl die Huthi als auch die Regierung förderten damals den Ausbruch alter Stammesfehden, um die Stämme für die eigene Position zu mobilisieren.
Als der Arabische Frühling 2011 auch den Jemen erfasste, schlossen sich die Huthi der Protestbewegung an, und Präsident Salih wurde aus dem Amt gedrängt. Am 21. Februar 2012 fanden Präsidentschaftswahlen statt. Der einzige Kandidat war der Vizepräsident Abed Rabbo Mansur Hadi, der das Amt des Präsidenten für zwei Jahre übernehmen sollte, um eine Verfassungsreform einzuleiten. Danach sollte erneut gewählt werden.
Doch die Sicherheitslage und die wirtschaftliche Situation des ohnehin ärmsten Landes der arabischen Halbinsel verschlechterten sich weiter und die Unterstützung für die neue Regierung von Präsident Hadi schwand. Die al-Kaida gewann zunehmend an Macht und nahm weite Teile des Südjemens unter Kontrolle.
März 2013: Ein nationaler Dialog soll den Übergang zur Demokratie ermöglichen. Mehrere politische Gruppen, darunter auch die Huthi, arbeiten an einer neuen Verfassung. Als es zu Gefechten zwischen al-Kaida-Gruppen und den Huthi im Norden des Landes kommt, distanzieren sich die Huthi Anfang 2014 vom Ergebnis der Konferenz.
Im September 2014 belagern 30 000 Huthi-Anhänger die Hauptstadt Sana’a und übernehmen wichtige Regierungsgebäude. Im Oktober erzwingen die Rebellen von Präsident Hadi eine Regierungsumbildung, im Osten und Süden des Landes rücken sie weiter vor.
Im Januar 2015 umstellen die Huthi in Sana’a den Präsidentenpalast mit Panzern. Hadi und mehrere Regierungsmitglieder werden unter Hausarrest gestellt, der Präsident bietet seinen Rücktritt an.
Im Februar 2015 flieht Hadi ins südjemenitische Aden und ernennt seinen Fluchtort zur neuen Hauptstadt. Die Rebellen beginnen mit ihrem Marsch gen Aden.
Ende März 2015 erobern die Huthi mit Hilfe von Getreuen des Ex-Präsidenten Salih die letzten Militärbasen vor Aden. Hadi flieht nach Riad in Saudi-Arabien und bittet seine arabischen Nachbarn um eine Intervention.
Im März 2015 begann eine von Saudi-Arabien gebildete Militärallianz, bestehend aus Ägypten, den Golf-Monarchien und weiteren, eine Offensive gegen die Huthi-Rebellen mit logistischer Unterstützung von den USA, Frankreich und Grossbritannien.    •

Bilqis, die Königin von Saba

Nach alten Überlieferungen lebte und regierte Bilqis, die Königin von Saba, in einem Land mit blühenden Gärten, wohlduftendem Weihrauch und Myrrhe in sagenhaftem Reichtum. Der gewaltige Staudamm in Mar’ib gehört bis heute zu den von Menschen gemachten Wundern der Erde. Das früharabische Reich von Saba existierte vom 10. Jahrhundert vor bis ins 3. Jahrhundert nach Christus. Zeichen dieser alten Hochkultur Südarabiens sind die Säulen der Tempel Bar’an und Adam sowie die Überreste des 600 m langen und 17 m hohen Staudammes, dessen Schleusen das kostbare Wasser aus dem Wadi Adhana auf die Felder leitete. Der Damm hielt tausend Jahre. Als er 600 n. Chr. zerfiel, löste das eine grosse Auswanderungswelle aus Südarabien in Nachbargebiete wie das heutige Saudi-Arabien aus.
Durch Saba führte die Weihrauch­strasse, die ihren Anfang in Indien nahm und bis zum Mittelmeer reichte. Über diese Strasse kam mit den Karawanen unermesslicher Reichtum in das Land: Weihrauch, Gold, Myrrhe, Edelsteine, Sandelholz und andere Kostbarkeiten. In der Bibel, im Buch der Könige, heisst es: «Sie kam nach Jerusalem mit sehr grossem Gefolge, mit Kamelen, die Balsam, eine gewaltige Menge Gold und Edelsteine trugen […]»
Weihrauch und Myrrhe wurden mit Karawanen in den gesamten Mittelmeerraum transportiert. Nach Ägypten, in die Levante und das Römische Reich. Handel trieb man aber auch mit Abessinien, Persien und Indien. Sana’a war ein regelrechtes Handelszentrum mit einem erstaunlichen Stadtbild: die schmalen Hochhäuser, die wie frühe Wolkenkratzer anmuten, gehören zum Weltkulturerbe.
Als die Passatwinde entdeckt wurden, lohnte sich der Landweg der Handelskarawanen nicht mehr. Der Reichtum Sabas verfiel.

Mokka – die Stadt aus der der Kaffee kam

Das Wort Mokka kennt heute jeder oder hat es zumindest schon einmal gehört. Aber was genau ist Mokka? Eine Cappuccino-Variante mit Schokolade? Eine bestimmte Kaffeebohnensorte? Eine traditionelle Zubereitungsmethode aus dem türkischen bzw. arabischen Raum? Tatsächlich ist das alles korrekt, denn kaum ein Begriff wird so vielfältig verwendet. Neben der Bedeutungsvielfalt gibt es auch noch zahlreiche Schreibweisen. Egal ob Mokka, Mokha oder Mocha, alle haben sie die gleiche etymologische Herkunft – die Stadt Mokka (arabisch al-Mukha). Sie liegt im Südwesten des Jemen, direkt am Roten Meer, nur 12 m über dem Meeresspiegel und blickt auf eine lange und vor allem wechselhafte Geschichte zurück. Die Ursprünge der Stadt liegen vermutlich in der antiken Hafenstadt Muza, die an der gleichen Stelle oder zumindest in der Nähe gelegen haben muss. Sie war Teil der damals wichtigsten Welthandelsroute, der sogenannten Seidenstrasse.
Mokka spielte ab dem späten 15. Jahrhundert eine entscheidende Rolle im Welthandel, vor allem was den Kaffee anging. Die Kaffeebohnen wuchsen zunächst wild in Äthiopien, wurden später aber auch im Jemen selbst kultiviert und lange Zeit exklusiv über Mokka in die damals bekannte Welt verschifft. Bedarf gab es schon früh, denn die Lust auf Kaffeegenuss hat sich wie ein Virus vom arabischen Raum nach Europa verbreitet. Im heutigen Istanbul wurde bereits Mitte des 16. Jahrhunderts das erste Kaffeehaus eröffnet, und nur etwa 100 Jahre später folgten Kaffeehäuser in London, Paris, Amsterdam oder auch Hamburg. In der Zeit hat man in Mokka die Nachfrage nur zu gerne bedient, dabei allerdings auch darauf geachtet, dass das Kaffeemonopol erhalten blieb. Daher wurden die Bohnen vor der Ausfuhr in der Regel mit kochendem Wasser übergossen, so dass diese nicht mehr keimen konnten.
In der Blütezeit gab es sogar ein Gesetz, das jedem passierenden Schiff vorschrieb, im Hafen von Mokka anzulegen. Wer vom Arabischen ins Rote Meer oder umgekehrt unterwegs war, musste hier die fälligen Steuern auf die mitgeführten Waren entrichten. In der Zeit vom 15. bis zum frühen 18. Jahrhundert war Mokka also nicht nur der wichtigste Handelsplatz für Kaffee, es war auch eines der bedeutendsten Handelszentren in der gesamten Region. Für damalige Verhältnisse war Mokka mit bis zu 30 000 Einwohnern eine Metropole, und es waren hier Händler aus aller Herren Länder anzutreffen. Briten, Holländer, Franzosen und Dänen unterhielten hier Lagerhäuser und eigene Fabriken, damit der Kaffeedurst in der Heimat gestillt werden konnte. Aber wie vieles im Leben, war auch die Erfolgsgeschichte von Mokka vergänglich. Die Europäer schafften es dann doch, die Kaffeepflanzen zu verbreiten und in ihren Kolonien zu kultivieren. Im Laufe des 18. Jahrhunderts kam der Kaffee nach Indonesien, Surinam, Brasilien und in die Karibik. Hier waren die Bedingungen für den Kaffeeanbau kaum schlechter, und das Monopol von Mokka war somit Geschichte. Der Abstieg der Hafenstadt begann.
Das heutige Mokka ist nahezu bedeutungslos und hat nur noch rund 10 000 Einwohner. Die alten Kaffeelager und Handelshäuser verfallen, und auch der Hafen scheint dem Untergang geweiht. Im Jahr 2013 hat der einstige Weltmarktführer Jemen knapp 20 000 Tonnen Kaffee exportiert. Was nach einer gewaltigen Menge klingt, wird bei einem Blick auf die Konkurrenten aus anderen Erdteilen relativiert. Brasilien beispielsweise hat im gleichen Zeitraum fast 3 000 000 Tonnen geerntet, und selbst Staaten wie Burundi, Madagaskar oder El Salvador liegen deutlich vor dem Jemen. Heutzutage leben die Menschen in Mokka hauptsächlich von der Fischerei und dem marginal vorhandenen Tourismus. Und trotzdem ist die Stadt tagtäglich in aller Munde – im Strassencafé in Paris genauso wie im Starbucks in New York City oder im Berliner Restaurant.

Die Weihrauchstrasse

Die Weihrauchstrasse von Südarabien zum Mittelmeer ist eine der ältesten Handelsrouten der Welt. Über sie wurde der Weihrauch aus seinem Ursprungsland Dhofar im heutigen Oman über den Jemen, Asir und den Hedschas zum Mittelmeerhafen von Gaza und nach Damaskus transportiert. Wichtige Handelsstationen an der Karawanen­route waren Schabwa, Sana’a, Medina und Petra.
Die Erschliessung der Weihrauchstrasse wurde erst durch die Domestizierung des Dromedars in der Mitte des 2. Jahrtausends  v. Chr. ermöglicht. Mit der Nutzung der Dromedare als Lasttiere sank die Abhängigkeit der Karawanen von den Wasserstellen in der Wüste.
Ausser dem Weihrauch gelangten über den Karawanenweg auch Gewürze und Edelsteine aus Indien und Südost­asien nach Palästina und Syrien. Bei Petra, nördlich des Golfs von Kaaba, teilte sich die Weihrauchstrasse in einen nördlichen Zweig mit dem Endpunkt Gaza und in einen östlichen, der nach Damaskus führte. Nach Berichten antiker Autoren benötigten Kamelkarawanen 100 Tagesmärsche für die 3400 km lange Strecke zwischen Dhofar und Gaza.
Die Weihrauchstrasse wurde wahrscheinlich im 10. Jahrhundert  v. Chr. erstmals genutzt. Zu einem Aufschwung des Handels kam es jedoch erst nach der Entstehung der südarabischen Königreiche Saba, Qataban, Hadramaut und Ma’in im 8. Jahrhundert v. Chr.
Der hohe Bedarf an Weihrauch bei kultischen Handlungen im Mittelmeerraum führte seit dem 5. Jahrhundert  v. Chr. zu einer Blüte der Route sowie der Städte und Reiche, die sie verband. Um die Zeitenwende soll allein das Römische Reich 1500 Tonnen der geschätzten Jahresproduktion von 2500 bis 3000 Tonnen Weihrauch konsumiert haben.
Mit der Erschliessung des Seeweges durch das Rote Meer beginnt der langsame Niedergang der Weihrauchstrasse. Nicht nur der alte Karawanenweg verliert seine Bedeutung; auch den antiken arabischen Königreichen wurde allmählich die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Dies führte im 3. Jahrhundert zum Aufstieg der Himjariten im Jemen. Sie stützten sich nun verstärkt auf die Landwirtschaft im klimatisch günstigeren Bergland und auf die Kontrolle des Seehandels.
Der Siegeszug des Islam seit dem 7. Jahrhundert bedeutete einen weiteren schweren Rückschlag für den Handelsweg. Zwar fand Weihrauch in der islamischen Medizin weiterhin Verwendung, nicht jedoch in der religiösen Sphäre der Moscheen.

Die Städte des Hadramaut

Der Hadramaut wurde in antiker Zeit das «Heilige Land» genannt. Viele Gräber von vorislamischen Propheten und von anderen Heiligen erinnern noch an jene Zeit. Das Wadi Hadramaut, bis in die 60er Jahre nur durch die Wüste Rub al-Khali, Marib und die Hochebene von al-Mukalla erreichbar, ist eine fruchtbare Flussoase, umgeben von kilometerlangen Dattelpalmhainen und majestätischen Tafelbergen. In dieser Kulturlandschaft liegen die drei Städte Shibam, Sa’yun und Tarim.
Der Hadramaut war und ist bis heute eine unruhige Gegend. Stets konkurrierten die Hadrami um die wenige fruchtbare Erde dieser kargen Region. Sie schützten ihre kleinen Städte durch dicke Lehmmauern, die keine Kugel durchdringt, und verteidigten sich ihrerseits aus den wie Schiessscharten gearbeiteten Fenstern ihre Behausungen.
Doch in ihren Festungen aus Lehm wären die Hadrami gut geschützt, gäbe es nicht hin und wieder starke Regenfälle, denen ihre Wälle und Häuser nichts entgegenzusetzen vermögen. Alle paar Jahre werden Teile der Siedlungen von Fluten förmlich weggewaschen.
In den wenigen fruchtbaren Teilen der Wadi hatten die Menschen hier seit vorbiblischer Zeit überdauert. Als Händler waren die Hadrami berühmt, unterhielten sie doch Kontakte bis nach Indonesien, Indien und Afrika. Ihren Reichtum spiegelten die hohen, teils weissgetünchten Lehmhäuser wider. Die zumeist schmucklosen Fassaden verzierten sie oft mit aufwendig gearbeiteten und schwer beschlagenen Türen.
«Weltstädte der Baukunst könnte man diese Hadramauter Städte bezeichnen, denn das, was wir dort an gesunder Kraft, aus eigenem Boden entsprungen, in unglaublicher Fülle überall finden, dort unten auf der arabischen Halbinsel, wo man bisher nichts als Wüste und kahle Gebirge vermutete, übertrifft unser aller Erwartung.
Hochhäuser der Wüste, aus einer Zeit, als Amerika nur armselige Hütten kannte! Jede von diesen Städten bietet ein architektonisches Bild reinsten Inhalts, zeugt von einer Baukunst, wie man sie der arabischen Bevölkerung nie zugetraut hätte.
Der Grund zu dieser eigentümlichen Bauart, die eigentlich gar nicht arabisch ist, erklärt sich aus der Unsicherheit des Landes. Südarabien wird ständig von einem Raubkrieg heimgesucht; Beduinenüberfälle sind an der Tagesordnung. Jedes Haus, jedes Dorf und jede Stadt ist eine in sich geschlossene Festung. Und alle Häuser sind aus Lehm erbaut.» (vgl. Hans Helfritz. Chicago der Wüste. 1935)
Wenn Sana’a immer wieder als Perle Arabiens bezeichnet wird, dann verdient Schibam mindestens das Attribut Perle des Hadramaut. Die alte Handelsstadt war über Jahrhunderte eine der wichtigsten Karawanenstützpunkte an der legendären Weihrauchstrasse in der bizarren Landschaft des Wadi Hadramaut.
In Schibam gibt es keine eigentlichen Monumente, die Stadt selbst ist ein Monument sowie die zivilisatorischen Leistungen ihrer Bewohner. Hochhäuser ohne Aufzüge? Weit gefehlt. Schon in der Antike wurden Lasten – und vermutlich auch Personen – über Aufzüge, die über eine auf dem Dach befestigte Rolle mit entsprechenden Gegengewichten funktionierten, in die oberen Stockwerke befördert. Schibam wurde im 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. als Nachfolgerin der alten Hauptstadt Schabwa gegründet. Die Lage Schabwas war damals unter dem Druck halbnomadischer Stämme aus dem Norden der Wüste unhaltbar geworden.
In Schibam stehen etwa 500 Hochhäuser, die meisten sind über 30 m hoch und verfügen über 8 Stockwerke. Viele dieser Häuser sind zwischen 200 und 500 Jahre alt.
Zum Bau wurden luftgetrocknete Ziegel aus mit Strohhäcksel vermischtem Lehm benutzt. Die oberen Stockwerke wurden zum Schutz vor Erosion durch Wind und Regen mit weiss leuchtendem Kalk verputzt.
In kaum einer anderen Stadt hat sich das traditionelle arabische Leben so erhalten wie in Schibam.